F. Duceppe-Lamarre u.a. (Hrsg.): Umwelt und Herrschaft

Cover
Titel
Umwelt und Herrschaft in der Geschichte. Environnement et pouvoir: une approche historique


Herausgeber
Duceppe-Lamarre, Francois; Engels, Jens Ivo
Reihe
Atelier des Deutschen Historischen Instituts Paris 2
Erschienen
München 2008: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franziska Maier, Historisches Institut, Universität Bern

Das Buch „Umwelt und Herrschaft in der Geschichte“, herausgegeben von François Duceppe-Lamarre und Jens Ivo Engels, präsentiert die Ergebnisse einer ersten Tagung zum Verhältnis zwischen Herrschaft und Umwelt. Zeitlich reicht das vorliegende Buch von der frühgeschichtlichen Herangehensweise an das Thema Umwelt und Herrschaft bis zu aktuellen Nachhaltigkeitsdebatten.

Nahezu jede Publikation zur Umweltgeschichte hat auch etwas mit Herrschaft, oder, wie in der französischen Einleitung bezeichnet, „pouvoir“ zu tun. Sobald es um die Nutzung von Ressourcen geht, ist die Frage nach den Machtverhältnissen nicht weit. Trotzdem fanden Duceppe-Lamarre/Engels, wie sie in der Einleitung erwähnen, kaum Literatur, welche das Verhältnis von Natur und Macht in systematischer Weise betrachtet. Zu erwähnen ist dennoch eine Publikation von Joachim Radkau aus dem Jahr 2000 [1], auf die auch in der Einleitung hingewiesen wird.

Die Intention des Bandes ist es, die Beziehung zwischen „deux facteurs fondamentaux structurant chaque société“ (S. 9) aufzuzeigen: Umwelt (environnement) und Herrschaft (pouvoir). Zwar handelt es sich dabei um zwei äußerst weiträumige Begriffe, doch sei dies, so die Einleitung, eine Chance zu einer komparatistischen Herangehensweise. Dabei wird jedoch nicht der Anspruch erhoben, das Phänomen in seiner ganzen Komplexität aufzuzeigen, sondern lediglich einige mögliche Herangehensweisen an das Thema zu skizzieren, die sich grob mit den Stichworten Methodik, Jagd, natürliche Ressourcen und Infrastruktur zusammenfassen lassen (S. 15).

Der erste Beitrag stammt von Olivier Büchsenschütz und trägt den Titel „Nature, pouvoir et constructions idéologiques dans l’Europe des origines“. Er zeigt auf, wie sich die Methoden der ur- und frühgeschichtlichen Forschung und die Betrachtungen über das Verhältnis von Mensch und Umwelt im Verlauf des 20. Jahrhundert verändert haben, und welche Möglichkeiten zur Erforschung des eisenzeitlichen Verhältnisses zwischen Natur, Menschen und Macht die Betrachtung der damaligen Wirtschaft eröffnet. Durch die Betrachtung der Grabbeigaben kann zwar nicht ein komplettes Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse rekonstruiert werden, trotzdem können gewisse Aussagen über soziale Verhältnisse dieser Zeit gemacht werden. So können beispielsweise Personengruppen wie Aristokraten, Bauern, Soldaten oder Handwerker ausgemacht werden.

Ein zweiter Beitrag von Gerrit Jasper Schenk zum Thema „Der Mensch zwischen Natur und Kultur. Auf der Suche nach einer Umweltgeschichtsschreibung in der deutschsprachigen Mediävistik – eine Skizze“ zeigt Strategien auf, wie nach Beiträgen zur deutschen mediävistischen Umweltgeschichtsschreibung gesucht werden kann. Im Anschluss wird ein historiographischer Überblick über umweltgeschichtliche Literatur zum Mittelalter gegeben. Schließlich kommt Gerrit Jasper Schenk zum Fazit, dass in der mediävistischen umwelthistorischen Forschung noch vieles ausstehend sei, und dass die Analyse des Spannungsverhältnisses zwischen Macht, Herrschaft und Umwelt hier einen möglichen Ansatzpunkt biete.

Der dritte Beitrag „Chasser ou être chassé au Moyen Âge“ wurde von François Duceppe-Lamarre verfasst. Mit einer interdisziplinären Herangehensweise von Archäologie und Geschichtswissenschaft untersucht er das Verhältnis von Macht und Umwelt im Mittelalter. Zuerst wird die Jagdhandlung, definiert als spähen – verfolgen – fangen/töten, im Hinblick auf die Akteure betrachtet, danach im Hinblick auf den Raum, in welchem die Aktivitäten stattfanden, auf die Zeiten, zu denen gejagt wurde und schließlich auf die Techniken der Jagd. Er kommt zum Schluss, dass eine soziale Ausweitung der Anwendung der Jagd festgestellt werden kann und betont, dass es sich sowohl beim Jagen wie auch beim Gejagtwerden um angeborene und erlernte Verhaltensweisen der „longue durée“ handelt.

