M. Stuber: Wälder für Generationen

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Titel
Wälder für Generationen. Konzeptionen der Nachhaltigkeit im Kanton Bern (1750-1880)


Autor(en)
Stuber, Martin
Erschienen
Köln 2008: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
394 S.
Preis
€ 47,72
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Speich, Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften, ETH Zürich

Mit dem Brundtland-Report der UNO von 1987 ist nachhaltige Entwicklung („sustainable development“) zu einer neuen Leitvorstellung geworden, nach der sich wirtschaftliche Entwicklung so vollziehen solle, dass sie die Bedürfnisse der Gegenwart zu decken vermag, ohne künftigen Generationen die Möglichkeit zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu rauben.[1] Bei der Übersetzung des neuen Wortes ins Deutsche griff man auf das Forstwesen zurück, in dem seit dem 18. Jahrhundert die Vorstellung formuliert worden war, Wälder nachhaltig zu nutzen, damit sie auch künftigen Generationen Erträge lieferten. Worin allerdings die Nachhaltigkeit einer Entwicklung besteht und wie sie gesteuert werden kann, wird seit den 1980er-Jahren kontrovers diskutiert. Dabei scheint sich als einziger Konsens ergeben zu haben, dass man nicht – wie angeblich die Förster der Vergangenheit – nur auf die Nachhaltigkeit des Ertrags achten solle. Vielmehr gelte es, neben der wirtschaftlichen auch die gesellschaftliche und die ökologische Dimension in eine Art magisches Dreieck einzurücken, an dem sich nachhaltige Entscheidungen und Handlungen zu orientieren hätten.

In dieser Debatte kann Martin Stubers fundierte Studie einige Klärung schaffen. Das Buch geht zurück auf seine 1997 erschienene Dissertation.[2] Es differenziert drei Konzeptionen von Nachhaltigkeit in der Berner Forstpolitik zwischen 1750 und 1880 und stellt gleich Mehrfaches fest: Erstens war das forstliche Verständnis von Nachhaltigkeit nie so eindimensional, wie man heute oft annimmt. Zweitens unterlag es einem starken Wandel, in dessen Verlauf immer wieder andere Dimensionen in den Vordergrund traten. Und drittens kann die historische Aufarbeitung dieses Erfahrungsschatzes einige Anregungen geben für die heutige Debatte um Nachhaltigkeit. Das gilt ganz besonders für die Frage der praktischen Realisierbarkeit. Alle historischen Konzeptionen stießen auf massive Umsetzungs- und Steuerungsprobleme. Bei den heutigen Nachhaltigkeitskonzeptionen, die nicht nur auf Wälder, sondern auf sämtliche Ressourcennutzungen zielen, sind sie erst recht immens.

Die erste und umfangreichste Untersuchung gilt der Berner Oekonomischen Gesellschaft, die zwischen 1760 und 1780 eine reiche Publizistik zu der Frage entfaltete, wie der Ertrag der Berner Wälder mit dem Holzbedarf der Region in ein Gleichgewicht gebracht werden könne. Vor dem Hintergrund einer knappen Skizze des Holzversorgungssystems im Bernischen Ancien Régime (und mit einiger Eleganz die Fallstricke der forsthistoriografischen Holznot-Debatte umgehend[3]), schildert Stuber die Eckpunkte dieser ersten Schweizer Nachhaltigkeitskonzeption. Sie war als obrigkeitliche Reform angelegt, die mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen den Waldertrag soweit steigern wollte, dass die Versorgungssicherheit der Bevölkerung gewährleistet blieb. Zugleich entwarfen die Aufklärer eine Reihe von Vorschlägen zur Reduktion des Holzverbrauchs etwa beim Hausbau, in der Feuerung oder beim Ziehen von Zäunen. Diese helvetische Adaption der Kameralistik wurde mit dem Hinweis darauf legitimiert, dass die Bevölkerung die möglichen künftigen Konsequenzen ihres heutigen Handelns nicht angemessen in Rechnung stelle, da sie vom Eigennutz geleitet sei. Dabei kam es aber nie zum radikalen Vollzug der teilweise strikten Maßnahmen, die in der Forstordnung von 1786 festgelegt wurden. Aufschlussreich sind Stubers Hinweise auf die symbolischen und wirtschaftlichen Funktionen der diversen Waldnutzungsarten, gegen die die Aufklärer und Magistraten weitgehend vergeblich zu Felde zogen.

Die zweite Untersuchung widmet sich der Nachhaltigkeitskonzeption von Karl Kasthofer, der mit der liberalen Wende 1832 zum Berner Kantonsforstmeister aufstieg. Er vertraute weitgehend auf den Markt und forderte die Freiheit des Holzhandels, der Waldrodung und des Waldeigentums in der Überzeugung, dass dann das wohlverstandene Eigeninteresse die Eigentümer daran hindern würde, ihre Wälder zu Grunde zu richten. Im Zuge der allgemeinen Handels- und Gewerbefreiheit wurden diese Postulate von der liberalen Berner Regierung umgesetzt. Völlig unrealisiert blieb aber das feine Gefüge staatlicher Rahmenbedingungen, das nach der Kasthofer'schen Konzeption den freien Markt flankieren sollte. So war etwa die konsequente Schulung der Waldeigentümer vorgesehen, bei der ihnen der Umbau der Wälder auf ein agroforstlich optimiertes System nahe gelegt werden sollte. Denn für Kasthofer war der Wald nie nur ein Holzproduzent. Außerdem hielt er im Sinne der dritten Staatsaufgabe von Adam Smith die staatliche Kontrolle der Schutzwälder in den Bergregionen für unerlässlich. Und drittens hatte er als Armenpolitiker Reglemente vorgesehen, die traditionelle „Nebennutzungen“ weiterhin zuließen. Die Folge der einseitigen Umsetzung waren ökologische und soziale Probleme, die Kasthofer den Hut kosteten, als 1850 wieder eine konservative Regierung an die Macht kam.

