Rezensionsessay: Die Geschichte hinter der Soziologie. Wolfgang Knöbls Problemgeschichte der historisch-soziologischen Vernunft

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Title
Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie


Author(s)
Knöbl, Wolfgang
Published
Extent
316 S.
Price
€ 22,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Timo Luks, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Die Soziologie gehört seit den 1960er-Jahren zu den bevorzugten Gesprächspartnerinnen der Geschichtswissenschaft. Auch wenn es in dieser Beziehungsgeschichte konjunkturelle Schwankungen gibt, so existiert doch ein historisch-sozialwissenschaftliches Dispositiv, das heißt ein Setting von institutionellen Ankerpunkten, Forschungsperspektiven, Themenschwerpunkten sowie Theorie- und Methodendiskussionen. Innerhalb der Geschichtswissenschaft muss man an den Archipel Bielefeld denken, der inzwischen aus unterschiedlichen Perspektiven vermessen wurde.[1] Auf der anderen Seite des disziplinären Zauns fördert das Hamburger Institut für Sozialforschung eine systematische Kooperation zwischen all jenen Disziplinen, die mit der Erforschung moderner Gesellschaften befasst sind. Es ist daher kein Zufall, dass Wolfgang Knöbl, seit 2015 Direktor des Hamburger Instituts, sich nun der Frage widmet, welche Konzepte in den Sozialwissenschaften bereitstünden, „um strukturierten historischen Wandel zu beschreiben“ (S. 10). Er zielt darauf, „den vermeintlich sicheren wandlungstheoretischen Wissensbestand sozialwissenschaftlicher Disziplinen gründlich zu durchforsten und gegebenenfalls zu entrümpeln“ (S. 11).

Knöbl versteht die Beschreibung und Erklärung historischen Wandels als geteilte Problemlage von Soziologie und Geschichtswissenschaft, die sich bei der „Überbrückung weiter Zeithorizonte“ verschärfe. Beide Disziplinen könnten sich „deshalb gut einander annähern“, weil „ihre Probleme so unterschiedlich dann doch nicht sind“ (S. 302). Die damit verbundenen Fragen verweisen auf jüngere Versuche, eine Historische Soziologie als eigenständige sozialwissenschaftliche Teildisziplin institutionell zu verankern. Die ins Gespräch gebrachten Kriterien einer Abgrenzung gegenüber der Geschichtswissenschaft sind ein „Erkenntnisinteresse, das auf Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse zielt, also auf Theoretisierung (zumindest mittlerer Reichweite)“, sowie „Methoden und Methodologien, mittels derer sie [d.h. die Historische Soziologie] das historische Material im Hinblick auf das besagte Erkenntnisinteresse erschließt“.[2]. Es bleibt abzuwarten, ob historische Perspektiven innerhalb der Soziologie dadurch gestärkt werden oder der soziologische Mainstream sich für Geschichte dann überhaupt nicht mehr zuständig fühlt.

Im Zentrum der Studie steht das prozesstheoretische Inventar der Soziologie, also ein Bündel von „irgendwie universalgeschichtlich zu nennenden Termini“ (Knöbl) wie Rationalisierung, Modernisierung, Differenzierung usw. Das reagiert einerseits auf eine Kritik der normativen Implikationen der entsprechenden Begriffe, etwa ihren Ethnozentrismus, und andererseits auf die Grenzen ihrer empirischen Erklärungskraft. Knöbls Überlegungen setzen bei der Beobachtung an, dass zentrale Prozessbegriffe trotz aller Einwände und oft ohne vertiefende theoretische Reflexionen in der Soziologie munter weiterverwendet würden. Er deutet dies als Erbe „der Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus und der später vom Historismus aufgezeigten Problemlagen“, in dessen Folge die Sozialwissenschaften „enorme Schwierigkeiten hatten, überhaupt einen adäquaten Zugang zur Vergangenheit zu finden. Anders formuliert: Die Sozialwissenschaften waren entweder nie in der Lage, ihr geschichtsphilosophisches Erbe abzuschütteln, obwohl sie dies geradezu verzweifelt immer wieder neu versuchten; oder sie waren nie bereit anzuerkennen, dass in den von ihnen geprägten oder verwendeten großformatigen Prozessbegriffen fast immer auch eine gehörige Portion Geschichtsphilosophie steckte.“ (S. 13) Wenn das stimmt, und Knöbls Ausführungen wissen hier zu überzeugen, dann liegt darin aus geschichtswissenschaftlicher Sicht eine gewisse Ironie, war doch der Rückgriff auf Theorien und Methoden der Sozialwissenschaften – neben der älteren Ausarbeitung einer quellenpositivistischen Epistemologie – das Mittel der Wahl, um Geschichte als irgendwie auch exakte Wissenschaft zu fassen und von literarischer, philosophisch-spekulativer Geschichtsschreibung abzugrenzen. Mit Knöbl lässt sich diese Rezeption soziologischer Theoreme nun als Re-Import von Geschichtsphilosophie interpretieren.

