Cover
Title
WohnSeiten. Visuelle Konstruktionen des Wohnens in Zeitschriften


Editor(s)
Nierhaus, Irene; Heinz, Kathrin; Umbach, Rosanna
Series
wohnen +/- ausstellen (8)
Extent
494 S., 91 SW- und 43 Farb-Abb.
Price
€ 45,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Maren-Sophie Fünderich, Bielefeld

Wohnen geht uns alle an. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Wohnzeitschriften Teil unserer Alltagskultur sind. Man durchblättert sie beim Frisör oder beim Arzt und kauft sie im Supermarkt, weil man Anregungen sucht, wie die Wohnung (neu-)gestaltet werden kann. Umso bemerkenswerter ist es, dass Wohnzeitschriften im deutschsprachigen Raum bislang kaum Gegenstand der Forschung gewesen sind. Diesem Desiderat widmet sich der anregende Sammelband „WohnSeiten“ mit einem breiten Überblick zur kunstwissenschaftlichen Wohnforschung. Der Band ist aus einer Tagung vom Mai 2019 an der Universität Bremen hervorgegangen. Dort kooperiert das „Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender“ im Forschungsfeld wohnen +/- ausstellen mit dem Institut für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik.

Schon die Aufmachung des Sammelbandes nimmt Bezug auf die Typografie von Zeitschriften. Der Haupttitel auf dem Bucheinband ist als Textblock vertikal angeordnet und ganz rechts an den Rand gerückt. „WohnSeiten“, mit Binnenmajuskel geschrieben, soll auf die einzelnen Seiten einer Zeitschrift als visuelle Anordnungen verweisen, aber auch auf die unterschiedlichen Perspektiven im Kontext des Wohnens. Die Gliederung des Bandes ähnelt ebenfalls derjenigen einer Zeitschrift. Wie das Editorial der Redaktion meist vor dem Inhaltsverzeichnis abgedruckt ist, so sind in dem Sammelband die beiden programmatischen Aufsätze von Irene Nierhaus und Kathrin Heinz herausgehoben und vor den einleitenden Überblick platziert, der alle Texte zueinander in Beziehung setzt. Erst danach folgen in den drei Kapiteln „An-Ordnung“, „Ein-Richtung“ und „Be-Hausung“ insgesamt 17 Aufsätze.

Was Kunstwissenschaft und Visuelle Kultur zur Analyse der um 1800 aufkommenden Wohnzeitschriften beitragen können, macht Irene Nierhaus deutlich. Die Wohnzeitschriften, einst aus Kunstgewerbe- und Architekturzeitschriften hervorgegangen und inzwischen um digitale Ausgaben, Websites und Online-Shops ergänzt, setzen Möbel und Haushaltsgegenstände, Wohnungen und Häuser ins Bild. Sie geben vor, die Interessen eines breiten Lesepublikums zu vertreten, wie Nierhaus erläutert, sind als Medien aber den ökonomischen Interessen der Verlage unterworfen. Was sie in einer genau inszenierten Kombination von Bildern und Texten zeigen und vorschlagen, als „Display“ (S. 30) wie ein Schaufenster, das werde zugleich beworben und zum Kauf empfohlen. Nierhaus unterstreicht, dass die Wohnzeitschriften in ihren spezifischen Beiträgen zum „Wohnwissen“ (S. 11) die Gestaltung von Interieurs zum Thema machen, aber darüber hinaus an dem „Schau_Platz Wohnen“ (S. 13) auch die Formen der Alltagsorganisation und Lebensführung präsentieren. Das „gesellschaftliche Display“ (S. 30), also die mitunter aus dem Blick geratenen politischen Implikationen an den Schnittstellen von Wohnen, Markt und Warenproduktion, will Nierhaus wieder sichtbar machen. Sie rückt deshalb „Fragen gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion“ (S. 14) in den Mittelpunkt. Dem Bremer Forschungsansatz geht es nicht um eine Kunstgeschichte des Wohnens oder des Kunstgewerbes, des Designs oder gar der Zeitschriften als solchen. Vielmehr möchten die Forscher:innen die Praktiken des Wohnens in ihren visuellen und ästhetischen Arrangements auf die gesellschafts- und geschlechterpolitische Relevanz hin untersuchen. Die Bildgeschichte des Wohnens soll dabei mit einer Geschichte der Visuellen Kultur und der sozialen Ordnungen verbunden werden.

