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Titel
Freideutsch. Programm und Praxis einer kulturellen Avantgarde in Deutschland im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Volkholz, Christian
Reihe
Ordnungssysteme
Erschienen
Anzahl Seiten
360 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Stambolis, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Paderborn

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert schlossen sich eine ganze Reihe Schüler:innen höherer Schulen in Gemeinschaften Gleichaltriger zusammen. Es gelang ihnen, sich der Kontrolle Erwachsener zumindest zeitweise zu entziehen. Im „Wandervogel“, mit dem die bürgerliche Jugendbewegung ihren Anfang nahm, waren junge Menschen aus zumeist bürgerlichen Elternhäusern in der Natur unterwegs. Die jugendbewegten Anfänge um 1900 fügten sich in ein breites Spektrum kulturkritischer und lebensreformerischer Initiativen ein, in denen mit Stichworten wie „Licht, Luft und Sonne“ für Breitensport, Freibäder, gesunde Ernährung und anderes mehr geworben wurde.[1]

Christian Volkholz unternimmt es in der vorliegenden Studie, der überarbeiteten Fassung seiner Dissertation, eine Akteursgruppe innerhalb der bürgerlichen Jugendbewegung systematisch in den Blick zu nehmen, die „Freideutschen“. Was sie von anderen Jugendbewegten der Jahrhundertwende unterscheidet, ist ihr Selbst- und Lebensentwurf. Sie leiteten aus ihren Erfahrungen in der Jugendbewegung wert- und handlungsleitende Orientierungen ab, formulierten hohe Ansprüche an sich selbst und ihre Aufgaben bzw. ihre künftige Verantwortung in der Gesellschaft. Bereits in ihrer Studienzeit nannten sie sich „Freideutsche“. Weltanschaulich und nach dem Ersten Weltkrieg dann auch politisch vertraten sie ausgesprochen unterschiedliche, teils kaum miteinander in Einklang zu bringende Positionen. Viele blieben dennoch miteinander bis ins Alter freundschaftlich verbunden. Sie bildeten eine Erinnerungsgemeinschaft mit großem Interesse an der Selbsthistorisierung, welche zusammen mit der Pflege von Gründungsmythen in der bürgerlichen Jugendbewegung insgesamt gesehen sehr ausgeprägt war.

Aspekte bewegter Jugend um die Jahrhundertwende und in der Zwischenkriegszeit sind in den letzten Jahren mehrfach untersucht worden.[2] Historiker:innen haben auch die „Freideutschen“ wiederholt in den Blick genommen.[3] In diese Forschungszusammenhänge fügt sich die Arbeit von Christian Volkholz ein. Die „Freideutschen“ seien, so der Autor, eine „im 20. Jahrhundert sozial- und kulturpolitisch bedeutende Elite mit avantgardistischer Geselligkeitspraxis“ gewesen (S. 5). Seine Ausführungen sind zum einen ideengeschichtlich fundiert, sie spiegeln nicht zuletzt Grundlegendes der Arbeiten seines Doktorvaters Anselm Doering-Manteuffel wider. Des Weiteren nimmt Volkholz generationelle Einordnungen der Akteure vor und spricht von den Freideutschen – Karl Mannheim folgend – als von einer „Generationseinheit benachbarter Jahrgänge im Rahmen der größeren Generationslagerung der bürgerlichen Jugendbewegung.“ (S. 15) Außerdem befasst sich die Studie mit der Organisationsform des Kreises, die für die „Freideutschen“ von besonderer Bedeutung ist.

Die Arbeit ist in vier Teile gegliedert, mit beschreibenden, einer historischen Chronologie folgenden sowie einordnend typisierenden Abschnitten. Im ersten Block geht es um die Herausbildung des freideutschen Profils vor 1914 im Kontext der bürgerlichen Jugendbewegung und zeitspezifischer Herausforderungen. Hier spricht der Autor u.a. historische Bezüge zu den studentischen „Freischaren“ der nationalen Aufbruchsbewegung in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts an.

