G. Wiechmann: Von der deutschen Flugscheibe zum Nazi-UFO

Cover
Titel
Von der deutschen Flugscheibe zum Nazi-UFO. Metamorphosen eines medialen Phantoms 1950–2020


Autor(en)
Wiechmann, Gerhard
Erschienen
Paderborn 2022: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
XI, 174 S., 34 SW- und 13 Farb-Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilmann Siebeneichner, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

75 Jahre nach ihrer (vorgeblich) ersten Sichtung sind UFOs wieder oder vielmehr weiterhin in aller Munde. Während im Zuge der vom US-Verteidigungsministerium freigegebenen Akten gegenwärtig vor allem darüber diskutiert wird[1], inwieweit es sich bei den dort dokumentierten Beobachtungen tatsächlich um absichtsvoll gesteuerte, unidentifizierte Flugobjekte – so die klassische Definition von UFOs – handeln könnte oder doch eher um unidentifizierte Luftphänomene – also etwa auch physikalisch-meteorologisch bedingte Erscheinungen (UAP = Unidentified/Unexplained Aerial Phenomenon) –, erhitzte in den späten 1940er-Jahren eine andere Frage die Gemüter. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und in Anbetracht der sich verhärtenden Blockkonfrontation wurde seinerzeit intensiv darum gestritten, ob diese „Flugobjekte“ – für die sich rasch die Bezeichnung „fliegende Untertassen“ etablierte – außerirdischen Ursprungs seien oder vielmehr geheime, neuartige Technologien des Systemrivalen. Ein besonders obskures Narrativ etablierte sich bald nach den ersten Berichten vorgeblicher UFO-Sichtungen in Westeuropa: Die 1947 vom US-amerikanischen Piloten Kenneth Arnold und in seiner Folge von vielen anderen beobachteten Flugobjekte seien definitiv irdischen Ursprungs; bei ihnen handle es sich um Weiterentwicklungen einer Technologie, die von den Nationalsozialisten noch während des Krieges erprobt worden sei. Die sogenannte „Nazi-Flugscheibe“ ist seitdem ein fester Bestandteil der UFO-Mythologie.

Der Geburt dieses „medialen Phantoms“, wie Gerhard Wiechmann es nennt, sowie seinen „Metamorphosen“ während des Kalten Krieges (und danach) gilt das Erkenntnisinteresse dieses Buches. Neben dem rund 30-seitigen Einleitungskapitel und einem knappen, ausblickartigen Schluss untergliedert es sich in drei Hauptteile. Wie der Verfasser zu Beginn des zweiten Kapitels zeigt, entstand die Legende von den Nazi-Flugscheiben offenbar ziemlich genau zur selben Zeit in Italien und Deutschland. Aus nicht näher erläuterten, offenbar pragmatischen Gründen konzentriert sich Wiechmann im Folgenden aber ausschließlich auf die Geschichte der Nazi-Flugscheibe in (West-)Deutschland. Hier geisterten seit den frühen 1950er-Jahren einige Personen mit zweifelhaften biographischen Referenzen durch den Blätterwald, die alle für sich in Anspruch nahmen, während des Zweiten Weltkrieges in die geheimen Rüstungsaktivitäten der Nationalsozialisten involviert gewesen zu sein und in diesem Kontext entscheidende Beiträge zur Entwicklung eines kreisrunden Fluggeräts geleistet zu haben. Zwar wichen die individuellen Angaben voneinander ab, ob sich die Geräte noch im Planungsstadium befanden, bereits flugtauglich waren oder einzelne sogar den heranrückenden Sowjets in die Hände fielen. Das Narrativ jedoch war geboren: „Fliegende Untertassen existieren“, zitiert der Verfasser eine Zeitungsnotiz von 1954, „und ihre ersten Konstrukteure waren – Deutsche!“ (S. 73).

