Titel
Bronzezeit zwischen Elbe und Po. Strukturwandel in Zentraleuropa 2200-800 v. Chr


Autor(en)
Primas, Margarita
Reihe
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 267 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Huth, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung für Urgeschichtliche Archäologie, Universität Freiburg

Vor einigen Jahren erklärte der Europarat die Bronzezeit zum „ersten Goldenen Zeitalter“ und stieß damit eine Entwicklung an, die viel zur Popularisierung archäologischer Wissenschaft beigetragen hat. Seither sind allerlei Bücher mit prächtigen Bildern der immergleichen Objekte erschienen, und an aufgeregten Begriffen wie Gold, Götter, Heroen, Herrschaft, Eliten usw. herrscht kein Mangel. Umso schmerzlicher hat man dafür ein wissenschaftlich-nüchternes, sachhaltiges und differenzierend-kritisches Überblickswerk zur mitteleuropäischen Bronzezeit vermisst, eine Zusammenschau, die sich eben nicht nur an ein Laien-, sondern vornehmlich an ein sachverständiges Fachpublikum richtet.

Das Warten hat nun ein Ende gefunden. Margarita Primas, emeritierte Ordinaria der Universität Zürich, hat ein kluges, kenntnisreiches und in der Tat ganz formidables Buch zur Bronzezeit Zentraleuropas verfasst, das sich dem verbreiteten Trend von der eher klinischen Archäologie hin zum emotionalen Engagement (John Bintliff) wacker entgegenstellt. Grundlage sind die Skripten aus Margareta Primas’ Lehrtätigkeit, die sie nun zusammengestellt, ergänzt und aktualisiert hat. Sie wolle kein Handbuch schreiben, stellt sie eingangs klar, es gehe ihr vielmehr um die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen. Fragen nach sozialen Strukturen und anthropologische Aspekte stünden im Vordergrund, nicht aber Formenkunde und Chronologie. Gleichwohl ist die Vorgehensweise empiristisch und streng an den Quellen orientiert, während Theorieansätze allenfalls en passant erörtert werden.

Es ist dann doch ein Handbuch geworden, das den Fundstoff in extenso vorstellt und kritisch diskutiert. Die Theorieabstinenz offenbart sich sogleich im ersten Kapitel, denn wer unter den Überschriften „Annäherung an eine Epoche“ und „Worum es gehen soll“ Überlegungen zur Bronzezeit als Epoche der Menschheitsgeschichte erwartet, wird leider enttäuscht. Stattdessen werden die Wahl des Untersuchungsgebietes, Fragen der räumlichen Gliederung Zentraleuropas während der Bronzezeit, Probleme der absoluten Datierung sowie das Klima und seine Bedeutung für die urgeschichtlichen Lebensbedingungen erläutert. Unversehens findet man sich gedanklich im Hörsaal wieder, den soliden Ausführungen der akademischen Lehrerin über die Grundlagen der Bronzezeitarchäologie achtsam zuhörend. Zum Kollegcharakter gehört denn wohl auch der etwas umständliche Titel des Buches.

Die Aufmerksamkeit beim Zuhörer bzw. Leser ist indes angezeigt, denn was Margareta Primas in acht Kapiteln ausbreitet, zeugt von stupender Sach- und Literaturkenntnis. In dichter Diktion und stringenter Form werden die Quellen zur Bronzezeit vorgeführt und auf ihren Aussagewert hin untersucht. Jeweils ihrem räumlichen Ordnungsschema folgend (Theißgebiet, Donautal, Elbegebiet, zirkumalpine Seenregion, Alpenraum) bespricht sie zunächst die Siedlungsfunde und die Gräber. Die weiteren Kapitel sind der Güterproduktion, der Metallurgie sowie dem Handel, Austausch und Verkehr gewidmet. Mit einem Abschnitt zu Bildern und Zeichen nähert sie sich den so lange vernachlässigten religionsarchäologischen Fragen. Das letzte Kapitel, „Nachlass einer Epoche“ betitelt, ist dann die Synthese des Ganzen, die man während der manchmal etwas spröden, aber immer lohnenswerten Lektüre der vorangehenden Abschnitte zunehmend hoffnungsfroh erwartet.

