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Title
The Modem World. A Prehistory of Social Media


Author(s)
Driscoll, Kevin
Published
Extent
328 S.
Price
$ 28.00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Matthias Röhr, Universität Siegen

Es wird Zeit für eine neue Geschichte des Internets: Das Internet wurde nicht vom US-Militär erfunden, sondern hat vielfältige Wurzeln, die sich in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre zu einem neuen Phänomen verdichtet haben.[1] Mit einer dieser Wurzeln, die für die Entwicklung des Internets zu einem gesellschaftlich relevanten Instrument menschlicher Kommunikation besonders prägend war, befasst sich Kevin Driscoll in dem hier zu rezensierenden Werk: der nordamerikanischen Landschaft der Bulletin-Board-Systems der 1980er- und 1990er-Jahre, die Driscoll als „modem world“ bezeichnet.

Bulletin-Board-Systems, oft einfach als BBS oder Boards bezeichnet und im deutschsprachigen Raum „Mailboxen“ genannt, entstanden in den USA aus der Verbindung zweier Entwicklungen: der Liberalisierung des Telekommunikationssektors und dem Aufkommen von preisgünstigen Mikrocomputern. In der Telekommunikation war insbesondere eine Entscheidung der zuständigen Regulierungsbehörde zentral. Infolge der sogenannten Carterphone-Decision aus dem Jahr 1968 durften sämtliche Endgeräte an das amerikanische Telefonnetz angeschlossen werden, die das Netz nicht störten. Dies betraf in erster Linie Modems zur Datenübertragung, sodass sich das amerikanische Telefonnetz in den 1970er-Jahren zu einem günstigen, zugänglichen und flächendeckend verfügbaren Datennetz entwickelte. Hinzu kam, dass Amateurfunk und Elektronikbasteln in jener Zeit populäre Hobbys waren und sich oftmals ergänzten. In der nordamerikanischen Szene der engagierten Elektronikfans entstanden zu Beginn der Dekade die ersten selbst gebauten Mikrocomputer, die schnell kommerzialisiert und ab ca. 1976 als preisgünstige Heimcomputer erworben werden konnten. Einer oft reproduzierten Erzählung zufolge, die Driscoll wiedergibt, kamen an einem verschneiten Wintertag im Januar 1978 zwei Elektronikbastler aus Chicago schließlich auf die Idee, einen ungenutzten Heimcomputer an das Telefonnetz anzuschließen und zum Nachrichtenaustausch mit anderen Heimcomputernutzer:innen zu verwenden.

Der Heimcomputer am Telefonnetz wurde in den USA in den folgenden zwei Jahrzehnten zu einem populären, vielfältigen und für die kommunikative Praxis verschiedenster Milieus und Szenen prägenden Medium. Während in den ersten Jahren überwiegend Heimcomputerenthusiasten und lokale Computerclubs mittels Boards kommunizierten, schildert Driscol eindrucksvoll, wie die „modem world“, die aus der Vielzahl der per Modem erreichbaren Kommunikationsmöglichkeiten gebildet wurde, mit der Durchdringung der amerikanischen Gesellschaft mit Heimcomputern vielfältiger wurde. Vor allem in großen Städten entstanden ab Ende der 1980er-Jahre Boards, deren Nutzergemeinschaften sich über spezifische Interessen definierten. Driscoll erwähnt dabei insbesondere Boards zur Partnersuche oder zum Austausch verschiedenster Sub- und Fankulturen, wie auch BBSs, die von der Black Community oder der LGBT-Bewegung betrieben wurden. Mit der Popularisierung begann auch eine Kommerzialisierung einiger Boards. Bekanntestes Beispiel hierfür war das in der kalifornischen Bay Area beheimatete Board „The WELL“, das vor allem Nutzer:innen anzog, die von der Counterculture inspiriert waren und die für den Zugang bezahlen mussten.[2]

Prägendes Strukturmerkmal der „modem world“ war die Gebührenstruktur des amerikanischen Telefonnetzes. Da Ortsgespräche in der Regel in der Grundgebühr enthalten waren, war die Einwahl bei lokalen Boards besonders attraktiv. Dies wiederum stärkte den sozialen Charakter des Mediums, wie Driscoll betont. Feiern und Zusammenkünfte konnten leicht organisiert und aus virtuellen Bekanntschaften schnell reale Freundschaften werden. Die finanzielle Hürde, Boards außerhalb des eigenen Vorwahlbereiches anzurufen, führte zudem dazu, dass sich einige Boards zu Netzwerken zusammenschlossen, die nachts, bei reduzierten Telefongebühren, Nachrichten gesammelt austauschten. Wichtigstes Netzwerk war das 1984 entstandene FIDONET, das für seine Diskussionsforen, genannt Echomail, bekannt war.

