Cover
Titel
Comrades. A World History of Communism


Autor(en)
Service, Robert
Erschienen
Anzahl Seiten
XVIII, 571 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Rupprecht, Universität Tübingen

Knapp zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion und Osteuropa ist vom Kommunismus wenig geblieben. Noch in den 1970er-Jahren war er ideelle Grundlage für Staaten, die zusammen ein Drittel der Weltoberfläche ausmachten. Heute bleibt ein China, das zwar den monolithisch-autoritären Charakter der kommunistischen Einparteienherrschaft bewahrt, aber seine Wirtschaft liberalisiert hat. Es bleibt ein Kuba, das seine Strahlkraft von der gerechten Gesellschaft unter Palmen endgültig eingebüßt hat, und ein Nordkorea, dessen bizarre Auswüchse nicht ohne einen gewissen Voyeurismus regelmäßig in den westlichen Medien präsentiert werden.

Die Gefahr, den Anachronismus dieser Regime in die Vergangenheit zu projizieren, ist groß, und Robert Service geht ihr in seiner Globalgeschichte des Kommunismus über weite Strecken auf den Leim. Prinzipiell ist der groß angelegte Versuch eines „making sense of communism“ ja durchaus löblich. Neben all den Mikro-, Alltags- und Detailstudien, die die fachwissenschaftliche Diskussion ausmachen, können Antworten auf allgemeiner gefasste Fragen nach dem Wesen des Kommunismus, seinen verschiedenen weltweiten Ausprägungen, seiner Rolle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts und seinen Auswirkungen auf die heutige Weltordnung einen wertvollen Überblick bieten.

Und Service, Professor für russische Geschichte in Oxford, macht in der Tat ein großes Fass auf: Die egalitären ideengeschichtlichen Wurzeln des Kommunismus sieht er schon in der Bergpredigt, er verfolgt sie in den radikalen christlichen Sekten des Mittelalters, in den Entwürfen aus der Zeit der französischen Revolution und im Entwicklungsdenken der europäischen Moderne. Blumig formuliert Service, ein Konglomerat dieser Ideen sei Ende des 19. Jahrhunderts von linksradikalen Intellektuellen wie ans Ufer geschwemmte Muscheln aufgesammelt worden (S. 23). In Verbindung mit dem Anspruch, der einzig wissenschaftliche Ansatz zur Erklärung der Moderne zu sein, habe der Marxismus dann aber seinen Absolutheitsanspruch und seine Intoleranz entwickelt. Oder, wie Service es formuliert: Die autoritäre DNS des Marxismus war der gemeinsame Nenner aller kommunistischen Bewegungen. Lenin sei der erste gewesen, der einsah, dass die Revolution sich nicht auf den Rückhalt der Bevölkerung verlassen dürfe, sondern sich ihre Gegner mit brachialer Gewalt vom Leibe schaffen müsse. Die Geschichte zeige, so Service, dass sich nur diejenigen kommunistischen Regime halten konnten, die sich an diese Prämisse Lenins hielten. Gewaltfreiheit und der Versuch demokratischer Legitimation führten, wie im Fall Salvador Allendes in Chile oder der Reformkommunisten in Ungarn und Tschechien, zum Sturz des Regimes. Diese These ist schon deshalb nicht zu halten, da jeweils unter den Rahmenbedingungen des Kalten Kriegs erst der militärische Eingriff ausländischer Mächte diese alternativen sozialistischen Experimente beendete.

Die Fokussierung auf Gewalt, Unterdrückung und Intoleranz, bekanntermaßen präsent in allen über längere Zeit kommunistisch regierten Ländern, geht bei Service einher mit einer Fokussierung auf staatliche Strukturen und große Männer. Der mit seinen Biographien Lenins und Stalins bekannt gewordene Verfasser liefert so eine (weitere) totalitaristische Defizitgeschichte der UdSSR. Das gipfelt in der Aussage, die Sowjetunion des Stalinismus hätte ohne die oberste Führung nicht einen einzigen Tag überlebt (S. 158). Ein Blick in die sozial- und kulturgeschichtliche Forschung der letzten Jahre, die kaum oder nur illustrativ verwendet wird, hätte ihn eines Besseren belehrt. Die von Jochen Hellbeck analysierten Tagebücher sowjetischer Bürger zeigen die Internalisierung stalinistischer Werte in der Bevölkerung.[1] Gleiches gilt beispielsweise für Stephen Kotkins Beschreibung des Alltagslebens in der Retortenstadt Magnitogorsk.[2] Und welche Faszination das Industrialisierungs- und Modernisierungsprogramm der 1930er-Jahre trotz seiner unglaublichen Brutalität für die Dritte Welt hatte, kann man beispielsweise von David Engerman oder Maxim Matusevitch lernen.[3] Robert Service gelingt es, keinen einzigen dieser – immerhin nicht ganz unbekannten und englischsprachigen – Autoren zu berücksichtigen. Auch aktuelle methodische Fragen einer „global history“ vermeidet Service gänzlich und stützt sich vorrangig auf oft schon reichlich angestaubte Sekundärliteratur.

