C. Gnändiger: Politikerinnen in deutschen Printmedien

Cover
Titel
Politikerinnen in deutschen Printmedien. Vorurteile und Klischees in der Berichterstattung


Autor(en)
Gnändiger, Charlotte
Erschienen
Anzahl Seiten
177 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Schneider, Historisches Institut, Justus-Liebig Universität Gießen

Über Jahre hinweg zählten Politikerinnen nicht unbedingt zu den bevorzugten Sujets der politikwissenschaftlichen und zeithistorischen Forschung. Von deren Mainstream als zu vernachlässigende Randerscheinung betrachtet, wurden sie auch von der sich zunächst vornehmlich auf nichtinstitutionelle Politikzusammenhänge konzentrierenden historischen Frauenforschung wenig beachtet. Erst in jüngster Zeit sind vermehrt Studien publiziert worden, die das Handeln von Politikerinnen im Rahmen der Parteien und Parlamente der Weimarer sowie Bonner Republik fokussiert haben.1

Aus medienwissenschaftlicher Perspektive hat sich nun Charlotte Gnändiger in ihrer 2005 an der Universität Dortmund eingereichten Diplomarbeit mit diesem Thema auseinandergesetzt. Vorrangig geht es ihr darum, herauszufinden, wie in den vergangenen drei Jahrzehnten in bundesdeutschen Printmedien über Politikerinnen berichtet wurde. Dabei interessiert sich die Autorin vor allem für geschlechtsspezifische Muster der Berichterstattung und konkrete Formen von Stereotypisierungen. In diesem Zusammenhang verfolgt sie die Frage, ob und in welchem Maße Äußerlichkeiten in der medialen Perzeption von Politikerinnen eine Rolle spielten. Darüber hinaus ist es ihr Ziel auszuloten, inwieweit die Parteizugehörigkeit bzw. die nationale Herkunft der Politikerinnen Auswirkungen auf die Praxis der Berichterstattung zeitigten. Schließlich möchte Gnändiger untersuchen, ob sich zwischen verschiedenen Medien und Journalisten beziehungsweise Journalistinnen Differenzen in der Darstellung von Politikerinnen aufzeigen lassen.

Um diesen Leitfragen nachzugehen, hat die Autorin sieben prominente Politikerinnen ausgewählt, deren mediale Wahrnehmung sie anhand von 13 Fallbeispielen untersucht: die langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Annemarie Renger, die als erste Frau überhaupt 1972 das Amt des Bundestagspräsidenten übernahm und sieben Jahre später für die Bundespräsidentschaft kandidierte; die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher; die New Yorker Senatorin und spätere US-amerikanische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton; die 2001 zur Vorsitzenden der Grünen gewählte Claudia Roth; die Politikwissenschaftlerin und Sozialdemokratin Gesine Schwan, die 2004 bei der Bundespräsidentschaftswahl Horst Köhler (CDU) unterlag; schließlich Heide Simonis (SPD), die 1993 zur ersten Ministerpräsidentin der Bundesrepublik gewählt wurde und zwölf Jahre später eine bittere Wahlniederlage einstecken musste; und schließlich die ehemalige CDU-Parteivorsitzende und heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel.

So spannend jede einzelne Politikerin für sich genommen auch ist, die Kriterien für deren Auswahl verbleiben letztlich im Dunkeln. Zwar betont Gnändiger, dass die Zusammenstellung der entsprechenden Politikerinnen und Fallbeispiele eine „möglichst große Bandbreite“ (S. 47) ergeben sollte, um „mögliche Veränderungen im Laufe der Zeit“ (S. 39) feststellbar zu machen. Diesen selbstgestellten Anspruch erfüllt die Autorin allerdings kaum, denn von den mehr als 200 ausgewählten Presseartikeln (die den überregionalen Tageszeitungen „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Die Welt“, dem Boulevard-Blatt „Bild“, der Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie den Nachrichtenmagazinen „Der Spiegel“ und „Focus“ entnommen sind) entstammen lediglich 17 aus den 1970er-Jahren, acht weitere aus den späten 1980er-Jahren und sieben Artikel aus den frühen 1990er-Jahren – der Rest (circa 85 Prozent des Samples) datiert aus der Zeit nach der Jahrtausendwende.

