Cover
Titel
Deutschland und Europa seit 1990. Positionen, Kontroversen, Perspektiven


Herausgeber
Morina, Christina
Reihe
Vergangene Gegenwart (1)
Erschienen
Göttingen 2021: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
154 S.
Preis
€ 15,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel-Wolfgang Kahl, Historisches Institut, Universität Potsdam

Der im Februar 2022 begonnene Angriffskrieg der Russischen Föderation auf die Ukraine hat der Sicherheitsarchitektur Europas („Friedensdividende“) nach 1990 ein jähes Ende bereitet. Nimmt man die Zirkulation offener Briefe als Gradmesser für die gefühlte Bedrohungslage in Deutschland, so sind wir in einen Zustand zurückversetzt, der mit dem Ende des Kalten Krieges längst überwunden schien.[1] Mit der „Zeitenwende“ hat die Bundesregierung (auf Druck von außen) Grundfesten der deutschen Sicherheits- und Außenpolitik erschüttert. Auch werden Stimmen lauter, die eine Aufarbeitung der Russlandpolitik der letzten drei Jahrzehnte fordern; beispielsweise in Form einer Enquete-Kommission.[2]

Es sei dahingestellt, wie erfolgsversprechend solche geschichtspolitischen Forderungen sein werden. Eines scheint jedenfalls gewiss: Der Blickwinkel auf die deutsch-europäische „Nachwendegeschichte“ verschiebt sich. Mithin ändern sich auch die Erzählungen unserer „Gegenwartsgeschichte“ (S. 67), d.h. die Art und Weise, wie wir unsere Gegenwart historisch verorten und die Vergangenheit deuten. Für den niederländischen Historiker und Politologen Ton Nijhuis, der im vorliegenden Band die vergangenen 30 Jahre aus europäischer Perspektive beleuchtet, ist das weniger verwunderlich, werden historische Ereignisse doch erst durch ihre Folgen und Effekte in einen narrativen Sinnzusammenhang eingebettet. Aus Sicht der Gegenwart können wir dementsprechend noch gar nicht wissen, wie aktuelle Ereignisse enden werden; ergo: wie ihre „Nachgeschichte“ in Form einer Erzählung aussehen wird (S. 67). Wir können lediglich Erwartungen formulieren und ein „vorläufiges Ende“ (S. 68) antizipieren, das zwar fiktiv ist, aber dennoch bereits Sinn stiftet.

So war nach der „Wende“ von 1989/90 im politischen Betrieb die Auffassung vorherrschend, Deutschland könne auch in der Außen- und Sicherheitspolitik der neuen „Berliner Republik“ weiterhin die Rolle als „ehrlicher Markler“ spielen und klassische Machtpolitik dabei weitgehend außen vor lassen. Diese „deutsche Selbstbeschränkung“ (S. 69) mochte in den 1990er-Jahren auch durchaus noch für Erleichterung unter den europäischen Nachbarn gesorgt haben. Doch bereits in der Eurokrise 2011 mahnte der damalige polnische Außenminister Radosław Sikorski mehr deutsche Führungsstärke an. Spätestens durch die grausamen Bilder des Krieges in der Ukraine hat sich die Zukunftserwartung von 1990 endgültig zerschlagen, Deutschland könne sich in einem friedvollen Europa machtpolitisch zurückhalten.

Schon für ein solches „Orientierungswissen“ (S. 14) lohnt der Blick auf den von Christina Morina im Herbst 2021 herausgegebenen Band Deutschland und Europa seit 1990. Positionen, Kontroversen, Perspektiven, der den Auftakt der Reihe „Vergangene Gegenwart. Debatten zur Zeitgeschichte“ bildet. Die Beiträge gehen zurück auf die erste „Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte“, die digital am 20. November 2020 standfand. Ausgangspunkt der versammelten Beiträge ist die Einsicht, dass die „vergehende Gegenwart noch keineswegs Geschichte ist“ (S. 7), zusehends allerdings Gegenstand zeithistorischer Analysen wird. Darin liege ein enormes geschichtswissenschaftliches und gesellschaftliches Erkenntnispotential.

Es ist das Anliegen des Bandes, zentrale Themen und Kontroversen der Zeitgeschichte aufzugreifen, vielstimmig zu diskutieren und um neue Perspektiven zu erweitern. Nach Aussage von Christina Morina ist das dabei gewählte Format im deutschsprachigen Raum bisher nicht vertreten: Ein konzentriertes Gespräch im kleinen Kreis mit Erweiterung um Einleitung, Kommentar und Lektüreliste. Zum Auftakt der jährlich stattfindenden „Bielefelder Debatten zur Zeitgeschichte“ wurden mit Marianne Birthler, Norbert Frei, Philipp Ther und Ton Nijhuis (ergänzt um einen Kommentar von Konrad H. Jarausch) prominente Gäste gewonnen, um über die 30 Jahre seit der Vereinigung Deutschlands „als zeithistorischer und gesellschaftlicher Herausforderung“ (S. 9) zu debattieren.

