Cover
Titel
Kampf um Mittelitalien. Roms ungerader Weg zur Großmacht


Autor(en)
Helm, Marian
Reihe
Hermes-Einzelschriften (122)
Erschienen
Stuttgart 2021: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
450 S.
Preis
€ 82,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Heitz, Institut für Archäologien, Fachbereich Klassische Archäologie, Universität Innsbruck

Marian Helm (folgend H.) widmet sich in seiner Arbeit, die in der vorliegenden Form die überarbeitete Fassung einer 2018 an der Ruhr-Universität Bochum vorgelegten Dissertation darstellt, einem Zeitraum formativer Relevanz für Roms Erlangung der Hegemonie über ganz Italien – dem 4. Jahrhundert v.Chr.[1]. In dieser Zeit werden nach Ansicht H.s innen- wie außenpolitisch die wichtigsten Weichen für alle späteren Entwicklungen gestellt, was die Bedeutung von H.s Vorhaben umso mehr hervorhebt.

Der althistorischen Arbeit ist ein größeres einleitendes Kapitel (S. 15–56) vorangestellt, das H.s Herangehensweise erläutert und in Forschungsstand, Quellen und Methodik einführt. In Anlehnung an die Arbeiten von Harriet Flower ist die Analyse in kürzere zeitliche Einheiten bzw. „Sequenzen“ eingeteilt[2], um diese dann vernetzt zu betrachten. Erklärtes Ziel ist, aus einzelnen Schnappschüssen bewegte Bilder zu gewinnen, mit Rücksicht auf besondere historische Ereignisse oder Entscheidungen, die u.U. für die Folgezeit eine bestimmte Richtung vorgegeben und so zu einer gewissen Pfadabhängigkeit geführt (bzw. folgende Entwicklungen beeinflusst) haben.[3] H. unterscheidet analytisch drei unterschiedliche Ebenen in der Geschichtsschreibung bzw. den Zeugnissen zu historischen Ereignissen in den Schriftquellen (S. 40–53). Diese definiert er als I) „structural facts“ als kollektiv memorierte, geteilte („antiquarische“) Ereignisse und Vorgänge in der Frühgeschichte, auf die allgemeiner Bezug genommen wird, sowie II) „Knotenpunkte der Erinnerung“, die in den frühesten schriftlichen Aufzeichnungen (Annalen, frühe Geschichtsschreiber) niedergelegt sind, und III) das „Gewebe der Erinnerungen“, das etwa mit dem Werk des Fabius Pictor v.a. auf die Familiengeschichten der stadtrömischen gentes (die zunehmend Unterlagen/Archive zur eigenen Geschichte anlegen) zurückgeht und durch die Werke des Cato und Piso um eine italische Perspektive bereichert wird. Ausgehend von diesen Überlieferungssträngen diskutiert H. deren Auswirkungen auf das Geschichtswerk des Livius, das die Hauptquelle für die vorliegende Untersuchung darstellt[4].

Der Einleitungsteil wird abgeschlossen durch ein Kapitel, das von der „Königszeit“ über die Ständekämpfe die Vorgeschichte des eigentlichen Untersuchungszeitraums skizziert (S. 57–82). Insgesamt bietet die Einleitung damit eine methodisch fundierte Grundlage des Folgenden und eine konzise Darstellung der verschiedenen forschungsgeschichtlichen Ansätze zur frühen Republik. Sehr lobenswert ist dabei auch das Bestreben H.s, immer wieder dezidiert auch neuere archäologische Untersuchungen bzw. Erkenntnisse mit dem Zeugnis der Schriftquellen zu vernetzen[5].