Margarita Primas geht es vorderhand nicht um das große Geschichtstableau. Vielmehr lässt sie zuerst die Quellen sprechen, setzt sie zueinander in Beziehung und lässt dabei kaum einen Gesichtspunkt außer Acht. Weit über 300 Einzelüberschriften sprechen wohl für sich. Immer hat sie die Aussagemöglichkeiten der urgeschichtlichen Archäologie im Blick, die oft genug durch die vielfältigen Filter, denen der Fundstoff ausgesetzt war und ist, sehr eingeschränkt sind. Methodische Fragen spielen bei allen Überlegungen eine zentrale Rolle, und lieb gewonnenen, wiewohl unausgegorenen Wahrheiten der Bronzezeitforschung begegnet sie mit wohltuender Skepsis. Dass man trotz alledem zu soliden Aussagen kommen kann, das beweisen ihre Ausführungen zur Siedlungsarchäologie. Obwohl der Quellenbestand in Zentraleuropa aus vielerlei Gründen besorgniserregend dürftig ist (etwa im Vergleich zu den Niederlanden), gelingt es ihr, ein tragfähiges und kohärentes Bild der bronzezeitlichen Siedelgeschichte zu entwerfen. Gleichzeitig macht besonders dieses Kapitel deutlich, dass nur systematische und mit Geduld und Ausdauer durchgeführte Forschungsvorhaben wirkliche Erkenntnisgewinne zeitigen.

Archäologie als Wissenschaft vergangener Lebenswelten profitiert unmittelbar von der Lebensnähe der mit ihr befassten Forscher. Margarita Primas widmet knapp hundert Seiten dem wirtschaftenden Menschen der Bronzezeit, diskutiert Landwirtschaft und Handwerk, die Verwendung unterschiedlichster Werkstoffe (Holz, Knochen, Geweih, Textilien, Keramik), die Rohstoffgewinnung (Salz, Bernstein) und natürlich in gebührender Ausführlichkeit die Metallurgie, die immerhin eponym für das ganze Zeitalter wurde. Damit verleiht sie der Überlebenssicherung des urgeschichtlichen Menschen den angemessenen, gleichwohl gerne übersehenen Stellenwert. Sie vergisst dabei aber keineswegs, neben allen wirtschafts- und technikgeschichtlichen Fragen die gesellschafts-, kultur- und religionsgeschichtlichen Dimensionen bronzezeitlicher Lebensbewältigung zu ergründen. Deutlich wird dies in ihren nüchternen und klaren Ausführungen zu Handel, Austausch und Verkehr. Dieses Kapitel demonstriert zugleich, wie sehr sich die Urgeschichtsforschung im Laufe der letzten Jahrzehnte in ihren Erkenntniszielen und damit auch methodisch gewandelt hat, nämlich insgesamt wieder historischer und anthropologischer und weniger deskriptiv-antiquarisch als in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geworden ist. Dass das kein schmerzfreier Vorgang sein konnte, zeigt sich in ausführlichen und fast apologetisch wirkenden Exkursen zu Klassikern der Kulturwissenschaft wie Marcel Mauss, die indes gar nicht nötig wären, weil man deren Kenntnis mittlerweile sogar unter deutschsprachigen Archäologen getrost voraussetzen kann.

Gar nicht genug zu loben ist das Kapitel zu Bildern und Zeichen, mithin zum religiösen Symbolgut der Bronzezeit. Allzu lange hat man diesem immens wichtigen Bereich urgeschichtlicher Lebenswelten kaum Beachtung geschenkt. Freilich verharrt Margarita Primas recht vorsichtig im vornehmlich Deskriptiven und führt solchermaßen vor Augen, dass der Prozess der kulturwissenschaftlichen Resozialisierung der Urgeschichtsforschung nicht in allen Bereichen abgeschlossen und der Aussagewert religionsgeschichtlicher Zeugnisse noch längst nicht erschöpft ist.

Das letzte Kapitel fasst die Erkenntnisse der einzelnen Untersuchungsschritte zusammen. Als „Nachlass einer Epoche“ wird die kulturelle Entwicklung von 14 Jahrhunderten in ihren Grundzügen skizziert und historisch gewürdigt. Der forcierte Empirismus im Verein mit einer gewissen Vorsicht gegenüber weitläufigen Entwürfen theoretischer Natur führt allerdings dazu, dass Überlegungen darüber, was denn die Bronzezeit als Epoche so einzigartig in der Menschheitsgeschichte macht (so bereits John Evans 1881), keine rechte Kontur annehmen wollen und der in den vorangehenden Kapiteln beständig genährte Appetit nach Antworten ungestillt bleibt.

Vielleicht ist der gesteigerte Hunger nach Erkenntnis das Beste, was ein wissenschaftliches Werk erreichen kann. Zuzeiten, in denen sich die Bronzezeitarchäologie so sehr dem Großartigen und Superlativischen verschrieben hat, sind redlich wissenschaftliche Werke, die die Dinge unaufgeregt, kritisch und differenziert betrachten, kaum hoch genug einzuschätzen. Margarita Primas hat in jedem Fall ein beeindruckendes Buch vorgelegt, das in der Fachwelt und unter Interessierten verwandter Wissenschaften ohne jede Frage über Jahre hinaus zum Standardwerk avancieren wird.

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Veröffentlicht am
08.10.2008
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