Der Autor widmet sich bestimmten theoriegeschichtlichen Konstellationen: der mit dem Namen Talcott Parsons verbundenen Konstituierung der Soziologie als Ordnungswissenschaft, die sich auf soziales Handeln und die dieses Handeln bindenden Normen fokussiert; der soziologischen Auseinandersetzung mit dem Erbe der Geschichtsphilosophie, etwa bei Max Weber; den Neuorientierungen der Weimarer Republik, die sich aus der Debatte um die Krise des Historismus speisten; den geschichtsphilosophischen Restbeständen innerhalb der sozialwissenschaftlichen Modernisierungstheorie nach dem Zweiten Weltkrieg. Die konkrete Auswahl sowie die damit verbundenen Schwerpunktsetzungen lassen sich natürlich diskutieren. Eine auf Vollständigkeit angelegte Soziologiegeschichte strebt Knöbl aber gar nicht an. Seinem Vorhaben, die Kontinuität und Transformation einer bestimmten Problemlage sichtbar zu machen, ist die Auswahl jedenfalls dienlich.

Die Ausrichtung der Soziologie auf soziales Handeln und soziale Ordnung hatte und hat zur Folge, dass Prozesse lediglich als „empirisch vorfindliche, irgendwie problemlos zugängliche soziale Tatsachen behandelt werden. Als ein Problem der Sozialtheorie kommen sie allzu selten in den Blick.“ (S. 31) Demgegenüber insistiert Knöbl darauf, dass es sich bei Prozessbegriffen um Beobachtungsbegriffe handelt. Ihre Bedeutung besteht darin, historische Kontingenzen zu eliminieren, indem Ereignisse nachträglich verkettet werden. Hieraus entstehe die grundlegende Spannung, die die Dialoggeschichte von Soziologie und Geschichtswissenschaft durchziehe: die Suche nach allgemeinen Kausalaussagen auf der einen und diejenige nach Erklärungen des Einzelfalls auf der anderen Seite. Knöbl schreibt diese Geschichte aus dem Blickwinkel der Soziologie, bietet dabei aber zahlreiche Anstöße, um Grundprobleme der Geschichtswissenschaft zu verstehen, deren sozialtheoretisches Reflexionsniveau auch schon einmal ausgeprägter war als heute.