Diesen Forschungsansatz führt Kathrin Heinz weiter aus, indem sie die Gestaltung von Bild und Text in der Zeitschrift Schöner Wohnen genauer analysiert. Wie bei der Lust am Blättern will sie sich von den visuellen Arrangements leiten lassen, also mit ihnen und durch sie die Wohnbilder betrachten. Dabei erkennt Heinz in Schöner Wohnen (seit 1960) und im IKEA-Katalog (1951–2020) dieselbe Strategie: die wiederkehrende Aufforderung nämlich, mit standardisierten Vorschlägen die Wohnung als (scheinbar) individuellen Ausdruck der Persönlichkeit zu arrangieren und zu diesem Zweck die vorgestellten Produkte zu erwerben. Diese Neuheiten, die inmitten einer vertrauten Abfolge von Bildern und Texten, Rubriken und Kaufvorschlägen gezeigt werden, lassen jede Wohnung, wie Heinz hervorhebt, als unvollständig und verbesserungswürdig erscheinen.

Das erste Kapitel „An-Ordnung“ fasst Beiträge zur Geschichte der Zeitschriften und ihrer Gestaltung zusammen. Stefan Muthesius zeichnet die Entwicklung aus Vorlagenwerken hin zu den Journalen nach und stellt mit der Illustrirten kunstgewerblichen Zeitschrift für Innendekoration eine der führenden deutschen Zeitschriften vor, die ab 1891 Raumgestaltung und Raumausstattung für bürgerliche Leserinnen ins Bild setzte.[1] Nach der damaligen Geschlechterordnung waren Frauen für die Wohnungseinrichtung zuständig – an sie richtete sich die Zeitschrift. Jeremy Aynsley analysiert die im frühen 20. Jahrhundert vorbildliche grafische Gestaltung der Innendekoration.[2] Er präsentiert den Verleger Alexander Koch als frühen Netzwerker, der mit Zeitschriften, Büchern und Ausstellungen die Kunstgewerbereform vorantrieb. Dagmar Venohr analysiert unter dem Stichwort „Ikonotextualität“ das Ineinandergreifen von Text und Bild, allerdings am Beispiel von Modezeitschriften, und sieht im sinnstiftenden Moment des Betrachtens die Möglichkeit, anstelle der kommerziellen Aneignung Freiräume durch „aisthetische Rezeption“ (S. 142) zu nutzen. Monika Wucher befasst sich mit dem Bauhaus und seiner Kritik des Wohnens anhand der Drucksachen des Bauhauses und der Zeitschrift bauhaus (1926–1931) sowie des Lifestyle-Magazins die neue linie (1929–1943), an der zahlreiche Bauhaus-Künstler:innen beteiligt waren. Annette Tietenberg untersucht am Beispiel von Wohnratgebern die ideologische Wende während der NS-Zeit, die im vergleichenden Sehen die Gegenüberstellung „alt/neu“ in „böse/gut“ radikalisierte und von der Hausfrau als „Richterin“ die Durchsetzung dieser Norm erwartete. Amelie Ochs zeigt schließlich am Beispiel des Bilderbuches des Deutschen Werkbundes für junge Leute von 1958, wie der Werkbund aus Anlass seines 50-jährigen Bestehens in Form und Inhalt sowie mit dem Plädoyer für Einfachheit und Schlichtheit an seine Ideale von 1907 wieder anschließen wollte.

