T. Haller u.a. (Hrsg.): Balancing the Commons in Switzerland

Cover
Titel
Balancing the Commons in Switzerland. Institutional Transformations and Sustainable Innovations


Herausgeber
Haller, Tobias; Liechti, Karina; Stuber, Martin; Viallon, François-Xavier; Wunderli, Rahel
Erschienen
London 2021: Routledge
Anzahl Seiten
322 S.
Preis
£ 120.00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Salome Egloff, Historisches Seminar, Universität Zürich

Das Buch «Balancing the Commons in Switzerland» präsentiert Resultate, die ein interdisziplinäres Team aus Historiker:innen, Anthropolog:innen, Politikwissenschaftler:innen und Humangeograf:innen in einem vierjährigen Projekt, gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF), erarbeitet haben.[1] Die «Commons»[2], um die sich das Buch dreht, haben ihre Ursprünge im Mittelalter und stammen somit aus einer Zeit mit einer völlig anderen rechtlich-politischen und ökonomischen Struktur. Die Autor:innen gehen der Frage nach, wie sich die Institutionen an den fundamentalen Wandel, insbesondere in den letzten 300 Jahren, angepasst haben und wie sie heute in einem total veränderten gesellschaftlichen Umfeld dastehen.

Why Switzerland – diese zentrale Anschlussfrage wirft Jon Mathieu gleich zu Beginn im Prolog des Bandes auf. Auch in der nachfolgenden Einführung wird der Fokus auf die Schweiz ausführlich begründet. Das Buch schließt an eine Diskussion an, die durch Elinor Ostroms Hauptwerk «Governing the Commons» ausgelöst wurde und in der die Schweizer Alpen als Hort besonders robuster Commons gelten.[3] Das vorliegende Buch hat den Anspruch, dieses Bild zu differenzieren. Durch eine historische Perspektive soll die Analyse der Schweizer Commons und ihres Wandels um Kategorien wie innere Machtverhältnisse und Beziehungen zu Nicht-Mitgliedern, zum Markt und Staat erweitert werden. Außerdem verstehen die Autor:innen der Einführung (Tobias Haller, Jean-David Gerber, Karina Liechti, Stéphane Nahrath, Christian Rohr, Martin Stuber, François-Xavier Viallon, Rahel Wunderli) die Schweiz aufgrund eines spezifischen rechtlich-politischen Settings als «Commons Lab». Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass die Besitzrechte der Korporationen durch den Staat garantiert sind und die Forst- und Alpwirtschaft subventioniert werden. Am Schweizer Beispiel können deshalb Entwicklungspfade von Commons unter günstigen Bedingungen studiert und verglichen werden.

In den auf die Einführung folgenden drei Kapiteln stehen die methodischen Ansätze der Studie im Fokus. Die Autor:innen interessieren sich sowohl für die Geschichte der Commons seit dem Mittelalter (Martin Stuber, Rahel Wunderli), für die Interaktionen zwischen Commons und staatlichen Instanzen (François-Xavier Viallon, Stéphane Nahrath), sowie für die innere Funktionsweise der Institutionen, zum Beispiel die Gewichtung verschiedener Werte wie Ökonomie, Identität, Ökologie, Soziales (Tobias Haller, Karina Liechti, Stefan Mann). Die Geschichte der Commons wird dabei in vier Phasen der Formierung (Mittelalter), Konsolidierung (Frühe Neuzeit), Transformation (19. Jahrhundert) und Rollenwandel (20. Jahrhundert) eingeteilt. Ebenso war sie durch den Wechsel der Energiesysteme von der Agrar- zur Industrie- und schließlich Konsumgesellschaft geprägt. Die Gegenwart sehen die Autor:innen als Zeit zunehmender Fragilität der Commons aufgrund verschiedener Herausforderungen: Ihre traditionellen Aufgabenbereiche, die Alp- und Forstwirtschaft, sind heute ein Verlustgeschäft, da die Produkte einen massiven Wertverlust erlitten haben. Gleichzeitig sind der Erhalt der Infrastruktur und die Pflege der Ressourcen kostspielig und arbeitsintensiv. Staatliche Subventionen reichen nicht aus, um die Mehrkosten vollständig zu decken. Das stärkere Engagement des Staates in der Wald- und Alpwirtschaft geht mit einem Autonomieverlust der Korporationen einher, die bei ihren Tätigkeiten kantonale und nationale Gesetze befolgen, sowie Auflagen für Subventionen erfüllen müssen. Hinzu treten gesellschaftliche Veränderungen, zum Beispiel, dass ein immer kleinerer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist und die Commons im herkömmlichen Sinn nutzt. Mehrere der vorgestellten Korporationen kämpfen mit Nachwuchsproblemen und können Alpweiden nicht mehr ausreichend mit Vieh besetzen, sodass diese aufgegeben werden und verwalden.