Im eigentlichen Hauptteil der Arbeit folgt die in insgesamt vier „Sequenzen“ gegliederte Analyse des Untersuchungszeitraums. Die gewählten historischen Abschnitte werden jeweils mit einem kurzen Vorsatz vorgestellt, erläutert und begründet.[6] Die erste Sequenz setzt H. in den Zeitraum von knapp drei Jahrzehnten von der Eroberung Veiis bis zum Ausbruch der Konflikte um die leges Liciniae Sextiae (S. 84–140). Der Sieg über den größten und ältesten unmittelbaren Rivalen war nicht nur ein wichtiger Schritt Roms zur Hegemonialmacht, sondern konfrontierte die aufstrebende urbs mit großen Aufgaben, die hohe innenpolitische Bedeutung besaßen. Der Umgang mit dem eroberten ager Veientanus und des in dieser Dimension bisher unbekannten gewaltigen Zuwachses an Land und Bevölkerung erforderte erstmals grundlegende Überlegungen. H. diskutiert detailliert die ergriffenen Maßnahmen etwa bei der Organisation und Landverteilung des neueroberten Gebietes. Von grundlegender und besonders umstrittener Bedeutung waren die damit verbundenen Tribusgründungen – H. kann darlegen, dass sich an diesen Maßnahmen die unterschiedlichen und widerstreitenden Agenden der beteiligten Interessensgruppen aufzeigen lassen: Das Bestreben der Plebeier war, die Eingliederung von Land und Bevölkerung in bestehende patrizische tribus zu verhindern, um deren Klientelmacht nicht zu erhöhen. Tatsächlich wird mit der Einrichtung von gleich vier neuen tribus (in die sich allerdings auch Patrizier einschreiben konnten) in dieser Frage ein wichtiger Kompromiss erreicht. Auch in der Aufteilung des Gebiets in recht große Landlose von 7 iugera lässt sich eine Durchsetzung plebeischer Interessen erkennen, auch wenn von dieser Regelung auch patrizische Klientel profitierte – konstatieren lässt sich immerhin die Infragestellung traditioneller Autoritäten bzw. Verteilungshoheiten. Militärisch-strategisch wurden zudem in der Folge dieses Sieges mit der Anlage und Platzierung von frühen Kolonien beispielgebende Strategien zur „Vorfeldsicherung“ des neuen Hoheitsgebiets entwickelt.

Allerdings erfolgten diese Maßnahmen wohl erst nach der für Rom noch Jahrhunderte später als traumatisch empfundenen Episode des Gallierüberfalls 390 v.Chr., zu dem H. eine neue These vorbringt: Er betrachtet den Angriff als eine Aktion, die nur mit Billigung oder sogar auf Einladung von denjenigen Anrainern erfolgt sein kann, über deren Gebiet die Gallier nach Rom vordringen konnten; er schließt sogar nicht aus, dass es sich sogar im Kern um in etruskischen Diensten stehende Söldner handelte (S. 98–102). Zudem bezweifelt er die von den meisten (antiken wie modernen) Betrachtungen vertretene – relativ offensichtlich stark prorömisch gefärbte – These, dass sich Rom sehr schnell vom Keltensturm erholt hätte. Dazu verweist er auf den in den Folgejahren über Jahrzehnte weiterhin hart umkämpften Status der vorher so erfolgreich eroberten südetruskischen und latinischen Gebiete – auch wenn die Quellen (legendenhaft) über rasche Rückeroberungen in diesem Bereich durch Camillus berichten, haben die Römer hier zahlreiche Konfrontationen gegen Etrusker und diverse Latiner bzw. Herniker, Aequer, Volsker etc. zu bestreiten. Es ist vielleicht dieser Zeitraum, in dem Rom seine erste wirkliche Bewährungsprobe überstehen musste – Rom war so geschwächt, dass (nach Livius) sogar nicht-reguläre Truppen der latinischen Städte, möglicherweise sogar private Kriegsbanden, die Auseinandersetzung zu suchen wagten und dementsprechend anzunehmen ist, dass antirömische Eliten/Aristokraten in den jeweiligen Gemeinden Aufwind hatten. In diesem Zusammenhang hebt H. hervor, dass Tusculum, aus dem sich offensichtlich Bürger (als Privatarmee) den Volskern angeschlossen hatten, 381 v.Chr. als erstes municipium eingerichtet wurde, also keine Inkorporation, sondern die Verleihung des römischen Bürgerrechts unter Beibehaltung der lokalen Administration erfolgte. H. wertet dies überzeugend als „Belohnungsstrategie“ unter den Vorzeichen eines schwachen Roms und (notgedrungenes) Zeichen einer „divide et impera“ Strategie (S. 124)[7]. In diesem Sinne vertritt H. im Gegensatz zur verbreiteten Forschungsmeinung die aus einer Gesamtsicht der Quellen resultierende und begründete These, dass noch über Jahrzehnte zahlreiche innenpolitische Schwierigkeiten, u.a. ausgelöst durch den Galliersturm, das römische Gemeinwesen über 23 Jahre (390–367 v.Chr.) bis zu den leges Liciniae Sextiae beschäftigten.

