T. Etzemüller: Henning von Rittersdorf: Das Deutsche Schicksal

Cover
Titel
Henning von Rittersdorf: Das Deutsche Schicksal. Erinnerungen eines Rassenanthropologen. Eine Doku-Fiktion


Autor(en)
Etzemüller, Thomas
Reihe
Histoire (194)
Anzahl Seiten
292 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benet Lehmann, International Graduate Centre for the Study of Culture, Justus-Liebig-Universität Gießen

Konrad Kujau sitzt Mitte der 1970er-Jahre in seiner Fälscherwerkstatt vor einer schwarzen Kladde. Er denkt sich Passagen für seine Hitler-Tagebücher aus, die ein paar Jahre später vom stern aufgekauft werden. So mancher Historiker zeigt sich zuerst begeistert über den Fund, andere bleiben skeptisch, schließlich ermittelt das Bundeskriminalamt und kommt zu dem Ergebnis: Alles ist gefälscht. Für Eberhard Jäckel, der etwa 70 Dokumente aus Kujaus Werkstatt in eine 1980 publizierte Quellensammlung mit Frühschriften Hitlers aufgenommen hatte, handelte es sich um die wohl schwerwiegendste Pleite seiner Karriere. Die Materialien seien „offensichtlich vor allem für den Geschmack, die naive Liebhaberei, Sammelleidenschaft und Zahlungsfähigkeit privater Hitler-Sammler produziert“ worden und hätten wenig Aussagekraft gehabt, schrieb Hermann Weiß vom Archiv des Instituts für Zeitgeschichte 1984.[1] Doch wäre der Schaden wohl noch größer, hätten sich die letzten 35 Jahre Forschung zu Hitlers Biografie in Teilen auf die Kopfgeburten des Kriminellen Kujau gestützt.

Thomas Etzemüller arbeitet im Sommer 2017 nicht in einer Fälscherwerkstatt, sondern im Lokalarchiv der schwedischen Kleinstadt Mora. Auch die Entstehungsgeschichte seines Buches Henning von Rittersdorf: Das Deutsche Schicksal. Erinnerungen eines Rassenanthropologen. Eine Doku-Fiktion ist weniger spektakulär als diejenige der angeblichen Hitler-Tagebücher – kein abgestürztes Flugzeug, keine fehlenden Millionen. Aus einer anfänglichen Schreibübung, die ihn näher an einen erzählerischen Wissenschaftsduktus bringen soll, wird mit der Zeit der Lebenslauf des Rassenanthropologen Rittersdorf, der prompt auf dem Cover als Autor auftritt. Ist auch Etzemüller ein Fälscher? Nein, aber er hat Fantasie.

Henning von Rittersdorf hat es nie gegeben. „Aber es hätte ihn geben können“, steht in der Verlagswerbung. Der „Doku-Fiktion“ sind jahrelange Studien zu den realen Fachkolleg:innen Rittersdorfs und eine umfassende theoretische Auseinandersetzung mit biografischer Forschung vorausgegangen.[2] 2015 hat Etzemüller zudem ein Buch zur Geschichte der deutschen Rassenanthropologie vorgelegt.[3] So besticht seine erdachte Biografie durch Reichhaltigkeit an Verweisen und Entlehnungen aus der Anthropologie, Rassentheorie und Eugenik. Möglichkeiten der Inspiration gibt es zwar zuhauf, doch finden sich nur wenige autobiografische Aufzeichnungen von Forscher:innen der Anthropologie, insbesondere aus den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft. Viele von ihnen waren später der Auffassung, ihre Worte würden den Nachgeborenen bloß missverständlich erscheinen.

So sieht es auch Rittersdorf, wenn er im Vorwort schreibt, dass er gegen „kommunistische Hetze“ (S. 4) vorgehe und nur deswegen seine Memoiren niederschreibe. Im Zuge eines letzten großen Forschungsvorhabens werden Aktivist:innen der „68er“-Studierendenbewegung auf ihn aufmerksam, recherchieren seine Texte aus der Zwischenkriegszeit und stellen ihn an den Pranger. Rittersdorf empfindet sich als Opfer einer Verleumdungskampagne und fühlt sich zu seinen rechtfertigenden „Erinnerungen“ genötigt.

