O. Auge u.a. (Hrsg.): ›Kleine Bischöfe‹ im Alten Reich

Cover
Titel
›Kleine Bischöfe‹ im Alten Reich. Strukturelle Zwänge, Handlungsspielräume und soziale Praktiken im Wandel (1200–1600)


Herausgeber
Auge, Oliver; Bihrer, Andreas; Gallion, Nina
Reihe
Zeitschrift für Historische Forschung. Beihefte (58)
Erschienen
Anzahl Seiten
462 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lisa Merkel, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Universität Leipzig

Peter Moraw prägte den Begriff der mindermächtigen Fürsten, die sich nach seiner Darstellung dadurch auszeichneten, dass ihr politischer Handlungsraum stark begrenzt war.[1] Diesen „kleinen“ Herrschern widmet sich Oliver Auge, vielfach unter anderen Prämissen als Moraw, bereits seit einigen Jahren.[2] Der vorliegende Sammelband, der sich mit den sogenannten ‚kleinen Bischöfen‘ des Alten Reiches beschäftigt, ist in diesem Forschungskontext zu verorten. Neben dem Kieler Regionalhistoriker sind auch seine Mitherausgeber Andreas Bihrer und Nina Gallion bereits mit einschlägigen Beiträgen zu geistlichen Würdenträgern hervorgetreten.

Die zentrale Frage, mit der sich alle Aufsätze auseinandersetzen, ist dabei, ob die untersuchten Bischöfe bzw. deren Bistümer tatsächlich „klein“ waren. Ausschlaggebend ist dabei nicht nur die Frage, inwieweit die Bischöfe auf Reichsebene agierten – oder eben gerade nicht –, sondern auch, wie sich die finanzielle, geographische und politische Situation, insbesondere im Zusammenspiel mit den angrenzenden Landesherren und dem jeweiligen Domkapitel gestaltete.

Die Reihe der Beiträge durchschreitet die Bistümer des Reiches zunächst mit einem Abstecher in das Erzstift Riga grob von Norden nach Süden (Schleswig, Ratzeburg, Schwerin). Anschließend werden in westlicher Richtung Hildesheim und Minden beleuchtet, bevor dann der weite Sprung in den Süden nach Basel vollzogen wird. Um den Kreis zu schließen, werden nachfolgend Eichstätt und Salzburg thematisiert sowie anschließend mit einem Schwenk gen Norden Merseburg und Meißen betrachtet.

Der inhaltliche Zugriff auf das Thema gestaltet sich bei den Beiträgern recht unterschiedlich. Einerseits wird die Bistumsgeschichte in den Blick genommen und anhand dieser allgemeine Tendenzen herausgearbeitet sowie die in der Überlieferung zu findenden Konflikte thematisiert. Dem gegenüber stehen jene Beiträge, die nur einen oder auch nur eine begrenzte Auswahl an Bischöfen untersuchen. Zweifelsohne ist hierbei auch die Überlieferungssituation entscheidend, sodass außer Frage steht, dass jedes Bistum nicht im gleichen Umfang bearbeitet werden kann. Die von Andreas Bihrer im Einführungsbeitrag aufgemachten zwölf Untersuchungsfelder (ökonomische Basis, bischöflicher Hof, konkurrierende Mächte, Stellung im Reich, Herkunft, der ‚Faktor Mensch‘, Rang, Repräsentation, Kompensation der reichsweiten Bedeutung im Bistum, historischer Wandel, Urteil der Nachwelt sowie Definition von gleichrangig, groß und klein) konnten daher auch nicht auf jedes Bistum bzw. jeden Bischof angewendet werden und wurden eher vereinzelt aufgegriffen. Christian Hesse präzisiert diese Punkte und reduziert sie nochmals auf die wesentlichen und für eine Vergleichbarkeit geeigneten Felder (Entwicklung und Größe des Hochstifts, Situation der bischöflichen Finanzen, Umfang von Hof und Verwaltung sowie Rolle des Domkapitels).

Als Überblick angelegt sind die Beiträge von Oliver Auge zu den Schleswiger Bischöfen (S. 19–46), Stefan Petersen zu Ratzeburg (S. 47–75), Natalie Kruppa zu Hildesheimer Bischöfen, wobei sie sich auf den Aspekt der Bischofswahl konzentriert (S. 167–203), Christian Hesse zu den Basler Bischöfen (des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts; S. 205–234), Helmut Flachenecker zum Eichstätter Hochstift (S. 235–269), Johannes Lang zu den Salzburger Bischöfen (S. 271–290) sowie Enno Bünz zu den Meißner Bischöfen (S. 347–372). Auf ausgewählte oder sogar nur einzelne Bischöfe beschränken sich dagegen die Beiträge von Andreas Röpcke zu drei Schweriner Bischöfen (S. 77–95), Klaus Neitmann zum Rigaer Erzbischof Wilhelm von Brandenburg (S. 97–139), Friederike Maria Schnack zum Mindener Bischof Ludwig von Braunschweig-Lüneburg (S. 141–166) und Gerrit Deutschländer zu Merseburg, wobei er vor allem Thilo von Trotha in den Blick nimmt (S. 291–346).
Die Besonderheiten der verschiedenen Bistümer stechen dabei deutlich hervor, wobei hier lediglich das von Prämonstratensern besetzte Ratzeburger Domkapitel und der mit Eigenbistümern ausgestattete Salzburger Bischof genannt seien. Das Beispiel Riga befindet sich allein geographisch an der Peripherie des Reiches, wobei besonders deutlich wird, wie die langen Kommunikationswege die Handlungsmöglichkeiten der Bischöfe auf Reichsebene erschwerten. Allein diese wenigen Aspekte dürften deutlich machen, wie schwierig der angestrebte Vergleich ist.