Kapitel 3 zeigt, wie populäre westdeutsche Medien diese Sensationsmeldung in den Folgejahren bis etwa 1970 aufgriffen und so dazu beitrugen, dass die „Flugscheibenlegende“ zu einem anerkannten Narrativ avancierte, das zum Ende der 1950er-Jahre sogar Einzug in Publikationen des Bundesamtes für Zivilschutz oder der Bundeswehr erhielt. Zwar meldeten sich Mitte der 1970er-Jahre einige kritische Stimmen, die nach Ansicht des Verfassers geeignet gewesen wären, der Legende von der Nazi-Flugscheibe jegliche Grundlage zu entziehen. Ein zu dieser Zeit einsetzendes neues Interesse an UFOs – befeuert etwa durch Blockbuster wie Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) – wie auch ein breites Interesse an angeblichen Nazi-Verschwörungen – wiederum befeuert durch populäre Bestseller wie Frederick Forsyths Roman „Die Akte Odessa“ (1972) – sorgten Wiechmann zufolge jedoch dafür, dass die Legende neuen Aufwind erhielt und sich zu verselbstständigen begann.

Kapitel 4 widmet sich dann der Flugscheibenlegende nach dem Ende des Kalten Krieges. Im Mittelpunkt steht hier ein Mann namens Andreas Epp (1914–1997), der sich bereits in den 1950er-Jahren als Luftfahrtingenieur zu profilieren suchte und sich im Zuge dessen als Konstrukteur einer fliegenden Untertasse, des „Omega-Diskus“, ausgab. Bemerkenswerterweise begann Hepp aber erst nach 1990 zu behaupten, er habe seinerzeit nicht nur Kontakte zu hochrangigen Nationalsozialisten wie dem Generalluftzeugmeister Ernst Udet gehabt, sondern sei auch der eigentliche Urheber des Flugscheibenprinzips, von dem all die anderen in den 1950er-Jahren behauptet hatten, es handle sich um ihre Erfindung. Epp scheint es Wiechmann zufolge in erster Linie um persönliche Geltungssucht und Anerkennung als Luftfahrtingenieur gegangen zu sein. Nachdem ihm diese verwehrt geblieben war, halfen ihm jene Nazi-Meriten, mit denen sich seine inzwischen allesamt verstorbenen Konkurrenten gebrüstet hatten, zumindest dabei, nach 1990 zum einflussreichen „Kronzeugen“ einer eher obskuren „Flugscheibenszene“ zu avancieren (S. 130).

Auf diese Szene geht der Verfasser jedoch nur ausblickartig ein. Sein erklärtes Ziel ist es hingegen, zu untersuchen, wie ein „populärer Mythos im Grenzgebiet zwischen fact und fiction“ zu einer Zeit entstehen konnte, in der die „Medien noch völlig analog waren“ (S. X). In sorgfältiger und sicher mühevoller Forschungsarbeit hat Wiechmann vermutlich sämtliche Artikel zusammengetragen, die zwischen 1950 und 1990 zum Thema „Nazi-Flugscheiben“ in der westdeutschen Presse erschienen sind. Besonders hervorzuheben ist, dass die meisten dieser Artikel im Verlauf von Wiechmanns Untersuchung auch gezeigt werden. Viele von ihnen waren reich bebildert mit futuristischen Zeichnungen, seltsamen Konstruktionsplänen und verschwommenen Fotos angeblicher Nazi-UFOs, die eine ganz eigene Faszination entfalten. Umso bedauerlicher ist, dass der Verfasser sie als reine Illustrationen verwendet, auf die „generativ“-gestalterischen und „kommunikativ“-sinnstiftenden Aspekte dieser teils spektakulären, teils geheimnisvoll anmutenden Bilder und Ausführungen hingegen nicht weiter eingeht.[2]

