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Titel
Nacht und Nebel. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte. Mit einem Beitrag von Nitzan Lebovic


Autor(en)
van der Knaap, Ewout
Erschienen
Göttingen 2008: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
287 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Thiele, Fachbereich Kommunikationswissenschaft. Abteilung Kommunikationstheorien und Mediensysteme, Universität Salzburg

In der internationalen Literatur wird Alain Resnais’ dreißigminütiger Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“ („Nuit et Brouillard“) als erste gelungene filmische Auseinandersetzung mit dem Naziterrorsystem gelobt. Resnais hat die Totenstille in Auschwitz im Jahr 1955 in Bildern festgehalten und sie mit Originalaufnahmen aus der Schreckenszeit zehn Jahre zuvor kontrastiert. Der Film sollte der französische Beitrag zu den Filmfestspielen in Cannes 1956 sein. Dagegen hat seinerzeit der deutsche Botschafter in Paris Einspruch erhoben. Die Begründung lautete, dass gemäß Festspielordnung keine Filme gezeigt werden dürften, die die nationalen Gefühle eines Volkes verletzten oder das friedliche Miteinander der Völker gefährdeten. Der Film wurde daraufhin abgesetzt, was sowohl in Frankreich als auch in Deutschland heftige Proteste hervorrief. Er lief schließlich in Cannes außer Konkurrenz und war auch in Deutschland noch im selben Jahr erstmals zu sehen.

Die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Films ist in den letzten Jahren von verschiedenen Autorinnen und Autoren aufgearbeitet worden, doch gibt es nur wenige Monographien, die sich ausschließlich mit diesem Film, seiner Entstehung, inneren Struktur und Resonanz beim Publikum auseinandersetzen.[1] Ewout van der Knaap, der neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Utrecht lehrt, widmet sich in seiner Studie exklusiv diesem Film und seiner internationalen Wirkungsgeschichte. Er möchte belegen, dass „Nacht und Nebel“ den Weg für eine intensive Debatte über Nationalsozialismus und Holocaust geebnet hat.

Ein wichtiger Begriff, der bereits im Titel des Buches auftaucht, ist der des Gedächtnisses. Einleitend stellt van der Knaap verschiedene Gedächtniskonzepte vor und verweist auf definitorische Überschneidungen. Er präferiert in Anlehnung an Jan Assmann[2] ein dreiteiliges Konzept des kollektiven Gedächtnisses aus kommunikativem, öffentlichem und kulturellem Gedächtnis und möchte diese „in ihrem Wechselspiel untersuchen“ (S. 13). Doch gerade wenn sich die Konzepte überschneiden, sollte zunächst geklärt werden, worin sie sich unterscheiden. Welche Rolle spielt interpersonelle im Vergleich zu massenmedial vermittelter, öffentlicher Kommunikation? Was tragen individuelle literarische und audiovisuelle Zeugnisse zur Formung eines kollektiven Gedächtnisses bei? Welche politischen und kulturellen Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen, was verändert sich im Lauf der Zeit? Van der Knaap räumt ein, dass in vielen Studien zum kollektiven Gedächtnis die „Empfänger kultureller Erscheinungen“ (S. 12) zu wenig berücksichtigt werden. Abgesehen davon, dass hier wie an manchen anderen Stellen (S. 228) ein dem Stimulus-Response-Modell nahes Wirkungsverständnis anklingt, hat van der Knaap Recht: Auch zu „Nacht und Nebel“ gibt es keine methodisch akzeptable Rezipienten- und Wirkungsforschung. Erst mit der Ausstrahlung der US-amerikanischen Serie „Holocaust“ 1979 setzte in der Bundesrepublik Deutschland und einigen anderen Staaten die wissenschaftliche Begleitforschung ein, bei der auch unmittelbare Publikumsreaktionen gemessen wurden.

