L. Radonić: Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen

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Titel
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen. Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid


Autor(en)
Radonić, Ljiljana
Reihe
Medien und kulturelle Erinnerung (6)
Erschienen
Berlin 2021: de Gruyter
Anzahl Seiten
327 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfram Kaiser, School of Area Studies, Politics, History, and Literary Studies, University of Portsmouth

Museen und Gedenkorte sind zentrale Akteure auf dem „Schlachtfeld“ europäischer Erinnerung.[1] Zahlreiche Studien haben bereits die Rolle einzelner Museen für nationale oder europäische Geschichtspolitik beleuchtet. Einige wenige haben dies auch schon in einer gesamteuropäischen Perspektive unternommen.[2] In ihrem Buch, das auf ihrer Habilitation an der Universität Wien beruht und im Open Access erschienen ist, beschäftigt sich Ljiljana Radonić nun mit Geschichtsmuseen und Gedenkstätten in den neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) in Ostmittel- und Südosteuropa – ein geographischer Raum, zu dessen sich dynamisch entwickelnder Museumslandschaft einzelne Studien in Form von Aufsätzen oder Monographien vorliegen, die jedoch den nationalen Rahmen zumeist nicht verlassen. Mit ihrem Buch beabsichtigt Radonić, den nationalen Blickwinkel zu überwinden und einzelne Geschichtsmuseen und Gedenkstätten aus dem gesamten geographischen Raum vergleichend zu untersuchen. Der Fokus liegt dabei auf den Darstellungen des Zweiten Weltkriegs.

Das Buch beginnt nach einer knappen Einleitung mit zwei Kapiteln zu theoretischen und methodischen Fragen interdisziplinärer Museumsforschung, die den Stand der Forschung kenntnisreich und luzide aufbereiten. In Kapitel 2 klärt die Autorin ihr Verständnis von „Geschichtspolitik“, ein Begriff, der im deutschsprachigen Raum ursprünglich im Historikerstreit der 1980er-Jahre geprägt wurde. Radonić arbeitet hier heraus, wie sich eine Universalisierung oder „Kosmopolitisierung“ des Holocaust infolge politischer Initiativen überwiegend links orientierter europäischer Regierungen am Beginn des 21. Jahrhunderts als ein zentrales geschichtspolitisches Paradigma in Westeuropa etablierte. Im Zuge der Osterweiterung der EU sei diese geschichtspolitische und museale Priorisierung des Holocaust in den neuen EU-Mitgliedstaaten jedoch kritisch hinterfragt worden, weil sie das eigene Leiden unter der stalinistischen und sozialistischen Herrschaft nach 1945 nicht hinreichend zu berücksichtigen schien.

In Kapitel 3 macht die Autorin deutlich, auf welche Weise sie die für das Forschungsprojekt ausgewählten Museen in erster Linie untersucht hat, nämlich als Raum für die Verhandlung von Vorstellungen der Geschichte und ihrer gegenwärtigen Bedeutung, die dort materiell durch Objekte und Texte kodifiziert werden. Im Buch geht es dementsprechend in erster Linie um „Leitnarrative“ und das, was Radonić als „storylines“ – oder Erzählelemente solcher Leitnarrative – bezeichnet sowie um die Ästhetik der Darstellung, die Auswahl von Objekten, die Visualisierung der intendierten Botschaften und deren Verarbeitung in Ausstellungstexten. Die genutzten Quellen sind dementsprechend in erster Linie die Ausstellungen selbst sowie Publikationen der ausgewählten Museen, vor allem über frühere Dauerausstellungen, die nicht mehr zugänglich sind, und veröffentlichte Äußerungen von Museumsdirektoren und Kuratoren, die über die Ziele und ausgewählten Darstellungsformen reflektieren.

Das mit 200 Seiten längste Kapitel 4 beschäftigt sich sodann empirisch mit den ausgewählten Museen und Gedenkorten. Es gliedert sich chronologisch in die Zeit vor 1989, die 1990er-Jahre, die 2000er-Jahre und einen knappen Ausblick auf die Zeit seit etwa 2010. Innerhalb dieser Unterkapitel behandelt die Autorin ein Museum nach dem anderen, jedoch nach ähnlichen Kriterien.

Im Unterkapitel zu Museen und Gedenkstätten vor 1989 ist nicht zuletzt die KZ-Gedenkstätte im kroatischen Jasenovac von Interesse, ein Todeslager des Ustaša-Regimes, in dem etwa 100.000 Menschen, vor allem Serben, Roma und Juden, ermordet wurden. Nach einer Kampagne von Überlebenden wurde schließlich in den 1960er-Jahren eine Gedenkstätte errichtet, die jedoch in einem jugoslawischen Balanceakt in der Verwendung nationaler Kategorien nicht zwischen Opfern rassistischer Verfolgung und Widerstandskämpfern unterschied. Erst nach der Eröffnung der Gedenkstätte entbrannte ein zunehmend aggressiv geführter Konflikt zwischen serbischen und kroatischen Historikern über Täter und Opfer, an dem sich auch der spätere nationalistische kroatische Präsident Franjo Tuđman führend beteiligte (S. 61). Anfang der 2000er-Jahre wurde die Dauerausstellung grundlegend überarbeitet, und der neue Chef der Tuđman-Partei HDZ und Präsident Kroatiens, Ivo Sanader, distanzierte sich 2005 deutlich von den Verbrechen des Ustaša-Regimes (S. 107). Die gewandelte Gedenkstätte diente nunmehr der geschichtspolitischen Untermauerung des Beitritts Kroatiens zur EU, der schließlich 2013 erfolgte.

