Cover
Titel
Zwischen Internationalismus und Sachpolitik. Die trotzkistische Bewegung in der Schweiz, 1945–1968


Autor(en)
Federer, Lucas
Reihe
Histoire 200
Anzahl Seiten
362 S.
Preis
Open Access; € 49,00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Marcel Bois, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Im Frühjahr 1964 lud der algerische Generalkonsul in Genf zu einem Empfang in ein Züricher Nobelhotel – und wartete mit einer protokollarischen Kuriosität auf: Als „chef de réception“ amtierte Heinrich Buchbinder. Der Mann aus Zürich war eigentlich Redakteur des „Arbeiterworts“, einer trotzkistischen Zeitschrift. Die Politische Polizei sah ihn als „ernst zu nehmende[n], gefährliche[n] Organisator der radikalen Linken“ an, hörte sein Telefon ab und las seine Post mit. Entsprechend gehörte er damals zu „den am besten überwachten Personen in der Schweiz“ (S. 172). Ausgerechnet er hatte, so berichtete „Die Weltwoche“, die Aufgabe übernommen, „den algerischen Gastgebern die erschienenen schweizerischen Honoratioren vorzustellen: Regierungsrat Bürgi, Stadtpräsident Landolt, Alt-Regierungsrat Meierhans und viele andere. Es gab Gäste, die ob so viel Taktlosigkeit am liebsten den Saal und die Sandwiches verlassen hätten.“ (S. 219)

Dass dem Trotzkist Buchbinder diese Ehre zuteilwurde, sagt viel über die tragende Rolle aus, die er und seine Genoss:innen in der Solidaritätsbewegung mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung gespielt hatten. Während der Jahre des Algerienkriegs (1954–1962) berichteten sie regelmäßig über Gräueltaten der französischen Kolonialmacht, beherbergten algerische Aktivist:innen und unterstützten sie mit Geld. Auf diese Weise hatten sie enge Beziehungen zu einigen Repräsentant:innen des nun unabhängigen Staats knüpfen können.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es sich beim Schweizer Trotzkismus vor 1968 eigentlich um eine ziemlich randständige Strömung handelte. Diese umfasste landesweit nur wenige Dutzend Mitglieder, die meisten davon in der Deutschschweiz. Trotzdem gelang es ihr immer wieder, politische Initiativen und außerparlamentarische Bündnisse anzustoßen und diese auch zu prägen. Dies war nicht nur in der Algeriensolidarität der Fall, sondern auch bei den Protesten gegen eine mögliche atomare Bewaffnung des Landes, der „ersten transnationalen sozialen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg“ (S. 222).

Dass die Trotzkist:innen „trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche wahrgenommen [wurden] – mal als unbequem, mal als unkonventionell und immer wieder als gefährlich“ (S. 13), ist der Ausgangspunkt von Lucas Federers lesenswerter Studie. Federer betont, dass die bisherige Geschichtsschreibung des Trotzkismus vor allem von ehemaligen Akteur:innen betrieben wurde. Diese hätten meist das Anliegen verfolgt, bestimmte historische Gruppierungen oder deren Ansichten zu verteidigen. Oftmals seien die Darstellungen darauf beschränkt geblieben, „wer sich mit wem verstritten hat und welche Fraktion wann ihre Abspaltung von einer trotzkistischen Strömung bekanntgegeben habe“ (S. 19). Er hingegen wolle das Erkenntnisinteresse darauf lenken, wie die trotzkistische Strömung in der Schweiz im Kontext des Kalten Krieges aktiv war, was sie verändert hat, wo sie in Erscheinung getreten und woran sie gescheitert ist.

