W. Rudloff u.a. (Hrsg.): Ende der Anstalten?

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Title
Ende der Anstalten?. Großeinrichtungen, Debatten und Deinstitutionalisierung seit den 1970er Jahren


Editor(s)
Rudloff, Wilfried; Kersting, Franz-Werner; von Miquel, Marc; Thießen, Malte
Series
Forschungen zur Regionalgeschichte (87)
Published
Paderborn 2022: Ferdinand Schöningh
Extent
326 S.
Price
€ 64,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Christoph Schwamm, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität Heidelberg

1985 erschien Asmus Finzens klassische Schrift über die Psychiatriereform „Das Ende der Anstalt“.[1] Die Herausgeber des vorliegenden Bandes haben diesem Titel ein Fragezeichen hinzugefügt, zudem den Plural gewählt und so ihre Kernthese anschaulich vermittelt: Den Niedergang der Großeinrichtungen hat es nie gegeben, jedenfalls nicht derart kategorisch wie oft unhinterfragt angenommen. Stattdessen müsse von einem konflikthaften Prozess der Neudefinition seit den 1970er-Jahren gesprochen werden.

Der Sammelband ging aus der Tagung „Das Ende der Anstalt? Stationäre Großeinrichtungen, öffentliche Kritik und Deinstitutionalisierung seit den 1970er Jahren“ hervor, die im März 2019 in Münster stattfand.[2] Zwischen der Einführung des Bandes und dem Schlussteil („Bilanz und Ausblick“) stehen vier Abschnitte. Diese befassen sich jeweils mit Bereichen, in denen Großeinrichtungen eine wichtige Rolle spielten und die daher von den Reformprozessen besonders betroffen waren: „Heimerziehung und Jugendhilfe“, „Versorgungsstrukturen für Menschen mit Behinderungen“, „Psychiatrische Versorgung“ sowie „Umgang mit Devianz“. Insgesamt enthält der Band 15 Beiträge.

Im Abschnitt „Heimerziehung und Jugendhilfe“ fragt Karsten Laudien unter dem Titel „Das Ende der Anstalt? – Sozialistische Jugendhilfe in der DDR“ nach den Gründen für die Persistenz von Anstaltsstrukturen. Er identifiziert eine Kompatibilität der Heimerziehung mit den repressiven Zügen der DDR-Gesellschaftspolitik. Carola Kuhlmann berichtet von verschiedenen gescheiterten Anläufen, die Organisationsform der Heime in der bundesdeutschen Erziehungshilfe zu reformieren. Erst das Modell der Wohngemeinschaft habe gewachsene Anstaltsstrukturen aufbrechen können. Uwe Kaminsky verdeutlicht anhand der evangelischen Heimerziehung, wie sich Synergien zwischen einer Minderheit von reformorientierten Heimleiter:innen und Teilgruppen der Außerparlamentarischen Opposition bildeten. Dies habe zumindest eine teilweise Abkehr von repressiven Praktiken ermöglicht.

Den Teil „Versorgungsstrukturen für Menschen mit Behinderungen“ eröffnet Ulrike Winkler. Mithilfe von Foucaults Konzept der Heterotopie lotet sie aus, wie das „Innen“ und „Außen“ das Leben, die Fremdzuschreibungen und Selbstbeschreibungen der Bewohner:innen in Diakonie-Heimen für Menschen mit geistigen Behinderungen regulierte. So zeigt sie Widersprüche auf, die das Anstaltsleben selbst, aber auch dessen Reform mit sich brachten. Jonas Fischer rekonstruiert anhand der Vor- und Nachgeschichte des sogenannten „Dortmunder Krüppeltribunals“ vom Dezember 1981 die schwierige und von Rückschlägen geprägte Entwicklung zu mehr Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen im Stadtgebiet. Marc von Miquel befasst sich mit der Entstehung der internationalen Behindertenbewegung. Diese sei wesentlich von Initiativen im angloamerikanischen Raum beeinflusst gewesen. In den USA wurde Gleichstellung unter Berufung auf Bürgerrechte eingefordert, während in Großbritannien die gesellschaftlichen Bedingungen und der Konstruktionscharakter von Behinderung im Fokus standen.

In der Sektion „Psychiatrische Versorgung“ setzt sich Christof Beyer mit „radikale[r] Psychiatriekritik“ in der Bundesrepublik auseinander. Jens Gründler zeigt am Beispiel der Stadt Glasgow die große Relevanz lokaler Bedingungen für den Verlauf der Psychiatriereform. Die Neugestaltung musste in einer durch Ölpreisschock und Thatcherismus bedingten schwierigen finanziellen Lage realisiert werden. Dies begünstigte mehr aus pragmatischen als aus ideologischen Gründen die Verlagerung der Anstaltspatienten in die kostengünstigere Community Care. Franz-Werner Kersting analysiert, welche Bedeutung Fotografien für die Psychiatriereform hatten. Bilddokumentationen, die Missstände in der Psychiatrie demonstrieren sollten, waren Bestandteil einer spezifischen Visual History der Deinstitutionalisierung, wie am Beispiel von Aufnahmen aus dem Westfälischen Landeskrankenhaus Warstein gezeigt wird. Hans-Walter Schmuhl zeichnet die charakteristischen Beharrungskräfte einer konfessionellen Einrichtung anhand der v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld nach. Im Februar/März 1971 fanden drei Ereignisse statt, die widerspiegeln, dass ein Point of no Return erreicht wurde, nach dem bestimmte Reformprozesse nicht mehr aufzuhalten waren: eine Karnevalsfeier in der Einrichtung (angesichts der traditionell-protestantischen Prägung der Anstalten eine Provokation), die erste Ausgabe der Patientenzeitung „Der Drücker“ sowie der Besuch des Bundespräsidenten Gustav Heinemann.

