Cover
Titel
Xenophon of Athens. A Socratic on Sparta


Autor(en)
Humble, Noreen
Erschienen
Anzahl Seiten
XXX, 368 S.
Preis
€ 109,10; £ 90.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Imogen Herrad, Abteilung für Alte Geschichte/Bonn Center for Dependency and Slavery Studies, Universität Bonn

Noreen Humble beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten mit Xenophon: Bereits ihre (zwar nicht veröffentlichte, aber im Netz verfügbare) Dissertation von 1997 hatte Xenophons Blick auf Sparta zum Thema,[1] und seitdem hat sie zahlreiche Aufsätze zum Thema vorgelegt. Ihre neue Monografie mit dem programmatischen Titel „Xenophon of Athens: A Socratic on Sparta“ steht ganz im Zeichen der „Wiederentdeckung“ und v.a. der Neubewertung Xenophons als Denker und Philosoph.

Humbles zentrale These lautet, dass Xenophon vor allem unter dem – wenn auch verspätet von ihm erkannten – Einfluss von Sokrates schrieb (S. 33). Den Grund für Xenophons Exil sieht sie in seiner Beteiligung an der durch Sparta organisierten militärischen Unterstützung für den jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes II., mit dem Athen verbündet war. Sokrates hatte Xenophon vor dieser Unternehmung gewarnt, doch der habe nicht hören wollen – die Einsicht stellte sich erst später ein (S. XXVI, 21f.). Das gesamte Oevre des Verbannten wird so in Humbles Lesart ein „literary project with its basis in Socratic forms of inquiry“ (S. 36): Xenophon, der sich den Weg zu seiner politischen Karriere selbst verbaut hatte, wählte nun den Weg des Schreibens „to be, like his mentor, as useful as he could to others“ (S. 33). Wenngleich die Rezensentin von dieser monokausalen Interpretation eines ganzen literarischen Lebenswerkes nicht recht überzeugt ist, kann sie dem positiven Blick auf Xenophon viel abgewinnen.

Nach einer Einleitung, die auch einen kurzen Forschungsüberblick umfasst (S. XV–XXX), stellt Humble im ersten Kapitel („Xenophon and his literary project“, S. 3–39) ihre oben umrissene These vor.

Kapitel zwei ist den „Theories and problems“ von Xenophons „Verfassung der Lakedaimonier“ (S. 40–79; im folgenden Lak. pol.) gewidmet, wobei sich Abschnitt 2.3 (S. 43–60) auf einige besonders problematische Aspekte konzentriert, die der etablierten Lesart (weitgehend unkritisches Spartalob) hinderlich im Wege stehen, darunter auch das schwierige Kapitel 14, in dem Xenophon plötzlich von Lob auf Kritik umschwenkt. Humble bietet einen Überblick über verschiedene Erklärungsansätze zum jeweiligen Thema und legt dabei ihren Finger in bestehende Forschungswunden.

Der Hauptteil (Kap. 3–5, S. 83–200) wird von der auf drei Kapitel aufgeteilten Analyse („Reading“) der „Verfassung der Lakedaimonier“ eingenommen. Kapitel 6, „The place of the Lakedaimoniōn politeia within Xenophon’s literary project“ (S. 205–246) stellt die Lak. pol. vergleichend neben Xenophons andere „spartanische“ Schriften (Hellenika, Agesilaos und Anabasis). Kapitel 7 („Xenophon, Plato and Isocrates“, S. 247–284) schließlich zieht Vergleiche zwischen der Lak. pol. und Platons „Politeia“ (Abschnitt 7.1 „Xenophon and Plato“, S. 249–274), gefolgt von einem deutlich kürzeren Abschnitt, in dem ausgesuchte Reden von Isokrates herangezogen werden („Xenophon and Isocrates“, S. 275–284). Ein zusammenfassendes kurzes Fazit („Conclusion“, S. 285–290) fasst die wichtigsten Aussagen zusammen, bevor auf S. 291–331 der Text und Humbles eigene Übersetzung der „Verfassung der Lakedaimonier“ präsentiert werden.

Positiv und hilfreich sind die detaillierte Untergliederung der Kapitel und Unterabschnitte im Inhaltsverzeichnis, die einen gezielten Zugriff auf einzelne Bereiche ermöglichen, sowie jeweils ein kurzes Zwischenfazit am Ende des Übersichtskapitels (S. 78f.) und des quasi-Kommentars (S. 201f.). Abgerundet wird der Band durch ein Literaturverzeichnis (S. 332–355) und zwei Indices (ein Index locorum, S. 356–361) und eine kurzes allgemeines Schlagwortverzeichnis (S. 362–368).

Wie der kurze Überblick zeigt, unternimmt Humble die Beweisführung ihrer zentralen These – „It is Socrates and Athens [...] and not Sparta and Agesilaus, who are central to his [sc. Xenophon’s] own self-portrait.“ (S. 33) – anhand einer sorgfältigen Analyse nur einer einzigen xenophontischen Schrift, nämlich der „Verfassung der Lakedaimonier“. Zwei Drittel der Monografie (240 von insgesamt gut 362 Seiten) sind damit eine Art ausführlicher Kommentar zu diesem Werk, das Humble weder als getreue Beschreibung spartanischer Gegebenheiten noch als eine aus der Rückschau verklärende Darstellung einer idealisierten Vergangenheit betrachtet, sondern vielmehr als philosophische Analyse der „nature of Spartan power and renown“ (S. 29).