Gleichfalls kaum eingelöst wird der Anspruch, „bekannte Politikerinnen aus unterschiedlichen Parteien“ (S. 39) zu berücksichtigen. Während sozialdemokratische Politikerinnen deutlich überrepräsentiert sind (Renger, Simonis, Schwan), sind die Unionsparteien lediglich durch Merkel vertreten. Kaum nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang, warum die Autorin die christdemokratische Politikerin Elisabeth Schwarzhaupt nicht in die Analyse miteinbezogen hat. Immerhin war sie es, die 1961 nach langen und zähen Auseinandersetzungen von Konrad Adenauer zur ersten Bundesministerin Westdeutschlands ernannt wurde. Auch die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hätte sich als lohnendes ,Untersuchungsobjekt‘ angeboten. Ferner vermisst man eine Politikerin der FDP, wo sich doch mit Hildegard Hamm-Brücher und ihrer Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten (1994) sowohl eine geeignete Protagonistin wie auch ein medienwirksames Ereignis angeboten hätten. Zweifelhaft ist auch die Entscheidung der Autorin, lediglich die mediale Wahrnehmung des zehnjährigen Dienstjubiläums von Margaret Thatcher zu analysieren, nicht aber die Presseberichterstattung anlässlich ihres Amtsantrittes im Jahr 1979.

Auch über die unterschiedlichen Archive, in denen Gnändiger nach eigener Aussage recherchiert hat (S. 39, Anmerkung 144), erfahren die Leser und Leserinnen nichts. Dabei hätte eine Konsultation der umfangreichen Pressedokumentationen der Parteiarchive der Friedrich-Ebert- (Bonn) und Konrad-Adenauer-Stiftung (St. Augustin) die Materialgrundlage insbesondere für die 1970er- und 1980er-Jahre erheblich verbreitern können. Gewiss: Eine auf umfassender Quellenbasis fußende, diachron angelegte Untersuchung hätte den Rahmen einer Diplomarbeit bei weitem gesprengt. Klüger wäre es sicherlich gewesen, die eigenen Ambitionen herunterzuschrauben und sich auf eine Analyse gegenwärtiger Perzeptionen zu konzentrieren.

Methodisch folgt Gnändigers Arbeit zum einen dem Ansatz der qualitativen Inhaltsanalyse. Dass dessen auf eindeutig festlegbare Kategorisierungen ausgerichtete Forschungspraxis gerade die Dimension kultureller Bedeutungen notwendig vernachlässigt, ist der Autorin durchaus bewusst. Entsprechend ergänzt sie die inhaltsanalytische Zugangsweise um die Begriffe „Latenz“ und „Singularität“: Während ersterer auf das „gesellschaftliche Bewusstsein oder kollektive Wissen bezüglich Frauen“ (S. 43) zielt, soll letzterer verhindern, „das bedeutungsträchtige Ausdrücke hinter Zahlen und Tabellen verloren gehen“ (ebenda). Dass die Autorin in diesem Zusammenhang das Zitieren längerer Textpassagen eigens rechtfertigen muss, verweist markant auf die gravierenden disziplinären Unterschiede zwischen einer primär auf quantifizierbaren Beobachtungen ausgerichteten Kommunikationswissenschaft und einer kulturwissenschaftlich informierten Geschichtsforschung. Zum anderen stützt sich Gnändiger auf Herangehensweisen der geschlechtsspezifischen Kommunikationsforschung, wobei sie in ihrer empirischen Untersuchung sowohl Aspekte des Gleichheits- und Differenzansatzes sowie der Genderforschung kombiniert.

Mit ihren empirischen Ergebnissen gelingt es der Autorin, einige Ergebnisse der bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Genderforschung zu bestätigen. So kann sie beispielsweise aufzeigen, dass auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts berufspolitisch engagierte Frauen sehr häufig in Relation zu und in Abhängigkeit von Männern, sei es dem Vater, dem Ehemann (insbesondere bei Thatcher und Clinton) oder einem männlicher Förderer (etwa bei Merkel), imaginiert werden. Zudem wird äußerst plastisch dargelegt, dass sich Politikerinnen nach wie vor auf einem schmalen Grat zwischen anerkannter „Weiblichkeit“ und abweichender „Vermännlichung“ bewegen. Dies belegen vor allem die zahlreichen Artikel, welche das äußere Erscheinungsbild der Frauen akzentuieren. Zudem wird von einigen Journalisten ein attestierter „Machtwille“ als mehr oder weniger bedrohlich empfunden, während offen gezeigte Emotionalität nicht selten diskursiv sanktioniert wird („Heulsuse“).

