G. Mettele: Weltbürgertum oder Gottesreich

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Titel
Weltbürgertum oder Gottesreich. Die Herrnhuter Brüdergemeine als globale Gemeinschaft 1727–1857


Autor(en)
Mettele, Gisela
Reihe
Bürgertum Neue Folge 4
Erschienen
Göttingen 2009: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
335 S.
Preis
34,90 €
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Claus Füllberg-Stolberg, Universität Hannover

Globalgeschichte fristet nicht mehr das exotische Nischendasein, das lange Zeit typisch für die Provinzialität der deutschen Geschichtswissenschaft war. Zurzeit lässt sich eher ein gegenläufiger Trend beobachten, der traditionell deutsch- oder eurozentrierte Themen durch den Zusatz global aufwerten möchte. So gehörte auch die Beschäftigung mit dem deutschen Pietismus eher in die Domäne der Religions- bzw. Missionsgeschichte. Eine angemessene Beschäftigung mit der Herrnhuter Brüdergemeine oder Moravian Church, wie sie im englischen Sprachraum genannt wird, kann nun in der Tat nur in einem globalen Untersuchungsfeld stattfinden, hat die kleine protestantische Kirche doch ihr Betätigungsfeld auf der ganzen Welt und eine Mitgliederverteilung, die mehrheitlich außerhalb Europas zu finden ist, wie Gisela Metteles Habilitationsschrift aus dem Jahre 2004 zu entnehmen ist (S. 41, 92).
Der Untertitel der 2009 erschienenen Veröffentlichung verspricht eine Würdigung der weltumspannenden Herrnhuter Missionsleistung. Schwerpunkte ihrer Untersuchung bleiben aber, wie bereits der Einleitung zu entnehmen ist (S.27), die bereits gut dokumentierten und erforschten Ursprungsregionen Deutschland und (Nord)amerika. Wesentliche Grundlage ihrer Untersuchung sind die seriellen Publikationen der Herrnhuter, ihre seit der Mitte des 18. Jahrhunderts regelmäßig erscheinenden Zeitschriften, hier vor allem die „Gemeinnachrichten“, das zentrale Kommunikationsmittel innerhalb der Bruderschaft. Herangezogen werden auch die Diarien einzelner Missionsstationen. Die global agierende Brüderunität wird in drei zentralen Dimensionen untersucht (S.17):
1. Organisation, Verwaltung und Logistik dieses multinationalen Unternehmens,
2. das praktische Funktionieren dieses "global player", insbesondere die Kommunikation und Vernetzung zwischen einzelnen Mitgliedskirchen und ihren Gläubigen,
3. die Herausbildung einer Herrnhuter "corporate identity" über nationale und kulturelle Grenzen hinweg.
Die drei Hauptkapitel des Buches folgen im wesentlichen diesen Untersuchungsschritten, wobei für die Identitätsbildung der Herrnhuter die außergewöhnlich dichte Überlieferung der allerdings stark ritualisierten autobiografischen Berichte (Lebensläufe) als "kulturelles Gedächtnis" der Brüdergemeine herangezogen werden.

Bereits bei der Präsentation des Forschungsstandes wird dem mit der Sekundärliteratur vertrauten Leser klar, dass die Autorin kein wirkliches Neuland betreten wird. Ihre Untersuchung fügt sich ein in den Kanon der Herrnhuter Historiographie, der stark geprägt ist durch die Schriften ihrer Mitglieder und sympathisierender Historiker, die von purer Affirmation bis zu wohlwollender Kritik reichen. Gisela Mettele will die Herrnhuter in "ihrer eigenen Logik" betrachten und damit einer angeblich unzeitgemäßen Kritik vorbeugen, indem sie sich einem "Konzept der alternativen historischen Pfade und der multiplen Moderne" verpflichtet (S. 25). Dieses Konzept lässt sich gut umsetzen, solange es um den Aufbau und die Organisation der Gemeinden geht, die ihren Untersuchungsschwerpunkt in Europa und dem weißen Nordamerika mit ihrer weitgehenden Religionsfreiheit und relativ gleichberechtigten Entfaltungsmöglichkeiten für dissidente Kirchen und Sekten bilden. Schon ein ernster Blick auf die zunehmende Segregationspraxis der Herrnhuter Kirche im Süden der USA hätte Mettele zu der Erkenntnis führen müssen, dass hier in der Tat "alternative historische Pfade" beschritten werden. Ganz zu schweigen von der Analyse so "verschiedener Lebensformen der multiplen Moderne" wie der Missionsgebiete der Herrnhuter in den Amerikas, deren eigene Logik die der Plantagensklaverei in Britisch- oder Dänisch Westindien war.
Mettele weist zu Recht daraufhin, dass dem Oberhaupt der Herrnhuter, Graf Zinzendorf und seinen Nachfolgern daran gelegen war, "sich als gute Untertanen zu präsentieren, deren Anwesenheit für die jeweilige Obrigkeit ein Vorteil sei" (S. 87). Dies bedeutete aber zugleich eine Anerkennung und Rechtfertigung der jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese Einstellung ist also keineswegs unpolitisch oder neutral. Besonders deutlich tritt dies in ihrer Haltung zur Sklaverei zu Tage, die die Herrnhuter nicht nur toleriert, sondern an der sie sich seit den ersten Jahren der Mission aktiv als Sklavenhalter beteiligten. [1] Sie verurteilten zwar die Exzesse (Strafen, sexuelle Ausbeutung) und wollten eine christliche Sklaverei praktizieren, nicht aber ihre Abschaffung befördern.
Die Herrnhuter wollten eine Reform der Sklaverei. Damit waren sie attraktiv für die afrikanischen Sklaven, solange es keine seelsorgerische Alternative gab. (Abolitionistische Kirchen wurden erst gegen Ende der Sklaverei auf den Plantagenkolonien zugelassen). Die Mitgliederzahlen sanken nach dem Ende der Sklaverei drastisch, besonders weil die befreiten Sklaven das rigide europäische Wertesystem der Herrnhuter, insbesondere ihre Afrikafeindlichen kulturellen Verbote (Polygamie, Musik, Tanz, religiöse Symbole) nicht mehr akzeptieren wollten. [2]

