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Titel
Caritasgeschichte zwischen katholischem Milieu und Wohlfahrtsstaat. Das Seraphische Liebeswerk (1889-1971)


Autor(en)
Henkelmann, Andreas
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 113
Erschienen
Paderborn 2008: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
508 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michaela Bachem-Rehm, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen, Campus Essen

Der Begriff des „Milieus“ hat in der historischen Forschung in den letzten vierzig Jahren eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen – angefangen von Rainer M. Lepsius' Einführung dieses Terminus in die Geschichtswissenschaft im Jahre 1966 bis zu der bis heute andauernden Kontroverse zwischen Kirchen- und Allgemeinhistorikern um das „katholische Milieu“. Nicht zuletzt angesichts der sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber stehenden Forschungsstandpunkte – handelt es sich um ein homogenes katholisches Milieu oder drei katholische Teilmilieus? – kann es nicht überraschen, dass in jüngster Zeit sogar der Ausstieg aus der Milieuforschung gefordert worden ist. [1] Dass diese Forderung zu kurz greift und die Möglichkeiten des Milieukonzeptes noch längst nicht erschöpft sind, zeigt die vorliegende Dissertation von Andreas Henkelmann über das Seraphische Liebeswerk, die im Oktober 2005 an der katholisch-theologischen Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität eingereicht worden ist.

„Kinderseelen retten ist das göttlichste aller Werke!“ Mit diesem und ähnlichen Aufrufen begann in den 1890er-Jahren der Siegeszug einer katholischen Vereinigung, die heute noch existiert, aber weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Im Jahre 1889 gründeten Mitglieder des franziskanischen Drittordens unter der Leitung des Kapuzinerpaters Cyprian Fröhlich in Koblenz-Ehrenbreitstein das Seraphische Liebeswerk zur Rettung verwahrloster und sittlich gefährdeter Kinder. Auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung gehörten dem katholischen Sammel- und Erziehungsverein 400.000 Mitglieder an. Der sich bereits in der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“ abzeichnende Bedeutungsverlust konnte nach 1945 nur kurzzeitig abgewendet werden.

In seiner Studie, bei der es sich um eine überarbeitete Fassung seiner Dissertationsschrift handelt, liefert Henkelmann anhand der Geschichte des Liebeswerks von der Gründung bis zur Erosion des Milieus in den 1960er-Jahren einen „Längsschnitt“ (S. 34), wobei der Rücktritt des damaligen Vorsitzenden 1971 als Schlussdatum fungiert. Das Seraphische Liebeswerk dient dem Verfasser als „Sonde“ (S. 17) zur Erforschung des katholischen Milieus, wobei die Wechselseitigkeit betont wird: „Die Mikrogeschichte des Liebeswerkes kann zum Verständnis des katholischen Milieus beitragen; umgekehrt gilt, daß die Entwicklung des Vereins ohne den Bezug zur Makrogeschichte unverständlich bleibt“ (S. 18). Neben verschiedenen Archivbeständen hat der Verfasser vor allem die Protokollbücher des Liebeswerks, den Schriftwechsel und die Vereinszeitschriften „Seraphischer Kinderfreund“ und „St. Franziskus-Blatt“ ausgewertet. Die voluminöse Darstellung, die mehr als 500 Seiten umfasst, ist in eine ausführliche Einleitung, fünf chronologisch aufeinander folgende Hauptkapitel und eine abschließende Einordnung der Ergebnisse in die katholische Milieuforschung unterteilt. Innerhalb der Hauptteile wird auf die chronologische Ordnung zugunsten einer problemorientierten Betrachtungsweise verzichtet. Kritisch bleibt anzumerken, dass die Kumulation von Fragen zu Beginn der Kapitel auf Dauer als störend empfunden wird.