Dass die Parteizugehörigkeit durchaus Einfluss auf die Berichterstattung hat, weist die Autorin am Beispiel Margaret Thatchers nach. So schrieben die tendenziell konservativen Blätter „Die Welt“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über die britische Premierministerin überaus positiv und unterstützten ihren neoliberalen Reformkurs. Hingegen weist Gnändiger darauf hin, dass sich die Berichterstattung weiblicher Autoren nicht maßgeblich von derjenigen ihrer männlichen Kollegen unterscheide. Hiermit widerlegt sie jedoch ihre eingangs formulierte Sichtweise, wonach die Kategorie Geschlecht als „oberstes Differenzierungsmerkmal“ (S. 29) fungiere. Vielmehr wird deutlich, dass auch andere Faktoren die Wahrnehmung von Politikerinnen maßgeblich strukturieren. In diesem Zusammenhang wäre, insbesondere mit Blick auf die USA, eine Berücksichtigung der Kategorie race interessant gewesen.

Als problematisch erweist sich meines Erachtens die stark normativ-kritische Perspektivierung der Arbeit. Statt fortwährend die Frage nach der inhaltlichen Angemessenheit der untersuchten Texte zu stellen (vgl. zum Beispiel S. 3, 22, 81 oder 137), wäre ein konsequenterer Bezug auf Ansätze der Geschlechterforschung wünschenswert gewesen. Ein solcher hätte nicht zuletzt auf die vergeschlechtlichenden Subjektivierungseffekte medial vermittelter Diskurse aufmerksam machen können. So zitiert Gnändiger beispielsweise eine aufschlussreiche Aussage Angela Merkels, die deutlich aufzeigt, wie sehr sich auch die heutige Bundeskanzlerin innerhalb traditioneller Geschlechtervorstellungen verortet: „Ich glaube, Frauen haben es teilweise schwerer, weil sie eine höhere Stimme als Männer haben. Frauen müssen eher aufpassen, dass sie – wenn sie lauter und energischer werden – nicht zu schrill werden.“ (S. 109) Darüber hinaus trüben eine Reihe formaler und sprachlicher Mängel den Gesamteindruck: Neben einem bisweilen unprofessionellen Schreibstil wird Sekundärliteratur mehrfach aus zweiter Hand zitiert, und häufige Modusfehler stören den Lesefluss.

Trotz der hier geübten Kritik gebührt Charlotte Gnändiger jedoch das Verdienst, ein wichtiges und bislang insbesondere von der Geschichtswissenschaft vernachlässigtes Themenfeld empirisch bearbeitet zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Jahren nicht nur aus einer medienhistorischen Perspektive verstärkt Untersuchungen entstehen, die das ambivalente und spannungsreiche Verhältnis von Geschlecht, Staat und politischer Partizipation im 20. Jahrhundert zum Gegenstand der Analyse erheben.2

Anmerkungen:
1 Vgl. vor allem Heide-Marie Lauterer, Parlamentarierinnen in Deutschland 1918/19–1949, Königstein im Taunus 2002; Petra Holz, Zwischen Tradition und Emanzipation. Politikerinnen in der CDU in der Zeit von 1945 bis 1957, Königstein im Taunus 2004; Gisela Notz, Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957. Mit 26 Biographien, Bonn 2003; Dies., Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub. Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag 1957–1969. Mit 12 Biographien, Bonn 2007; Susanne Sander, Karrieren und Barrieren. Landtagspolitikerinnen der BRD in der Nachkriegszeit von 1946 bis 1960, Königstein im Taunus 2004.
2 Für einen ersten Aufriss dieses Themenkomplexes vgl. den soeben erschienen Sammelband von Christiane Hikel u.a. (Hrsg.), Lieschen Müller wird politisch. Geschlecht, Staat und Partizipation im 20. Jahrhundert, München 2008.

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