L.-K. Weimar: Bundesdeutsche Presseberichterstattung um Flucht und Asyl

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Titel
Bundesdeutsche Presseberichterstattung um Flucht und Asyl. Selbstverständnis und visuelle Inszenierung von den späten 1950er bis zu den frühen 1990er Jahren


Autor(en)
Weimar, Lisa-Katharina
Reihe
Migrationsgesellschaften
Erschienen
Wiesbaden 2021: Springer VS
Anzahl Seiten
360 S., 153 SW-Abb.
Preis
€ 54,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Scholz, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Nach dem Aufstand gegen das kommunistische Regime in Ungarn brachte der „stern“ im Dezember 1956 eine Fotostrecke über ungarische Flüchtlinge, die von einer deutschen Familie übergangsweise in ihrer Privatwohnung aufgenommen worden waren. Der Beitrag enthält Bilder vom gemeinsamen Abendessen und miteinander spielenden Kindern, auf denen Flüchtlinge und Einheimische äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden sind. Mit solchen Bildern sei neben der Vermittlung eines positiven Flüchtlings-Images auch das Selbstbild eines solidarischen Partners, Retters und Helfers gezeichnet worden, das nicht zuletzt dazu gedient habe, die damalige Auseinandersetzung über militärische Interventionsmöglichkeiten in den Hintergrund zu rücken, kommentiert Lisa-Katharina Weimar. Wer würde sich angesichts dessen nicht an aktuelle Medienberichte und gegenwärtige Debatten über ukrainische Flüchtlinge in Deutschland erinnert fühlen? Dies ist nur einer von vielen Bezügen zur jüngsten Vergangenheit, die sich beim Lesen von Weimars Studie unweigerlich aufdrängen. Sie lassen die historische Tiefendimension ganz unterschiedlicher Wahrnehmungen und Deutungen von Flucht und Asyl in der Gegenwart deutlich werden.

In ihrer Arbeit, mit der sie 2019 an der Universität Osnabrück promoviert wurde, untersucht Weimar die Repräsentationen von Flucht und Asyl in der bundesdeutschen Pressefotografie von den 1950er bis zu den frühen 1990er-Jahren. Sie folgt dabei der konstruktivistischen Prämisse des Graduiertenkollegs „Die Produktion von Migration“ (2015–2018) am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), in dessen Rahmen ihre Arbeit entstand, wonach Verständnis und Beurteilung von (Flucht-)Migration als spezifische Form von Mobilität wesentlich über gesellschaftliche Aushandlungsprozesse entstehen. Wie schon das obige Beispiel zeigt, geht es der Autorin nicht zuletzt auch um die Rolle der Bilder als „Vehikel eigener Identitätsbestimmung“ (S. 94) im Prozess gesellschaftlicher Selbstverständigung.

Die Forschung zur Visualisierung von Fluchtmigration und Asyl hat sich bislang je nach disziplinärer Verortung meist entweder auf die Gegenwart bezogen[1] oder in historischer Perspektive auf wenige Ereigniskomplexe wie die Flucht und Vertreibung der Deutschen um 1945 konzentriert.[2] Weimar widmet sich dagegen den langen Linien über vier Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte und macht dabei ein Set von Repräsentationsformen aus, die sich in spezifischen Verwendungszusammenhängen immer wieder in unterschiedlicher Weise aktualisieren. Sie verwendet dazu ein dichtes Hauptkorpus von 1.800 veröffentlichten Fotografien inklusive ihrer textlichen Rahmungen aus drei überregionalen Tageszeitungen („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Welt“, „Süddeutsche Zeitung“) und zwei Wochenmagazinen („Spiegel“, „stern“) und zieht partiell weitere Presseorgane heran. Daneben greift sie auf ein ergänzendes Korpus von 350 Bildern aus dem Archiv der Deutschen Presseagentur (dpa) zurück, von denen ca. zwei Drittel nicht im publizierten Hauptkorpus erscheinen, obwohl die meisten einer Agentur zuweisbaren Fotos von dpa stammen. Wie gewinnbringend und erkenntnisfördernd der Zugriff auf diese nichtveröffentlichten, gleichwohl vorhandenen Fotos im Abgleich zu den für den Druck ausgewählten und oftmals zugeschnittenen Fotografien ist, zeigt sich im Verlauf der Arbeit immer wieder. Der in der Regel nur schwer rekonstruierbare Auswahlprozess durch Bildredaktionen wird so zumindest partiell nachvollziehbar und interpretierbar.[3]