Im zweiten Teil stehen freideutsche Publikationen und Kommunikationsorte im Mittelpunkt. Zeitlich spannt sich der Bogen vom Jahre 1905, der Gründung des „Hamburger Wandervereins“ über den „Freideutschen Jugendtag 1913“ zur Errichtung des „Freideutschen Jugendlager(s) Klappholttal auf Sylt“ im Jahre 1919. In seiner Beschreibung trennt Volkholz strukturierend zwischen „Programm“ und „Praxis“ der „Freideutschen“. Um ein Beispiel zu geben: Einer der prominentesten, der Arzt Knud Ahlborn, wird sowohl mit maßgeblichen Gedanken zu gesellschaftlicher Verantwortung und Einmischung als auch mit seinen konkreten sozialen und erzieherischen Initiativen vorgestellt. Insbesondere Ahlborns zusammen mit dem ebenfalls jugendbewegten Ferdinand Goebel ins Leben gerufene Heimvolkshochschule auf Sylt erscheint in der Studie als exemplarisch für freideutsches gesellschaftliches Engagement.

Der dritte Abschnitt mündet in eine Zusammenfassung dessen, was die freideutschen Akteure im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ausmachte, und zwar eine „kreisbezogene Praxis“ (217), die an moralisch ethischen Werten, Selbsterziehung und die Übernahme sozialer Verantwortung in einem demokratisch verfassten zivilgesellschaftlichen Gesamtgefüge orientiert war. Volkholz wörtlich: „Wer wie die Freideutschen beabsichtigte, die Gesellschaft langfristig von innen heraus zu verändern, kam nicht umhin, speziell die Jugendgenerationen und ihre Erziehung in den Mittelpunkt seiner kulturpolitischen Agenda zu stellen.“ (S. 276) Politisch gegensätzliche Anschauungen waren nach 1918 ebenso kennzeichnend für die Freideutschen wie ihre recht vagen und facettenreich interpretierbaren Volksgemeinschaftsvorstellungen. Volkholz betont weniger die daraus erwachsenden Dissonanzen und politischen Gegensätze als vielmehr ihr vorrangiges „Ziel einer politisch und sozial geeinten Gesellschaft“ (S. 276). Demokratische, auch pazifistische Vorstellungen hebt er für die 1920er-Jahre als handlungsleitend hervor und, auch für die Zeit nach 1945, die „Idee einer abendländischen Werte- und Kulturgemeinschaft“ (S. 287).

Damit leitet Volkholz zum vierten und letzten Teil seiner Studie über, die sich den „Freideutschen Kreisen“ nach Ende des Zweiten Weltkriegs widmet. In diesen pflegten sie ihre Freundschaften, standen in schwierigen Lebenssituationen füreinander ein und rangen um neue gesellschaftliche und kulturpolitische Standortbestimmungen. Die Mehrheit der Freideutschen hätten sich in der NS-Zeit angepasst, so Volkholz knapp, ohne auf Einzelheiten einzugehen, inwiefern der Schatten mangelnder Distanz gegenüber dem nationalsozialistischen Unrechtsregime sie belastete. In Klappholttal etwa war die Bildungsarbeit des „Nordseelagers“, wie die Bildungsstätte an der Nordsee nun hieß, unter dem organisatorischen Dach des nationalsozialistischen Reichsbundes für Volkstum und Heimat weiter betrieben worden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte die NS-Vergangenheit kaum eine Rolle. Das Schwergewicht der Arbeit lag auf Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Auffassungen, auf Natur- und Umweltschutz. Es ist Ahlborn und auch anderen „Freideutschen“ zeitlebens schwergefallen, sich mit der NS-Zeit kritisch auseinanderzusetzen.