Es folgt der Teil zum „Umgang mit Devianz“. Über den Anstaltscharakter entscheidet nicht notwendigerweise der Einrichtungstyp, sondern bisweilen auch dessen sozialpolitische Begründung. Das zeigt Annelie Ramsbrock in ihrem Beitrag über die Entwicklung der sozialtherapeutischen Anstalten. Diese wandelten sich ironischerweise von Modelleinrichtungen mit Fokus auf Resozialisierung hin zu Orten der Absonderung, die ein regressives Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung bedienen. Christoph Wehner zeigt am Beispiel des Paradigmenwechsels in der Suchtrehabilitation von der stationären zur ambulanten Versorgung, wie sehr politische Rahmenbedingungen und Finanzierungsauflagen anstelle von Reformdiskursen die maßgeblichen Triebkräfte der Deinstitutionalisierung sein konnten. Britta-Marie Schenk untersucht die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe wiederum in den v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel. Sie stellt die Frage, ob sich hier überhaupt von einer Deinstitutionalisierung sprechen lässt. Denn im Vergleich zur Psychiatrie oder Behindertenhilfe gab es für Obdachlose und Nichtsesshafte eine „erstaunliche Persistenz“ stationärer Einrichtungen. Zwar habe sich die Anstalt „verändert, verschwunden ist sie jedoch nicht“ (S. 305).

Als „Bilanz und Ausblick“ versucht Martin Lengwiler die Geschichte der Deinstitutionalisierung im Forschungskontext neu zu verorten. Jüngere Arbeiten, so Lengwiler, haben die Meistererzählung hinter sich gelassen, der zufolge die sozialen Bewegungen nach 1968 das repressive Modell der geschlossenen Anstalt durch liberalere und offenere Betreuungspraktiken ersetzt hätten. Heute existiere ein klares Bewusstsein für die gegenläufigen Tendenzen und die möglicherweise konstitutive Unfertigkeit dieses Prozesses.

Den Herausgebern und Autor:innen ist trotz der dem Werktyp Sammelband inhärenten Heterogenität und dem vielschichtigen Thema eine Publikation gelungen, die auf überzeugende Weise organisch erscheint. Denn so verschieden die Beiträge sind, sie untermauern doch alle die theoretischen Überlegungen zu Beginn und am Schluss des Bandes. Die Herausgeber betonen, ihr Sammelband solle keinen enzyklopädischen Zuschnitt haben, sondern verdeutlichen, dass hinter dem „Ende der Anstalten“ weiterhin ein Fragezeichen zu stehen hat (zumindest für den Untersuchungszeitraum). Dieser Fokus erscheint an keiner Stelle als willkürliche Engführung. Die Leerstellen, die sich dadurch zwangsläufig ergeben, mag man daher den Herausgebern kaum zur Last legen: Eine systematische Analyse zur Rolle der jeweiligen Berufsgruppen und ihrer Organisationen bei der Hinwendung zu oder der Ablehnung von offenen und integrativen Versorgungsformen, der Pflegekräfte, der Ärzte, der Angehörigen der nicht ärztlichen medizinischen Berufe sowie der Pädagogen findet man hier nicht. Und die Perspektiven der Disability History kommen zwar in allen Beiträgen vor, doch werden die Mechanismen der gesellschaftlichen Konstruktion oder Dekonstruktion von Behinderung für Dynamiken der Deinstitutionalisierung nicht systematisch erfasst. Schließlich fehlt wie bei vielen anderen Veröffentlichungen aus dem Themenfeld auch eine nähere Auseinandersetzung mit Entwicklungen in Ostdeutschland (Karsten Laudiens Beitrag ist hier der einzige). Reformimpulse gab es in der DDR ebenfalls, wenn auch sicherlich in anderen Dimensionen.

Dies ändert aber nichts daran, dass der Band Maßstäbe setzt. Jede in absehbarer Zukunft erscheinende Arbeit zu den Reformbemühungen seit den 1970er-Jahren wird sich intensiv mit ihm auseinandersetzen müssen. Nicht nur für Zeithistoriker:innen, die in irgendeiner Weise mit Anstalten oder sozialen Bewegungen zu tun haben, sei der Sammelband empfohlen. Auch Lehrende an den Schulen und Hochschulen der Sozial- und Heilpädagogik, Erziehungswissenschaften, Krankenpflege und der Sozialen Arbeit werden aus dieser zeitgemäßen Interpretation der Geschichte der Deinstitutionalisierung Nutzen ziehen.

Anmerkungen:
[1] Asmus Finzen, Das Ende der Anstalt. Der mühsame Alltag der Psychiatriereform, Bonn 1985, 2. Auflage 1988, Reprint Köln 2014.
[2] Pia Schmüser, Tagungsbericht: Das Ende der Anstalt? Stationäre Großeinrichtungen, öffentliche Kritik und Deinstitutionalisierung seit den 1970er-Jahren, in: H-Soz-Kult, 05.07.2019, URL: <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-126920> (18.10.2022).

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Published on
01.11.2022