E. Osokina: Stalin's Quest for Gold

Cover
Titel
Stalin's Quest for Gold. The Torgsin Hard-Currency Shops and Soviet Industrialization


Autor(en)
Osokina, Elena
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 316 S.
Preis
$ 36.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Merl, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Abteilung Geschichte, Universität Bielefeld

Torgsin war eine staatliche Handelsagentur der Sowjetunion, die ein Netz von Devisenläden betrieb. Nach der Eröffnung durften 1930 zunächst nur Ausländer einkaufen. Erst im Verlauf des Jahres 1931 wurden auch Sowjetbürgern Käufe erlaubt, wenn sie dafür mit Gold oder Devisen, später auch mit anderen Wertsachen zahlen konnten. 1932 wurde das Handelsnetz schnell ausgeweitet, auf dem Höhepunkt 1933 gab es 1.500 Läden. Bereits im Februar 1936 wurde Torgsin wieder geschlossen und war damit ein zentrales Instrument stalinistischer Herrschaft.

Elena Osokina beschreibt in ihrer 2009 in Russland erschienenen und nun von ihr überarbeiteten und ins Englische übersetzten Studie die Tätigkeit von Torgsin. Diese Organisation für den „Handel mit Ausländern“ erpresste 1932 und 1933 hungernde Sowjetbürger, indem sie ihnen ansonsten nicht verfügbare Grundlebensmittel anbot. Torgsin wurde als Außenhandelsorganisation eingestuft, obwohl es gar keine Güter exportierte. Vielmehr wurden Waren, die im Export 83,3 Millionen Goldrubel erbracht hätten, für 287,3 Millionen Goldrubel an die eigene Bevölkerung verkauft (S. 219). Daneben gab es ein zweites, völlig anderes Gesicht von Torgsin: Ausländern, vor allem Seeleuten, wurden gegen Devisen neben Ausrüstungsbedarf für die Schiffe diverse Dienstleistungen angeboten – auch Antiquitäten und Prostituierte. Betuchte Sowjetbürger, zumeist „sozial Fremde“, die zugleich Repressionen und Durchsuchungen der Geheimpolizei (OGPU) ausgesetzt waren, lockte Torgsin mit dem Angebot, ihre Wertsachen legal gegen ansonsten im Handel praktisch nicht erhältliche Defizitwaren einzutauschen (S. 172–173). Die Arbeit von Torgsin verstieß in jeder Beziehung krass gegen die ideologischen Grundprinzipien und die offizielle Klassenausrichtung der Partei (S. 228).

Osokina leistet mit ihrer Studie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Sowjetwirtschaft und der Natur des Stalinismus. Bei der Betrachtung des Stalinismus hebt sie Elemente hervor, die häufig übersehen werden. So habe der Markt, auch in der Form des Schwarzmarktes, für das Leben der Bevölkerung im Stalinismus eine entscheidende Rolle gespielt. Torgsin habe diese spezifische Symbiose von Plan und Markt repräsentiert und sei ein Beispiel für ein erfolgreiches staatliches Unternehmertum (S. 3). Die Strukturen des Stalinismus seien zudem keineswegs nur von oben, sondern auch aus dem Überlebenskampf der Menschen heraus geformt worden. So war auch Torgsin ein Phänomen des Alltagslebens, ein Resultat von „grassroot activities“: Vom Staat zur Finanzierung der Industrialisierung geschaffen, passten die Menschen Torgsin ihren Bedürfnissen an (S. 4, 218). Schließlich sei Torgsin auch so etwas wie ein „Flaggschiff“ des kulturvollen Handels gewesen und habe einen Beitrag zur Entwicklung einer modernen Konsumgesellschaft geleistet (S. 6).

Osokina gliedert die Studie chronologisch in vier Teile. Teil I behandelt die Schaffung von Torgsin, Fragen der Konvertibilität des Rubels, die stufenweise Öffnung 1931 für Sowjetbürger, und warum Stalin Torgsin überhaupt benötigte. Teil II schildert den Geschäftsbereich des Aufkaufs von Wertgegenständen. Vor allem war der Staat an Gold interessiert, eher widerstrebend wurden später auch Silber, Diamanten und Platin angenommen. Osokina analysiert, wie Torgsin ab 1932 durch die Organisation von Geldüberweisungen und Paketen dafür sorgte, dass die Sowjetunion auch von der Spendenbereitschaft der Emigranten, vor allem aus Nordamerika, für ihre hungernden Verwandten profitierte. Torgsin erzielte mit diesen Überweisungen stattliche 16 Prozent seiner Gesamteinnahmen.