Federer verortet seine Studie dabei in der Neuen Politikgeschichte. Keineswegs will er nur die Trotzkist:innen in den Blick nehmen, sondern auch jene nationalen und transnationalen Prozesse, in die ihr Agieren eingebunden war. Seine Untersuchung blicke auf „die Zirkulation von politischem Wissen in den trotzkistischen Organisationen, auf Repräsentationsformen, auf die hierarchischen Strukturen und die verschiedenen Funktionen innerhalb der trotzkistischen Bewegung sowie auf Wechselwirkungen zwischen politisch aktiven Individuen, den Organisationsprogrammen und den tatsächlichen Bestätigungsfeldern der Organisationen“ (S. 15).

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im Zentrum des ersten steht zunächst eine etwas kleinteilige Darstellung der Organisationsentwicklung des Schweizer Trotzkismus zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1968. Die wichtigsten Gruppen waren hier die Proletarische Aktion und der Sozialistische Arbeiterbund (SAB). Als Besonderheit zeigt Federer auf, dass anders als in anderen Ländern keine Spaltungen stattgefunden haben. Vielmehr stelle sich der schweizerische Trotzkismus „als eine mehr oder weniger ordentliche Abfolge der verschiedenen Organisationen“ dar (S. 83). Sehr spannend wird die Untersuchung, wenn sie sich der innerorganisatorischen Alltagsgeschichte zuwendet. Hier gingen politischer Anspruch und soziale Realität oftmals auseinander: Beispielsweise zeigt Federer auf, dass die Strömung trotz aller Emanzipationsversprechen „eine überwiegend männliche Angelegenheit“ war (S. 118) und Gleichberechtigung der Geschlechter in der Regel „aus der Perspektive des Mannes“ (S. 120) verhandelt wurde.

Überzeugend schildert Federer auch, was es für einzelne Personen im Klima des Kalten Krieges bedeutete, Mitglied einer linken Organisation zu sein – vor allem, wenn es wie im untersuchten Fall eine war, die sich jenseits von Sowjetkommunismus und Sozialdemokratie verortete. Häufig waren die Trotzkist:innen Anfeindungen im Alltag ausgesetzt, weshalb sie eine Art Doppelleben führten. Dementsprechend waren Pseudonyme „nicht einfach nur Decknamen, sondern tatsächlich mit unterschiedlichen persönlichen Identitäten verbunden […], mit denen privates, berufliches und politisches Leben auseinandergehalten wurden“ (S. 129). Dies galt vor allem für den Unternehmer Hans Stierlin, dessen Firma Sibir GmbH sich in den 1950er-Jahren zu einem der größten europäischen Kühlschrankhersteller entwickelte. Obwohl er zusammen mit Buchbinder und Jost von Steiger über Jahrzehnte den innersten Führungszirkel der trotzkistischen Gruppen stellte und sie – wie Federer zeigt – großzügig finanziell unterstützte, konnte er seine politischen Tätigkeiten weitgehend geheim halten.

Der zweite Teil der Studie steht unter der Überschrift „Internationalismus und transnationale Netzwerke“. Hier setzt sich der Autor mit einem weiteren Grund für das konspirative Verhalten der Trotzkist:innen auseinander, nämlich ihrer Beobachtung durch Geheimdienste wie dem sowjetischen KGB oder dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Die Überwachung innerhalb der Schweiz kann er anhand eines besonderen Quellenbestands nachzeichnen. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts hatte die Bundespolizei nämlich sogenannte Fichen über rund 900.000 Personen und Organisationen angelegt. Bei Bekanntwerden im Jahr 1989 sorgte dies für einen großen Aufruhr, den „Fichenskandal“. Auch Mitglieder trotzkistischer Gruppen wurden hier erfasst und in die „Gefährlichen- und Verdächtigenliste“ aufgenommen. Buchbinder wurde dort in der höchsten Gefährdungskategorie geführt, von Steiger in der zweithöchsten.

