M. Gailus (Hrsg.): Elisabeth Schmitz

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Titel
Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung. Konturen einer vergessenen Biographie (1893-1977)


Autor(en)
Gailus, Manfred
Erschienen
Berlin 2008: Wichern-Verlag
Anzahl Seiten
234 S., 15 Abb.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ursula Büttner, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Das Versagen der Evangelischen Kirche angesichts der nationalsozialistischen Judenverfolgung gehört zu den bedrückendsten Kapiteln ihrer Geschichte. Um so mehr Beachtung fanden deshalb seit je die wenigen Zeugnisse der Protestanten, die für die Verfolgten eintraten, zu helfen und ihre Kirche zu einem öffentlich vernehmbaren Protest zu bewegen versuchten, wobei sie teilweise zu neuen theologischen Konzeptionen über das Verhältnis von Christen und Juden vordrangen. Zu diesen seltenen Dokumenten gehört eine namentlich nicht gezeichnete Denkschrift von 1935/36, die seit 1948 bekannt ist, aber mehr als 50 Jahre lang in der historischen Literatur einer falschen Urheberin zugeschrieben wurde.[1] Erst 1999 gelang es einer Außenseiterin, der Pfarrerin Dietgard Meyer, die wahre Verfasserin durch Belege in deren Nachlass zu identifizieren: Es war die Berliner Gymnasiallehrerin für Religion, Geschichte und Deutsch, Dr. Elisabeth Schmitz.[2] Schon früher war sie durch einen Brief aufgefallen, in dem sie nach der Pogromnacht von 1938 mit ungewöhnlicher Weitsicht die drohende physische Vernichtung der Juden voraussagte.[3] Jetzt wurde deutlich, dass dies keine einzelne, spontane Äußerung ihres Entsetzens war, sondern Ergebnis einer langen, genauen und mitfühlenden Beobachtung der alltäglichen Judenverfolgung und Resultat einer eindeutigen religiös-ethischen Position. Als „Exkurs“ in einem Buch über eine andere Theologin versteckt, erreichten Dietgard Meyers wichtige Erkenntnisse jedoch nur einen kleinen Kreis von Fachleuten. Manfred Gailus und der Evangelischen Akademie zu Berlin gebührt deshalb Dank, dass sie mit einer Tagung an Elisabeth Schmitz erinnerten und die Beiträge in teilweise erheblich erweiterter Form und um einen wissenschaftlichen Apparat ergänzt in dem hier besprochenen Band zugänglich machen. In der abschließenden annotierten Dokumentation der Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ (S. 191-223) und des erwähnten Briefes (S. 223-226) kommt Elisabeth Schmitz selbst zu Wort.

In ihrer Denkschrift trug sie eine Fülle von Beispielen für die Not der Juden und die Mitwirkung von Ämtern, Nachbarn, Kollegen, Geschäftspartnern, Lehrern an der alltäglichen Verfolgung der Verfemten zusammen, und sie verband diesen durch die nüchterne Konkretion besonders erschütternden Bericht mit einem eindringlichen Appell an die verantwortlichen Männer der Kirche, das ihnen aufgetragene Wächteramt gegenüber Volk und Staat endlich wahrzunehmen. Auch mit der Bekennenden Kirche, der sie angehörte, ging sie dabei (und immer wieder in Briefen) hart ins Gericht: „Daß es aber in der Bek. Kirche Menschen geben kann“, die „dem Judentum in dem heutigen historischen Geschehen und dem von uns verschuldeten Leiden Gericht und Gnade Gottes zu verkündigen [wagen], ist eine Tatsache, angesichts deren uns eine kalte Angst ergreift. Seit wann hat der Übeltäter das Recht seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben?“ (S. 211) Für sich selbst zog Schmitz nach der Pogromnacht die Konsequenz, dem verbrecherischen Staat nicht länger zu dienen, und ließ sich mit 45 Jahren pensionieren. Nachdem sie eine „rassisch“ verfolgte Freundin von 1933 bis zur Auswanderung Ende 1938 bei sich aufgenommen hatte, beteiligte sie sich nach dem Beginn der Deportationen an der Hilfe für illegal in Berlin lebende Jüdinnen und Juden. Nach der Ausbombung kehrte sie 1943 in ihre Heimatstadt Hanau zurück, wo sie von Mai 1946 bis zur endgültigen Pensionierung 1958 wieder im Schuldienst arbeitete.

Dietgard Meyer, die zu Schmitz’ Berliner Schülerinnen gehörte, bereichert im ersten Beitrag ihren knappen biografischen Überblick mit persönlichen Erinnerungen an die Lehrerin und spätere mütterliche Freundin. Anschließend berichtet Gerhard Lüdecke über die Entdeckung ihres schriftlichen Nachlasses in einem Kirchenkeller in Hanau im Herbst 2004. Neben persönlichen Dokumenten über die Eltern, die Schul-, Studien- und Berufszeit sowie Entschädigungsfragen, die weitere Einblicke in ihre Biografie ermöglichen, enthielt der überraschende Fund vor allem die handschriftliche Urfassung ihrer Denkschrift. Die Feststellung in Hartmut Ludwigs Beitrag über die Denkschrift, das Original sei bisher nicht gefunden worden (S. 93), ist dadurch überholt, das Faksimile einer Originalseite wenig später beigefügt (S. 96). Manfred Gailus geht Schmitz’ liberaler Prägung im engeren Schülerkreis ihrer wichtigsten Universitätslehrer, des Theologen Adolf von Harnack und des Historikers Friedrich Meinecke, nach. Interesse und Begabung prädestinierten sie für die wissenschaftliche Theologie, aber als Frau hatte sie auf diesem Weg keine Chance. Gailus’ abschließende Betrachtung über die Bedeutung der liberalen Theologie für Schmitz’ widerständiges Verhalten verdient besondere Beachtung und vertiefende Forschung, da auch andere Beispiele in diese Richtung weisen.[4] Rolf Hensel erweitert seinen Beitrag über Elisabeth Schmitz’ Wirken und Erfahrungen als Studienrätin an Berliner Mädchenoberschulen zu einem Überblick über Verfolgung und Resistenz im Schulalltag der Stadt.