Der Verfasser konstatiert, dass sich die frühe Soziologie von der Geschichtsphilosophie abzugrenzen suchte, gleichzeitig aber kaum sinnvolle Kooperationsmöglichkeiten mit einer Geschichtswissenschaft finden konnte, die sich in positivistischer Quellenkunde und nationaler Sinnstiftung erging. Wo den einen die Geschichtswissenschaft als Ansammlung „bloße[r] mechanische[r] Operationen“ (José Ortega y Gasset) erschien, die auf zufällige Ereignisse gerichtet war, da polemisierten andere dagegen, „Geschichte als eine ‚Theodizee‘ zu begreifen, als den ‚Entwicklungsgang der sich verwirklichenden Idee‘, wie Hegel es […] formulierte“ (S. 64). Trotz der Weigerung, „den historischen Prozess einem rationalistischen Schema zu unterwerfen“ (S. 65), diagnostiziert Knöbl auch bei der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts ein Bemühen, die Geschichte als einheitlichen und sinnvollen Prozess zu fassen. Angesichts der Notwendigkeit, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und das Zufällige herauszufiltern, sahen und sehen sich auch Historiker:innen gehalten, Geschichte „unter dem Gesichtspunkt leitender Ideen“ (S. 75) zu betrachten.[3] Der Unterschied liege allein im Zugang, diese Ideen nicht a priori zu konstruieren, sondern sie der Geschichte selbst zu entnehmen. „Die historistischen Historiker kämpfen geradezu verzweifelt mit dem Zentralproblem des Historismus, nämlich mit der Frage, wo das unwandelbare Substrat der Geschichte sei, an dem sich (historischer) Wandel ablesen lässt.“ (S. 76)

Soziologische Zugriffe auf Geschichte und historischen Wandel lösten dieses Problem unter Rückgriff auf „harte Prozessbegriffe“. Für Max Weber markierten Rationalisierung, Bürokratisierung usw. realhistorische Entwicklungen, „deren Existenz sich subjektiv auch kaum mehr bezweifeln ließ“ und die „den natürlichen oder unvermeidlichen Orientierungsrahmen für Historiker und historisch orientierte Soziologen“ bildeten (S. 91). Die skizzierte Herausforderung steht nach wie vor im Zentrum der Geschichtswissenschaft. Um jeden Verdacht eines bloß antiquarischen Interesses klar von sich zu weisen, sind geschichtswissenschaftliche Arbeiten gehalten, sich als Puzzleteil eines großen Ganzen zu präsentieren. Jede (weitere) Fallstudie zu einer internationalen Organisation, einer globalen Ware oder einem kolonialen Infrastrukturprojekt, um diese in der jüngeren Forschung prominenten Beispiele herauszugreifen, zieht ihre Berechtigung aus ihrer unterstellten Relevanz für das Verständnis globalhistorischer Basisprozesse, deren Existenz ebenso vorausgesetzt wird, wie sie Themenwahl und Interpretation der Forschungsgegenstände anleitet. Der Erkenntnisgewinn steigt in dem Maße, wie Studien explizit nach den Grenzen der Erklärungskraft dieser Basisprozesse fragen.