Die dritte Untersuchung referiert relativ knapp die Berner Forstpolitik der 1850er- bis 1870er-Jahre, die stark von den Forschungen des Franzosen Moreau de Jonnès geprägt war. Nun wurde der Wald als Ausdruck eines „Naturhaushalts“ verstanden, zu dem auch hydrologische Zusammenhänge oder die Wirkung von Tieren wie dem Borkenkäfer gehörten. Die neue Nachhaltigkeitskonzeption zielte nicht nur auf den höchsten stetigen Wertertrag der Wälder ab, sondern ebenfalls auf den höchsten kontinuierlichen Naturalertrag zur Versorgungssicherung künftiger Generationen sowie auf die dauernde Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Schutzfunktion des Waldes vor schädlichen Naturereignissen. Allerdings war der Geltungsbereich der Berner Konzeption zu dem Zeitpunkt geografisch und politisch bereits arg verschoben. So hatte die Eisenbahn die Transportkosten für alternative Energieträger wie Steinkohle massiv gesenkt. Und der 1848 gegründete Bundesstaat übernahm sukzessive gesetzgeberische Kompetenzen, die 1876 ihren Niederschlag auch in der nationalen Forstgesetzgebung fanden.

Der Vergleich der drei Konzeptionen macht deutlich, dass Nachhaltigkeit im Grunde ein leerer Begriff bleibt. Er kann sich im Sinne des Ancien Régime auf die Versorgungssicherheit der Bevölkerung beziehen und einen Versorgungswald anstreben; oder im Sinne des Liberalismus stetige Rentabilität wünschen und so zu einem Erwerbswald führen; oder der Begriff kann im Zeichen des Naturhaushalts neben der Nutz- auch die Schutzfunktion von Wäldern auf Dauer stellen wollen. Bemerkenswert ist, dass im forstlichen Diskurs diese Rückbindungen des Wortes immer präsent geblieben sind. Die diffuse heilsgeschichtliche Komponente, die dem sustainable development heute zukommt, findet sich in Stubers Quellen nicht. Aber die gesellschaftspolitische Sprengkraft der nach wissenschaftlicher Erkenntnis geleiteten Nutzungsregulierung von natürlichen Ressourcen springt dem Leser seines Buches auf jeder Seite förmlich ins Gesicht. Für den aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs kann man daraus vielleicht lernen, mit welch enormer Machtwirkung die Vorgabe von nachhaltigen Entwicklungszielen verbunden ist, die ja stets Zukunftssicherheiten in Aussicht stellen.

Es bleibt ein seltsames Manko der kenntnisreichen Arbeit, dass sie sich dieser Machtdimension selbst nicht recht bewusst zu werden scheint. Der Untersuchungszeitraum deckt eine der turbulentesten Phasen der Berner und der Schweizer Geschichte überhaupt ab und das Buch bietet vielfache Belege dafür, welche Resonanz diese politischen Spannungen und Konflikte auch im Wald erzeugten. Aber diese punktuellen Einsichten werden zu keinem Erzählstrang verbunden. So ist die fundamental ambivalente Stellung der aufklärerischen Patrioten, die als Kritiker des Regierungshandelns fast immer zugleich Regierungsmitglieder waren, nicht systematisch in die Analyse einbezogen. Die widersprüchliche Zeit der „période française“ (Carlo Moos) fehlt ganz. Sowohl die Amtseinsetzung Kasthofers, die mit einem breiten Personalwechsel in der Berner Forstadministration einherging, als auch dessen Entlassung wird erwähnt, aber nicht erörtert. Und auch das zeitweise schwierige Verhältnis des – nach 1850 – konservativen Standes Bern zur liberalen Bundesregierung bleibt ausgeblendet. Das alles wären Ansatzpunkte gewesen, über die politische Dimension der Waldarbeit in ähnlich kluger Weise nachzudenken, wie es Stuber in anderen Hinsichten tut.

Vielleicht sind diese Aufmerksamkeitslücken ein Schatten des magischen Dreiecks, das die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte, und damit auch den Ausgangspunkt von Stuber dominiert. In diesem Dreieck verschwindet das Politische hinter der anonymen Größe "Gesellschaft" und wird so völlig von der "Wirtschaft" getrennt, die ihrerseits nichts mit "Ökologie" zu tun hat. Der Gestus der Nachhaltigkeitsforderung ist es dann, diese vermeintlich unverbundenen Angelegenheiten zusammenzuführen – als ob sie aus völlig verschiedenen Welten stammten. Man möchte Stubers Durchgang durch die Vergangenheit wiederholen, um die Geschichte dieser Trennungen und Unsichtbarmachungen genauer zu verstehen. Das Material dazu stellt er virtuos bereit.

Anmerkungen:
[1] UN World Commission on Environment and Development, Our common future, Oxford, 1987.
[2] Martin Stuber, "Wir halten fette Mahlzeit, denn mit dem Ei verzehren wir die Henne". Konzepte nachhaltiger Waldnutzung im Kanton Bern 1750-1880, Zürich 1997 (Beiheft Schweiz. Z. Forstwes., 82).
[3] Siehe unter anderem Bernd-Stefan Grewe, Der versperrte Wald. Ressourcenmangel in der bayerischen Pfalz (1814-1870), Köln 2004.

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Veröffentlicht am
18.02.2009
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