Im den folgenden Unterkapiteln behandelt Radonić zahlreiche, teilweise neu errichtete Museen oder überarbeitete Dauerausstellungen in schon länger bestehenden Museen. Dabei werden zwei Trends deutlich: Zum einen zeigt sich der Versuch einer Übernahme europäisierter Erinnerungsnormen, die vor allem im Umgang mit dem Holocaust, einschließlich einer zumindest ansatzweisen Thematisierung der Rolle eigener nationaler Mittäter wie in den baltischen Staaten, deutlich wird. Zum anderen arbeitet Radonić eine Abgrenzung davon heraus, die mit einer starken Betonung des eigenen Leidens sowohl in der Zeit der deutschen Besatzung und der faschistischen Kollaborationsregime als auch der stalinistischen und sozialistischen Herrschaft nach 1944-45 einhergehe. In manchen Fällen habe sich eine Art arbeitsteilige museale Erinnerungskultur entwickelt wie beispielsweise in Ungarn, wo zwischen 2004 und 2006 ein geografisch etwas abseits gelegenes Holocaust-Gedenkzentrum errichtet wurde, während das sogenannte Haus des Terrors (Terror Háza) im Sinne der regierenden FIDESZ-Partei vor allem das Leiden von Ungarn unter der stalinistischen Herrschaft bis zum Volksaufstand von 1956 und darüber hinaus thematisiert.

Im letzten Unterkapitel nimmt die Autorin Länder wie Bulgarien und Rumänien in den Blick, deren museale Geschichtspolitik durch eine Vermeidungsstrategie gekennzeichnet zu sein scheint. Die Zeitgeschichte wird hier nur am Rande behandelt. Das gilt besonders für die beiden nationalen Geschichtsmuseen in Bukarest und Sofia, in denen das Mittelalter im Vordergrund steht. In Bukarest ist die zeitgenössische Abteilung seit vielen Jahren in „Überarbeitung“ befindlich. In Sofia liegt ein Schwerpunkt auf der Wiederherstellung bulgarischer Staatlichkeit. In der knappen Behandlung des Zweiten Weltkriegs wird die Teilnahme Bulgariens auf Seiten der Achsenmächte nicht einmal erwähnt. Selbst der Museumsführer verkauft hier die Besatzung Mazedoniens und Thrakiens noch als Strategie zur „nationalen Vereinigung“ (S. 230).

Die Untersuchung gewährt viele anschauliche Einblicke in die sich rasch wandelnde Museumslandschaft in Ostmittel- und Südosteuropa. Allerdings ist der starke Bezug auf „Geschichtspolitik“ im Untertitel etwas irreführend. Zwar behandelt Radonić auch geschichtspolitische Konflikte über die Inhalte und Formen von Musealisierung, jedoch erfolgt dies eher en passant auf der Basis einiger programmatischer Schriften und Reden von Museumsdirektoren und von Medienberichten. Geschichtspolitik in und durch nationale Institutionen, etwa die zuständigen Ministerien, hat die Autorin nicht näher erforscht, so dass die handelnden Akteure museumspolitischer Entscheidungen und ihre Motive nicht im Mittelpunkt der Analyse stehen.

Außerdem ist das Buch nicht stringent vergleichend, sondern als eine Art Gesamtschau der Veränderungen in der Museumslandschaft Ostmittel- und Südosteuropas angelegt. Weder der Auswahl der Museen noch ihrer wissenschaftlichen Analyse liegen klar definierte Kriterien zugrunde. Die temporale Kategorisierung nach Jahrzehnten erscheint etwas willkürlich. Durch die sequenzielle Behandlung einzelner Museen wird auch nicht deutlich genug, ob es übergreifende Trends der Musealisierung in bestimmten Epochen gab und ob die Überarbeitung von Dauerausstellungen sowie die Neugründung von Museen eher auf nationale Prioritäten oder funktionale Erfordernisse, etwa die Erschließung neuer Besuchergruppen durch eine moderne mediale Inszenierung, zurückzuführen ist.

Grenzüberschreitende Bezüge zwischen den verschiedenen nationalen Museen und ihren Akteuren zu rekonstruieren, liegt schließlich gänzlich außerhalb des Blickfeldes der Autorin. Es wäre jedoch sicherlich hilfreich zu wissen, ob und wie die Berichterstattung über prominente kontroverse Museen wie das Terror Háza Diskussionen und Entscheidungen andernorts beeinflusst haben. Ebenso stellt sich die Frage, welche Bedeutung europäische Förderprogramme, berufliche Kontakte zwischen Kuratoren und informelle Netzwerke für die sich rasch verändernde Musealisierung des Zweiten Weltkrieges auch in Ostmittel- und Südosteuropa haben.

Anmerkungen:
[1] Claus Leggewie, Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011.
[2] Wolfram Kaiser, Stefan Krankenhagen und Kerstin Poehls, Exhibiting Europe in Museums. Transnational Networks, Collections, Narratives and Representations, New York 2014; Sharon Macdonald, Memorylands. Heritage and Identity in Europe Today, London 2013.

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Veröffentlicht am
14.01.2022
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