Cover
Titel
Village China at War. The Impact of Resistance to Japan, 1937-1945


Autor(en)
Gatu, Dagfinn
Reihe
NIAS Monographs
Erschienen
Kopenhagen 2007: NIAS Press
Anzahl Seiten
477 S.
Preis
€ 78,98
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicola Spakowski, School of Humanities and Social Sciences, Jacobs University Bremen

“Village China at War” ist kein Buch über den chinesisch-japanischen Krieg der Jahre 1937 bis 1945, sondern über die Arbeit der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unter den Bedingungen des Krieges. Diese wird im Zuschnitt auf die besondere Situation des nördlichen China untersucht, einer Region, in der drei von den Kommunisten als solche designierte „Grenzgebiete“ zusammentrafen: Shanxi-Hebei-Shandong-Henan, Shanxi-Chahar-Hebei und Shanxi-Suiyuan. Das so umrissene Nordchina gehörte in seiner strategischen Bedeutung – Rohstoffe, Verbindung zwischen der Mandschurei und dem zentralchinesischen Kriegsschauplatz – zu den Hauptzielen japanischer Angriffe und unterschied sich damit grundsätzlich von dem weitgehend konsolidierten Grenzgebiet Shaan-Gan-Ning mit seiner Hauptstadt Yan’an, Sitz der Parteizentrale, deren Erlasse eben nur unter den Bedingungen der Konsolidierung Umsetzung finden konnten. Gatu reiht sich mit dieser Regionalstudie in ein mittlerweile etabliertes Forschungsfeld zur Geschichte der KPCh in der Kriegsphase ein, zu deren wichtigsten Erkenntnissen die große Diskrepanz zwischen den Erlassen aus Yan’an und der praktischen Parteiarbeit weitab von der Zentrale gehört. Sein Thema ist ganz allgemein „the inter-relationship of war, social change and organizational build-up“ (S. 1). Konkret geht es auch ihm um die Frage, in welchem Maße und mit welchen Mitteln es der KPCh gelang, die Bevölkerung des ländlichen China auf die Verteidigungsaufgaben einzuschwören, lokale Ressourcen für die Verteidigung zu mobilisieren und gleichzeitig sich selbst als neue Macht in den Dörfern Chinas zu installieren.

Der Verfasser nutzt die Einleitung, um seine Ergebnisse zusammenzufassen, wobei er vier Punkte herausstreicht. Erstens die Diskrepanz zwischen einem quantitativen Zuwachs an Parteimitgliedern einerseits und qualitativen Schwächen, vor allem der mangelnden Durchsetzungskraft der Partei, andererseits. Zweitens die Tatsache, dass zwar erste Schritte hin zu einer Transformation der sozialen Strukturen der ländlichen Gesellschaft gemacht wurden, dass diese aber nur eine Vorbereitung der eigentlichen Revolutionierung der chinesischen Dörfer darstellten. Drittens die objektiven Beschränkungen durch den Krieg – Zerstörung der landwirtschaftlichen Produktion, Verbrauch kostbarer Ressourcen für die Verteidigung – sowie die subjektiven Probleme, mit denen lokale Kader konfrontiert waren, die einerseits die Weisungen der nächsthöheren Ebene der Parteihierarchie umsetzen sollten, andererseits aber mit einer völlig unberechenbaren ländlichen Bevölkerung konfrontiert waren. Und viertens bestand ein Dilemma bezüglich der Zielgruppen der Revolution: Erklärtes Ziel war die Veränderung der Macht- und Eigentumsstrukturen in den Dörfern zugunsten der armen Bauern. Gleichzeitig gebot aber der Ansatz der „Einheitsfront“, demzufolge alle Klassen, die nicht mit dem Feind kollaborierten, in die Verteidigung einzubeziehen seien, dass auch die lokalen Eliten für den Widerstand unter Führung der KPCh gewonnen werden mussten. Ihre Expertise wurde gebraucht, und es musste verhindert werden, dass sie mit der Besatzungsmacht kollaborierten.

Diese Einsichten werden in systematischer Gliederung dargelegt. Im ersten Teil werden Hintergrundinformationen geliefert und grundsätzliche Tendenzen und Problemlagen dargelegt, die übrigen drei Teile befassen sich mit der institutionellen Seite der kommunistischen Bewegung, dem Eingriff in die sozialen und ökonomischen Strukturen der Dörfer und den Problemen der landwirtschaftlichen Produktion.

Im Einzelnen geht es im zweiten Teil um Partei, Verwaltung und Armee und damit die grundsätzlichen Strukturen der neuen dörflichen Ordnung. Alle drei Säulen dieser Ordnung hatten dabei mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: dem Mangel an qualifiziertem und diszipliniertem Personal, der zögerlichen Bereitschaft der Bauern, sich an den politischen Bewegungen und Kampagnen zu beteiligen, dem Widerstand und der Subversion der alten Eliten, den Eigeninteressen spezifischer Gruppen der mobilisierten „Massen“, Unkenntnis über neue Praktiken, z.B. Wahlen, und Persistenz alter Praktiken, z.B. Geschenken und Bestechung. An vielen Stellen wird die Komplexität der sozialen Stratifizierung deutlich und die großen Probleme, die es bereitete, Partikularinteressen den übergeordneten Zielen der Parteiarbeit unterzuordnen. Ebenso erschließt sich die hohe Dynamik der Parteiarbeit, die sich aus unterschiedlichen lokalen Voraussetzungen und zeitlichen Kontexten ergab. Ergebnis von Dorfwahlen und anderen Maßnahmen der politischen Mobilisierung war – trotz aller Probleme – dennoch eine „wide social diffusion of the experience and taste of administrative power“ (S. 221).