Danach folgt ein Beitrag von Martin Knoll mit dem Titel „Dominanz als Postulat. Höfische Jagd, Natur und Gesellschaft im ‚Absolutismus’“. In bildlichen Darstellungen, aber auch in der Festkultur der Frühen Neuzeit zeigt sich die Domestikation der Natur als „Inszenierung von Herrschaft und […] Visualisierung von Machtanspruch“ (S. 73). Am Beispiel der Jagd wird die Raumwirksamkeit absolutistischer Macht deutlich. Dies zeigt sich besonders auch an der Errichtung von Jagdparks als Erlebnislandschaften der Fürsten. Ein letztes Kapitel des Beitrags von Martin Knoll spricht jedoch auch die Grenzen absolutistischer Umweltwirksamkeit an, die sich in der Verfügbarkeit von Ressourcen (Wasser, Bauholz) zeigten.

Der Beitrag von Jérôme Buridant befasst sich mit der Verteilung der natürlichen Ressource Holz in der Frühen Neuzeit. „Croissance industrielle et demande énergétique. Le cas du bois (XVIIIe-XIXe siècle)“. Der Text gibt einen Überblick über die Entwicklung der Holznachfrage für den urbanen Konsum und die Industrie und über die zeitgenössischen Erhebungen zum Holzverbrauch. Als Folge von Umwelteinflüssen und vor allem auch des steigenden Verbrauchs für Bau und Industrie gab es im 18. Jahrhundert diverse Holzmangelkrisen. Trotzdem hielt die französische Industrie im Vergleich mit der britischen lange an der Holzfeuerung fest.

„Infrastrukturen und Macht“ ist der Titel des Beitrags von Dirk van Laak. Er definiert den Zusammenhang zwischen Infrastruktur und Herrschaft folgendermaßen: Erstens sind Infrastrukturbauten „Symbole der menschlichen Bemächtigung der Naturvorgaben“ zum Schutz oder zum Nutzen der Menschen (S.108). Zweitens dient Infrastruktur in Form von Vereinheitlichung als zentrales Medium, um Herrschaft und Einfluss auszuüben. Und schließlich stellen Infrastrukturen ein Symbol für das Vertrauen in die Zukunft dar. Van Laak kommt zum Schluss, dass Infrastrukturen hauptsächlich bei ihrem Aufbau mit Macht verbunden sind, danach aber „eher Elemente der Interaktion als der Machtausübung“ darstellen (S. 113).

Mit dem Ziel, den städtischen Raum als menschliches Umfeld in die Umweltgeschichte einzuschließen, folgt danach ein Beitrag von Laurence Lestel zu „Pouvoir et modifications urbaines. Le cas de Paris au XIXe siècle“. Laurence Lestel begründet diese Absicht damit, dass es sich bei der Stadt um den Ort handelt, an dem die Interaktion des Menschen mit seiner Umgebung am stärksten ist. Für Wachstum und Modernisierung der Stadt Paris im 19. Jahrhundert waren vor allem zwei Faktoren wichtig: Das Netz der Wasserversorgung und der Abwasserreinigung sowie die verarbeitende Industrie. Der Artikel beschreibt in der Folge die Entwicklungen auf diesen zwei Gebieten mit besonderem Augenmerk auf den politischen Organisationen.

Unter dem Titel „Perspektiven“ sind schließlich zwei Beiträge subsumiert. Der erste stammt von Joachim Radkau und trägt den Titel „’Nachhaltigkeit’ als Wort der Macht. Reflexionen zum methodischen Wert eines umweltpolitischen Schlüsselbegriffs“. Darin wird die Begriffsgeschichte des Wortes „Nachhaltigkeit“ ausgeführt. Der Begriff ist 300 Jahre alt und wurde ursprünglich im ökonomischen Sinn für einen nachhaltigen Umgang mit Waldressourcen gebraucht. Nachhaltigkeit war und ist ein politischer Kampfbegriff, der eng mit Machtpolitik verbunden ist.

Der letzte Artikel von Robert Delort zum Thema „Aux racines des idées que les Occidentaux se font de leur pouvoir sur l’environnement“ fragt danach, wie der Westen bis zu einem derart großen Ausmaß der Macht über die Umwelt gelangen konnte. Dabei stellt Delort die Hypothese einer Beeinflussung der Europäer und Amerikaner durch ihre sprachliche und religiöse Herkunft auf. Die indo-germanische Abstammung und der christliche Glaube hätten die spezielle Position des Westens bei der Ausnutzung der Natur bewirkt.

Sicher wirft die Verbindung der beiden Kategorien Umwelt und Herrschaft neue interessante Fragestellungen auf. Im vorliegenden Buch fanden einige davon Erwähnung. Nicht alle Beiträge befassen sich indes systematisch mit dem Verhältnis Macht und Umwelt. In einigen findet sich der Begriff „pouvoir“ lediglich als Möglichkeit zur weiterführenden Forschung. Die sehr große Schnittmenge zwischen Umwelt, Herrschaft und Geschichte bietet Raum für ein sehr viel breiteres Spektrum an Themenschwerpunkten. Das vorliegende Buch kann und will nur einige Ansatzmöglichkeiten aufzeigen.

Anmerkung:
[1] Radkau, Joachim, Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt, München 2000.