Henning von Rittersdorf wird 1872 geboren, er ist der Enkel eines erfolgreichen Anthropologen. An der Universität schreibt er sich für Medizin ein, wenig später reizt ihn das Studium der Anthropologie, ein bis dahin kaum etabliertes Fach. In ihr finden sich, so glaubt nicht nur Rittersdorf, Antworten auf die Probleme der Zeit. Auf der Grundlage der Biologie lasse sich eine soziale Ordnung bauen, die das Gefüge der Gesellschaft endlich wieder in Harmonie bringe. Rittersdorf wird promoviert, doch er und sein Doktorvater zerstreiten sich nach der Verteidigung – es kommt zum Bruch über die Frage, wie weit die Ergebnisse der Rassenanthropologie auch zur Anwendung gebracht werden sollen. Rittersdorf findet eine erste Anstellung bei dem bekannten Rassentheoretiker Rudolf Martin, verliert diese nach dem Ersten Weltkrieg jedoch unehrenhaft und flüchtet sich an die Universität Jena. Von hier aus beginnt das Geplänkel um die angestrebte akademische Karriere, und selbst nach der ersehnten Berufung hören die Streitigkeiten mit den Fachkollegen nicht auf. Der spätere „Rassepapst“ Hans F.K. Günther wird bereits im Februar 1930 von Wilhelm Frick zum Professor an der Universität Jena ernannt, Rittersdorf folgt ihm im Sommersemester und beginnt kurzerhand einen erregten Konflikt mit ihm. Wo die Grenze zwischen Rittersdorfs Rassenanthropologie und der ihm wiederum so verhassten Rassenkunde verlaufen soll, bleibt jedoch immer unklar; gerade dieses Mäandern zwischen Weltanschauung und Wissenschaft arbeitet Etzemüller genauestens heraus.

Die typografische Gestaltung des Buches ist einem Schreibmaschinen-Manuskript nachempfunden. Rote Streichungen und Annotationen für die geplante Veröffentlichung – und keineswegs für die Lesenden – lassen Rittersdorfs Absichten eines nach 1945 geschönten Lebenslaufs erkennen. So tilgt er in seinen Briefen die freudige Notiz über den Ausgang der Wahlen 1933 oder lässt Verstrickungen in die Parteiarbeit aus, sodass es scheinen mag, er sei in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft lediglich gewissenhaft seiner Forschung nachgegangen. Tatsächlich erfahren die Lesenden von seiner Zusammenarbeit mit Josef Mengele oder vorgenommenen Sterilisierungen. 1936 wird Rittersdorf von der Parteizentrale in die Eifel geschickt, er soll ein Dorf „rassenkundlich“ (S. 167) untersuchen. Dem vorausgegangen war ein abgelehnter Antrag für eine Forschungsreise nach Grönland. Rittersdorf wandelt dies in der Rückschau zum Beweis für Opposition. Das Wort „Führer“ (S. 169) setzt er in Anführungszeichen, das Abschätzen der eigenen Vorteile in der Partei streicht er aus seinen Briefen (S. 170) und spricht wenig später sogar davon, „zum Widerstand“ (S. 235) gezählt zu haben. Wie ein roter Faden zieht sich die Exkulpation durch das Manuskript. Rittersdorf beruft sich auf die angebliche innere Emigration, wie abertausende andere Forschende auch, und bestärkt im gleichen Atemzug seine antikommunistische, antidemokratische Haltung. Der „68er“-Bewegung (auch eines von Etzemüllers Forschungsthemen) bescheinigt er: „Das ist der Geist der braunen Horden, rotlackiert.“ (S. 119) Selbst nach den Überarbeitungen geht Rittersdorf davon aus, die Dokumentensammlung spreche für sich selbst – und vieles streicht er auch nicht. Fast unbeholfen wirkt es dann, wenn er einen Brief von Ulrike Meinhof zum Fall seiner Person abdruckt (S. 252–254) und sich selbst wieder und wieder belastet.