Entlang der Historismusdiskussion der Weimarer Republik rekonstruiert Knöbl das Problem der Perspektivierung und Standortgebundenheit. Exemplarisch vorgeführt wird dies an Karl Mannheims Insistieren, dass die Geschichtswissenschaft ihre Leitprinzipien einzig aus einer „Gegenwartssynthese“ (Mannheim) schöpfen könne. Ausgeblendet werde dabei, so Knöbl, dass über die Gestalt der Gegenwart einerseits kaum je Einigkeit bestehe und andererseits einem „schlechten Zirkel“ nicht zu entkommen sei. Es sei die „Gegenwartssynthese“, die „die Interpretation dieser Vergangenheit anleitet“, während die „Interpretation der Vergangenheit unvermeidlich auch unsere Gegenwartssynthese und -diagnose prägt“ (S. 103). Angesichts dieses Problems flüchtete sich Mannheim zu historischen Prozessen, die – ohne selbst problematisiert zu werden – als Erklärung für alles andere dienten. Die Setzung scheinbar transhistorischer Faktoren als Stabilitätsanker, der die Erklärung historischen Wandels überhaupt erst ermöglicht, ist bis heute gängige Praxis. Knöbl deutet Mannheims Einführung des Generationskonzepts in diese Richtung. Mit Blick auf die Geschichtswissenschaft wäre beispielsweise an die Rolle zu denken, die die demographische Entwicklung in Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ spielt. Knöbl macht auf dem Weg einer sozialtheoretischen Diskussion also auf ein geschichtswissenschaftliches Grundproblem aufmerksam: Wo die Verknüpfung von Handlungen und Handlungsfolgen zu einem Prozess eigentlich erklärungsbedürftig ist, da dienen Verweise auf bestimmte Prozesse häufig dazu, als Erklärungen für historische Ereignisse angeführt zu werden. Dass und wie unterstellte Großprozesse entscheidend für das Design geschichtswissenschaftlicher Forschung sind, wird mit Blick auf die klassische Sozialgeschichte ebenso deutlich wie in der jüngeren Globalgeschichte. Die Lieblingsprozesse ersterer – Bürokratisierung, Säkularisierung, Rationalisierung, Professionalisierung, Demokratisierung usw. – leisten in dieser Hinsicht dasselbe wie die „Globalisierung“ in letzterer. Stefanie Gänger und Jürgen Osterhammel haben diesen Konnex kürzlich kritisch hinterfragt. Die „Vorstellung von einer endlichen, in sich geschlossenen und wechselwirkenden Welt“ werde in der Globalgeschichte kaum noch diskutiert. Zunehmende Mobilität, Verflechtung und Verdichtung von „Weltzusammenhängen“ wirkten dabei als „Naturkonstante“ – wo es sich, so der Verdacht von Gänger und Osterhammel, eher um die unkritische Übernahme eines bestimmten Globalisierungsdiskurses handeln könnte.[4] Dieses Unbehagen an der Globalisierung – für andere Prozessbegriffe ließe sich Vergleichbares zeigen – bewegt sich jedoch inmitten der seit einigen Jahren betriebenen Historisierungsbemühungen, die konzeptionelle und begriffsgeschichtliche Überlegungen miteinander verbinden.[5]

Knöbl stellt fest, „dass es in der Soziologie nur schwer möglich ist, teleologischen Vorstellungen zu entkommen, weil offensichtlich der in der Soziologie herrschende Verallgemeinerungszwang die Behauptung einer Art Finalisierungstendenz nahezulegen scheint, einer Tendenz, die sich deshalb ergibt, weil mit Verweis auf die ‚Moderne‘ stets Behauptungen der Existenz robuster und hyperstabiler Prozesse einhergehen“ (S. 183). Für die Geschichtswissenschaft gilt das in ähnlicher Weise, wenn auch weniger offensichtlich. Zumindest identifiziert Knöbl in den geschichtstheoretischen Debatten der 1970er-Jahre eine artikulierte Skepsis gegenüber „überambitionierten Theorieversprechen“. Prozessbegriffe galten in diesem Kontext als hilfreich, um „Sinnzusammenhänge für begrenzte Räume und Zeiten herzustellen“. Knöbl beschreibt die theorieinteressierte Sozialgeschichte als Versuch, der Modernisierungstheorie oder dem Marxismus „lediglich Teile“ zu entnehmen, „die dann auf flexible Weise zu je verschiedenen und durchaus nicht notwendig miteinander harmonisierenden Prozesserzählungen zusammengesetzt werden konnten“ (S. 199). In diesen Erzählungen stand die Frage der Eigenlogik von Prozessen im Zentrum und damit eigentlich, wie Knöbl betont, ein spezifischer Typus von Prozessen. Hinzu kommt, dass Ereignisse – und damit eine weitere Schlüsselkategorie der Geschichtswissenschaft[6] – innerhalb dieses Theorieparadigmas lediglich in ihrer Verkettung (mit anderen Ereignissen) zu einem Prozess wahrgenommen werden, und die Erklärung plötzlicher Zäsuren damit merklich schwerfällt.