Teil III betrachtet das Kundengeschäft und den „Alltag“ der Arbeit von Torgsin. Die von Sowjetbürgern gekauften Waren veränderten sich im Zeitverlauf: von Luxuswaren hin zu Grundlebensmitteln und ab Herbst 1933 wieder zurück zu Waren des gehobenen Bedarfs. Osokina untersucht das Verhältnis zur OGPU und zeigt auf, wie die Rivalität beider Institutionen in der Jagd nach Gold potentielle Kunden einschüchterte. Teil IV dokumentiert den Niedergang und fragt, warum die Verwandlung in ein Vorbild für den kulturvollen Handel misslang. Osokina hält fest, dass es nicht am Versagen des letzte Direktors Michail Levenson lag (S. 230). Die „Verluste“ aus den hohen Handelskosten ergaben sich nur, weil Torgsin die Wertsachen zum Aufkaufpreis an die Staatsbank abführen musste (S. 222), die hohen Profite aus diesem Geschäft also nicht Torgsin gutgeschrieben wurden. Gleichzeitig fungierte Torgsin als Wundermittel der sowjetischen Industrialisierung, das einfache und vielfach minderwertige Lebensmittel und Waren in Tonnen von Devisen und Wertsachen verwandelte. Die Autorin versucht hier, die Bedeutung von Torgsin zu quantifizieren und „Alternativen“ zu diskutieren.

Osokina belegt, dass Torgsin letztlich auch Hungerhilfe leistete, behauptet jedoch, Torgsin habe „Millionen Menschen vor dem Verhungern bewahrt“ (S. 218). Dabei suggeriert sie, es seien vor allem Bauern gewesen und Torgsin sei zu einem „peasant phenomenon“ (S. 4) geworden. Dann setzt sie auch noch die 1933 geplanten Aufkäufe in der Ukraine mit den „dying Ukraine villages“ gleich und behauptet, diese hätten 1933 fast genau so viele Wertsachen aufbringen sollen wie die Elite in Moskau (S. 81). Das erscheint überzogen. Unstrittig ist, dass Torgsin 1932 und 1933 an hungernde Sowjetbürger Grundlebensmittel wie Mehl gegen die Ablieferung von Gold, Devisen und Wertsachen verkaufte. Zu diesem Zeitpunkt herrschte auch in vielen Städten Hunger. Das Archivmaterial gibt keine Auskunft darüber, an wen Torgsin verkaufte (S. 139). Osokina stellt keine Schätzung der Kundenzahl an, und auch zur regionalen Verteilung der Verkäufe gibt es nur wenige Anhaltspunkte. Fest steht nur, dass Torgsin sein Handelsnetz 1932 und 1933 in allen Landesteilen deutlich ausweitete. Wie viele Menschen Torgsin tatsächlich vor dem Hungertod rettete oder „nur“ ihren Hunger milderte, lässt sich nicht seriös bestimmen. Osokinas Versuch, aus dem Verkauf von Goldmünzen auf Bauern zu schließen (S. 78, Goldbruch ordnet sie eher Stadtbewohnern zu), widerspricht ihren eigenen Angaben: 17,8 Millionen Goldrubel, etwa ein Drittel der Gesamtmenge, wurden erst 1934–1935 nach Ende des Hungers und definitiv nicht von Bauern verkauft (S. 83–84). Sie thematisiert nicht, wie die Deportation der Kulaken den Verbleib von Goldvorräten auf dem Lande beeinflusste. Nach Plan sollte der Anteil der Ukraine an den Aufkäufen 1933 von 20 auf 28 Prozent steigen. Doch auch in der Ukraine gehörten viele Kunden zur „Elite“, der Anteil von Bauern ist unklar.

Zu bezweifeln ist, dass Torgsin innerhalb der Ukraine überhaupt diejenigen Regionen erreichte, die die höchste Zahl von Hungertoten aufwiesen. Der Warentransport in Rajone auf der „schwarzen Liste“ (wegen der besonders geringen Erfüllung des Getreideablieferungsplans) war seit dem Spätherbst 1932 vollständig blockiert. Es kann deshalb ausgeschlossen werden, dass dorthin Torgsin-Pakete geliefert wurden oder Personen die Kontrollpunkte mit Goldmünzen und zurück mit Lebensmitteln passieren konnten. Die Einnahmen aus den Ankauf von Gold in der Ukraine blieben 1933 unter dem Plan. Die Geldüberweisungen an Hungernde in die Ukraine, überwiegend von Juden aus Nordamerika an ihre Verwandten, erbrachten mit 6,3 Millionen Goldrubeln mehr (S. 124). Nirgends reichte das Handelsnetz von Torgsin bis in die Dörfer. Die Bauern mussten deshalb grundsätzlich zu den Läden in den Städten reisen (S. 143).

Osokina lässt keinen Zweifel daran, dass Torgsin nicht gegründet wurde, um von der eigenen Bevölkerung Wertsachen zu erpressen. Die Ausweitung der Tätigkeit auf „Hungerhilfe“ ging auf Forderungen der Bevölkerung zurück. Zunächst wurde „von unten“ angeregt, die für Ausländer eingerichteten Devisenläden auch für (eher betuchte) Sowjetbürger zu öffnen, während in der Parteiführung noch ideologische Vorbehalte dominierten (S. 21–22, 33–34). Ebenso bewirkten die Menschen, dass der Schwarzmarkt zu einem integralen Bestandteil von Torgsin wurde (S. 7).