Ähnlich wie schon bei den alten Kalten Kriegern vom Schlage eines Walt Rostow oder Richard Pipes verfolgt Service den Aufstieg des Kommunismus zunächst in Russland, dann in Osteuropa und schließlich in Teilen der Dritten Welt als Ausbreitung einer Krankheit, eines Virus. Das infizierte Russland, um in dieser Terminologie zu bleiben, hustete ab 1918 kräftig in die Welt und wer ihm zu nahe kam und keine kapitalistische Impfung und Vorsorge hatte, steckte sich an. Gesund dagegen wären nach Service dann alle Staaten, die den Königsweg der westlichen Demokratien gingen. Es wäre ja durchaus wünschenswert, wenn sich der Lebensstandard und die Rechtsstaatlichkeit des Westens global durchsetzten. Aber wer in seinem historischen Narrativ diesem Eurozentrismus so großzügig nachhängt, wird alternative Wege in die Moderne nicht nachvollziehen können. Bei Service führt das beispielsweise dazu, Mittel- und Osteuropa vor der sowjetischen Besatzung (und dem Überfall der Deutschen) als Hort „unabhängigen Denkens und der Kreativität“ (S. 297) zu idealisieren.

Mit unabhängigem Denken und der Zivilgesellschaft (deren Unterdrückung in der Sowjetunion Service gefühlte 100 Mal im Buch anmahnt – aber hat es so etwas in Russland und der UdSSR jemals gegeben?) ist es aber in den autoritären Regimen der Zwischenkriegszeit in fast ganz Europa auch nicht zum Besten bestellt gewesen. Der Kampf gegen den Faschismus verlieh zu dieser Zeit den Kommunisten weltweit eine enorm gesteigerte Legitimation. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten unter anderem in Frankreich, Italien und auch bei den letzten freien Wahlen in der Tschechoslowakei die KPs zu den stärksten Parteien. Ihr Rückhalt in der Bevölkerung war so groß, dass die kommunistischen Parteien dort geduldet werden mussten – ein Verbot hätte zu Bürgerkriegen führen können.

Zivilgesellschaft, freie Presse und Mehrparteiensystem hielten einige westliche Staaten nicht davon ab, bis in die 1960er-Jahre ihre Kolonialreiche zum Teil unter massivem Gewalteinsatz aufrechtzuerhalten, oder wie im Falle Südafrikas und der Südstaaten der USA ihre dunkelhäutige Bevölkerung zu diskriminieren. Dies hatte zur Folge, dass auch viele nicht-kommunistische Beobachter der Sowjetunion, die stets Rassismus und Imperialismus verurteilte, positive Errungenschaften zusprachen, die die UdSSR in ihrer Außenrepräsentation natürlich noch propagandistisch erhöhte.

Die Verbreitung des Kommunismus in der Dritten Welt, die zahlreichen zumindest vorgeblich sozialistischen Regime in Asien, Afrika und Lateinamerika, skizziert Service recht knapp und betont vor allem die Gemeinsamkeiten dieser Systeme: Einparteienherrschaft, eine kontrollierte Presse und Justiz, zentral kontrollierte Wirtschaft, Verfolgung von Religion, Personenkult der Führer und ähnliche politische Rituale kennzeichneten laut Service alle kommunistisch regierten Länder. Auch das ist klassische Totalitarismustheorie, nicht falsch, aber auch nicht besonders erhellend.

Im Grunde beschreibt Service auch nicht mehr als schon das französische Schwarzbuch des Kommunismus vor zehn Jahren.[4] Um die titelgebenden Kameraden, ihre Motivationen und Sinnwelten und ihre jahrzehntelange Präsenz auf der Weltbühne wirklich zu verstehen, hilft eine solche Pathologie des globalen Kommunismus nur wenig weiter.

Anmerkungen:
[1] Jochen Hellbeck, Revolution on My Mind. Writing a Diary under Stalin, Cambridge 2006.
[2] Stephen Kotkin, Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilization, Berkeley 1995.
[3] Z.B.: David Engerman, The Romance of Economic Development and New Histories of the Cold War, in: Diplomatic History 28/1 (2003), S. 23-54; Maxim Matusevich (Hrsg.), Africa in Russia, Russia in Africa, Three Centuries of Encounters, Trenton 2006.
[4] Stéphane Courtois (Hrsg.), Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.10.2008
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