Knöbls Plädoyer für einen reflektierten Umgang mit Prozessbegriffen knüpft explizit an erzähltheoretische Debatten seit den 1960er-Jahren an. „Dabei bestand Konsens – und dies richtete sich dann gegen allzu große Meistererzählungen, wie sie in Teilen der Soziologie gepflegt wurden, in denen man von (wie auch immer impliziten) geschichtsphilosophischen Anstrengungen nicht ablassen mochte –, dass es wenig sinnvoll sei, die Geschichte als Ganze im Sinne eines Bildungsprozesses der Menschheit zu denken.“ (S. 255) Knöbl sympathisiert mit einer Position, die er bereits bei Ernst Troeltsch entdeckt, der in den 1920er-Jahren „Bescheidenheit bezüglich geschichtsphilosophischer Ambitionen“ anmahnte. „Da es für die Menschheit im Ganzen keinen ‚gemeinsamen Sinn- und Kulturgehalt‘ gibt, ist – Troeltschs Position sei hier nochmals referiert – allenfalls eine ausschließliche Konzentration auf die europäische Geschichte der letzten 500 oder vielleicht auch nur 200 Jahre gangbar, weil wir bei allen anderen und dann geographisch und historisch ausgreifenden Vorgehensweisen externe und damit willkürliche Maßstäbe der Kritik und Interpretation anlegen würden.“ (S. 100f.) Allerdings entsteht das Problem wohl doch schon früher. Jenseits einer abendländischen Identitätspolitik spricht wenig dafür, dass „wir“ „die europäische Geschichte der letzten 500 oder vielleicht auch nur 200 Jahre“ gleichsam automatisch verstünden. Das „Wir“, von dem Troeltsch noch wie selbstverständlich reden konnte, ist inzwischen brüchig und kontrovers geworden. Hinzu kommt, dass diese Haltung – der Konsens, von dem Knöbl spricht – fragil ist. Angesichts des auf dem Buchmarkt boomenden Subgenres großintellektueller Geschichten der Menschheit muss man feststellen, dass Bescheidenheit und geschichtsphilosophische Reflexionsfähigkeit ein knappes Gut sind. Während den einen Prozesse gar nicht groß genug und Erklärungen gar nicht monokausal genug sein können, wüten andere gegen jedwede Theorie soziokultureller Evolution.[7]

Knöbls Vorschlag eines „reflektierten Umgang[s]“ mit Prozessbegriffen (Kap. 7) ist überzeugend. Die Kriterien, die er dafür vorschlägt, zeigen allerdings auch, dass Soziologie und Geschichtswissenschaft je eigene blinde Flecken haben. Die Einsicht, dass es sich bei Prozessbegriffen um Beobachtungsbegriffe handelt, Prozesse also zuallererst narrativ erzeugt werden, ist für die Geschichtswissenschaft, in der der Linguistic Turn intensiv diskutiert wurde, vielleicht weniger überraschend als für die Soziologie, die ihrem Selbstverständnis nach keine erzählende Wissenschaft ist. Periodisierungstheoretische Reflexionen über den Anfang und das Ende von Prozessen dürften für Historiker:innen auch eher eine Selbstverständlichkeit sein, während Soziolog:innen, wie Knöbl bemerkt, Prozesse oft unmittelbar mit etablierten historischen Periodisierungen kurzschlössen.

Mit seinem theoriegeschichtlichen Durchgang, der nicht im engeren Sinn eine Soziologie-, sondern eine Problemgeschichte ist, gelingt es Knöbl auf einleuchtende Weise, zentrale Schwierigkeiten im Hantieren mit Prozessbegriffen herauszuarbeiten. Insbesondere setzt er mit seiner Studie ein Fragezeichen hinter die Praxis, Prozesse als realhistorische Gegebenheiten zu betrachten und sie in der Folge nicht weiter zu theoretisieren. Das Problem historischer Kausalitäten, also die Verknüpfung von – insbesondere zeitlich weit auseinanderliegenden – Ereignissen, die Zielgerichtetheit und Finalität von Prozessen: All das bedarf einer theoretischen und methodischen Reflexion.