Diese sind Ausgangspunkt der zweiten Sequenz, die H. bis an den Beginn einer neuen expansiven Außenpolitik Roms gegen Ende der 340er-Jahre v.Chr. einteilt (S. 142–211). Sie war gekennzeichnet durch die Ständekämpfe der leges Liciniae Sextiae sowie die „Oligarchie“ der vier führenden patrizischen gentes von 358–342 v.Chr., jedoch insgesamt auch durch eine Stabilisierung der innen- und außenpolitischen Verhältnisse. Mit der Einrichtung und gleichzeitigen Öffnung des Konsulats für Plebeier galten und gelten die leges Liciniae Sextiae zu Recht als ein Meilenstein der politischen Entwicklung Roms, der zudem gekennzeichnet ist von weiteren Zugeständnissen an die Plebeier betreffs ihrer Zulassung zur gehobenen Ämterlaufbahn. Mit der Errichtung des Concordia-Tempels am Forum und den ludi Romani haben diese Gesetze als grundlegende politische und soziale Reformen, wie etwa mit der Einführung der kurulischen Ädilen, die für die ludi verantwortlich waren, auch aktiv Eingang in die materielle und immaterielle Erinnerungskultur gefunden.

Abseits dieser Hauptreformen richtet H. aber auch einen genaueren Blick auf die Neuerungen, die nicht nur von den Interessen der plebeischen Elite gelenkt waren und die Reorganisation der politischen Ämter betrafen: Es geht ihm um Gesetze, mit denen drängendere wirtschaftliche Forderungen der einfachen Plebs, nämlich Fragen der Landnutzung (lex Licinia Sextia de modo agrorum) und Privatverschuldung (lex Licinia Sextia de aere alieno), reformiert wurden. Angesichts der prekären Lage und hohen Belastungen der Bürgerschaft in den 380er- und 370er-Jahren v.Chr., wie die fast permanente Kriegführung und der Bau der Servianischen Mauer[8], waren dies besonders wichtige Maßnahmen. H. kann zeigen, dass sie in eine ausgesprochene „Testphase“ hinsichtlich der Zusammenarbeit und Bündnisbildungen von aristokratischen Familien fallen, in die auch die interessenpolitisch geleitete Annahme plebeischer Probleme durch patrizische Magistrate zwecks Gewinnung von Wählerstimmen fällt. Es ist diese genaue Nachvollziehung der innenpolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, Interessens- und Gemengelagen bzw. möglichen politischen Agenden, die zu außenpolitischen Handlungsstrategien führten, die H.s gesamte Untersuchung und seine minutiöse Kenntnis und Beobachtung der Quellenlage auszeichnet[9].

Zudem ist H., trotz der Anerkennung neuerer und begründeter Ansichten zum Charakter früher, oft aristokratisch induzierter Kriegsführung[10], in der Lage, die Konflikte ganz unterschiedlich zu bewerten – so sieht er im Konflikt mit den Hernikern 362 v.Chr. abseits von aristokratischen Einzelinteressen eine politisch breit gewollte, staatsgeleitete Planung, bei der es um die generelle Stärkung der römischen Position und des Gemeinwesens, insbesondere auch in wirtschaftlicher Hinsicht, ging (S. 160–165). Am Beispiel der gens Genucii kann H. jedoch zeigen, dass sich Rückwirkungen dieses Krieges im politischen Tagesgeschehen Roms sowie in längerfristigen Konsequenzen für einzelne Familien verfolgen lassen, was einen neuen Konkurrenzkampf unter den gentes auslöst. Mit der Niederschlagung der Auflehnung der Latinerstadt Tibur können sich mit der erneuten Verteilung von Land und der Einrichtung neuer tribus sowie der Senkung von Zinssätzen wieder ökonomische Forderungen der Plebs durchsetzen, wobei H. zeigen kann, wie auch hier geschickt aristokratische Interessen gewahrt wurden (S. 177f.): Bei der Neuein- und Verteilung des mehrheitlich sumpfigen Gebietes der paludes Pomptinae scheint in den dortigen neuen tribus kein ager publicus auf landwirtschaftlich nutzbarem Gebiet eingerichtet, sondern dieses komplett an Privatleute verteilt worden zu sein, um einer schon lang virulenten Forderung der Plebeier nach besserer Zugangs- bzw. Zugriffsmöglichkeit auf solches öffentliches, de facto aber meist von großen Herdenbesitzern okkupiertes, Gebiet aus dem Weg zu gehen. Andererseits hatten letztere aber Zugriff auf die nicht vergebenen, da schlecht bewirtschaftbaren (und nicht offiziell als ager publicus deklarierten) Marschlandgebiete der Region, die als Weideflächen genutzt werden konnten – hier zeigt sich einmal mehr das geschickte Austarieren von Interessen von Plebs und Aristokratie, um größeren innenpolitischen Konflikten auszuweichen.

