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Titel
Religiöse Reserven. Eine Ethnographie des Überlebens in Palermo


Autor(en)
Gronover, Annemarie
Erschienen
Münster 2007: LIT Verlag
Anzahl Seiten
240 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Thomas Peter Funk, Berlin

Seit Anfang der 1980er-Jahre bemüht sich die „Antimafiabewegung“, die Macht der Mafia in Palermo zurückzudrängen, Klientelismus, Armut und Korruption zu bekämpfen und zivilgesellschaftliche Strukturen zu etablieren. Annemarie Gronover beschreibt in ihrer Dissertation „Religiöse Reserven. Eine Ethnographie des Überlebens in Palermo“ die Strategien eines Antimafiapriesters, der in Palermos Elendsviertel la Kalsa versucht, religiösen Einfluss zu gewinnen und „heiliges Territorium“ zu erschließen – durch Armenfürsorge, Missionstätigkeit und symbolische Markierung des städtischen Raums. Ausgangspunkt ihrer Ethnographie war die Frage nach einer möglichen zivilgesellschaftlichen Relevanz von Institutionen wie der Patronage und des Klientelismus. Folglich kann ihre Arbeit als ein Beitrag zur Thematisierung der aktuellen Rückkehr der Religion in den öffentlichen Raum und deren Rolle als Akteur der Zivilgesellschaft im Neoliberalismus gelesen werden. Denn Gronover beleuchtet Ansprüche der Kirche auf Stärkung individueller wie kollektiver Handlungsfähigkeit in einem Umfeld, das vom Rückbau bzw. der Abwesenheit staatlicher Sozialsysteme geprägt ist.

Nach einem einleitenden Kapitel über ihren Einstieg in das Forschungsfeld, über Problemstellung und Methoden (S. 3-47) beschäftigt sich das erste Kapitel mit der Geschichte der Kirche SS. Trinità – la Magione (S. 48-70). Das zweite Kapitel thematisiert „die Heilung von Menschen und die Sakralisierung ihrer Umwelt“ – die Verortungsprozesse der Akteure in der Gemeinde, die Strategien der symbolischen Wiederaneignung des städtischen Raums, die Tauschverhältnisse, die sich in der Armenfürsorge etablieren (S. 71-163). Ein drittes Kapitel beschreibt die Kirchengemeinde, „die mansio als Heilige Familie – ihre sakrale Repräsentation und rituelle Verehrung“ (S. 164-192). Eine Zusammenfassung schließt das Buch ab.

Gronover nahm 18 Monate am Leben der Kirchengemeinde SS. Trinità – La Magione in Palermo teil, wobei ihre Suche nach Authentizität ausschlaggebend für die Wahl dieser Gemeinde war: „In diesem ‚Feld’ scheinen Padre Pio, all die anderen Heiligen und sakraler Kitsch keine Rolle zu spielen – im Gegenteil, hier meine ich das reale Leben zu finden“ (S. 19). Ihr Forschungsfeld konstruiert Gronover als eine Gemeinschaft, in der sich soziale und räumliche Strukturen weitgehend decken: „Das methodische Problem der Eingrenzung des Forschungsfeldes in einem städtischen Raum löste ich dadurch, dass ich mich auf einen abgegrenzten Raum konzentrierte, an welchem ich eine klassische community vorgefunden zu haben glaubte – eine mehr oder weniger Gemeinschaft, deren Außenbeziehungen studiert werden können“ (S. 40).
Mit ihren Methoden wollte Gronover flexibel auf das Feld reagieren, als dessen Teil sie sich begreift und das die gleichzeitige und ineinander greifende Anwendung verschiedener Methoden erfordere. Im Zentrum stand die teilnehmende Beobachtung, des Weiteren greift sie auf lebensgeschichtliche und Experteninterviews sowie auf die Analyse von Archiv-, Foto- und Filmdaten zurück. Mit ihrer Ethnographie möchte sie eine „dichte Beschreibung“ im Sinne Geertz` liefern, eine Darstellung von Bedeutungsstrukturen und sozialen Diskursen.