Xenophon eröffnet die Abhandlung bekanntlich mit seiner Verwunderung darüber, dass Sparta trotz seiner geringen Bevölkerung die mächtigste und berühmteste Stadt in Hellas sei (XLP 1.1.1). Dieses Verwundern (thaumázein) signalisiere, so Humble, „philosophical enquiry, not praise“ (S. 79). Sie verweist auf Widersprüche im Text, auf die Xenophon mit rhetorischen Fragen aufmerksam macht, um seine Leser zu einer aktiveren Auseinandersetzung mit dem Text und zum kritischen Hinterfragen zu bewegen (S. 124, s.a. S. 142). So sei die Lak. pol. passagenweise ein sokratischer Quasi-Dialog, und durchweg „a considered and critical account” (S. XXIX) der Stärken und Schwächen der spartanischen Verfassung.

Humbles Analyse der Lak. pol. ist auch für die Spartaforschung ist interessant. Sie macht deutlich, wie in Xenophons Darstellung des spartanischen (Erziehungs-)Systems Kinder wie auch erwachsene Bürger vorzugsweise durch Überwachung und Angst vor Strafen zum Gehorsam gebracht werden (S. 104, 112, 114f., 127, 144). Dies steht durchaus im Widerspruch zu Xenophons bekanntem Ideal des guten Anführers bzw. Herrschers, der sich bereitwilligen Gehorsam schafft (s. z.B. Hell. 5,1,3–4; Kyr. 1,6,21; hipp. 6,4–6; 8,22; equ. 11,6).

Als Kritik lässt sich auch ein Muster deuten, das Humble v.a. im ersten Teil der Lak. pol. identifiziert: Xenophon präsentiert eine lykurgische Verordnung und ihren jeweiligen Zweck (Erzeugung von starkem und gesundem Nachwuchs, Unterweisung der Kinder in aidōs und Gehorsam etc.), nennt dann aber neben den positiven auch unbeabsichtigte negative Konsequenzen: Die Regelung für außereheliche Kinderzeugung führt zur Konzentration von Reichtum innerhalb weniger Familien (Lak. pol. 1,9), das Wetteifern junger Männer untereinander zu neiderfülltem Konkurrenzgebaren (Lak. pol. 4,5f.) (S. 97). Dies macht Nachbesserungen nötig, die dann mit Zwang und Strafe operieren (so z.B. Lak. pol. 1,5–9; 5,4 und 5,7; 8,2). So leitet Xenophon laut Humble seine Leser zu der Erkenntnis, dass das lykurgische Ideal unrealistisch ist und selbst unter Zwang meist unerreichbar und unerreicht bleibt (S. 154). Neben Lob enthält durch diese Brille betrachtet die Lak. pol. auch differenzierte Kritik an einem System, das Sparta zwar Ruhm und vorübergende Hegemonie bescherte, jedoch keine eudaimonia. So entsteht ein Bild von Sparta zwischen Kinadon und Leuktra: eine von Argwohn und Konkurrenz gezeichnete Gesellschaft, in der eine kleine, reiche, standesdünkelnde Gruppe von Homoioi sich in einem Meer missgünstiger Minderberechtigter (Hypomeiones, Periöken und Heloten) zu behaupten sucht.

Versuche, zwischen Xenophons Zeilen zu lesen, sind natürlich nicht neu: bereits vor über 80 Jahren stellte Leo Strauss die (von der Forschung heute weitgehend kritisch betrachtete) These auf, dass – sehr verkürzt dargestellt – die Lak. pol. eigentlich Kritik an Sparta und nicht Lob enthalte, dass diese implizite Kritik aber von Xenophon vorsätzlich verborgen wurde und nur durch sorgfältiges Lesen zwischen den Zeilen aufgespürt werden kann.[2] Humble setzt sich auch mit Strauss kritisch auseinander (Abschnitt 2.2.3 „The Straussian Approach“, S. 61–68), unterstellt aber auch selbst zumindest einmal Xenophon eine „second agenda running in parallel with the explicit agenda stated at the opening of the work“ (S. 121). Damit untergräbt sie ein stückweit ihre eigene differenzierte und in weiten Teilen überzeugende Analyse der Lak. pol.

Dennoch ist „Xenophon of Athens“ ein durchdachtes, kluges, belesenes und anregendes Buch, das mit zahlreichen Anknüpfungspunkten für weitere Debatten die Diskussion um Xenophon und um Sparta neu befeuern wird.

Anmerkungen:
[1] Noreen Humble, Xenophon’s View of Sparta. A study of the Anabasis, Hellenica and Respublica Lacedaemoniorum, (Diss. McMaster University 1997) https://macsphere.mcmaster.ca/handle/11375/14129 (29.12.2022).
[2] Leo Strauss, The spirit of Sparta or the taste of Xenophon, in: Social Research 6/4 (1939), S. 502–536.

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Veröffentlicht am
30.01.2023
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