J. Baberowski u.a. (Hrsg.): Crises in Authoritarian Regimes

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Titel
Crises in Authoritarian Regimes. Fragile Orders and Contested Power


Herausgeber
Baberowski, Jörg; Wagner, Martin
Erschienen
Frankfurt am Main 2022: Campus Verlag
Anzahl Seiten
376 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gert Pickel, Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung, Theologische Fakultät der Universität Leipzig

Krisen werden seit der frühen Transformationsforschung als Prüfsteine für jedes politische Regime angesehen. Dies betrifft Demokratien, aber auch Autokratien. So ist es die zentrale Aufgabe eines politischen Regimes, wie man politische Systeme etwas uncharmant in der vergleichenden Demokratieforschung nennt, erst einmal sich selbst zu erhalten. Die Mittel sind in der Regel erstaunlich begrenzt. Eines ist die Legitimität in der Bevölkerung, welche das politische Regime auch in Krisenphasen überleben lässt, ein anderes sind – speziell in Autokratien mit fehlender oder stark eingeschränkter Rechtsstaatlichkeit – Zwangsmaßnahmen. Letztere besitzen in der Regel den Nachteil, dass sie kostspielig sind und auf Dauer über den damit verbundenen Legitimitätsverlust wiederum den Zusammenbruch des politischen Regimes nach sich ziehen können. Krisen sind allerdings gleichzeitig eine Chance, dann nämlich, wenn sie zum Umsturz genutzt werden können. So ist die rasante Zunahme der Demokratien nach 1945 kaum ohne die Krisen der Autokratien in Europa, Lateinamerika und weiteren Weltregionen vorstellbar. Krisen eröffnen sogar eine dritte Möglichkeit: Herrschende können die Situation für sich nutzen, wenn alle Bürger:innen auf die Krise fixiert sind, um das eigene politische System zu renovieren oder gar in eine bestimmte gewünschte Richtung zu transformieren. Solche Prozesse sind in Autokratien zu beobachten, wo zum Beispiel letzte demokratische Reminiszenzen beseitigt werden. Zudem können Krisen, wenn sie außenpolitisch angelegt sind, von inneren Problemen ablenken. Denn in der Regel mobilisieren sie die Bürger:innen und steigern die Legitimität des politischen Regimes.

In diesen größeren Komplex ist das besprochene Buch einzuordnen. Die Beschäftigung mit der daraus resultierenden Frage „How do modern authoritarian regimes deal with the duality of crisis as they often aim both – preserving stability amidst crisis and reviving their political order via crisis?“ (S. 12) stellt den Leitfaden für den vorliegenden Sammelband von Jörg Baberowski und Martin Wagner dar. Ausnahmsweise geht es in dem Band einmal weniger um die Krisenfestigkeit von Demokratien, sondern um die Krisen in autoritären Regimen und Autokratien. Im Band wird der Begriff der autoritären Regime verwendet. Aufbauend auf eine gleichnamige Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin und in Kooperation mit Kolleg:innen aus Princeton widmet sich das Buch dem Umgang mit Krisen in gegenwärtigen wie vergangenen politischen Regimen. Dies geschieht in vier größeren Abschnitten, die verschiedene Beiträge mit räumlich unterschiedlichen Fallstudien sammeln. Nach vier Beiträgen, die sich mit der autoritären Antwort auf gegenwärtige Krisen beschäftigen, folgen drei weitere Texte, die Kontinuitäten und Diskontinuitäten von Krisen der Zwischenkriegszeit betrachten. Der Blick auf die Ideologien und die identitätsbildende Wirkung von Krisen leitet den dritten Teil und wird durch einen abschließenden Part zur Gewalttätigkeit von und in Krisen abgerundet.

Abgesehen von Armin Nassehis Nachwort bietet das Buch überwiegend historische Zugänge zur Thematik, wie vielleicht mit Blick auf die vorangegangene Darstellung schon zu folgern war. Dies macht es für Politikwissenschaftler:innen und Soziolog:innen – wie den Rezensenten – nicht unattraktiver, die präsentierten Einzelstudien zu lesen. Ohne im Detail auf diese eingehen zu wollen, kann man sagen, dass die große Stärke des Bandes in seinem vergleichenden Zugang liegt. Diese Einordnung muss man sicher dahingehend einschränken, dass es sich nicht um eine Vergleichsanlage im strengen Sinne komparativer Politikwissenschaft handelt. Aber die Zusammenstellung synchroner wie diachroner Analysen ist komparativ interessant. So ist es erkenntnisfördernd, Parallelen zu ziehen zwischen der frühen Weimarer Republik (Amerigo Caruso) und den Entwicklungen während der 1960er-Jahre in Pakistan (Meher Ali) oder Argentinien Ende der 1970er-Jahre (Janis Nalbadidacis), da dies zum Weiterdenken auch in systematischer Hinsicht anregt. Zu solchen Parallelen gehören etwa die Delegitimierung demokratischer Akteure sowie die Nutzung der Situation zur Etablierung eines – angeblich besser für die Krise geeigneten – autoritären Regimes.

Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Ereignisse besonders spannend zu lesen ist natürlich die Analyse der russischen Entwicklung der Jahre 2018–2020 von Alexander Libman. Gerade in Kontrast oder in Ergänzung zu seiner durchaus auf existentielle Probleme des Putin-Regimes verweisenden Betrachtung könnte man heute die außenpolitische Aktivität Russlands auch als Ablenkung von anderen Krisenproblemen sehen, die mit dadurch legitimierten Zwangsmaßnahmen kombiniert wird. Überhaupt konzentriert sich der Schwerpunkt auf Regime im russischen Einflusskorridor (Stephen G.F. Hall) oder China (Bertram Lang, Carolin Kautz). Hier könnte man fragen, ob es sich nicht sogar um autoritäre Regime im Übergang zu totalitären Regimen handelt. Deutlich wird gerade in den Aufsätzen zu China, dass Krisen – wie im Kontext von COVID-19 – Strukturprobleme von Autokratien sichtbar machen, diese aber durch bewährte Mobilisierungskampagnen auch geschlossen werden können (Kautz, S. 139).

Das Überwinden von Krisen geschieht dabei nicht allein endogen. So können internationale Verbindungen, gerade wenn es ideologische Blöcke gibt, durch Krisen gestärkt werden. Dies war in früheren Zeiten der Fall, speziell während der Konfrontation der beiden Machtblöcke vor 1989 (vgl. S. 213f.), dies findet man aber auch heute – etwa durch den Versuch Chinas, Abhängigkeiten zu konstituieren. Die Übergänge, in der modernen Politikwissenschaft gern als hybride Regime gekennzeichnet, kommen ebenfalls in den Blick. So zeichnet Stefan Schubert die Bewegung zu einem autoritären Regime unter Pétain nach, die fast prototypisch für solche fließenden Bewegungen ist (S. 263). Die europäische Zentrierung überwindet unter anderem die Analyse Meher Alis zu Pakistan, die das behandelte Problem in eine globale Perspektive stellt. Denn wie diese Prozesse und Reaktionen weltweit zu finden sind, sind sie auch durch Lernprozesse wie Verflechtungen zwischen Regimen und Beteiligten miteinander verbunden. Genau dies gelingt es dem Buch immer wieder zu zeigen, ebenso aber die Spezifität nationaler Entwicklungen.

Insgesamt handelt es sich bei dem Sammelband um eine ausgesprochen interessante Kompilation einzelner Fallstudien, die ihren Reiz durch die doppelte Perspektive eines räumlichen und zeitlichen Vergleichs und ihren roten Faden des Blicks auf autoritäre Regime gewinnen. Diese Tiefenbohrungen bringen einiges zu Tage, was man bislang kaum im Blick hatte – die Schwierigkeiten und vielfältigen Wege des Umgangs mit Krisen durch autoritäre Regime. Zudem erweitert es die zeitgeschichtliche Forschung über eine stark auf Deutschland orientierte Analyse hinaus. Der besondere Gewinn des Bandes liegt in dem Fokus auf autoritäre Regime bzw. Autokratien, je nachdem, welche Lesart man verwendet. Über Demokratien in der Krise ist schon viel gesagt und spekuliert worden. Wie Autokratien mit Krisen umgehen, ist dagegen nur begrenzt bekannt. Vor dem Hintergrund, dass Autokratien – wie Russland lange Zeit als gelenkte Demokratie oder China als moderne Wirtschaftsmacht ohne Demokratie – vermehrt versuchen, ihr jeweiliges Modell als Alternative zur westlichen Demokratie ins Spiel zu bringen, sind solche Analysen äußerst wertvoll. Dies gleicht das übliche Fehlen eines Abschlusskapitels sowie eine systematischere Auswahl und Einordnung der betrachteten Fälle aus, die sich vergleichende Politikwissenschaftler:innen wünschen würden. Armin Nassehis Anschluss an die Überlegungen zum Ausnahmezustand als einem Zeitraum der Möglichkeiten (von Veränderung) kann helfen, ersetzt aber eine systematische Zusammenschau nicht. Dies ist unter anderem auch deshalb schade, weil dadurch die Möglichkeit ungenutzt bleibt, die zeitlich und räumlich doch sehr differenten Beiträge miteinander ins Gespräch zu bringen. Angesichts der recht aktiven Demokratie- und Autokratieforschung in der Politikwissenschaft hätte man hier vielleicht noch interessante interdisziplinäre Erweiterungen des behandelten Materials einbringen können. Der Anschluss an Theorien wie diejenige von Juan J. Linz ist bereits vorhanden (S. 17). Für die Zukunft auf eine stärkere Verzahnung von Politik- und Geschichtswissenschaft zu hoffen, will ich trotzdem nicht aufgeben. Entsprechend ist der Band historisch interessierten Politikwissenschaftler:innen und politikwissenschaftlich interessierten Historiker:innen nur wärmstens zur Lektüre zu empfehlen.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.07.2022
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