R. Wendt: Vom Kolonialismus zur Globalisierung

Cover
Titel
Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500


Autor(en)
Wendt, Reinhard
Reihe
UTB 2889
Erschienen
Paderborn 2007: UTB
Anzahl Seiten
440 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Friedrich Edelmayer, Universität Wien

In den letzten Jahren geht einer der Trends in der Geschichtsforschung hin zu Studien, die unter dem Etikett von „Globalgeschichte“ oder „neuer Weltgeschichte“ firmieren. Es soll also nicht nur mehr die Geschichte der europäischen Expansion dargestellt werden, sondern vielmehr soll von den Interaktionen berichtet werden, die zunehmend ab dem 15. Jahrhundert die einzelnen Teile der Welt immer mehr zusammen wachsen ließen zu jenem „globalisierten“ System, das heute nicht nur Zustimmung, sondern auch zahlreiche Kritik hervorruft. Reinhard Wendt steht in der Tradition dieser neueren Geschichtsschreibung, auch wenn er im ersten Satz seiner Einführung schreibt: „Dies ist ein eurozentrisches Buch“ (S. 11). Zum Glück stellt sich dies bald als eine mehrheitliche Schutzbehauptung heraus, auch wenn natürlich die Weltregion Europa, der lange Zeit wichtigste Motor für die Globalisierungsprozesse, im Buch immer wieder vorkommen muss.

Wendt hat sich für seine sehr lesenswerte Zusammenfassung der Globalisierungsprozesse ein originelles System der Darstellung einfallen lassen. Seine vier Hauptkapitel untergliedert er jeweils in drei Teile, die er auch gleich benennt: A. Nord-Süd; B. Süd; C. Süd-Nord. In den A-Teilen wird jeweils die europäische oder „nördliche“ Welt in ihrer Expansion in die und ihrer zunehmenden Vernetzung mit den anderen Welten beschrieben. In den B-Teilen werden die Veränderungen in den anderen Welten analysiert. Und in den C-Teilen zeigt der Autor, wie sich der Norden, der in den letzten fünfhundert Jahren beträchtlich gewachsen ist – heute zählt dazu beispielsweise der größte Teil Nordamerikas – durch den Süden seinerseits verändert hat. Wendt hat damit eine sehr tragbare Konstruktion gefunden, um den äußerst heterogenen Stoff übersichtlich zu gliedern und von einer Darstellungsweise wegzukommen, die die gesamte Menschheitsgeschichte einzig aus dem europäischen Blickwinkel betrachtet.

Nach seiner sehr lesenswerten Einführung und einem kurzem Kapitel über die mittelalterlichen Interaktionen im afro-eurasischen Raum kommt Wendt zu seinem ersten Hauptteil, der iberischen Phase, die er als jene des Kronmonopolismus bezeichnet. Der Beginn dieser Phase am Ende des 15. Jahrhunderts ist eindeutig, das Ende, das der Autor im Jahre 1820 ansetzt, wirkt etwas künstlich. Er meint damit wohl den Zusammenbruch der spanischen und portugiesischen Systeme in den Amerikas. Für den Rezensenten ist diese Einteilung etwas artifiziell und nur mit der amerikanischen Weltregion begründbar. Dem Autor scheint es nicht unähnlich ergangen zu sein, nennt er doch seinen zweiten Hauptteil die nordwesteuropäische Phase oder die Zeit der „Chartered Companies“, die er 1600 beginnen und 1857 enden lässt. Es ergeben sich hier also zeitliche, wenn auch nicht wirklich räumliche Überschneidungen.

Letztlich handelt es sich um nicht ganz geglückte Kapitelüberschriften, die nicht davon ablenken sollten, dass Wendt ganz großartig die einzelnen Globalisierungsprozesse beschreibt. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf politische Ereignisse, religiöse Änderungen oder das, was früher unter dem Begriff „Entdeckungsgeschichte“ subsumiert wurde, sondern berichtet detailreich Prozesse, die in anderen Darstellungen nur marginal erwähnt werden. Pars pro toto sei der globale Pflanzenaustausch erwähnt, der im Buch immer wieder auftaucht. Hier überrascht der Autor mit Detailkenntnissen, die oft nur in der regionalhistorischen Forschungsliteratur zu finden sind. Meines Wissens wurde beispielsweise noch nicht globalhistorisch kontextualisiert, dass der Benediktinerabt Caspar Plautz im Kloster Seitenstetten in Niederösterreich schon 1621 Kartoffelrezepte publizierte[1], wie Wendt beschreibt (S. 189).

Auch bei seinem dritten Hauptteil, den der Autor als die Phase der europäischen Dominanz (1857–1930) bezeichnet, behält er sein oben genanntes Gliederungsschema bei. Im Teil A berichtet er über Freihandel und Imperialismus, die Aufteilung der Welt sowie Missionen und Imperialismus. Im Teil B beschreibt er unter anderem die von ihm so genannte „Verdichtung“ des europäischen Weltsystems, die Aufhebung der Sklaverei und die kolonialen Gesellschaften. Im Teil C kommt er wieder auf Kolonialwaren oder überseeische Pflanzen zurück und widmet auch den Migrationen den nötigen Raum.

Im letzten Hauptteil beschreibt Wendt die Dekolonisierung, den Neokolonialismus und die endgültige Globalisierung im 20. und 21. Jahrhundert. Auch hier scheut er nicht davor zurück, unangenehme Fragen zu stellen, beispielsweise nach der „Biopiraterie“, also der Verwendung pflanzlicher Stoffe für die Pharmaindustrie, ohne die Länder, in denen die betreffenden Pflanzen gewonnen werden, an den Gewinnen zu beteiligen (S. 373). Sehr kritisch setzt er sich auch mit den kolonialen Erblasten in den postkolonialen Gesellschaften auseinander (S. 345–349).

Versöhnlich wirkt der Schluss des Buches. Dort werden nicht nur die Gesamtergebnisse der Arbeit noch einmal knapp zusammengefasst, sondern es fehlt auch nicht der Hinweis auf einzelne regionale Küchen, die italienische Pasta mit Tomaten, das steirische Kürbiskernöl, die englischen „Fish and Chips“, den ungarischen Paprika, die Polenta, die Schokolade etc. etc. All diese Produkte sind keine europäischen, auch wenn sie hier schon identitätsstiftend wirken und manchmal als „national“ wertvoll gegen alles „Ausländische“ verteidigt werden müssen. Gerade die letzten Zeilen von Wendt regen noch einmal sehr zum Nachdenken an.

Das Buch ist also ein gelungener Wurf. Einzig das an sich illustrative Kartenmaterial gerät manchmal etwas zu klein und unlesbar. Die Abbildungen dagegen sind äußerst illustrativ und klug ausgewählt. Das anregend geschriebene Werk ist als Pflichtlektüre im universitären Neuzeitunterricht unbedingt zu empfehlen.

Anmerkung:
[1] Honorius Philoponus [= Pseudonym von Caspar Plautz], Nova Typis Transacta Navigatio. Novi Orbis Indiae Occidentalis …, [Linz] 1621.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.02.2011
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/