M. Prinz (Hrsg.): Gesellschaftlicher Wandel im Jahrhundert der Politik

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Titel
Gesellschaftlicher Wandel im Jahrhundert der Politik. Nordwestdeutschland im internationalen Vergleich 1920-1960


Herausgeber
Prinz, Michael
Reihe
Forschungen zur Regionalgeschichte 58
Erschienen
Paderborn 2007: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
X, 547 S.
Preis
€ 52,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger Graf, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Der Sammelband mit dem sehr allgemeinen Ober- und dem zunächst etwas rätselhaft konkretisierenden Untertitel dokumentiert die Ergebnisse einer Tagung, die im Frühjahr 2005 am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster stattfand. Die dritte und letzte Tagung des mit zahlreichen Publikationen überaus produktiven Forschungsprojektes zur „Gesellschaft in Westfalen. Kontinuität und Wandel 1930–1960“[1] sollte die erzielten Ergebnisse durch Vergleiche mit anderen Regionen und Nachbarländern (Niederlande, Österreich, Schweiz) überprüfen und zugleich breiter anschlussfähig machen. So ertragreich und gewinnbringend das „Westfalenprojekt“ für die Regionalgeschichtsschreibung auch war, so schwierig ist doch das Unterfangen, wesentliche Ergebnisse in 27 Aufsätzen in einem Sammelband zusammenfassend zu präsentieren und zugleich international zu vergleichen.

Wenn Michael Prinz als Herausgeber die Themenauswahl und Schwerpunktsetzung mit „pragmatischen“ Erwägungen der Abgrenzung von bereits behandelten Themen und dem Anschluss an aktuelle Forschungsfragen rechtfertigt, zeugt das zwar von Ehrlichkeit, ändert aber nichts an dem heterogenen Bild, das der Band insgesamt abgibt. Die sechs Schwerpunkte tragen die Überschriften „Handwerk und Protektionismus im Vergleich“, „Tageszeitungen und journalistischer Beruf“, „Säkularisierung, Entkirchlichung und protestantisches Milieu“, „Eugenik, Psychiatrie und Patienten“, „Raub, Enteignung und Rückerstattung des Vermögens von Juden in Mitteleuropa – Bruch und Gegenbruch“ sowie „1945 als Zäsur in mitteleuropäischen Historiographien“.

Der Eindruck der Zufälligkeit der Schwerpunktsetzungen verstärkt sich noch beim Blick auf die Einzelbeiträge: Es handelt sich zumeist nicht um vergleichende Analysen, sondern um Detailstudien einzelner Regionen, die mal Ostwestfalen, Thüringen und die Schweiz (Handwerk), dann Westfalen, Deutschland, die USA und die Niederlande (Presse), dann wieder Westfalen und Berlin (Protestantismus), Westfalen, die Niederlande und die Schweiz (Psychiatrie) oder verschiedene Städte in Westfalen und Österreich („Arisierung“) betreffen. Der fehlende systematisch vergleichende Zugriff wird in jeder Sektion durch hilfreiche Kommentare zu kompensieren versucht, die die Aufsätze zusammenführen und vor allem in Bezug auf die gesellschaftsgeschichtliche Relevanz der politischen Zäsur von 1945 vergleichen. Zudem wird der Band eingerahmt von einer synthetisierenden Einleitung (Michael Prinz) und einem Tagungsbericht (Christiane Streubel), der einen Eindruck von den Diskussionen vermittelt, nach der Lektüre der Beiträge aber eher redundant ist.

Nun kann die Heterogenität des Bandes nicht den Einzelbeiträgen angelastet werden, die mehrheitlich solide und interessante Detailstudien darstellen. Auch wenn ihre Ergebnisse nicht immer überraschen, sind die Aufsätze zumeist empirisch überzeugend und bisweilen auch konzeptionell weiterführend. Insgesamt tendieren die auf Westfalen bezogenen Untersuchungen dazu, die gesellschaftsgeschichtlichen Kontinuitäten zu betonen, die über die politische Zäsur des Jahres 1945 hinweg liefen. Dass diese Zäsur in der Schweiz oder den Niederlanden von geringerer Bedeutung war und diese Länder ohnehin stärker von kontinuierlichen Entwicklungsprozessen gekennzeichnet waren, unterstreichen vor allem die Aufsätze von Friso Wielenga und Georg Kreis. Die wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen verorten die meisten Autoren – nur in der Sektion zur „Arisierung“ sind Frauen beteiligt – dann erst ab den späten 1950er- und vor allem in den 1960er-Jahren.

Wie die Beiträge von Bernd Holtwick und Armin Owzar zeigen, war insbesondere das Handwerk von langfristigen Entwicklungsprozessen über die politischen Brüche hinweg gekennzeichnet. Dies galt auch für die Presselandschaft, deren Veränderung stark von medialen Eigenlogiken geprägt war und die, wie Clemens Zimmermann im Anschluss an Jörg Requate überzeugend argumentiert, stärker im Rahmen des gesamten Medienensembles untersucht werden sollte (S. 199). Erst Ende der 1950er-Jahre, so zeigt Gerd Meier, lösten sich die westfälischen Regionalzeitungen, den alliierten Vorgaben entsprechend, vom traditionellen Muster der Gesinnungspresse (S. 154). Während die politischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts massive Auswirkungen auf die „verfasste Kirche“ hatten, zeigt Wolfhart Beck, dass sich die Formen der ländlichen Religiosität in der ostwestfälischen Synode Lübbecke langsamer wandelten (S. 222). Wie Beck lokalisiert Manfred Gailus in seiner Studie zu Berlin die wesentlichen Säkularisierungsprozesse in den 1960er-Jahren als eine Folge des beschleunigten sozialen Wandels der Nachkriegszeit.