Wer sich wie van der Knaap mit einem vor „Holocaust“ entstandenen Film auseinandersetzt, ist auf Quellen wie Presseberichte und Filmkritiken, Briefwechsel und literarische Zeugnisse angewiesen. Hieraus kann mit Hilfe diskursanalytischer Verfahren ermittelt werden, welche Argumente für oder gegen die Aufführung und Machart eines Filmes vorgebracht worden sind. Dennoch bleibt es ein Wagnis, aufgrund dieser Quellen Rückschlüsse auf Resonanz und Wirkung, gar Prägung des kollektiven Holocaust-Gedächtnisses zu ziehen. Van der Knaap mag sich dieser Problematik bewusst sein, doch fehlen zuweilen im Hauptteil der Studie die kritische Reflexion des eigenen methodischen Vorgehens und der Rekurs auf die verschiedenen Gedächtniskonzepte. Erst in seinem Schlusskapitel mit dem Titel „Auf der Suche nach dem Gedächtnis des Holocaust“ kommt der Autor darauf wieder zu sprechen.

Was die Resonanz in unterschiedlichen Ländern betrifft, so widmet sich van der Knaap zunächst Westdeutschland. Der Protest der Bundesregierung gegen die Aufführung in Cannes weckte das öffentliche Interesse an diesem Film. Es gab sogar eine Debatte im Bundestag über das diplomatische Vorgehen, die Reaktionen im Ausland darauf, aber auch die Aussage und mögliche Wirkung des Films. Mehrheitlich war man schließlich dafür, die Aufführung dieses Films zu fördern. Ganz anders als in der Bundesrepublik reagierten offizielle Stellen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Während man zunächst versuchte, propagandistischen Gewinn aus dem ungeschickten Verhalten westdeutscher Regierungsbeamter zu schlagen, indem man auf personelle und ideologische Kontinuitäten verwies, zeigte sich bald, dass eine Aufführung von „Nuit et Brouillard“ in der DDR nicht möglich war. So wurde beispielsweise eine Übersetzung ins Deutsche verlangt, die anders als die von Paul Celan angefertigte „mehr dem Originaltext“, in Wirklichkeit aber mehr der eigenen Interpretation der Geschehnisse entsprechen sollte.[3]

Das zweite Kapitel über die „Wiederentdeckung des Holocaust in Deutschland“ ist mit über sechzig Seiten das umfangreichste. Die folgenden Kapitel drei bis fünf, in denen es um die Wirkungsgeschichte in Frankreich, Großbritannien und den USA, in Israel und den Niederlanden geht, umfassen jeweils nur rund zwanzig Seiten, was darin begründet liegt, dass dort kaum über diesen Film berichtet, geschweige denn öffentlich gestritten wurde. Eine englisch untertitelte Fassung war erst ab 1960 lieferbar. Die Rezeption im englischsprachigen Raum setzte entsprechend spät ein und beschränkte sich auf wenige Filmenthusiasten und am Thema unmittelbar Interessierte. „In den USA“, so van der Knaap, „wurde der Film zum Teil unter filmhistorischer Perspektive (Nouvelle Vague) rezipiert oder im Vietnam-Diskurs instrumentalisiert.“ (S. 223) Diese „Instrumentalisierung“ war möglich aufgrund der humanistischen, universalistischen Tendenz des Films. Denn trotz der Eindeutigkeit, mit der der nationalsozialistische Terror verurteilt wurde, deutete der Kommentar auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die auch in Zukunft nicht ausgeschlossen seien. Genau diese Aussagen widersprachen der israelischen Sicht auf die Shoah Ende der 1950er-Jahre, was dazu führte, dass „Nacht und Nebel“ in Israel jahrzehntelang nicht öffentlich aufgeführt wurde. Die genauen Hintergründe schildert als „Gastautor“ Nitzan Lebovic in Kapitel vier mit dem Titel „Eine Absenz, die Spuren hinterließ“.