Das Herzstück des Buches bilden schließlich die fünf Fallstudien, die fünf Commons im alpinen Raum der Schweiz gewidmet sind. Zu den Fallbeispielen gehören die Korporation Uri (Rahel Wunderli), die Bürgergemeinde Chur (Martin Stuber), die Korporationen Sarnen (Karina Liechti), die bourgeoisies Val d’Anniviers (François-Xavier Viallon) und der Patriziato Olivone (Mark Bertogliati). In jedem Kapitel wird ein Überblick über die Geschichte der jeweiligen Institution seit dem Mittelalter gegeben. Der Fokus der Analyse liegt auf der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart und schließt durch Zitate aus Interviews mit Mitgliedern auch eine innere Perspektive ein. Den weiter oben angesprochenen vielfältigen Herausforderungen begegnen die untersuchten Institutionen mit verschiedenen Strategien: Eine erste Strategie ist die Erschließung neuer ökonomischer Tätigkeitsfelder, wie Tourismus, Wasserkraft, Landverkauf als Bauland oder Verwaltung von Liegenschaften. Dies erlaubt es, mit Einkünften aus lukrativen «Betriebszweigen» traditionelle Bereiche wie die Forst- und Alpwirtschaft querzufinanzieren, die sonst Verluste generieren würden. Eine weitere Strategie ist der Zusammenschluss kleiner Commons zu größeren Institutionen, um die Verhandlungsmacht gegenüber staatlichen Instanzen zu stärken und Unterhalts- und Produktionskosten zu senken. Als wichtig erweisen sich auch gute Beziehungen zu kommunalen, kantonalen und staatlichen Instanzen. Die richtige Nähe zu den Behörden zu finden und gleichzeitig die eigene Autonomie zu wahren, erweist sich allerdings oftmals als schwieriger Balanceakt. Als letzter Punkt empfiehlt sich gemäss den Autor:innen auch, sich proaktiv um ein gutes öffentliches Image zu bemühen. Eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit, ein positives self-labeling beispielsweise als lokale Ökologie-Experten, die Unterstützung von Projekten mit gesamtgesellschaftlichem Nutzen oder die Öffnung des Mitgliederkreises gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Im Synthese-Kapitel am Schluss des Buches werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Fallbeispielen herausgearbeitet. Zusammenfassend stellen die Autor:innen folgende Diagnose: Trotz der im Vergleich zum globalen Süden günstigen Bedingungen in der Schweiz sind die untersuchten Commons vulnerabel. Eine Anpassung an die veränderten Bedingungen ist möglich, jedoch von lokalen Faktoren abhängig und gelingt nicht in allen Fallbeispielen gleichermaßen. Größere Institutionen, die gut in der Gesellschaft verankert sind und eng mit Gemeinde, Kanton und Staat zusammenarbeiten, haben gute Erfolgsaussichten. Auch die Möglichkeit, ökonomische Tätigkeiten zu erweitern und diversifizieren, zum Beispiel in die Bereiche Tourismus oder Wasserkraft, erweist sich als wichtiger Faktor. Diese Anpassungsleistungen können jedoch mit dem traditionellen Selbstverständnis kollidieren und zu einem Identitätsverlust führen. Viele Commoners sehen sich beispielsweise nach wie vor als Hüter und Bewahrer natürlicher Ressourcen und Kulturlandschaften. Der Verkauf von Land oder die Errichtung touristischer Anlagen aus ökonomischem Druck können als Abwendung von diesen Idealen empfunden werden. Auch die Öffnung der Institutionen für Neumitglieder und Frauen stößt mithin auf Ablehnung, da sie sich mit dem traditionalistischen Selbstverständnis der Institutionen nur schwer vereinbaren lässt.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine dichte und anspruchsvolle Lektüre, die konkrete Fallbeispiele in vielfältiger Weise mit theoretischen und methodischen Konzepten der Commons-Forschung verknüpft. Die theoretischen Erläuterungen im ersten Teil des Buches nachzuvollziehen, ist für Nicht-Expert:innen nicht immer einfach. Auch bei den Fallstudien ist die Leserschaft angesichts der Vielzahl lokaler Begrifflichkeiten und der Heterogenität institutioneller Arrangements gefordert. Das eher leserunfreundliche Layout erschwert die Erschließung der anspruchsvollen Texte zusätzlich. Die kleine Schrift und die unterschiedlichen Formate der Zwischentitel lassen die Leserin bzw. den Leser streckenweise den Überblick verlieren. Auch Karten, Bilder und Grafiken sind nur mit Mühe zu entschlüsseln, da sie sehr klein und schwarz-weiß abgebildet sind, sodass die verschiedenen Grautöne bei Karten kaum zu unterscheiden sind. Auflockernd wirken jedoch die eingeflochtenen Zitate aus Interviews, die lebendige Einblicke in die Welt heutiger Commoners vermitteln.