Osokina betont Torgsins entscheidenden Beitrag zur Industrialisierung. Unstrittig ist, dass 1932 und 1933 das von der Bevölkerung erpresste Gold zur Reduzierung des Zahlungsbilanzdefizits genutzt wurde und 1933 mit 53 Prozent sogar den überwiegenden Anteil erlangte (45 Millionen Tonnen) (S. 62–65). Insgesamt wurden zwischen 1932 und 1935 von den Sowjetbürger fast 100 t pures Gold erpresst, die Dalstroi-Häftlinge förderten gleichzeitig nur 20 Tonnen (S. 3). Doch die Antwort auf Osokinas Frage, was denn ohne das Torgsin-Gold passiert wäre, ist vermutlich wenig spektakulär. 1932 befanden sich schon fast alle für die Industrialisierung benötigten Ausrüstungsgegenstände in der Sowjetunion. Ohne das Torgsin-Gold hätte sich wohl lediglich die Rückzahlung der Kredite an Deutschland über eine längere Phase gestreckt. Am Rande sei bemerkt, dass Stalins forcierte Industrialisierung überhaupt nur von der Weltwirtschaftkrise ermöglicht wurde. Nur wegen der Krise konnte die Sowjetunion überhaupt (arbeitslose) hochspezialisierte Fachkräfte anwerben, nur deshalb stellte Deutschland günstige Kredite bereit.

Osokina präsentiert eine Geschichte des Sowjetalltags und beschreibt die typische Desorganisation, das Fehlen von zielgerichteter Koordination und Kompetenzüberschneidungen. Zugleich förderte das Defizit an allen Waren die Korruption. Ohne den Schwarzmarkt konnte die Wirtschaft nicht funktionieren. Die geschilderten Schwächen waren für den Sowjethandel insgesamt typisch: die geringe Qualifikation der Beschäftigten, Diebstähle und Unterschlagungen durch die Mitarbeiter, mit denen sich viele Beschäftigten einen Zugang zum Schwarzmarkt verschafften. Die Torgsin-Verkäufer fühlten sich als Elite und blickten arrogant auf Kunden (S. 194). Selbst bei Torgsin fehlten immer wieder die begehrten Grundnahrungsmittel. Traf Mehl ein, bildeten sich sofort lange Schlangen. Auch Torgsin griff zu den bewährten Mittel des Sowjethandels, die vielen Ladenhüter mit Zwang an Kunden zu bringen: begehrte Waren wie Mehl wurden gelegentlich nur „im Sortiment“, also in Verbindung mit nicht benötigten Waren verkauft. Die Handelskosten waren hoch, auch weil viele Güter unverkauft verdarben. Profit brachte nur der Handel in den Seehäfen, doch hier wurden nur 3,5 Prozent der Einnahmen erzielt (S. 171).

Stalins Anweisung an die OGPU, Torgsin zu unterstützen (S. 174), wurde nur bedingt nachgekommen. Immer wieder kam es zu illegalen Beschlagnahmen (S. 172–173). Die willkürliche Verhaftung von Kunden machte den Einkauf zu einem Risiko: Der Sowjetalltag habe „laufend Heldentum, Wagnis und Aufopferungsbereitschaft“ verlangt (S. 6, 183–184). Osokina schildert auch Alltagsstrategien: So suchten die Leute Torgsin-Läden in anderen Regionen auf. Besonders misstrauisch seien Bauern gewesen. Sie hätten Käufer beobachtet und nach Hause begleitet, um zu prüfen, ob Gefahr bestand.

Dankenswert ist, dass Osokina im Tabellenanhang wichtige Statistiken präsentiert (S. 235–250). Sie führt auch viele eigene Berechnungen durch, so auch zur Frage, in welchem Maße Torgsin die Goldvorräte der Bevölkerung abschöpfte. Sie bestimmt den Anteil des Goldbergbaus an der verfügbaren Goldmenge und versucht die Effizienz der Arbeit von Torgsin zu ergründen. Das Torgsin-Gold kostete dem Staat weniger als die Goldgewinnung im Bergbau, zudem lagen die Kosten erheblich unter dem Weltmarktpreis (S. 226).

Osokina präsentiert in ihrer grundlegenden Studie zwei Geschichten: die von Torgsin, das von 1931 bis zu seinem Ende „betuchte“ Klassenfeinde mit Luxuswaren versorgte, und eine andere, wobei Torgsin von hungernden Sowjetbürger, darunter Bauern, Gold, Devisen und andere Wertsachen gegen Grundlebensmittel erpresste. Ihre Studie ist auch deshalb einem breiten Leserkreis zu empfehlen, weil sie mit ihrer dichten Beschreibung zugleich ein genauso eindrucksvolles wie erschreckendes Bild vom Sowjetalltags und dem Überlebenskampf der Bevölkerung vermittelt. Ihr gelingt es damit, die Perspektive von Stalin weg auf die Bevölkerung zu lenken. „This reveals one of Torgsin‘s biggest secrets: it was not only a government project but also, and largely, the creation of people who, by trying to survive famine, unwittingly and sometimes unwillingly helped the cause of industrialization.“ (S. 218)

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10.03.2022
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