Wie die abschließenden Ausführungen zu einem langjährigen Kritiker der Nazi-Flugscheiben-Legende namens Hans Justus Meier nahelegen, scheint dem Verfasser auch daran gelegen zu sein, dessen kritischen Interventionen Gehör zu verschaffen. Meier hatte bereits in den 1970er-Jahren zur Gruppe derjenigen gezählt, die diesen modernen Mythos zu widerlegen suchten, war jedoch von der damaligen „UFO-Welle“ übertönt worden. Knapp 50 Jahre später hat Wiechmann eine Reihe von Luftfahrt-Experten konsultiert, die Meiers publizierte Einlassungen mit ihrer fachlichen Autorität beglaubigen. Verwendet Wiechmann also auch beträchtliche Mühen darauf, den modernen Mythos von der Nazi-Flugscheibe ein für alle Mal zu entkräften, fragt er leider nicht danach, warum dieser sich innerhalb von knapp einem Jahrzehnt derart breit in der westdeutschen Gesellschaft etablieren konnte und nach dem Ende des Kalten Krieges ein spektakuläres Comeback in rechtsradikalen Kreisen des wiedervereinigten Deutschlands erfuhr.[3]

Diese Begrenzung des Blicks ist schade, da Wiechmanns höchst interessante Befunde eine Reihe spannender Fragen aufwerfen: Was sagt die Tatsache, dass selbst einflussreiche westdeutsche Leitmedien wie die „Welt“ oder das ZDF die Legende von der Nazi-Flugscheibe unkritisch reproduzierten, wie der Verfasser zurecht bemerkt, über die bundesrepublikanische Vergangenheitspolitik der 1950er- und 1960er-Jahre aus? Wie verbreitet war der Glaube an Nazi-„Wunderwaffen“ vor und nach 1945, wenn sich der Mythos von der Nazi-Flugscheibe derart rasch und reibungslos etablieren konnte, wie der Autor es beschreibt? Was bedeutet wiederum ein offenbar weitverbreiteter Glaube an die vermeintlichen Fähigkeiten nationalsozialistischer Luftfahrtingenieure und -konstrukteure für die (Re-)Konstituierung westdeutscher Astrokultur nach 1945? Und was besagt die Tatsache, dass erste Artikel zur angeblichen Nazi-Flugscheibe nicht nur in Deutschland, sondern zeitgleich auch in Italien und Frankreich erschienen, über die Wahrnehmung Deutschlands und seiner jüngeren Vergangenheit im europäischen Ausland – zu einer Zeit, in der ehedem für das NS-Regime tätige Ingenieure und Konstrukteure wie Kurt Tank (1898–1983) oder Eugen Sänger (1905–1964) an kontroversen Rüstungsprogrammen in Südamerika beziehungsweise im Nahen Osten beteiligt waren?[4] Das sind wichtige, bislang aber erst wenig erforschte Fragen der Zeitgeschichte. Wer immer sich ihrer annimmt, wird an Gerhard Wiechmanns Buch nicht vorbeikommen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu etwa den SPIEGEL-Titel vom 26.06.2021: „Sind wir noch allein? Die UFO-Akten des Pentagon und die Suche nach Leben im All“.
[2] Zum medialen Charakter von Bildern vgl. Gerhard Paul, Visual History, Version: 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 13.03.2014, http://docupedia.de/zg/paul_visual_history_v3_de_2014 (15.06.2022).
[3] Zum modernen Mythos vgl. etwa Karl Hepfer, Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft, Bielefeld 2015, S. 119–122.
[4] Vgl. dazu u.a. Argentina: Old Hands, New Directions, in: TIME, 23.10.1950, https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,813605,00.html (15.06.2022); SPIEGEL-Titel vom 08.05.1963: „Deutsche Raketen für Nasser“, darin: Naher Osten. Rüstung. 36, 135 und 333, in: SPIEGEL, 08.05.1963, S. 56–71, zu Sänger S. 62, https://www.spiegel.de/politik/36-135-und-333-a-1806d3d9-0002-0001-0000-000045151898?context=issue (15.06.2022).