Gronover begreift Religion als „Reserve“ und „regenerative Kraft“ der Gesellschaft. Dieses universale Funktionsmodell von Religion gewinnt die Autorin aus der Analyse einer Prozession vom Schrein der Heiligen Rosalia außerhalb Palermos durch die Stadt. Die Prozession beschreibt sie als „eine Pendelbewegung zwischen Landschaft und Stadt – eine regenerative Praxis, durch die aus der Natur, in der die Heilige ursprünglich lebte und wo sich ihr heiliger Ort noch befindet, eine heilende Kraft geschöpft wird. Mit jener Kraft soll sowohl der städtische Raum als auch der Mensch geheilt und geheiligt werden“ (S. 16). Hiervon abgeleitet bezeichnet Gronover „heilige Orte, Kräfte und Körper [...], deren historisches Potential von Gläubigen erkannt und für die Gegenwart handlungsstrategisch in rituellen Praktiken wieder belebt und genutzt wird“, als „ideelle und materielle religiöse Reserven“ (S. 18). Diese ermöglichen Akteuren Handlungsfähigkeit, bieten Narrative für die Legitimierung des Handelns und stellen ein unerschöpfliches Kraftpotential dar. Als einen solchen „Heilsort für Menschen und als Ursprung regenerativer Kräfte“ (S. 25) beschreibt Gronover die Kirche SS. Trinità – La Magione.
Zunächst bettet Annemarie Gronover die Aktivitäten dieser Kirche in deren historischen Kontext ein. Bereits nach ihrer Gründung 1190 zeichnet sich die Kirche als Stätte wohltätiger Armenfürsorge, als Herberge für Kreuzfahrer und als Zentrum der Missionierung und der „Verteidigung des Glaubens“ aus. Gronover stellt dar, wie der Pfarrer der Gemeinde die Etymologie des Begriffs Magione (von mansio = Haus, Bleibe, Aufenthalt) wie auch die historischen Narrative der Gemeinde als „Reserven“ nutzt, um die Kirche als wirtschaftliches und politisches Zentrum zu legitimieren. Mit der Ansiedlung finanzkräftiger Orden und Bruderschaften schafft der Pfarrer eine materielle Basis für seine karitative Arbeit. Sein Ziel ist eine Revitalisierung der historischen Subsistenzwirtschaft der mansio und die „kollektive Emanzipation und gesellschaftliche Vermenschlichung“ (S. 70) des Viertels.

Im folgenden Kapitel analysiert Gronover „die Heilung von Menschen und die Sakralisierung ihrer Umwelt“ (S. 71-163) anhand der Strategien des Priesters, das Territorium la Kalsa um das Zentrum der Basilika symbolisch zu besetzen und der Mafia die Hegemonie im Viertel abzuringen. Nach einem kurzen Abriss der Geschichte der Antimafiabewegung schildert Gronover am Beispiel der Sanierung der zentralen Piazza Magione, wie öffentliche, zivilgesellschaftliche Orte geschaffen werden, in denen sich divergente Interessen artikulieren, und sie beschreibt Prozesse, in denen sich Menschen in der Gemeinde „verorten“. Der Pfarrer bietet Hilfesuchenden neue Tätigkeitsgebiete und Verdienstmöglichkeiten in der Gemeinde sowie spirituelle Sinnangebote für die Regeneration ihrer individuellen Handlungsfähigkeit an. Im Gegenzug erwartet er Loyalität und Solidarität und schafft damit ein Verhältnis zwischen Pfarrer und Hilfesuchenden, das – von Gronover als „eine Art schiefes Patron-Klient-Verhältnis“ (S. 101) bezeichnet – auf einer Hilfe zur Selbsthilfe basiert, durch die das Angewiesensein auf Hilfe und Patronage überwunden werden können.

Dieses Tauschmodell zwischen Pfarrer und Bewohner/innen des Quartiers la Kalsa sieht Gronover als gescheitert. Statt die Herausbildung der Zivilgesellschaft zu befördern, bleibe das Hilfsprojekt paternalistischen Strukturen verhaftet. Durch materielle Hilfeleistungen wolle der Pfarrer Zugang zur Bevölkerung finden, um seine Missionstätigkeit zu fundieren. Gronover identifiziert Gegen-Taktiken der Anwohner, in denen ein eigensinniges Aushandeln der Machtbeziehungen sichtbar wird. Hilfeempfänger verweigern die von ihnen geforderte Gegengabe des Messbesuchs und wehren Eingriffe in ihre Privatsphäre ab. Gronover beschreibt Versuche der Hilfeempfänger, eine stärkere Position in der Patron-Klient-Beziehung auszuhandeln und die Beschämung durch das Angewiesensein auf Gaben zu vermeiden, zum Beispiel indem Verträge eingegangen werden, in der festen Absicht, sie zu brechen, oder Gaben empfangen werden, ohne sie zu erwidern. Sie macht darin eine „eigene Logik des Überlebens“ (S. 124) der „Professionellen der Armut“ aus. Gronover relativiert damit ethnologische Stereotype eines süditalienischen „amoralischen Familismus“, der Familien Passivität und Fatalismus in der Konfrontation mit der Außenwelt zuschreibt.

Ferner beschreibt die Autorin Strategien der mansio, sich sukzessive den städtischen Raum um die Basilika symbolisch anzueignen, um das Viertel zu „resakralisieren“. Dies geschehe zuallererst über die Nutzung „architektonischer Ressourcen“. Mehrere Kirchenbauten wurden renoviert; hier verorten sich Kongregationen und Bruderschaften, die kirchliche Werte wie Jungfräulichkeit, Familie, Wohltätigkeit verkörpern. Den Zusammenhang dieser Orte als „Zeichen“ und „Symbole“ liest Gronover als eine sinnvolle Struktur, die soziale Stabilität befördere und einen „religiösen Kosmos mit der mansio im Zentrum“ (S. 140) bilde.

