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Titel
Karl Dietrich Erdmann. Historiker, Wissenschaftsorganisator, Politiker


Autor(en)
von Bassi, Arvid
Reihe
Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte (129)
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 464 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Jordan, Historische Kommission, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München

Karl Dietrich Erdmann (1910–1990) gehörte jener Generation von Historikern an, die in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus ihre akademische Ausbildung erhielten und ihre Karriere begannen. Diese setzten sie unter veränderten politischen Vorzeichen in der Bundesrepublik fort, wo sie aufgrund ihrer „Vorgeschichte“ zu – heute umstrittenen – Gründergestalten einer demokratischen Geschichtswissenschaft wurden. Aus eben diesem Spannungsverhältnis zwischen opportunistischer Andienung an das NS-System bzw. bereitwilligem Mitmachen einerseits sowie der politischen Umorientierung nach 1945 und der Etablierung eines neuen Wissenschaftsverständnisses und -systems andererseits resultiert die besondere Aufmerksamkeit, die dieser Alterskohorte (bundes-)deutscher Historiker zuteilwurde. Sie führte – angestoßen vor allem durch die Diskussionen über die deutsch(sprachig)en Historiker im Nationalsozialismus auf dem Frankfurter Historikertag 1998 – nicht nur zu zahlreichen thematisch angelegten Sammelbänden, sondern auch zu einem verstärkten biografischen Interesse. So organisierte Karel Hruza als Herausgeber das vergleichende Projekt über „Österreichische Historiker 1900–1945“ (3 Bde., 2008–2019).[1] Monografien entstanden über (die etwas älteren) Gerhard Ritter (1888–1967), Hans Rothfels (1891–1976), Karl Alexander von Müller (1882–1964) und Erich Maschke (1900–1982) sowie über die mit Erdmann etwa gleich alten Werner Conze (1910–1986) und Theodor Schieder (1908–1984).[2]

Wie bei vielen Vertretern seiner Generation war Erdmanns Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus von vielschichtigen Motiven bestimmt, einem Gemisch aus Sympathie und Ablehnung. Der 1910 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Mülheim am Rhein geborene Erdmann war zeitlebens bekennender Protestant. Nach der Promotion bei Wilhelm Mommsen in Marburg ging er 1934 in den Schuldienst. Arvid von Bassi charakterisiert Erdmanns politische Position als „Annäherungen an das ‚neue Deutschland‘ bei gleichzeitiger Distanz zur totalitären Programmatik des NS-Regimes“ (S. 63). Als seiner Verlobten 1938 zunächst der „Ariernachweis“ verweigert wurde, trat Erdmann aus dem Beamtenverhältnis aus, um sie heiraten zu können. Nach Erteilung des Nachweises kehrte er im August 1939 allerdings in den Schuldienst zurück und arbeitete danach an der Schulbuchreihe „Das Erbe der Ahnen“ mit, die für eine Ausrichtung des Unterrichts nach NS-ideologischen Vorgaben konzipiert war. Am Weltkrieg nahm er von 1939 bis 1945 teil, seit 1943 als Offiziersausbilder, zuletzt hochdekoriert im Rang eines Majors.

Von Bassis Darstellung dieser Lebensphase Erdmanns basiert ebenso wie die folgenden Abschnitte auf einer ausgedehnten Quellenbasis. Sie ist in ihrem Urteil kritisch und abgewogen: Weder ist – wie so häufig bei Biografien – eine Identifikation des Autors mit seinem Protagonisten festzustellen noch durchziehen moralisierende Passagen das Bild. Von Bassi bezieht die „Privatperson“ Erdmann nur so weit in seine Studie mit ein, wie es für die Erhellung der „öffentlichen Person“ notwendig ist; er verzichtet auf ausschweifende Darstellungen der Randpersonen und der zeitgenössischen Gegebenheiten, sodass seine Biografie nicht dem Typus des Lebensbilds entspricht, sondern als nüchterne Wissenschaftlerbiografie vor allem einen Beitrag zur Histotoriografiegeschichte leistet.

Dieser Beitrag wird besonders in den folgenden vier Kapiteln deutlich, die den Aufstieg Erdmanns zu einem der einflussreichsten Historiker in der frühen Bundesrepublik skizzieren. Bald nach Kriegsende auf seine Lehrerstelle zurückgekehrt, wurde er noch 1945 Assistent des Kölner Universitätsrektors und wechselte 1946 an den Lehrstuhl von Peter Rassow, bei dem er sich im Folgejahr habilitierte. 1950 wurde Erdmann Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission und bemühte sich als solcher um eine deutsch-französische Verständigung. Kurzzeitig Vertretungsprofessor in Tübingen, folgte er 1953 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte nach Kiel, wo er trotz mehrerer anderer Angebote bis zu seiner Emeritierung 1978 lehrte.