Gegenüber solch kontroversen Themen, wie der Sklaverei, die die Herrnhuter existentiellen Zerreißproben aussetzte, hält sich Gisela Mettele weitgehend bedeckt und reproduziert alte Mythen und Legenden, die die Herrnhuter in die Nähe der Abolitionsbewegung rücken (S. 107ff.). Schon eine ernsthafte Beschäftigung mit der neueren von ihr auch zitierten Literatur zu den Südstaaten [3] und Dänisch Westindien [4] lässt keinen Raum, die Herrnhuter in der Sklavereidebatte als "ambivalent" und "typischerweise uneindeutig" zu bezeichnen (S. 108f., 183.)
Schon Armando Lampe [5] hat die Herrnhuter als aktive Sklavenhalter und Gegner der Sklavenemanzipation präsentiert, die erst von der englischen Abolitionsbewegung unter existenziellen Druck gesetzt werden mussten, bevor sie ihre eigenen Sklaven freiließen. Selbst wenn man seiner Argumentation nicht folgen will, so kann man die unzweideutigen Quellen im Anhang seines Buches selbst interpretieren. Mettele begnügt sich mit dem Zitat eines prominenten Herrnhuters, das besagt, die afrikanischen Sklaven hätten immerhin "in Westindien ewige Wohlfahrt gefunden in dem Wissen, dass Christus ihr Retter sei". Diese als typisch deklarierte Haltung kommentiert die Autorin mit bemerkenswerter hermeneutischer Sensibilität: "So konnte man es anscheinend auch sehen" (S.109).

Während sich Metteles Ausführungen zu den Herrnhuter Gemeinden in Europa und den amerikanischen Nordstaaten auf der Höhe des aktuellen Forschungsstand bewegen, beginnen die Ungenauigkeiten und Fehlurteile dort, wo das vertraute Terrain verlassen wird und die eigentlichen Missionsgebiete beginnen.
Das betrifft z.B. die Zahlenangaben: Auf Seite 41 werden die Mitgliederzahlen Amerikas im Jahr 1857 mit 8414 in einer Tabelle herausgestellt. Diese Zahl ist irreführend, weil nur Nordamerika gemeint ist und die ehemaligen Sklaven als Konvertiten nicht aufgeführt werden und damit die enorme quantitative Missionsleistung ignoriert wird. Erst auf Seite 92 findet man umfassende Zahlen von Mitgliedern und Konvertiten. Im Anhang wird eine "Übersicht über die weltweiten Siedlungen und Missionsstationen 1727 bis 1857" präsentiert. Die überprüften außereuropäischen Gemeindeorte bzw. Missionsstationen sind lückenhaft, bzw. unvollständig. Der Hinweis auf nicht aufgeführte (gescheiterte bzw. nicht dauerhafte) Missionsversuche ist irreführend.
Metteles abschließendes Urteil, die Brüdergemeine "konstituierte sich gewissermaßen in einem Neben- und Gegenraum zu ihrer jeweils bestehenden Umwelt" (S. 271) kann man bestenfalls auf das Gemeindeleben in den weißen Kerngebieten der Herrnhuter in Europa und Nordamerika beziehen, es lässt aber die gesellschaftliche Praxis in den vielen Missionsgebieten weitgehend außer acht.
So gesehen ist der Untertitel des Buches von Gisela Mettele kein Etikettenschwindel, aber ein typisches Beispiel für eine europazentrierte Globalgeschichte.

Anmerkungen
[1] Oldendorp, Christian Georg Andreas, Historie der caribischen Inseln Sanct Thomas, Sanct Crux und Sanct Jan, Beck, Hartmut u.a. (Hrsg.), 2 Teile in 4 Bänden, Berlin 2000-2002.
[2] Füllberg-Stolberg, Claus, Britisch- und Dänisch-Westindien nach der Sklaverei, in: Schmieder, Ulrike (Hrsg.), Postemanzipation und Gender (= Comparativ, Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung 17 (2007) 1), Leipzig 2007, S. 38-78.
[3] Sensbach, Jon F., A Separate Canaan: The Making of an Afro-Moravian World in North Carolina, 1763-1840, Chapel Hill, NC 1998.
[4] Sensbach, Jon F., Rebecca´s Revival. Creating Black Christianity in the Atlantic World, Cambridge, Mass. 2005
[5] Lampe, Armando, Mission or Submission? Moravian and Catholic Missionaries in the Dutch Caribbean during the 19th Century, Göttingen 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.02.2010
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/