Im Weiteren untersucht Federer die Rolle der Trotzkist:innen in den beiden eingangs erwähnten sozialen Bewegungen. Ausgehend von ihrem Austausch mit englischen Genoss:innen, die in der britischen Campaign for Nuclear Disarmament aktiv waren, initiierten sie die Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung (SBgaA). Diese zog ein breites Spektrum von Aktivist:innen an, das von anarchistischen bis zu kirchlich-pazifistischen Kreisen reichte. Laut Federer konnten die Trotzkist:innen hier eine treibende Kraft sein, weil sie unabhängig von der kommunistischen Partei der Arbeit und der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) agierten. Da die Frage in der SPS umstritten war, bemühten sie sich um ein Bündnis mit deren linken Flügel.

In Zusammenhang mit der Algeriensolidarität greift der Autor die überzeugende These Michiel van Gulpens auf, die Trotzkist:innen hätten als „Bindeglied“ zwischen dem Internationalismus der frühen Kommunistischen Internationale und den „Dritte Welt“-Bewegungen der 1960er-Jahre gedient.[1] Zur Erklärung, weshalb sie die antikolonialen Befreiungsbewegungen überhaupt so stark in den Blick nahmen, zieht Federer hauptsächlich Aussagen der schweizerischen Gruppe heran. An dieser Stelle wäre jedoch ein Hinweis auf Leo Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution angebracht gewesen. Möglicherweise wäre dann deutlicher geworden, warum die trotzkistischen Gruppen diese Bewegungen unterstützten, obwohl es sich bei ihnen „um im Kern nationalistisch orientierte Projekte handelte“ (S. 211).

Im dritten und kürzesten Teil seines Buches geht Federer dem Wechselverhältnis zwischen Aufstieg der Antiatombewegung und dem Niedergang der trotzkistischen Organisationen in den 1960er-Jahren nach. Je stärker die Bewegung wurde, desto mehr ließen die eigenständigen Aktivitäten ihrer trotzkistischen Initiator:innen nach. Federer konstatiert für diese Phase eine gewisse „Ratlosigkeit in Bezug auf die Rolle der eigenen Organisation“ (S. 263). Mehr noch: 1963 sei der SAB „faktisch am Ende“ gewesen (S. 270). Auch das Führungstrio brach in dieser Zeit auseinander. Buchbinder zog aus Zürich weg und Stierlin konzentrierte sich in der Folge auf sein Unternehmen. Einzig Jost von Steiger blieb aktiv und nahm Kontakt mit einer Gruppe junger Aktivist:innen in Lausanne auf, aus der Ende 1969 die Ligue Marxiste Révolutionnaire entstand. Diese sollte in den 1970er-Jahren zur bislang größten trotzkistischen Gruppe in der Schweiz werden.

Zugleich untermauert Federer im letzten Teil seines Buches die These, dass der Trotzkismus ein wichtiger Impulsgeber für die 68er-Bewegung und die Neue Linke in der Schweiz war. Auch wenn die Strömung selbst „bemerkenswert abwesend“ (S. 312) in der 68er-Bewegung gewesen sei, habe diese auf politischen Projekten gefußt, die von Trotzkist:innen angestoßen worden waren. So sei die SBgaA die „eigentliche Vorläuferin“ der Proteste und Bewegungen nach 1968 gewesen (S. 259).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Lucas Federer ein anregendes, nachvollziehbar argumentierendes und gut lesbares Buch vorgelegt hat. Trotz einiger Redundanzen, die zum Teil dem Aufbau der Studie geschuldet sind, liefert es wesentliche neue Erkenntnisse zur Historiografie der Schweiz im Kalten Krieg. Federers Ansatz, die Geschichte des Trotzkismus aus einer neuen Perspektive zu untersuchen, ist zweifellos aufgegangen.

Anmerkung:
[1] Michiel van Gulpen, Die Hoffnung in die „Kolonialrevolution“, in: Lucas Federer / Gleb J. Albert / Monika Dommann (Hrsg.), Archive des Aktivismus: Schweizer Trotzkist:innen im Kalten Krieg (Æther 02), Zürich 2018, E3 f., https://aether.ethz.ch/ausgabe/archive-des-aktivismus/ (25.11.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
28.11.2022
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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