Für Historiker:innen ist es verlockend, Knöbls Gesprächsangebot und vor allem seine Identifizierung einer geteilten Problemlage von Soziologie und Geschichtswissenschaft mit Positionierungen aus der Vor- und Frühgeschichte des historisch-sozialwissenschaftlichen Dispositivs zu kontrastieren. Ralf Dahrendorf war noch Mitte der 1950er-Jahre davon überzeugt, die Soziologie als „radikal unterschieden von den historischen Wissenschaften“ bestimmen zu müssen. Ihre Kategorien seien „an einem anderen Bezugssystem als der historischen Chronologie orientiert“. „‚England im 19. Jahrhundert‘, ‚die Wilhelminische Epoche‘ oder ‚das moderne Rußland‘ sind historische Kategorien. Sie haben für den Soziologen keine Bedeutung. ‚Industrielle Gesellschaft‘ oder ‚industrielle Gesellschaft in der Phase der Industrialisierung‘ sind systematische Kategorien (wennschon auf relativ niedriger Allgemeinheitsstufe).“[8] Der „Versuch der systematischen Theorie“, so Dahrendorf, gehe dahin, „den Fluß der Geschichte zum Stehen zu bringen, ihr Material durch den erkennenden, ordnenden und rationalisierenden Geist der Wissenschaft in einen Strukturzusammenhang zu erheben […]. Das Dilemma der Theorie liegt in dem Problem, wie das Element der Bewegung des Konfliktes und Wandels auf der Ebene der analytischen Abstraktion wieder in ihre Modelle eingeführt werden kann, d.h. wie theoretische Analyse dem wesentlich prozessualen Charakter der sozialen Realität gerecht werden kann.“[9]