Das zweite Kapitel „Ein-Richtung“ widmet sich der von Nierhaus angesprochenen medialen Bedeutungsproduktion. So analysiert Rosanna Umbach Reportagen in Schöner Wohnen zwischen 1960 und 1979 im Hinblick auf die darin unterschwellig vermittelten Familienbilder entlang des gesellschaftlichen Mainstreams. Anna-Katharina Riedel widmet sich dem Tisch und seiner ganz unterschiedlichen Gestaltung auf Schöner Wohnen -Titelblättern von 1980 bis 1999; sie zeigt, wie diese Hauptmotive tradierte Praktiken im Wohnalltag bestätigten oder in Frage stellten. Donatella Cacciola befasst sich mit den Stahlrohrmöbeln aus den 1920er-Jahren, zum Beispiel von Mies van der Rohe oder Marcel Breuer. Sie untersucht Schöner Wohnen und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel als zentrale Akteure bei der medialen Kodierung von Reeditionen als „moderne Klassiker“. Monique Miggelbrink beschreibt anhand von Computern in Küche und Wohnraum der 1960er-Jahre die Anfänge der Computerisierung des Wohnens und der Verhäuslichung des Computers. Insa Härtel schließlich untersucht anhand von Messie-Sendungen der Jahre 2011 bis 2014 auf RTL II, wie nicht nur die jeweilige Wohnung, sondern auch das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner aufgeräumt werden sollte.

Der abschließende dritte Abschnitt „Be-Hausung“ erweitert den Blick zu einem internationalen Vergleich. Änne Söll beschreibt, wie die in Museen der USA ausgestellten historistischen Wohnräume, die Period Rooms, in den 1920er-Jahren Beispiele einer idealisierten Wohnkultur waren und in den 1950er-Jahren zu musealen Objekten nationaler Identitätsstiftung wurden. Lea Horvat erörtert am Beispiel des sozialistischen Jugoslawiens die Spannungen zwischen den Homestorys berühmter Persönlichkeiten und dem viel bescheideneren Lebensumfeld der Bevölkerungsmehrheit in Wohnblocks. Rudolf Fischer untersucht Einrichtungsratgeber im Umfeld des Neuen Wohnens um 1920 bis zur konservativ grundierten Moderne nach 1945 in der Bundesrepublik. Alexander Wagner befasst sich anhand der DDR-Wohnzeitschrift Kultur im Heim (1957–1989) mit dem Spannungsfeld von Ideologie und Individualität. Jan Engelke erörtert die bundesdeutsche Bauförderung anhand von Eigenheim-Porträts in Schöner Wohnen aus den 1960er-Jahren. Er betont die Spannungen zwischen den modernen Entwürfen der Architekten und den häufig eher traditionellen Vorstellungen der Bewohner:innen. Mona Schierens Beitrag über die Prepper-Szene in Zeitschriften und die Ausrichtung des Wohnraumes auf angenommene Katastrophen schließt die Reihe der Aufsätze ab.

Der Sammelband bietet, mit Schwerpunkt auf Deutschland, einen gelungenen Überblick zu den bislang so vernachlässigten Wohnzeitschriften. Sie sind nicht nur für Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte ein relevantes Untersuchungsfeld, sondern auch für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Die offenen Fragen beziehen sich vor allem auf notwendige Differenzierungen: Der sogenannte Mittelstand war und ist viel heterogener als im Sammelband angenommen. Auch die Bindung an Schöner Wohnen dürfte im Mittelstand nicht durchgängig so breit sein wie hier unterstellt. Die in dieser Zeitschrift abgebildeten Wohn- und Lebensverhältnisse sind eher für das obere, einkommensstarke Segment des Mittelstandes kennzeichnend. Zwar ist Schöner Wohnen nach wie vor die führende deutsche Wohnzeitschrift, aber auch andere, weniger hochwertige Titel oder die von Nierhaus erwähnte Frauenzeitschrift Brigitte mit ihren Einrichtungstrends hatten auf breite Teile des Mittelstandes sicher großen Einfluss, ganz zu schweigen vom bei Heinz zum Vergleich herangezogenen, lange millionenfach an die Haushalte verteilten und schichtenübergreifend rezipierten IKEA-Katalog. Aus diesen „visuellen Konstruktionen des Wohnens“ lässt sich selbstverständlich nichts zu den konkreten Aneignungsformen ableiten. Vielmehr liegt ein gewinnbringender Sammelband vor, der die Medialisierung von Wohnverhältnissen ausleuchtet sowie mit ihren gesellschafts- und geschlechterpolitischen Implikationen ein lohnendes Forschungsfeld beschreibt.

Anmerkungen:
[1]https://kg-zs-innendekoration.uni-hd.de (04.06.2022).
[2] So der gekürzte Titel ab 1900, https://innendekoration.uni-hd.de (04.06.2022).