Nach weiteren erfolgreich überstandenen Kämpfen gegen Etrusker und Gallier sieht H. Roms steigenden Einfluss auf die Verhältnisse in Mittelitalien auch reflektiert durch die Nachrichten über den ersten Samnitenkrieg. Angesichts deren sehr spärlichen Charakters versteht H. die Zweifel mancher Forscher an dessen Historizität, teilt aber ihre völlige Ablehnung nicht, was er schlüssig mit dessen „hohe[n] Bedeutung […] für den darauffolgenden Latinerkrieg“ begründet (S. 202). In seiner Rekonstruktion der Ereignisse legt er wieder starken Fokus auf die innenpolitische Situation und das Drängen der einfachen Bürger und Soldaten auf Verbesserungen, etwa Schutz gegen Zinswucher, aber auch den Willen der Aristokraten zu martialischer Auszeichnung, der auf den Schultern der einfachen Bevölkerung ausgetragen wurde (etwa die Verlängerung der Feldzüge bis in die Wintermonate). Diese Konflikte bilden den Hintergrund für die lex Genucia, mit der diese innenpolitisch schwelenden Probleme von Aristokraten genutzt wurden, um die eigene Position und Machtbasis zu stärken (wozu auch in Kriegszeiten Möglichkeit und Wille bestand). Als erste Intervention außerhalb des gewohnten Operationsradius wertet H. den Samnitenkrieg als Fehlschlag, da die eigentlichen materiellen Gewinne nur marginal waren und den Samniten äußerst günstige Friedensbedingungen und ein Freifahrtschein hinsichtlich ihrer Aktionen gegen die Sidiciner gewährt wurden. Innenpolitisch seien sogar eher negative Folgen zu konstatieren, nämlich eine erhöhte Wahrnehmung der politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. Folgerichtig sieht H. die Römer zu und nach diesem Zeitpunkt als „bemerkenswert passiven Akteur [,der] wieder in den Strudel der von den Nachbarn determinierten Ereignisse gezogen“ wird (S. 211).