Trotz der unterschiedlichen Einschätzungen des Verhältnisses von Soziologie und Geschichtswissenschaft durch Knöbl und Dahrendorf gehen beide wie selbstverständlich davon aus, dass die Geschichtswissenschaft – etwa ihrem durch die gängige Flussmetapher naturalisierten Gegenstand geschuldet – im Wesentlichen nachzeichnet, was sich wie verändert. Aus dem Blick gerät dabei, dass es eine durchaus profilierte geschichtswissenschaftliche Tradition gibt, die sich gegen dieses Verständnis sperrt, die sich, um Ernst H. Kantorowicz zu zitieren, gegen das „stetige einlineare Fragen nach dem Woher“ verwahrt und darauf zielt, ein „wesentlich statisches Prinzip“ in die Geschichtsschreibung einzuführen. „[K]einem wahren Geschichtsschreiber“, so Kantorowicz, „bleibt es erspart, will er die Geister über den fließenden Wassern der Weltgeschichte im Bild festhalten, sich den Raum hierfür zu schaffen, indem er an einer Stelle seinen Damm errichtet und die Wasser staut, d.h. er wird auf seine ureigenste Weise und seiner Überzeugung gemäß jene berühmte ‚Austreibung der Zeit aus der Geschichte’ vollziehen müssen.“[10] Eine derartige Privilegierung von Brüchen und Diskontinuitäten, die sich ihrerseits beständig den Vorwurf einhandelt, Dynamiken und Transformationen nicht in den Blick zu bekommen, prägt beispielsweise auch die Tradition der historischen Epistemologie von Gaston Bachelard über Georges Canguilhem bis hin zu Michel Foucault. Mit ihr ließe sich tatsächlich fragen, ob Prozesse und Wandel zwingend als Gegenstand historisch-sozialwissenschaftlicher Forschung zu privilegieren sind. Hier wird dann auch ein Grundproblem jedes interdisziplinären Dialogs deutlich: Die Selbst- und Fremdbeschreibungen der beteiligten Disziplinen sind in der Regel nicht deckungsgleich. Historiker:innen erkennen sich nicht zwingend im Porträt ihres Fachs wieder, das Soziolog:innen zeichnen, um die eigene Disziplin zu konturieren – und umgekehrt. Insofern könnte gelten: Du sollst Dir kein Bildnis machen von Deinen Nachbardisziplinen, wenn es Dir bloß um Deine eigene disziplinäre Identität geht. Produktiver ist es tatsächlich, wie Wolfgang Knöbl es tut, Problemkonstellationen herauszuarbeiten, die beide Disziplinen berühren. Allerdings deutet Knöbls Intervention, sofern sie die zeitgenössische Soziologie im Blick hat, darauf hin, dass das Interesse daran nicht überall besonders ausgeprägt ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Eva Bürger, Rezension zu: Sonja Asal / Stephan Schlak (Hrsg.), Was war Bielefeld? Eine ideengeschichtliche Nachfrage, Göttingen 2009, in: H-Soz-Kult, 24.08.2009, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-12477 (27.07.2022).
[2] Hannah Schmidt-Ott, „Methodenfragen sind Identitätsfragen“. Bericht von der Gründungstagung des Arbeitskreises Historische Soziologie in der DGS-Sektion Kultursoziologie am 21. und 22. April 2022 in Bielefeld, in: Soziopolis, 02.05.2022, https://www.soziopolis.de/methodenfragen-sind-identitaetsfragen.html (27.07.2022). Das „spannungsreiche Verhältnis der Soziologie zur Geschichte“, dem sich Knöbls Studie vor diesem Hintergrund widmet, markiert, so Klaus Lichtblau in seiner Besprechung, ein Thema, „das in fachgeschichtlicher Hinsicht für die deutschen Sozialwissenschaften einst von großer Bedeutung war“. Klaus Lichtblau, Historisierung als Kritik. Rezension zu „Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie“ von Wolfgang Knöbl, in: Soziopolis, 05.05.2022, https://www.soziopolis.de/historisierung-als-kritik.html (27.07.2022).
[3] Der Umgang mit Kontingenzen gehört zu den etablierten Problemfeldern der Geschichtstheorie, und er geht tatsächlich nicht im historistisch-geschichtsphilosophischen Programm einer Eliminierung von Zufällen auf. Vgl. Uwe Barrelmeyer, Rezension zu: Arnd Hoffmann, Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte, Frankfurt am Main 2005, in: H-Soz-Kult, 16.01.2006, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-7453 (27.07.2022).
[4] Vgl. Stefanie Gänger / Jürgen Osterhammel, Denkpause für Globalgeschichte, in: Merkur 74 (2020), Heft 855, S. 79–86.
[5] Vgl. Peter E. Fäßler, Rezension zu: Olaf Bach, Die Erfindung der Globalisierung. Entstehung und Wandel eines zeitgeschichtlichen Grundbegriffs, Frankfurt am Main 2013, in: H-Soz-Kult, 05.11.2013, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-19253 (27.07.2022); Jürgen Osterhammel, Globalifizierung. Denkfiguren der neuen Welt, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 9 (2015), Heft 1, S. 5–16, https://beckassets.blob.core.windows.net/product/other/14233457/leseprobe_zeitschrift-f%C3%BCr-idenngeschichte-heft_ix.pdf (27.07.2022).
[6] Vgl. Frank Bösch, Das historische Ereignis, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.05.2020, https://docupedia.de/zg/Boesch_ereignis_v1_de_2020 (27.07.2022).
[7] Vgl. Christian Geulen, Das große Ganze – und seine Didaktik. Über „Big History“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 17 (2020), S. 566–577, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2020/5886 (27.07.2022); Timo Luks, Occupy Everything. David Graebers und David Wengrows Geschichte der Menschheit im Konjunktiv, in: Merkur 76 (2022), Heft 879, S. 53–64, https://volltext.merkur-zeitschrift.de/content/pdf/99.120210/mr-76-8-53.pdf (03.08.2022).
[8] Ralf Dahrendorf, Struktur und Funktion. Talcott Parsons und die Entwicklung der soziologischen Theorie [1955], in: ders., Pfade aus Utopia. Arbeiten zur Theorie und Methode der Soziologie, München 1967, S. 213–242, Zitat: S. 216f.
[9] Ebd., S. 238.
[10] Ernst H. Kantorowicz, Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der Darstellung mittelalterlicher Geschichte [1930], in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 50 (1994), S. 104–125, Zitat: S. 111f.

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19.08.2022
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