Im ersten Hauptteil (1889-1901) beschreibt der Verfasser die Gründungsphase des Seraphischen Liebeswerks als „beeindruckende Erfolgsstory“ (S. 42). Ohne finanzielle Ressourcen und ohne Unterstützung der Amtskirche wurde ein caritativer Verein ins Leben gerufen, der bereits drei Jahre nach seiner Gründung über 50.000 Mitglieder zählte. In dieser „Orientierungs- und Erprobungsphase“ (S. 144) verstand sich das Liebeswerk als reiner Sammelverein, um Kinder zu unterstützen, deren katholische Erziehung nicht länger gewährleistet war, weil z.B. bei einer konfessionsverschiedenen Ehe der katholische Elternteil verstorben war. Nach dem Motto von Pater Cyprian Fröhlich: „Zufrieden alle Armen/ Barmherzig alle Reichen/ So ließe sich am Schönsten/ Der Unterschied ausgleichen“ wurde die religiöse Erziehung der Kinder als ein Hauptmittel zur Lösung der sozialen Frage gesehen. Der zweite Hauptteil (1901-1920) setzt mit der Ankunft Pater Cyrillus Reinheimers in Ehrenbreitstein ein, der die weitere Entwicklung des Liebeswerks zu einem katholischen Erziehungsverein entscheidend beeinflusst hat. Nachdem die Gründungsphase noch von einer „Anarchie des Sammelns“ (S. 141) geprägt war, modernisierte Reinheimer die Vereinsarbeit und entwickelte ein eigenes Erziehungsprofil für das Liebeswerk. Staatlichen und protestantischen Wohlfahrtsorganisationen wurde aus Furcht vor einer „Entkatholisierung“ (S. 187) mit Zurückhaltung begegnet, und auch das Verhältnis zu anderen katholischen Vereinen war sehr distanziert. So gab es nach der Jahrhundertwende nur eine kurze Phase der Kooperation mit dem Freiburger Caritasverband, die nach 1910 von einer „lang anhaltende[n] Eiszeit“ (S. 211) abgelöst wurde. Diese Spannungen zwischen Seraphischem Liebeswerk und Caritasverband lassen sich auf das im katholischen Vereinswesen weit verbreitete Konkurrenzdenken zurückführen. Die paradoxe Haltung des Seraphischen Liebeswerks in der Weimarer Republik steht im Mittelpunkt des dritten Hauptteils. Nach verlorenem Krieg, Ausrufung der Republik und dem Rücktritt Pater Reinheimers musste das Verhältnis zu den öffentlichen Wohlfahrtsverbänden in den 1920er-Jahren neu ausgelotet werden. Man hatte dabei keine Probleme damit, den Weimarer Wohlfahrtsstaat auf der einen Seite als „unchristlich“ zu diffamieren, auf der anderen Seite aber seine Subventionen bereitwillig anzunehmen. Im „Dritten Reich“ – das zeigt der vierte Teil von Henkelmanns Studie – wurde das Seraphische Liebeswerk in seiner Vereinstätigkeit zwar stark eingeschränkt, aber nicht verboten. Während die Arbeit des Erziehungsvereins wegen des Wohlwollens der lokalen Wohlfahrtsbehörden in vielen Bereichen fortgesetzt werden konnte, hatte der Sammelverein mit einer Politik der nationalsozialistischen „Nadelstiche“ (S. 368) zu kämpfen, die zu finanziellen Problemen und einem deutlichen Mitgliederrückgang führte. Im fünften Hauptteil, der den Zeitraum von 1945-1971 thematisiert, stellt der Verfasser die These auf, dass sich das Seraphische Liebeswerk in der Nachkriegszeit endgültig von seinem Verständnis als „Milieuorganisation“ (S. 414) verabschiedet habe. In den fünfziger Jahren habe sich eine Theologie durchgesetzt, der es gelungen sei, die „beiden bislang konträr gedachten Pole Kirche und Welt zusammenzubringen“ (S. 465). Da dieser Denkansatz im Zweiten Vatikanum zur amtskirchlichen Lehre wurde, war für das Seraphische Liebeswerk nun die Einbindung in den öffentlichen Wohlfahrtssektor möglich, was angesichts der Auflösungserscheinungen des katholischen Milieus auch finanziell immer bedeutsamer wurde.

In seinem Resümee ordnet der Verfasser die Geschichte des Seraphischen Liebeswerks in die katholische Milieuforschung ein. Nach seiner Ansicht wird durch den Milieuansatz „der Anfangs- und der Endpunkt einer bestimmten Form von katholischer Vergesellschaftung prägnant erkennbar“ (S. 465). Auf das Seraphische Liebeswerk bezogen, lassen sich so die Entstehungsphase bis zur Jahrhundertwende sowie die Umbrüche in den 1950er- und 1960er-Jahren gut fassen. Die Phasen dazwischen, vor allem die Reformen Pater Reinheimers nach der Jahrhundertwende und die Entwicklung in der Weimarer Republik, fallen dann allerdings aus dem „Verstehenshorizont der Milieutheorie“ (S. 465) heraus. Für Henkelmann bedeutet diese Problematik allerdings nicht eine Infragestellung der Milieutheorie, sondern ein Plädoyer für ein offeneres Milieuverständnis. Das katholische Milieu solle nicht als ein nach dem Kulturkampf abgeschlossenes Gebilde betrachtet werden, sondern stärker im Spannungsverhältnis von Kontinuität und Wandel sowie Homogenität und Heterogenität gesehen werden. Ob sich das von Henkelmann skizzierte offenere Milieuverständnis auch für andere Bereiche im Katholizismus bewähren wird, bleibt abzuwarten. Seine Ergebnisse sprechen jedoch dafür, einen solchen Ansatz zumindest in Betracht zu ziehen.

Anmerkung:
[1] So z.B. Christian Schmidtmann, Katholische Studierende 1945-1973. Ein Beitrag zur Kultur- und Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Paderborn 2006, S. 18ff.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.11.2008
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