Der dritte Teil befasst sich mit den Eingriffen in die sozialen Strukturen der Dörfer, wobei das Prinzip der „Einheitsfront“ eine moderate Linie bedingte, bei der die Steuerpolitik und die Regulierung von Pacht und Zinsen Hauptansatzpunkte der sozialen Umgestaltung waren. Hier wird deutlich, wie prekär die Aufgabe war, Reichtum umzuverteilen, ohne gleichzeitig die besitzenden Schichten von der neuen Ordnung zu entfremden. Wie in anderen Bereichen auch sind lokal spezifische Ansätze und Arrangements erkennbar: Maßnahmen variierten, und an vielen Orten wurden die zentral sanktionierten Schritte durch irreguläre und spontane Eingriffe ergänzt. So wurden die Reichen bisweilen zu „Extraabgaben“ ermutigt (bzw. gezwungen), in Zeiten von Hungersnöten oder schlechten Ernten wurde zwangsweise Getreide von den Grundbesitzern „geborgt“, das Land von „Verrätern“ wurde konfisziert, oder der ökonomische Druck wurde dermaßen erhöht, dass Grundbesitzer freiwillig Land abgaben oder verkauften. Diese indirekten und direkten Maßnahmen der Umverteilung trafen auf den Widerstand der Grundbesitzer, die eine breite Palette an Strategien entwickelten, um sich der neuen Politik zu entziehen. Die ärmeren Bauern ihrerseits waren vielfach in habitueller Passivität gefangen oder fürchteten sich vor einer Umkehr der Machtverhältnisse, die Racheaktionen der alten Elite erwarten ließen.

Der vierte Teil schließlich ist der landwirtschaftlichen Produktion gewidmet, die für das Überleben der Bevölkerung und der Armee zentral war. Hier wurden die katastrophalen Folgen des Krieges und der Verwüstungen durch die japanischen Truppen am unmittelbarsten spürbar: Tötung von Zivilisten, ja Massakrierung ganzer Dorfbevölkerungen, Zerstörung von Dörfern und Straßen, Beschlagnahmung von Getreide und Zwangsarbeit. Hunger, Krankheit, Tod und Flucht waren auf Seiten der ländlichen Bevölkerung die Folgen und führten zu einem drastischen Rückgang der Produktivität. Die KPCh reagierte mit Produktionskampagnen, der Ausrufung von Arbeitshelden und der Organisation von Gruppen der gegenseitigen Hilfe sowie von Kooperativen. Einer der Hauptfaktoren in der Frage der Produktion war dabei die Armee, denn ein großer Teil der extrem knappen Ressourcen musste für ihren Unterhalt aufgebracht werden, und Bauern, die für den Armeedienst rekrutiert wurden, fehlten in der Produktion. Zur Behebung dieses Problems wurde das Prinzip der Verbindung von Verteidigung und Produktion eingeführt, mit dem Guerillas und reguläre Einheiten angehalten wurden, sich an der Produktion zu beteiligen und nach Möglichkeit ökonomisch autark zu werden. Aber auch die Maßnahmen zur Steigerung der Produktion waren ein Balanceakt: Lokale Kader sahen oft nicht ein, warum der Schwerpunkt der Parteiarbeit von Maßnahmen der Umverteilung zur Produktionssteigerung verlegt werden sollte, und Armeeführer gaben oft unmittelbaren Verteidigungsaufgaben den Vorrang.

Insgesamt zeichnet Gatu ein sehr differenziertes Bild der Arbeit der KPCh unter den Bedingungen des Krieges in Nordchina. Wo es um die schwierige und sich ständig ändernde Lage der Partei geht, sind „instability“ (S. 5) und „volatility“ (S. 12) die Schlüsselwörter. Wo die Antworten der Partei auf diese Umstände dargelegt werden, ist von „flexibility“ (S. 3), „inconsistencies“ (S. 155), „diversity“ (S. 151), „conflicting phenomena“ (S. 199), „unevenness“ (S. 301) oder „variability“ (S. 421) die Rede. Der Verfasser plädiert – nicht untypisch für neuere Studien – für einen multikausalen Erklärungsansatz bezüglich der Mobilisierungserfolge der KPCh und – bei allen Vorteilen der Konzentration auf einzelne Regionen – für die Herausarbeitung übergreifender Problemlagen.

Das Buch darf als umfassende und gleichzeitig profunde Analyse der Parteiarbeit im Nordchina des Antijapanischen Widerstandskrieges gelten. Der Verfasser profitiert von früheren Studien, indem er Fragestellungen schärfen und Problemlagen präziser erkunden kann, und er schafft eigene Gewichtungen, ohne allerdings grundsätzlich neue Erkenntnisse zu liefern. Die Studie bewegt sich auf der Mesoebene und gründet vorrangig auf Parteidokumenten, was einer eher abstrakten Darstellung Vorschub leistet, bei der politische Richtlinien und kollektive Akteure im Mittelpunkt stehen. Wo lokale Fallbeispiele zur Erläuterung einer Problemlage eingefügt werden, entsteht hingegen ein plastischeres Bild des damaligen China, und im letzten Kapitel wird die ganze Dramatik des Krieges offenbar, der eben doch mehr war als eine bloße Rahmenbedingung der kommunistischen Parteiarbeit.

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23.01.2009
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