Ein weiteres Merkmal der „modem world“ waren die steigenden Bandbreiten der verfügbaren Modems. Während die meisten Geräte zu Beginn der 1980er-Jahre Daten mit 300 Baud und damit knapp oberhalb der menschlichen Lesegeschwindigkeit übertrugen, waren am Ende der Dekade bereits Modems mit der 32-fachen Geschwindigkeit (9,6 kb/s) verfügbar. Bis Ende der 1990er-Jahre stieg die Bandbreite der verfügbaren Modems schließlich auf 56 kb/s an. Diese Entwicklung eröffnete wiederum neue Nutzungsmöglichkeiten und begünstigte insbesondere den Austausch von Dateien, etwa Programmen oder Bildern, über spezielle Boards. Während dieses Filesharing einerseits mit der unlizenzierten Weitergabe von Programmen verbunden war, betont Driscoll, dass diese Entwicklung auch neue Geschäftsmodelle für Softwareentwickler eröffnete. Indem sie Shareware oder Demo-Versionen verbreiteten, konnten sie die Mechanismen der „modem world“ zur Bewerbung ihrer Programme nutzen und damit unabhängig von etablierten Marktstrukturen Kunden gewinnen. Das vielleicht bekannteste Beispiel hierfür war der einflussreiche First-Person-Shooter Doom, dessen Demo sich 1993 primär über Bulletin Boards verbreitete und das Spiel zu einem prägenden Ereignis einer neuartigen, digital vernetzten Jugendkultur des Computerspielens machte.

Dass die Phänomene der amerikanischen „modem world“ heute in erster Linie mit der Geschichte des Internets verbunden werden, liegt daran, dass Bulletin-Boards, neben Onlinediensten wie AOL, Prodigy und Compuserve, für die Popularisierung des Internets in den frühen 1990er-Jahren zentral waren. Ab 1992 ermöglichten einige Boards ihren Mitgliedern, zusätzlich zu ihren üblichen Angeboten, auch einen Datenaustausch über das Internet. Mit dem Durchbruch des World Wide Web als grafische Oberfläche des Internets im Jahr 1995 wurde die Nutzung von textbasierten Bulletin-Boards dann zunehmend unattraktiv, immer mehr Nutzer:innen zogen die globale Vielfalt des Internets der lokalen Sozialität einer BBS vor. Viele, hauptsächlich kommerzielle Boards versuchten daraufhin, sich auf dem zunehmend kompetitiv werdenden Markt der Internet-Service-Provider zu behaupten, während die meisten privaten Boards aufgaben oder ihre Aktivitäten vollständig ins Internet verlagerten.

Kevin Driscoll hat mit seinem Buch ein Werk vorgelegt, das einen zentralen, bislang kaum berücksichtigten Aspekt der Digital- und Internetgeschichte umfassend analysiert. Dabei ist es bemerkenswert, dass das Buch nun in gedruckter Form erschienen ist, immerhin wurde Driscolls Dissertation, auf der das Buch basiert, bereits 2014 abgeschlossen und ist seitdem im Open Access zugänglich.[3] Zu hoffen ist, dass diese Form der Veröffentlichung, zumal in einem etablierten Verlag, dem Werk eine breitere Rezeption ermöglicht, die der historischen Relevanz der „modem world“ gerecht wird.

Anmerkungen:
[1] So bereits im Grundsatz Roy Rosenzweig, Wizards, Bureaucrats, Warriors, and Hackers. Writing the History of the Internet, in: The American Historical Review 103 (1998), S. 1530–1552, https://doi.org/10.2307/2649970 (06.12.2022). Siehe außerdem die seit 2017 erscheinende Zeitschrift Internet Histories. Digital Technology, Culture and Society, https://www.tandfonline.com/journals/rint20 (06.12.2022).
[2] Siehe zu der Bedeutung von „The WELL“ für die Wahrnehmung einer „Cyberculture“ insbesondere Fred Turner, From Counterculture to Cyberculture. Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism, Chicago 2006.
[3] Kevin Edward Driscoll, Hobbyist Inter-Networking and the Popular Internet Imaginary. Forgotten Histories of Networked Personal Computing. 1978–1998. Dissertation, University of Southern California 2014, https://doi.org/10.25549/usctheses-c3-444362 (06.12.2022).

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14.12.2022
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