In vier Kapiteln, die den Verdichtungen in der bundesdeutschen Berichterstattung zum Thema Flucht und Asyl chronologisch folgen, untersucht Weimar mit qualitativen Analyseverfahren repräsentative Einzelbilder, Fotostrecken, Text-Bild-Verhältnisse sowie ikonografische Bildtraditionen. Während sie sich in den ersten beiden Kapiteln mit den Berichten zu Flüchtlingen aus Ungarn (1956/57) und Vietnam (1977–1986) auf zwei spezifische Fluchtereignisse fokussiert, bindet sie in den zwei folgenden Kapiteln jeweils Bilder zusammen, „die Teil einer Phänomenkonstruktion sind“ (S. 27) und sich um die Asyldiskussion von 1977 bis 1986 (jenseits der Vietnam-Flüchtlinge) sowie vor dem sogenannten Asylkompromiss (1989–1993) gruppieren.

Diese Gliederung orientiert sich nicht nur an einer chronologischen Abfolge, sondern trägt auch dem zentralen Ergebnis Rechnung, dass sich die visuellen Repräsentationen in einem Raster verorten lassen, das sich entlang der Kriterien von Kontrolle (Ordnung vs. Chaos), Moral (Gut-Sein vs. Täterschaft) und sozialer Hierarchie (Über- vs. Unterlegenheit) aufspannen lässt. Während anhand dieser Kriterien die ersten beiden Fallbeispiele einen Themenblock unter der Überschrift „Ordnung, Gut-Sein und Überlegenheit“ bilden, fallen die beiden anderen unter die Überschrift „Chaos, Täterschaft und (potenzielle) Unterlegenheit“. Im Laufe der Arbeit wird deutlich, dass es sich hier weniger um Merkmale einer chronologischen Entwicklung handelt als um unterschiedliche Modi der Wahrnehmung von Flucht, die immer wieder eine Rolle spielen und in einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis stehen.

So dominiert im ersten Teil zur Visualisierung der Flucht aus Ungarn und Vietnam ein Bildrepertoire, das die Aufnahme von Flüchtlingen in Übereinstimmung mit tradierten und hegemonialen gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen zeigt, das moralische Selbstverständnis der Aufnahmegesellschaft stützt und gleichzeitig eine überlegene soziale Position gegenüber den Flüchtlingen aufrechterhält. Flüchtlingsaufnahme erscheint hier als bewältigbarer Vorgang, der moralisch ebenso richtig wie für den Bestand gesellschaftlicher Ordnung ungefährlich ist und daher insgesamt positiv gedeutet wird. Durch die vorangehende und parallel erfolgende Visualisierung der Fluchtursachen in den Herkunftsländern wird die Flucht plausibilisiert und legitimiert. Die Aufnahme in der Bundesrepublik erscheint auch vor dem Hintergrund der ebenfalls visualisierten dramatischen Fluchtwege als erfolgreiche Rettung vor Gewalt, Not und Chaos.

Die Flüchtlinge aus Ungarn und Vietnam werden dabei im Kontext des Systemgegensatzes des Kalten Krieges als zugehöriger Teil einer antikommunistischen Abwehrgemeinschaft dargestellt. Insbesondere die Ungar:innen erhalten vor dem Hintergrund des Aufstandes dabei auch heroische Eigenschaften zugewiesen, während die Vietnames:innen als bloße Opfer erscheinen. In beiden Fällen werden tradierte visuelle Leidensformeln verwendet, die eine lange, vor allem christlich fundierte ikonografische Tradition aufweisen, aber auch an Bilder der deutschen Flucht und Vertreibung um 1945 anknüpfen. Visuelle Schicksalsvergleiche fanden also nicht erst 2015 statt[4], sondern auch schon wesentlich früher – und offenbar immer dann, wenn Flüchtlingen mit einer Kultur des Willkommens begegnet wurde. Die visuelle Opferfokussierung im Falle der Vietnam-Flüchtlinge greift zudem Motive des zeitgleich sich intensivierenden und sich verbreitenden Bildgedächtnisses zur Shoa auf. Demgegenüber visualisiert sich die deutsche Aufnahmegesellschaft in der Pose des moralisch integren Retters, der nun auf der richtigen Seite der Geschichte steht.