Letzterer Aspekt wird bei Volkholz lediglich gestreift. Ebenso ließen sich einige weitere kritische Anmerkungen bzw. Ergänzungen hinzufügen: Die ausgeprägte Kreisbedürftigkeit dieser jugendbewegten Avantgarde könnte wohl auch unter Hinweis auf Victor Turners Überlegungen zu „Liminalität und Communitas“ für die freideutschen Gemeinschaftspraktiken ergänzt werden.[4] Ferner: Gefahren, die in den 1950er- und 1960er-Jahren von völkischen Traditionen für die demokratisch-politische Ordnung der Bundesrepublik ausgingen, beschäftigten die „Freideutschen“ kaum. Und schließlich: Nicht alle, die zeitweise überzeugt „freideutsch“ gewesen waren, blieben dies auch nach den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. So hatte der von Volkholz mehrfach erwähnte deutsch-jüdischen Pädagoge und Psychologe Curt Bondy nach 1945 ein ausgesprochen distanziertes Verhältnis zu einstigen freideutschen Freunden.[5] Und auch für weitere Jugendbewegte dieses Samples, wie z.B. den Sozialdemokraten Kurt Löwenstein (S. 23) dürften andere Bindungen und Vernetzungen wichtiger gewesen sein als die freideutschen. Die kritischen Anmerkungen schmälern indes keineswegs die Verdienste der hier besprochenen gründlich recherchierten und methodisch anregenden, insgesamt facettenreichen und lesenswerten Studie. Ihre Lektüre sei allen empfohlen, die sich mit der bürgerlichen Jugendbewegung in einem weiten historischen Bogen über das 20. Jahrhundert hinweg befassen.

Anmerkungen:
[1] Zu den zeitgeschichtlichen Rahmungen: Barbara Stambolis, Jugendbewegungen. Aufbruch und Selbstbestimmung 1871 bis 1918, Wiesbaden 2023; dies., Jugend und Jugendbewegungen. Erfahrungen und Deutungen, in: Nadine Rossol / Benjamin Ziemann (Hrsg.), Aufbruch und Abgründe. Das Handbuch der Weimarer Republik, Darmstadt 2022, S. 677–696.
[2] Vgl. Markus Raasch, Rezension zu: Harms, Antje: Von linksradikal bis deutschnational. Jugendbewegung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, Frankfurt am Main 2020, in: H-Soz-Kult, 25.06.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-93433 (30.07.2023); Franziska Meier, Rezension zu: Ahrens, Rüdiger: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933, Göttingen 2015, in: H-Soz-Kult, 26.01.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-23065 (30.07.2023).
[3] Vgl. Ann-Katrin Thomm, Alte Jugendbewegung, neue Demokratie. Der Freideutsche Kreis Hamburg in der frühen Bundesrepublik Deutschland, Schwalbach, Ts. 2010; Sabiene Autsch, Erinnerung – Biographie – Fotografie. Formen der Ästhetisierung einer Generation im 20. Jahrhundert, Potsdam 2000.
[4] Vgl. Victor W. Turner, Liminalität und Communitas, in: Andréa Belliger / David J. Krieger, Ritualtheorien: Ein einführendes Handbuch, 3. Aufl., Wiesbaden 2006, S. 249–260; Roland Eckert, Gemeinschaft, Kreativität und Zukunftshoffnungen. Der gesellschaftliche Ort der Jugendbewegung im 20. Jahrhundert, in: Barbara Stambolis / Rolf Koerber (Hrsg.), Erlebnisgenerationen – Erinnerungsgemeinschaften. Die Jugendbewegung und ihre Gedächtnisorte, Schwalbach, Ts. 2008, S. 25–40.
[5] Vgl. Barbara Stambolis, Curt Bondy – Jugendpsychologie und Jugendsozialarbeit in Hamburg vor 1933 und nach 1945, in: dies. (Hrsg.), Flucht und Rückkehr. Deutsch-jüdische Lebenswege nach 1933, Gießen 2020, S. 173–194, hier S. 191f.

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