Die dritte Sequenz ist zeitlich etwas kürzer gesteckt – über den Latinerkrieg bis zum Ausbruch des zweiten Samnitenkrieges im Folgejahr nur rund 15 Jahre, die aber einen entscheidenden Anteil im Prozess des Aufstiegs Roms zur Regionalmacht in Mittelitalien beinhalteten (S. 213–278). Aufgrund der bereits eingehenden akademischen Beschäftigung mit dieser Phase, die im Jahr 338 v.Chr. mit der Schlacht von Trifanum eine epochale Wendung zu Roms Gunsten nahm – mit der Unterwerfung Latiums und der Einrichtung des Bundesgenossensystems mit unterschiedlichen Verhältnissen zu und Pflichten gegenüber Rom – sollen hier nur kurz einige Punkte aus H.s Untersuchung hervorgehoben werden. Einen besonderen Fokus legt er auf die unterschiedliche, pragmatische und differenzierte Behandlung der Geschlagenen durch die Sieger, etwa bei der Eroberung von Capua auf die Entlohnung der romfreundlichen Elite mit römischem Bürgerrecht und diversen Vergünstigungen. Besonders die politisch-gesellschaftlichen Folgen für die ehemaligen latinischen Eliten und ihrer Protagonisten im Rahmen der römischen politischen Bühne werden nachvollzogen – etwa der Fall des Vitruvius Flaccus aus Fundi und des Tusculaners Fulvius Curvus. H. zeigt so Handlungsspielräume und -grenzen von Neu- und Altbürgern auf, die mit der (teils aufgezwungenen) Verleihung des römischen Bürgerrechts verbunden waren, wobei er belegen kann, dass auch die Neubürger der latinischen Aristokratie lange „Bürger zweiter Klasse“ blieben (S. 253ff.). Im Zusammenhang der Beteiligung und politischen Einflussmöglichkeiten der Latiner diskutiert er die Rolle der municipia (S. 258ff.) und kann darlegen, dass deren Einrichtung als gewolltes politisches Mittel der stadtrömischen Eliten genutzt wurde, um deren Einfluss auf stadtrömische Entscheidungen zu reduzieren: So wurden etwa nicht die alten regionalen Zentren Lanuvium und Velitrae, sondern kleine benachbarte Weiler als Hauptorte der jeweiligen tribus gewählt, um in der Vergangenheit nicht unbedingt romtreuen Gemeinden ein größeres Mitspracherecht in der römischen Rechtsordnung zu verwehren. Zwar setzt Rom nach dem Sieg im Latinerkrieg seine schon durch die evocatio der Juno Regina aus dem besiegten Veii belegte Politik fort, mittels teils massiver Eingriffe auch die kultische Landschaft des eroberten Gebietes unter klarer Dominanz Roms zu vereinnahmen (etwa durch die Verwaltung der feriae Latinae), aber H. konstatiert nach seiner Lesung der Quellen, dass die römischen Bürgerschaft v.a. mit sich selbst und der Verteilung der Beute beschäftigt war und sieht kaum Anzeichen für ein Interesse an einer langfristigen Strategie und Planung dauerhafter Bündnisstrukturen oder eines ausgeklügelten Bundesgenossensystems (S. 277f.).