Im Anschluss an die Aufnahme in der Bundesrepublik bestätigt die Visualisierung der Flüchtlinge in bürgerlichen familiären und beruflichen Settings die Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung, die im Falle der Vietnames:innen auch von außereuropäischen Flüchtlingen als nicht bedroht erscheint. Das steht in deutlichem Kontrast zu den Fallbeispielen im zweiten Teil, in dem das Themenfeld Asyl seit den späten 1970er-Jahren visuell eng mit einem befürchteten Ordnungs- und Überlegenheitsverlust verbunden ist und gegen ein Narrativ gesellschaftlicher Öffnung ein Szenario latenter Bedrohung inszeniert wird, das geeignet ist, die Notwendigkeit von Schließung und Abwehr zu plausibilisieren.

Während die Visualisierung sowohl der Fluchtursachen als auch des Fluchtweges als Leidensweg hier ausbleibt, erscheinen die nun nahezu ausschließlich männlich visualisierten Asylbewerber vor allem in anonymisierten, ungeordneten und unübersichtlichen Gruppen als Bedrohung für einen überforderten Staat und als Gefährdung öffentlicher Ordnung. Zwar gibt es in den 1980er-Jahren auch einen starken visuellen Diskursstrang, der Flüchtlinge in der Tradition sozialdokumentarischer und -kritischer Fotografie als Opfer eines defizitären Asylverfahrens oder von Abschiebungen sichtbar macht. Letztlich stützt aber auch er die Deutung der Situation als krisenhaft und lässt den Staat im Bereich von Flucht und Asyl als überfordert und nur bedingt handlungsfähig erscheinen.

Das Motiv der Unbeherrschbarkeit und Bedrohung der bürgerlichen Ordnung verstärkt sich nach der deutschen Einheit angesichts rechtsradikaler Übergriffe auf Flüchtlinge, die darüber hinaus geeignet sind, das Problem eines strukturellen Rassismus gegenüber Zuwandernden auf eine kleine und extreme Gruppe auszulagern. Indem die abgedruckten Pressebilder zunehmend eine Furcht vor Kontrollverlust artikulieren und gleichzeitig stimulieren, ebnen sie den Weg für eine demgegenüber als vernünftig, ja unvermeidlich erscheinende Reduzierung der Flüchtlingszahlen durch Beschneidung des Asylrechts im sogenannten Asylkompromiss von 1993.

Insgesamt gelingt es Lisa-Katharina Weimar hervorragend, sowohl die großen Linien der Visualisierung von Flucht und Flüchtlingen über vier Jahrzehnte in der Bundesrepublik herauszuarbeiten als auch das Wirken der Bilder in spezifischen Verwendungszusammenhängen durch oftmals bestechende Einzelanalysen sichtbar zu machen. Wenn zukünftig die Flüchtlingsbilder des Jahres 2022 untersucht und auch zu den Bildern des „Sommers der Willkommenskultur“ 2015 ins Verhältnis gesetzt werden, wird dieses Buch ein unverzichtbares Fundament bilden, das historische Tiefenschärfe herstellt, ikonografische Traditionen aufzeigt und wertvolle Anregungen zur Beantwortung der Frage gibt, was das alles mit dem gesellschaftlichen und historischen Selbstverständnis der Bundesrepublik zu tun hat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Literaturliste zu „Bild und Flucht“ auf der Website des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Marburg, URL: <https://www.uni-marburg.de/de/fb03/politikwissenschaft/fachgebiete/politische-theorie-und-ideengeschichte/portal-ideengeschichte-1/forschung/bild-und-flucht> (02.07.2022).
[2] Vgl. mit weiterer Literatur: Stephan Scholz, Ikonen der ‚Flucht und Vertreibung’. Bilderkarrieren und Kanonisierungsprozesse, in: Jürgen Danyel / Gerhard Paul / Annette Vowinckel (Hrsg.), Arbeit am Bild. Visual History als Praxis, Göttingen 2017, S. 137–157.
[3] Für die Bedeutung dieses Auswahlprozesses und der daran beteiligten Akteure vgl. Annette Vowinckel, Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert, Göttingen 2016.
[4] Vgl. so noch Stephan Scholz, Willkommenskultur durch „Schicksalsvergleich“. Die deutsche Vertreibungserinnerung in der Flüchtlingsdebatte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 66 (2016), Heft 26–27, S. 40–46, URL: <http://www.bpb.de/apuz/229823/die-deutsche-vertreibungserinnerung-in-der-fluechtlingsdebatte?p=all> (02.07.2022).