Nach Ablauf der 30-Jahres-Frist öffnen sich die Zugänge zu staatlichem Schriftgut, was eine „Vervielfältigung und Erweiterung der Perspektiven“ (S. 13/14), insbesondere der westdeutschen und europäischen Zeitgeschichte zur Folge hat. An die Stelle von „zuversichtsgesättigten Meistererzählungen“ (S. 13), die vorrangig um lineare, makrohistorische Darstellungen der politischen Integration Ostdeutschlands in die Bundesrepublik kreisen, rücken stattdessen empirisch unterfütterte Einzelstudien mit problematisierenden Ansätzen zu einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen. Beim Lesen nimmt man mit einigem Bedauern zur Kenntnis, dass ausgerechnet die Beiträge eines Bielefelder Forschungssymposiums, das solch neue Zugriffe beinhaltete, leider keinen Einzug in den Band gefunden haben und auch in der Videoaufzeichnung nicht enthalten sind.[3] Dass das anders geht, zeigen aktuelle Gegenbeispiele.[4]

In den innerdeutschen Debatten über die Geschichte der Vereinigung und die Transformation Ostdeutschlands ist seit den letzten runden Jubiläen von 2009/10 eine „produktive Unruhe und prinzipielle Perspektivenoffenheit“ (S. 13) getreten, wie Christina Morina am Beispiel der durch die Coronapandemie stark fragmentierten Gedenkveranstaltungen von 2020 auf instruktive Weise aufzeigt. Doch trotz all dieser begrüßenswerten Wandlungen stehe eine „integrierte Nachvereinigungsgeschichte“ (S. 14) in der Zeitgeschichte noch aus. Auch das Gedenken an die SED-Diktatur bildet weiterhin eine bis heute unbefriedigende gesellschaftliche Herausforderung. Die kontrovers diskutierten Aussagen des ehemaligen Ostbeauftragten Marco Wanderwitz um die „Diktatur-Sozialisation“ der Ostdeutschen haben das im Frühjahr 2021 eindrücklich belegt.[5]

Die wohlüberlegte Komposition der Beitragenden, bestehend aus einer Politikerin, einem Politikwissenschaftler sowie zwei Historikern, die ost- und westdeutsche Perspektiven sowie die Sicht der Nachbarstaaten aus den Niederlanden und Ostmitteleuropa repräsentieren, überzeugt in weiten Teilen – vor allem dann, wenn die Diskussionen Themenfelder der versammelten Expertise aufgreifen und unsere problem- und konfliktreiche Gegenwart als „jetztzeitige Vergangenheit“ behandeln. Der österreichische Zeithistoriker Philip Ther etwa verortet das Jahr 1989 als Zäsur in globaler Perspektive, die bis heute nachwirkt. Neben dem Mauerfall und der Befreiung Ostmitteleuropas ist für ihn ein weiteres Ereignis bedeutsam: die „Hegemonie des Neoliberalismus“ (S. 76). Mit der seit 1990 einsetzenden „transnationalen Konvergenz“ des Wohlstands ging eine ökonomische Divergenz in den Nationalstaaten einher. Für Ther entwickelten sich mit dem Antiliberalismus neue, zumeist ethnozentrisch ausgerichtete Gegenbewegungen gegen den globalisierten Kapitalismus. Die Wahl von Donald Trump 2016 als „Annus Horribilis“ (S. 84) läutete letztlich das vorläufige Ende vom Zeitalter der Globalisierung und der offenen Gesellschaften ein. Ein neuer Systemwettbewerb mit autoritären Regimen, allen voran China, werde wohl das Signum des 21. Jahrhunderts werden.

Auf eine kritische Auseinandersetzung über diese zweifelslos wirkmächtige Deutungsfigur des Neoliberalismus wartet man in der anschließenden Diskussion allerdings vergeblich.[6] Überhaupt wird die „lebendige Debattenkultur“ des Bielefelder Diskurs-Habitats aus kontroversen Positionen und aktuellen Forschungsfragen noch nicht immer vollends ausgereizt: So kreisen die Themen der ersten Diskussionsrunde mit Norbert Frei und Marianne Birthler zwar einerseits um berechtigte, da zentrale Fragen zur gesamtdeutschen Gedenkkultur und Geschichtsvermittlung. Auch wird die NS-Aufarbeitung in Ost wie West nach 30 Jahren zurecht kritisch in den Blick genommen. Andererseits hätte man sich als Leser:in in einem solchen Überblick zugleich eine größere thematische Breite und fachliche Reibung gewünscht, die der aktuellen Studienlandschaft entsprechen. So bleibt man etwas ratlos zurück, wenn Norbert Frei aus der Perspektive des Zeitzeugen über seine persönlichen „Transformationsverlusterfahrungen“ (S. 40) in Westdeutschland nach 1990 spricht – was ja auch grundsätzlich zu begrüßen ist. Für ihn als Westdeutschen bedeutete der Umbruch eine gedanklich-politische und materielle Herausforderungen, die in der Öffentlichkeit und Forschung bislang unzureichend wahrgenommen würden, da diese für manche „vielleicht sogar hard to take“ (S. 24) seien. Ob solche erfahrungsgeschichtlichen Schilderungen nicht bereits durch das Konzept der „Ko-Transformation“ Einzug in die zeithistorische Forschung fanden, erschließt sich aus der weiteren Diskussion aber leider nicht.