Doch bei der Lektüre entstehen einige Unklarheiten, und die Argumentation weist Unschärfen auf. So bleibt Gronovers Begriff der „Reserve“ schillernd und wenig trennscharf: „Wie die religiösen Ressourcen, so bilden auch Chaos und Ordnung inhärente Reserven der Gesellschaft.“ (S. 196) Der Status der Reserve zwischen Container und Konstruktion, zwischen Neuerfindung und Revitalisierung bleibt dabei diffus. Oftmals wirken Gronovers Konzepte archaisierend: ein statischer Raum, ein Schatzkästlein der Erinnerung, ein ewiger Kosmos, zyklische Zerstörung und Regeneration.

Gerade in ihrer Darstellung des Scheiterns des Sozialsystems, der Schattenwirtschaft und des „Assistentialismus“, also der Verstetigung der Abhängigkeiten von Hilfsorganisationen, deren Anspruch der Hilfe zur Selbsthilfe nicht eingelöst werde, beruft sich die Autorin auf nur wenige Quellen, vorwiegend aus dem Umkreis der katholischen Gemeinde selbst. Oft bleibt daher unklar, ob Gronover ihre eigene Position darlegt oder die des Pfarrers und der Intellektuellen aus dem Umfeld seiner Kirchenzeitung wiedergibt. Auch die allein lokale Perspektive erscheint problematisch. Die Einbettung des Pfarrers in die Kirchenhierarchie wird nicht thematisiert; lediglich am Rande erwähnt Gronover Spannungen mit dem Bischof als Weisungsbefugtem. Ein eingehender Bezug zu Debatten um neoliberale Stadtentwicklung und Sozialpolitik wie auch eine kritische Diskussion des Begriffs der Zivilgesellschaft hätten sicherlich geholfen, die Arbeit der Kirchengemeinde in ihrem Kontext besser zu verstehen.

So lässt ihr Verständnis des Mittelmeerraums als „Laboratorium“, in dem die „Belastbarkeit, Elastizität, Nachgiebigkeit und Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft“ ebenso zu untersuchen sei wie die Frage, „ob so prominenten gesellschaftlichen Institutionen wie der Patronage und des Klientelismus nicht auch zivilgesellschaftliche Kräfte innewohnen“ (S. 24), den Leser an neoliberale Konzepte einer Bewirtschaftung des Felds des Sozialen nach dem Prinzip des „Trial and Error“ und der „Ausschöpfung endogener Potentiale“ denken und die Verwertbarkeit ethnologischer Forschung im Sinne einer Politik der „schöpferischen Zerstörung“ sozialer und sozialstaatlicher Strukturen befürchten. Die Rede von einer culture of poverty in Begriffen wie „kulturellen Grammatiken“ und „Überlagerungsmentalitäten“ (S. 109) lastet letztlich den Individuen die Verantwortung für ihre Armut an und entlastet damit Politik und Ökonomie. Gronovers unkommentierte Wiedergabe der Hoffnungen des Pfarrers auf die erlösende Macht von Religion wirkt in diesem Kontext fast zynisch: „Wenn er [der Pfarrer] sagt, Armut sei eine Mentalitätssache, ist dies von seiner Warte aus nicht abwertend gemeint. Im Gegenteil, seine Arbeit möchte Strukturen verändern – mit Hilfe des Heiligen Geistes. Auch eine Mutter-Teresa-Schwester erklärte mir die Ziele ihrer Arbeit ganz im Sinne des Padre: ‚[...] Durch Gott können wir einen Anstoß geben, das Leben zu ändern. ... Hier hilft im Grunde nur noch beten.’“ (S. 118)

Eher verwunderlich im Rahmen einer Ethnographie wirken Gronovers theologische Rechtfertigungen des spezifischen Verständnisses christlicher Werte in der Kirchengemeinde SS. Trinità – La Magione, zum Beispiel der Jungfräulichkeit („Bräute Christi als Körper der Kirche“, S. 129-133) und der Familie („Die mansio als Heilige Familie – ihre sakrale Repräsentation und rituelle Verehrung“, S. 164-192). Und kritisch zu bewerten ist auch Gronovers Religionsbegriff, der Sakrales und Profanes, Immanenz der Gesellschaft und Transzendenz der Religion trennt und dabei eine religiöse Aussage trifft: Gronover beschreibt eine „säkulare“ Moderne als defizitär. Ohne Religion kranke die Gesellschaft! Implizit setzt Gronover dabei Großstadt und Politik mit Verfall gleich, Religion aber mit Ursprünglichkeit und Heilung – ein Modell von zyklischem Blühen und Vergehen, dessen Kulturpessimismus und „Zivilisationskritik“ an die Konservative Revolution erinnert.

Alles in allem liefert Annemarie Gronover eine lesenswerte Analyse des karitativen und zivilgesellschaftlichen Wirkens einer katholischen Gemeinde in einem Viertel Palermos, das von Verfall und vom Rückbau des Sozialsystems geprägt ist – eine Analyse der Versuche, mafiöse Gewalt und demokratisch legitimiertes Handeln durch Religion zu ersetzen.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.10.2008
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/