Im folgenden Kapitel über die „Stille der niederländischen Erinnerung“ zeichnet van der Knaap die Rezeption in seinem Heimatland nach. Wie in der Bundesrepublik wurde „Nacht en Nevel“ auch in den Niederlanden dazu eingesetzt, bedenklichen aktuellen Tendenzen entgegenzuwirken. Eine besondere Rolle spielte dabei der Schriftsteller und Übersetzer des französischen Kommentars Victor Emanuel van Vriesland. Als Überlebender des Holocaust zählte er sich selbst zu den „Unversöhnlichen“, einer Gruppe niederländischer Intellektueller, die den „Geist des Widerstands“ fortbestehen lassen wollte und kritisch jegliche Aussöhnungsbemühungen mit Deutschland verfolgte. Dass trotz oder gerade wegen der peinlichen Reaktion westdeutscher Regierungsbeamter auf die Filmvorführung in Cannes eine Diskussion und verstärkte Rezeption des Films in der Bundesrepublik einsetzte, nahm man in den Niederlanden und anderswo kaum zur Kenntnis.

In Kapitel sechs und sieben folgen Ausführungen van der Knaaps zu Paul Celans deutscher Übersetzung des französischen Filmkommentars und zum Zusammenhang von Biographie, Trauma und Literatur. Hier zeigt sich der Autor als profunder Kenner des Celanschen Werkes. Für den vorliegenden Band wurden diese schon früher erschienenen Aufsätze überarbeitet. Dennoch entsteht der Eindruck des Hinzugefügten, denn der unmittelbare Bezug zum eigentlichen Thema, der Wirkungsgeschichte des Films „Nacht und Nebel“, ist zumindest im siebten Kapitel, „Gedächtnis und Retraumatisierung“ nicht gegeben. Verzichten möchten film- und literaturinteressierte Leserinnen und Leser auf diesen Exkurs trotzdem nicht, denn hier wie auch in den Passagen über intertextuelle Bezüge zeigen sich van der Knaaps philologische Qualitäten. Und schließlich belegt Paul Celans Überlebensgeschichte die Ungeheuerlichkeit des Schreckens, der auch nach 1945 fortwirkt. Celan hat sich 1970 das Leben genommen.

Zuzustimmen ist dem Autor in allem, was er im Schlusskapitel als wünschenswert für die weitere Forschung nennt: So schlägt van der Knaap vor zu ermitteln, wie Zeitgenossen aber auch Angehörige der zweiten und dritten Generation in verschiedenen Ländern auf „Nuit et Brouillard“ und ähnliche Filme reagiert haben. Ein solches Projekt wäre aufwendig und teuer, würde aber wie van der Knaaps wichtige Studie dazu beitragen, dass über Publikumsinteressen und Medienwirkungen weniger gemutmaßt werden müsste.

Van der Knaap beschließt sein Werk mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat, Literaturverzeichnis und erfreulicherweise mit einem Register, das die Namen von Personen, Institutionen und Werken versammelt. Nicht unerwähnt bleiben soll auch hier der Göttinger Wallstein Verlag, der schon das Erscheinen von Ruth Klügers „weiter leben“ ermöglicht hat. Doch gebührt hauptsächlich Ewoud van der Knaap Dank dafür, dass durch seine Arbeit ein Film über das Erinnern an den Holocaust nicht dem Vergessen anheim fällt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zum Beispiel: Richard Raskin, „Nuit et Brouillard” by Alain Resnais. On the Making, Reception and Functions of an Major Documentary Film. Including a New Interview with Alain Resnais and the Original Shooting Script. Foreword by Sacha Vierny, Aarhus 1987; Andrew Hebard, Disruptive Histories: Toward a Radical Politics of Remembrance in Alain Resnais‘ „Night and Fog”, in: New German Critique 71 (1997), S. 87–113; Martina Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film, 2. Aufl., Berlin 2007 (1. Aufl. 2001) (zu der publizistischen Kontroverse über „Nacht und Nebel“ siehe S. 165–204); Sylvie Lindeperg, „Nuit et Brouillard“. Un film dans l'histoire, Paris 2007. Rezensiert von Matthias Steinle, in: H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-123> (13.11.2007).
[2] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.
[3] Vgl. Jörg Frieß, „Das Blut ist geronnen. Die Münder sind verstummt?“ Die zwei deutschen Synchronfassungen von „Nuit et Brouillard“ (1955), in: Filmblatt 28 (2005), S. 40–57.

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16.01.2009
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