Den „unverhohlenen ‚westdeutschen‘ Blick“ (S. 16) von Frei hätte man sich ferner auch von Marianne Birthler bei ostdeutschen Themenstellungen erhofft. Doch ausgerechnet beim Thema „Aufarbeitung“ bleibt der Aspekt des „Elitentransfers“, und darin beispielsweise die Rolle der Bürgerbewegung, erstaunlich blass; dabei wäre insbesondere die Biografie von Marianne Birthler ein wunderbarer Aufhänger gewesen, um Fragen nach der „Aufarbeitung der Aufarbeitung“ nachzugehen.[7] Schließlich werden nur wieder solche Erklärungsansätze zur Beschreibung von Frust und Enttäuschung in Ostdeutschland perpetuiert, die entweder ausschließlich die Zeit vor 1989 oder nach 1990 heranziehen, wie Birthler ja selbst zurecht moniert. Möglicherweise waren den Beteiligten zum Zeitpunkt der Diskussion neuere Erklärungsansätze, etwa zur „Lange Geschichte der Wende“, noch nicht hinlänglich bekannt.[8] Uneingedenk dieser teilweise verengten Themenführung bietet der Sammelband einen guten Ein- und Überblick nationaler und internationaler Positionen, Kontroversen und Perspektiven der vergangenen 30 Jahre. Auch auf die nunmehr jährlich stattfindenden Bielefelder Debatten können wir erwartungsfroh blicken und gleichsam auf etwas mehr Mut zum offenen Schlagabtausch hoffen.

Anmerkungen:
[1] Die Redaktion von H-Soz-Kult hat (wie viele andere Plattformen auch) mit Kriegsbeginn ein Dossier zum Krieg in der Ukraine eingerichtet, siehe: Informationsmaterialien zum Krieg in der Ukraine, in: H-Soz-Kult, 03.03.2022, <https://www.hsozkult.de/text/id/texte-5394> (09.05.2022).
[2] DPA: Historiker fordert von SPD Aufarbeitung der Russland-Politik, in: Stern, 20.04.2022, <https://www.stern.de/gesellschaft/regional/mecklenburg-vorpommern/ukraine-krieg-historiker-fordert-von-spd-aufarbeitung-der-russland-politik-31793644.html> (09.05.2022).
[3] Marcus Böick, Tagungsbericht: Bielefelder Debatten zur Zeitgeschichte I: Vergangene Gegenwart. Deutschland und Europa seit 1990, 20.11.2020 digital, in: H-Soz-Kult, 09.02.2021, <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8875> (09.05.2022).
[4] Vgl. den Sammelband: Lars Lüdicke, „Ausgeforscht?“ Neueste Forschungsergebnisse zur Friedlichen Revolution 1989/90, Berlin 2020, <https://www.deutsche-gesellschaft-ev.de/images/Forum/Ausgeforscht/Ausgeforscht_final_19052020.pdf> (09.05.2022).
[5] Raja Kraus, Wie hängen AfD-Wählen und DDR-Vergangenheit zusammen?, in: MDR AKTUELL, 01.06.2021, <https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/faktencheck-demokratie-ostdeutschland-100.html> (09.05.2022).
[6] Eine kritischere Betrachtung etwa bei Marcus Böick, Wie neoliberal war der Umbau Ostdeutschlands nach 1990? Über ideenpolitische Reorientierungen der politischen Linken nach dem „Utopieverlust“, in: Christoph Lorke u.a. (Hrsg.), Der Zusammenbruch der alten Ordnung? Die Krise der Sozialen Marktwirtschaft und der neue Kapitalismus, Stuttgart 2019, S. 235–260, hier S. 239ff.
[7] Vgl. etwa Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Aufarbeitung der Aufarbeitung, in: INDES 8 (2019) H. 1, https://doi.org/10.13109/inde.2019.8.1.107 (09.05.2022).
[8] Vgl. Kerstin Brückweh, "Die lange Geschichte der „Wende“ - Lebenswelt und Systemwechsel in Ostdeutschland vor, während und nach 1989", in: Deutschland Archiv, 08.09.2020, <https://www.bpb.de/314982> (09.05.2022).