Bei den Untersuchungsgegenständen, die eindeutiger von nationalsozialistischen Vorgaben geprägt wurden, liegen zunächst einmal Deutungen näher, die die Diskontinuitäten des Zeitraums von 1920 bis 1960 betonen. Während man in der Geschichte der Eugenik und Psychiatrie klassischerweise von einem Dreiphasenmodell der Entwicklung vor, während und nach dem Nationalsozialismus ausgehe, hebt Volker Roelcke Kontinuitäten auf der Ebene der institutionellen und personellen Rahmenbedingungen psychiatrischer Versorgung hervor, die bis in die 1960er- und 1970er-Jahre reichten (S. 311). In seiner Untersuchung der Psychiatriereform konstatiert Hans-Walter Schmuhl einen grundsätzlichen Modernisierungstrend „weg von der Verwahrpsychiatrie hin zu einem Primat der Therapie, Rehabilitation und Prophylaxe“ (S. 264). In Bezug auf den Raub und die Rückerstattung jüdischen Vermögens waren die Zäsuren von 1933 und 1945 sicherlich sehr einschneidend, aber auch hier betont Frank Bajohr in seiner Zusammenfassung der Beiträge von Hans Christian Dahlmann (zu Witten) und Marlene Klatt (zu Hagen, Arnsberg und Niedermarsberg), dass sich die wirtschaftliche Situation der Juden in Deutschland schon vor 1933 zu verschlechtern begonnen hatte. Durch die beteiligten Akteure und deren weiter vorhandenen Antisemitismus weise auch die Restitution nach 1945 Kontinuitäten zum Arisierungsprozess auf.

Ein großer Vorzug des Bandes besteht darin, dass er konkurrierenden Forschungsmeinungen und -perspektiven ein Forum bietet und so einen offenen Diskussionsprozess nicht nur dokumentiert, sondern ihm zugleich weitere Anstöße gibt. Hervorzuheben sind hier vor allem zwei Beiträge: Im Anschluss an die Studien zur „Säkularisierung“ unterstreicht Jochen-Christoph Kaiser in seinem Kommentar die Problematik des Begriffs, der entweder im Sinne eines Wandels oder aber eines Verlustes religiöser Anschauungen verstanden werden könne. Da Säkularisierung immer auch ein zeitgenössischer Deutungsbegriff gewesen sei, reklamiert Kaiser im Anschluss an Trutz Rendtorff, dass der Begriff „eher die jeweilige Sicht auf die Dinge als diese selbst“ beschreibe (S. 250). Daher plädiert Kaiser für eine vorsichtigere und begriffsgeschichtlich reflektiertere Verwendung der Kategorie.

In seiner Gesamteinschätzung des „Westfalenprojektes“ bewertet Benjamin Ziemann dessen Ertrag überaus positiv, da zum ersten Mal am Beispiel einer Region systematisch die Frage nach den sozialgeschichtlichen Kontinuitäten über die Epochengrenzen des 20. Jahrhunderts hinweg gestellt worden sei, formuliert aber zugleich zwei methodenkritische Einwände. Zum einen werde Modernisierung oft zu linear als Enttraditionalisierung verstanden, anstatt Luhmanns Theorie der funktionalen Differenzierung produktiv umzusetzen. Zum anderen würden in der sozialgeschichtlichen Herangehensweise die temporalen Perspektiven der Zeitgenossen im Schnittfeld von Erfahrungen und Erwartungen oft ausgeblendet, ohne die jedoch über „das Verhältnis von sozialgeschichtlichen Entwicklungen und politischen Zäsuren […] überhaupt nicht sinnvoll zu sprechen“ sei (S. 428). Wie Kaiser mahnt Ziemann also eine stärkere Integration begriffs-, kultur- und mithin geistesgeschichtlicher Perspektiven in das sozialgeschichtliche Methodenarsenal an.

Diese Kritik ist insofern berechtigt, als die Begriffe „Kontinuität“ und „Bruch“ oder auch „Zäsur“ in den Beiträgen zwar häufig verwendet, aber selten näher expliziert werden. So werden Brüche und Kontinuitäten auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Systemzusammenhängen konstatiert, ohne dass immer klar wäre, was genau damit gemeint ist – ein Defizit, das zu entschuldigen ist, insofern der Gebrauch dieser geschichtlichen Grundbegriffe im Fach insgesamt nur selten für explikationsbedürftig gehalten wird. Problematischer sind jedoch die Versuche, die Ergebnisse der Einzelstudien zu synthetisieren und zu – notgedrungen sehr allgemeinen – Thesen über den „gesellschaftlichen Wandel“ im „Jahrhundert der Politik“ zu kommen. Hierbei wird dann die Metapher vom „Säurebad des Vergleichs“ gebraucht (S. 33, S. 448), der das „einzige Mittel“ darstelle, „um aus den Idiosynkrasien regional bzw. national beschränkter Perspektiven herauszuführen“ (S. IXf.). Das mag vielleicht zutreffen, kann aber nur gelingen, wenn die Vergleichsgegenstände und das tertium comparationis eindeutig definiert werden, was in dem vorliegenden Band leider selten geschieht. Diese Kritik soll den Ertrag der einzelnen Beiträge nicht schmälern, aber doch die Frage stellen, ob man ihnen einen Gefallen damit getan hat, sie zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und zu versuchen, einen Gesamtzusammenhang herzustellen. Auch dies ist aber wohl weder den Beiträgern noch dem Herausgeber anzukreiden, sondern eher den realen und empfundenen Zwängen eines Wissenschaftssystems, in dem keine Tagung mehr unpubliziert vorübergehen zu können scheint.

Anmerkung:
[1] Siehe <http://www.lwl.org/LWL/Kultur/WIR/Projekte/G_Projekt>.

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14.01.2009
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