Die formalen Defizite tun jedoch den inhaltlichen Verdiensten des Buches in keiner Weise Abbruch. Eine große Stärke dieser Studie liegt im Methodenmix, der eine ganzheitliche Herangehensweise an den Untersuchungsgegenstand zulässt und dadurch eine Kritik und Erweiterung bestehender Theorien ermöglicht: So kann beispielsweise gezeigt werden, dass nicht nur die Prinzipien der collective action, wie von Ostrom angenommen, sondern auch innere Machtverhältnisse, die Einbettung in Märkte und politische Kontexte die Institutionen und ihre Regeln formen. Dass institutionelle Robustheit nicht einfach gegeben ist, sondern immer wieder erkämpft und verteidigt werden musste und mit Kosten, zum Beispiel für Nicht-Mitglieder, verbunden war, zeigen die Biografien der Fallbeispiele eindrücklich. Eine weitere Stärke liegt darin, dass die Autor:innen ein realitätsnahes und sehr differenziertes Bild der Commons in der heutigen Zeit zeichnen. Dies trägt dazu bei, einseitige Vorstellungen der Commons als innovationsfeindliche Subventionenempfänger oder als feudale Privilegienverbände, die jährlich beträchtliche Geldbeträge an ihre Mitglieder ausschütten, zu korrigieren. Ihr oftmals großes ehrenamtliches Engagement, ihr lokales Wissen und ihr Einsatz für den Erhalt von Kulturlandschaften oder für den Schutz gegen Naturgefahren werden zu Recht als positive Leistungen hervorgehoben. Die Autor:innen betonen, dass es wichtig wäre, die Commons-Institutionen als größte Landbesitzer der Schweiz vermehrt in die Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsziele einzubeziehen, was bis dato kaum geschieht. Das Buch stellt somit ein Plädoyer sowohl für eine höhere Anerkennung als auch für einen verstärkten Einbezug der Commoners in politische Aushandlungsprozesse dar. Insofern ist «Balancing the Commons in Switzerland» ein wichtiges und aktuelles Buch, dessen Lektüre sich – auch außerhalb der Schweiz – unbedingt lohnt.

Anmerkungen:
[1] Sustainable Commons Adaptations to Landscape Ecosystems in Switzerland (SCALES). Institutional Change, Constitutional Innovations and Public Policies in Swiss Resource Management. Förderungsdauer: 2017–2020, https://p3.snf.ch/project-166334 (16.06.2022).
[2] Unter «Commons» oder «Korporationen» werden Institutionen verstanden, die kollektive Ressourcen bewirtschaften. Mit «Commoners» sind die Mitglieder dieser Institutionen gemeint.
[3] Elinor Ostrom, Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge 1990. Für dieses Werk erhielt die Politologin und Ökonomin im Jahr 2009 den Wirtschaftsnobelpreis. Das Walliser Dorf Törbel spielt darin eine wichtige Rolle als Fallbeispiel für eine langfristig funktionierende Commons-Institution.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.06.2022
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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