Besonders spannend ist es, Schmitz’ Sonderstellung in ihrer Kirche zu beobachten: Hartmut Ludwig nennt gute Gründe dafür, dass ihre Denkschrift der 3. Bekenntnissynode Ende September 1935 nicht einmal vorgelegt wurde (wie bisher meistens angenommen), und zeigt, wie weit führende Männer auch der Bekennenden Kirche durch antijüdische Vorbehalte von Schmitz getrennt waren (S. 93-127). Ihre vergeblichen Bemühungen seit 1933, den einflussreichen Mentor der Bekennenden Kirche, Karl Barth, zum Einsatz für die verfolgten Juden zu drängen, unterstreicht ihre Sonderstellung. Leider konnte Marlies Flesch-Thebesius in ihrem kurzen Beitrag über den Schriftwechsel mit Karl Barth (S. 83-92) nur Auszüge von Schmitz’ Briefen auswerten. Sie lassen ihre anspruchsvolle theologische Argumentation und ihr waches kirchenpolitisches Interesse erkennen, ihre Eigenständigkeit bei der „Judenfrage“, aber auch bei der Verteidigung des liberalen Protestantismus. Die Frage nach Schmitz’ theologischer Position und Bedeutung wird im Beitrag von Andreas Pangritz über ihre Beziehung zu Barths Schüler und Berliner Wortführer, Helmut Gollwitzer, weiter vertieft (S. 163-182). Durch ihre eindringlichen Mahnungen trug sie entscheidend dazu bei, dass Gollwitzer sich in seiner viel zitierten Bußtags-Predigt nach der Pogromnacht 1938 zu einer klaren Verurteilung des Verbrechens durchrang. Wie ein Seitenblick auf die allmähliche Entwicklung von Barths Israel-Theologie darüber hinaus zeigt, war Elisabeth Schmitz mit ihrer Einstellung den bedeutenden Theologen ihrer Zeit voraus. Aber sie war nicht allein. Wie sie engagierte sich eine Freundin aus der Berliner Bekennenden Kirche, die Botanik-Professorin Elisabeth Schiemann, in Wort und Tat für die verfolgten Juden und Christen jüdischer Herkunft, und noch schärfer als Schmitz warf sie führenden Vertretern der Bekennenden Kirche ihre geistige Mitschuld an der Entrechtung der Minderheit vor. Über diese Mitstreiterin berichtet Martina Voigt in einem kenntnisreichen Aufsatz (S. 128-162).

In dem Buch wird eine bedeutende Frau und Theologin in ihrer Umgebung vorgestellt. Ihre Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ verdient es, neben den bekannten Texten von Dietrich Bonhoeffer und wenigen anderen Theologen als ein zentrales Dokument der Solidarität mit den verfolgten Juden gewürdigt zu werden. Ihre Korrespondenz lässt Ansätze einer zukunftweisenden Israel-Theologie erkennen. Vielleicht kann der Band helfen, Elisabeth Schmitz einen Platz in der kirchlichen Erinnerungskultur zu sichern. Zu wünschen wäre es.

Anmerkungen:
[1] Zuerst erwähnt bei: Niemöller, Wilhelm, Kampf und Zeugnis der Bekennenden Kirche, Bielefeld 1948, S. 455, abgedruckt mit der falschen Verfasserangabe „Marga Meusel“, in: ders. (Hrsg.), Die Synode zu Steglitz. Die dritte Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, Göttingen 1970, S. 29-58.
[2] Meyer, Dietgard, Die Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“, in: Erhart Hannelore; Meseberg-Haubold, Ilse; Meyer, Dietgard, Katharina Staritz 1903-1953. Dokumentation, Bd. 1: 1903-1942, mit einem Exkurs: Elisabeth Schmitz, Neukirchen-Vluyn 1999, S. 185-269.
[3] Elisabeth Schmitz an Helmut Gollwitzer, 24. November 1938, auszugsweise abgedruckt bei: Röhm, Eberhard; Thierfelder, Jörg (Hrsg.), Juden, Christen, Deutsche 1933-1945, Bd. 3: 1938-1941, Stuttgart 1995, S. 68.
[4] Graf, Friedrich Wilhelm, „Wir konnten dem Rad nicht in die Speichen fallen“. Liberaler Protestantismus und „Judenfrage“ nach 1933, in: Kaiser, Jochen-Christoph; Greschat, Martin (Hrsg.), Der Holocaust und die Protestanten. Analysen einer Verstrickung, Frankfurt am Main 1988, S. 151-185.

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25.06.2008
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