Die vierte und letzte Sequenz des Buches behandelt die Zeit vom Samnitenkrieg bis einschließlich des der Auseinandersetzungen mit Pyrrhus (S. 282–370). Auch hier richtet sich H.s Blick nicht primär auf die kriegerischen Ereignisse, sondern die soziopolitischen und wirtschaftlichen Hintergrundentwicklungen vor allem in der urbs selbst. So hebt er zu Recht die Bedeutung der lex Ovinia für die Verschiebung der Macht- und Entscheidungsverhältnisse hervor, betont aber auch die beispielgebenden Maßnahmen des Appius Claudius Caecus, der mit der Aqua Appia und der Via Appia das erste bekannte aristokratisch-infrastrukturelle Paket zum Ausbau/Versorgung Roms und der Erschließung des eroberten Gebietes in die Wege leitet. H. betont zu Recht, dass solche Projekte nicht nur Rom, sondern v.a. auch dem einzelnen Politiker bzw. seiner gens Vorteile erbrachten; so kann die Via Appia als Mittel der besseren Vernetzung mit den Kolonien auch als Schutzversprechen an diese gewertet werden und ist damit neben einer riesigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (analog zur Aqua Appia) auch eine Möglichkeit zur Klientelbildung. Die parallel zum Straßenbau durchgeführten Trockenlegungsmaßnahmen der pomptinischen Sümpfe brachten zusätzlich die Gewinnung von Ackerland (S. 324) und damit die Möglichkeit von Ansiedlungen und Siedlungsgründungen[11]. Als besonderen Schritt in dieser Phase identifiziert H. auch die Eingliederung der humiles in die tribus – obwohl deren konkreter Status ebenso wie ihre Verteilung nicht ganz klar ist, war aber wohl das Ziel, mit der Eingliederung dieser Neubürger die Möglichkeit deren militärischer Mobilisierung zu verbessern. Darauf deutet auch hin, dass es kurz nach diesem Schritt zu einer Neuorganisation des Heeres kam: 311 v.Chr. wurde die Armee auf vier Legionen aufgestockt und damit verdoppelt. Mit dieser Maßnahme einher ging eine „Republikanisierung“ der Armee – 16 der nun 24 Militärtribunen mussten vom Volk gewählt werden, was diesen jungen, zukünftigen Magistraten die Gelegenheit gab, die potentiellen Wähler aller Schichten kennenzulernen und sich vor ihnen zu präsentieren, ebenso wie umgekehrt die potentiellen Wähler einen ersten Blick auf die zukünftigen Kandidaten werfen konnten (S. 328–331; 352–354). H. betont das Militärtribunat deshalb als nicht zu unterschätzendes Amt im frühen cursus honorum – durch die ihnen im Laufe ihrer Amtszeit ständig wechselnden persönlich unterstellten Einheiten konnten die Tribunen sich in der Zeit ihrer Amtszeit nicht nur persönlich auszeichnen, sondern schon früh Netzwerke knüpfen, vertikal wie horizontal (mit anderen Tribunen, triarii, Kommandeuren etc. der stadtrömischen und nach der zunehmenden Integration von Einheiten der Bundesgenossen auch mit den italischen Eliten[12], genauso wie mit einfachen Soldaten). Generell kommt es gegen Ende des 4. Jh. v.Chr. zu einer zunehmenden Integration von neuen Bürgern in das römische Staatswesen. Entscheidend dazu bei tragen auf der militärischen Seite die ab dem zweiten Samnitenkrieg zunehmende Eingliederung von italischen Truppenkontingenten ins römische Heer und die in diesem Zuge erfolgende Belohnung (Beute und Landlose) der prorömischen Eliten bei den Verbündeten, sowie auf der zivilen Seite Maßnahmen wie der Veröffentlichungen der Prozessformeln der pontifices, die Veröffentlichung der Markt- und Gerichtstage in Rom und die Verstaatlichung des Hercules-Kultes, wodurch neuen Bürgern die Teilnahme am politischen und kultischen Leben Stadtroms deutlich vereinfacht und die (oft auf „Herrschaftswissen“ beruhende) Macht der alten gentes geschwächt wurde. Nach dem zweiten Samnitenkrieg konstatiert H. die endgültige Militarisierung Roms und einen Übergang zu aktiver Kriegsführung, da nun sowohl die aristokratischen Feldherrn als auch das Volk die Möglichkeit sahen, auf der einen Seite das eigene Prestige und Ansehen zu steigern und sich andererseits durch regelmäßige Kriegsführung auf Kosten Dritter zu bereichern. Die gleichzeitige Verteilung des Kommandos auf immer mehr Offiziere machte aber für den Erfolg zusehends kollektive Zusammenarbeit nötig und erschwerte die Auszeichnung Einzelner. Die dadurch wiederum steigende Konkurrenz in aristokratischen Kreisen bedingt nach H. die Gemengelage, aus der vermehrt öffentliche Weihungen von Tempeln oder Statuen aus Kriegsbeute (teils mit prominenter Hervorhebung der eigenen Person wie im Falle von Sp. Carvilius) sowie die Umgestaltung von rostra, comitium und Curia erklärbar sind[13].

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass H. mit seiner Arbeit ein sehr sorgfältig recherchiertes Narrativ des „langen 4. Jh.“ als entscheidende Phase der römischen Weltmachtwerdung vorgelegt hat. Sein großes Verdienst beruht dabei auf der Tatsache, dass er sich nicht auf die Geschichte der militärischen Auseinandersetzungen beschränkt, sondern diese vielmehr mit den (auch deutlich besser durch die schriftliche Quellen belegten) inneren Kämpfen und Rivalitäten Roms kontextualisiert. So schafft er es, dem Leser ein dichtes Bild von den zeitgenössischen Agenden und Handlungsmotivationen zu skizzieren, die mitunter schnell und von pragmatischen Überlegungen geleitet wechseln konnten[14]. Das Buch wird abgeschlossen durch eine sehr klare und pointierte Schlussbetrachtung, die noch einmal die verfolgten Ansätze und die beobachteten Entwicklungen über ein Jahrhundert zusammenfassen. In diesem Sinne ist das gut lesbare und kenntnisreiche Werk, das durch umfangreiche Bibliographie und Register abgeschlossen und vom Autor selbst erstellte, gut lesbare und die Texterläuterungen geo- und topographisch ergänzende Karten auch für interessierte Laien verständlich wird, eine sowohl für Studierende wie für Forschende mehr als empfehlenswerte Lektüre.