Von Bassi führt Erdmanns erfolgreiche Karriere auf mehrere Faktoren zurück. So habe dieser frühzeitig zur französischen und englischen Geschichte geforscht und diese Sprachen fließend beherrscht. Mit klarer Kante gegenüber dem Kommunismus und der DDR näherte er sich zunehmend der Adenauer-Politik an, der Idee einer Integration der Bundesrepublik in den „Westen“ sowie dem Europagedanken, und öffnete sich Ende der 1960er-Jahre einer auf Dialog setzenden Verständigungspolitik mit dem Ostblock. Hinzu kam eine parteipolitisch moderate Position als CDU-Mitglied, das mit Hinblick auf die christliche Soziallehre als „Grenzgänger“ (S. 351) Brücken zur Sozialdemokratie schlagen konnte. Schließlich blieb Erdmann engagierter Christ, trat bei Kirchentagen in Erscheinung und gab den maßgeblichen Anstoß für den Bau der Kieler Universitätskirche, die 1965 eingeweiht wurde.

Innerhalb der traditionellen Ordinarienstruktur, die die westdeutsche Geschichtswissenschaft bis in die 1960er-Jahre bestimmte, zählte Erdmann zu den mächtigen Großordinarien, was in der Vielfalt seiner Ämter zum Ausdruck kam: So gründete er 1950 mit „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ (GWU) die bis heute auflagenstärkste Fachzeitschrift und blieb bis kurz vor seinem Lebensende Mitherausgeber. Durch den Vorsitz im deutschen Historikerverband 1962–1967 und im Weltverband Comité International des Sciences Historiques (CISH) 1975–1980 wirkte er als einflussreicher Repräsentant seines Fachs, vor allem mit seinem Bemühen um Vermittlung zwischen den Kollegen in Ost und West. Dieses stand auch im Mittelpunkt seines Bandes über die Geschichte der Internationalen Historikerkongresse, „Die Ökumene der Historiker“ (Göttingen 1987), mit dessen Titel er ein Schlagwort prägte und der bis heute als wissenschaftsgeschichtliches Standardwerk gilt. Besondere Bedeutung im fachlichen wie politischen Sinne gewann Erdmann als Vorsitzender des Deutschen Bildungsrats 1966–1970.

Hinsichtlich des wissenschaftlichen Profils konzentriert sich von Bassis Kieler Dissertation neben der „Ökumene der Historiker“ auf Erdmanns Beteiligung an der Fischer-Kontroverse, in der Erdmann seine gegen Fischer gerichtete Position durch die Edition der Riezler-Tagebücher 1972 zu untermauern suchte. Allerdings setzte er sich hierbei wegen seines Umgangs mit den Quellen dem ungeklärten Vorwurf einer Manipulation bzw. sogar Fälschung der von ihm veröffentlichten Materialien aus. Erdmanns mehrfach aufgelegte und neu bearbeitete Darstellungen im Rahmen der 8./9. Auflage des „Gebhardt“ (Bd. 4, 1959/73), die die Zeitraum 1914–1949 umfassen, galten lange Zeit als Standardwerk. Verstörung, vor allem in Österreich, löste Erdmann gegen Ende seines Lebens mit einem „großdeutsch“ angelegten Projekt unter dem Titel „Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk?“ aus, das er nicht mehr realisieren konnte.

Letztgenanntes Projekt mag als Beleg dafür dienen – und von Bassi nimmt es als solchen –, dass Erdmann vom Geist seiner Zeit überholt wurde: Dem historistischen Geschichtsparadigma verhaftet, methodisch wenig reflektiert und dem nationalen Gedanken an einen gesamtdeutschen Staat unter Einbezug Österreichs – wenngleich in europäischem Kontext – verpflichtet, war Erdmann Vertreter eines Geschichtswissenschaftsverständnisses, das seit den 1970er-Jahren zunehmend obsolet wurde. Sein „Gebhardt“-Beitrag, der den Holocaust nur am Rande thematisiert, ist heute weitgehend nur noch von wissenschaftsgeschichtlichem Wert. „Jüngeren Studierenden der Geschichtswissenschaft ist sein Name in der großen Mehrzahl überhaupt kein Begriff mehr“, stellt von Bassi fest (S. 409).

Hat sich angesichts dieser als Resümee fungierenden Einsicht die enorme Anstrengung Arvid von Bassis gelohnt, von der nicht nur der Detailreichtum seiner Darstellung, sondern auch ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis zeugen? Nein, wird man antworten müssen, wenn man sich mit biografischem Interesse diesem Band nähert, der das Leben eines inzwischen nahezu Vergessenen thematisiert. Anders lautet die Antwort dagegen, wenn man von Bassis Arbeit, wie er selbst es tut, als einen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte versteht. Denn nur wenn sich die Geschichtswissenschaft das Werden und die Charakteristika früherer Protagonisten und ihrer Werke verdeutlicht – zumal für die politische brisante Phase bei der Systemtransformation nach 1945 –, kann sie Klarheit über ihre eigene Herkunft erlangen.

Anmerkungen:
[1] Karel Hruza (Hrsg.), Österreichische Historiker 1900–1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts, 3 Bde., Wien 2008–2019.
[2] Christoph Cornelißen, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001; Jan Eckel, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2005; Matthias Berg, Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus, Göttingen 2014; Barbara Schneider, Erich Maschke. Im Beziehungsgeflecht von Politik und Geschichtswissenschaft, Göttingen 2016; Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001; Jan Eike Dunkhase, Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010; Christoph Nonn, Theodor Schieder. Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2013.

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19.07.2022
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