Durch die Verzögerungen in der Drucklegung, vor denen wohl kaum ein Band gefeit ist, stellen die Beiträge den Forschungsstand von 2018 dar. Hierbei ist der Rezensentin aufgrund ihres eigenen Forschungsfeldes insbesondere im Beitrag zu Merseburg von Gerrit Deutschländer der fehlende Tagungsband zu Bischof Thilo von Trotha[3] aufgefallen, welcher 2020 erschienen ist. Zwar stellt die stetige Aktualisierung eines Sammelbandes einen enormen redaktionellen Aufwand dar, allerdings wäre zumindest die Ergänzung einer solchen grundlegenden Forschungsliteratur dennoch wünschenswert gewesen.

Insgesamt stellt der Band eine (erste) übergreifende und strukturelle Annäherung an jene Bistümer und Bischöfe dar, die Reichspolitisch nur einen sehr eingeschränkten Handlungsspielraum hatten. Der dafür nötige landesgeschichtliche Ansatz der Beiträge bewirkt aber auch, dass der Sammelband eher eine Aneinanderreihung von Einzelfalluntersuchungen bildet. Die übergreifende Synthese wird dadurch erschwert, dass für jedes Bistum (und z.T. auch für jeden Bischof) zunächst der Kontext betrachtet werden muss. Wollte man hierbei in die Tiefe gehen, müsste aus jedem Beitrag ein umfangreicher Germania Sacra-Band entstehen, wobei für einige der betrachteten Bistümer bereits die entsprechenden Veröffentlichungen vorliegen. Wie auch Nina Gallion in ihrer Zusammenfassung konstatiert, ist es nur sehr schwer möglich, Gemeinsamkeiten zu finden, die alle ‚kleinen‘ Bischöfe miteinander verbanden. Dafür sind die Gegebenheiten vor Ort zu verschieden, die Entwicklungen durch zu unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Hinzu kommt, dass die Voraussetzungen für jeden Bischof anders sein konnten, sich also von seinem Vorgänger und Nachfolger durchaus gravierend unterscheiden konnte. All dies macht einen reichsweiten Vergleich äußerst schwierig.

Der Wert des Sammelbandes liegt somit ganz grundlegend in der Tatsache, dass die als solche postulierten ‚kleinen Bischöfe‘ ins Blickfeld der Forschung gerückt werden. Darüber hinaus wird deutlich, welche Bandbreite an Untersuchungsfeldern noch bearbeitet werden kann, wenn der Blick auf die reichspolitisch eher unauffälligen Bischöfe gerichtet wird.

Anmerkungen:
[1] Zum Konzept der Einteilung der geistlichen und weltlichen Reichsfürsten in vier Kategorien erstmals Peter Moraw, Fürstentum, Königtum und „Reichsreform“ im deutschen Spätmittelalter, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 122 (1986), S. 117–136.
[2] Hierzu Oliver Auge, Kleine Könige und mindermächtige Fürsten? Peter Moraw und das Phänomen „starker Herrschaft“ im Spätmittelalter, in: Christine Reinle (Hrsg.), Stand und Perspektiven der Sozial- und Verfassungsgeschichte zum römisch-deutschen Reich. Der Forschungseinfluss Peter Moraws auf die deutsche Mediävistik (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 10), Affalterbach 2016, S. 147–163; Oliver Auge, Zu den Handlungsspielräumen „kleiner“ Fürsten. Ein neues Forschungsdesign am Beispiel der Herzöge von Pommern-Stolp (1372–1459), in: Zeitschrift für Historische Forschung 40 (2013), S. 183–226. An dieser Stelle sei auch auf den parallelen Sammelband verwiesen: Oliver Auge / Michael Hecht (Hrsg.), ›Kleine Fürsten‹ im Alten Reich. Strukturelle Zwänge und soziale Praktiken im Wandel (1300–1800), in: Zeitschrift für Historische Forschung. Beihefte 59 (2022).
[3] Enno Bünz / Markus Cottin (Hrsg.), Bischof Thilo von Trotha (1466–1514). Merseburg und seine Nachbarbistümer im Kontext des ausgehenden Mittelalters, Leipzig 2020.

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Veröffentlicht am
23.09.2022
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