Anmerkungen:
[1] Dessen Bedeutung auch für die Frage, ob Roms Imperialismus als offensiv oder defensiv bewertet wird, von entscheidender Bedeutung ist, wie N. Terrenato, The Early Roman Expansion into Italy. Elite Negotiation and Family Agendas (Cambridge 2019) 73–79 kürzlich nochmals betont hat – wenn denn eine solche kategorische Unterscheidung überhaupt Sinn macht, was die vorliegende detaillierte Untersuchung H.s in Frage stellt.
[2] H. Flower, Roman Republics (Princeton 2010).
[3] Dieser sinnvolle Ansatz, der jeweils stark historisch kontextualisiert und „pragmatisch“ ist, ist – um mit F. Braudel zu sprechen – weniger an der Erforschung einer „longue durée“ interessiert als eher am Übergang von „moyenne durée“ und „courte durée/événement“ angesiedelt; Ziel ist eine „rekonstruierende Nachschrift“ der Ereignisketten und Intentionen, ähnlich wie es J. Straub in der Soziologie betreffs des Verstehens von Identität (J. Straub, Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs, in: A. Assmann / H. Friese (Hrsg.), Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität 3 2(Frankfurt a.M. 1999) 98–99) oder C. Geertz in der Ethnologie/Anthropologie („dichte Beschreibung“) in ihren Untersuchungen anlegen.
[4] Dabei schließt er sich der Meinung von G. Forsythe, A critical history of early Rome. From prehistory to the first Punic War (Berkeley 2005) an, der Livius zwar nicht als brillanten Analytiker, aber als talentierten Kompilator und Erzähler charakterisiert. Für die weiteren Untersuchungen H.‘s werden die skizzierten/diskutierten quellenkritischen bzw. bedeutungsanalytischen Ansätze aber nicht weiter konsequent angewandt, sondern konkret die Glaubhaftigkeit der jeweiligen Quellen erörtert.
[5] In der Nachfolge anderer neuerer althistorischer Untersuchungen wie von S. Bernard, Building Mid-Republican Rome: labor, architecture, and the urban economy (Oxford 2018) zu Bautätigkeit in Rom im 4. Jh. v.Chr.
[6] Da die Arbeit insgesamt sehr vielschichtig und detailreich ist, können hier jeweils nur wenige (Teil)Aspekte angesprochen werden.
[7] Allerdings bewahrt er Skepsis betreffs der Authentizität der Nachrichten über die Verleihung des Bürgerrechtsstatus und vermutet eher die Erneuerung eines foedus zur weiteren, engeren Bindung der Stadt an Rom, ähnlich der besonderen Verbindungen zu Caere.
[8] Nicht ganz klar sind die Ausführungen zur „frühen“ Servianischen Mauer aus grauem Tuff, deren Errichtung von H. anscheinend ins frühe 4. Jh. kurz nach dem Kelteneinfall gesetzt wird (S. 111), obwohl in Anm. 124 durchklingt, dass sie früher als die Befestigungen des 4. Jh. sind; zu diesen ältesten Mauerresten s. R. Ross Holloway, The Archaeology of Early Rome and Latium (London 1994) 91–102 und A. Carandini / P. Carafa / A. Campbell Halavais (Hrsg.), The Atlas of Ancient Rome. Biography and Portraits of the City (Princeton 2012) 79–84.
[9] Auch wenn die Bewertung in vielen Fällen spekulativ bleiben muss.
[10] Z.B. J. Armstrong, War and Society in Ancient Rome, From Warlords to Generals (Cambridge 2016), K. Lomas, The Rise of Rome. From the Iron Age to the Punic Wars (London 2017), N. Terrenato, The Early Roman Expansion into Italy. Elite Negotiation and Family Agendas (Cambridge 2019).
[11] Zum Anstieg der Besiedlung siehe die (auch breit von H. angegebene Literatur) der Surveybefunde von P. Attema und Kollegen.
[12] Aus Personen aus etruskischen und latinischen Städten rekrutierte sich in der Zeit von 312 bis 296 v.Chr. eine zunehmende Anzahl von „neuen Männern“ in den Magistratsrängen, darunter so prominente Figuren wie Manius Curius Dentatus.
[13] Plin, nat. hist 34.43 bzw. 34.18.
[14] Womit er die in der früheren Forschung oft diskutierte Frage nach dem „generellen Charakter“ der römischen Expansion (s. Anm. 1) zu Recht ad acta legt.

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05.09.2022
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