Etzemüllers „Rittersdorf“ als historisch-literarisches Format einzuordnen, ist nicht leicht. Um Vorgänger zu nennen, ließe sich an die Bücher von Éric Vuillard oder Fridolin Schley denken, an die fiktive Biografie „Marbot“ von Wolfgang Hildesheimer (1981) und an kontrafaktische Romane wie Philip K. Dicks „The Man in the High Castle“ (1962). Doch durch den Anspruch des Historikers auf die (hier inszenierte) Authentizität summierter Fakten und durch die Simulation eines lebensrealen Erzählers wird Etzemüllers „Doku-Fiktion“ zur Quelle, wenn auch zu einer künstlichen – nicht zum Roman. Am ehesten erscheint mir der Vergleich mit einem Historiengemälde sinnvoll, das Jahrzehnte nach dem Ausgang einer Schlacht gemalt worden ist oder eine kaiserliche Krönung in Szene setzt: Auch dabei werden Geschichten zusammengetragen und verdichtet, Personen erdacht und Narrative gestrickt, die erst in der Gesamtkomposition erkennbar und nicht in jedem Detail belegbar sind.

„Rittersdorf“ ist kein klassischer Entwicklungsroman. Weder gibt es die typische Heldenreise, noch kann sich – hoffentlich – irgendwer mit dem Protagonisten identifizieren. Es bleibt ein gewisses Fremdeln mit dem Text, Rittersdorf erdachtes Leben erscheint fern. „The past is a foreign country; they do things differently there“, lautet das vielbemühte Zitat des britischen Schriftstellers L.P. Hartley.[4] Wenn aber eine Vergangenheit partiell erfunden wird, dann erscheint sie teils noch ferner, weil komisch. Zweifelnd fragt Etzemüller selbst: „Ist das nicht alles […] vollkommen überzogen und unglaubwürdig?“ (S. 285) Den brisanten Leichenraub in der Savanne – Rittersdorf schießt sich den Weg mit einem Sarg auf dem Rücken frei – beschreibt Etzemüller in den Nachbemerkungen mit „reiner Slapstick“ (ebd.). Dieses Überspitzen hat einen praktischen Nebeneffekt: Etzemüller rückt abermals als eigentlicher Autor der Biografie in den Hintergrund, wenn er sich mit den Lesenden über die Abstrusitäten in Rittersdorfs Lebenslauf wundert.

Die bewusste und offensichtliche, aber durchaus glaubhafte Vortäuschung einer lebensrealen Autobiografie gelingt vor allem dann, wenn Etzemüller sich auf seinen eigenen Entwurf eines Lebenslaufs, auf Prägungen und Weltbilder verlässt. Rittersdorf narzisstische Tiraden über die Hindernisse seines Forscherlebens lesen sich wie unzählige andere Berichte von Gelehrten; erkennbar ist auch die patriotische Sprache der Offiziere aus beiden Weltkriegen sowie diejenige der Kolonialbeamten. Topoi der Männlichkeit, der Leidenschaft, der Effizienz und der Eitelkeit kann Etzemüller detailgenau imitieren. Lässt er seinen Rittersdorf jedoch auf reale Ereignisse und Personen treffen, erzeugt das die burleske Karikatur eines Forschers. Das liegt weniger an der literarischen Ausgestaltung des Texts, sondern vielmehr an dem Fach der Rassenanthropologie selbst, das trotz der beanspruchten wissenschaftlichen Methodik stets einen ausgeprägten Hang zum Fantastischen hatte. Gerade die irreal anmutenden Episoden sind Anlehnungen, wenn nicht sogar ganze Kopien lebensrealer, niedergeschriebener Ereignisse. Dieses Sammeln bis hin zum Kopieren ist die Stärke der „Doku-Fiktion“ – solche Episoden können kaum erdacht werden, nur zusammengefügt.[5] Einfacher ausgedrückt: Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Und das ist schwer nachzuahmen. Im Seminar mit Studierenden lässt sich das Buch nutzen, um über gegenwärtige Konstruktionsprozesse von Geschichte nachzudenken und über die Rolle von Historiker:innen in diesen.

Ob nun weitere Formate synthetischer Quellen folgen werden, bleibt abzuwarten, denn die Vorbehalte gegenüber einem breiten Einsatz in Forschung und Lehre würden stark ausfallen. Zwar ist die strenge Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärquellen nur noch selten anzutreffen – zu schwammig wird diese Unterscheidung, wenn Geschichte als stetig gegenwärtiger Prozess verstanden wird. Aber das Erfinden von Quellen, sei es auch auf einer breiten Basis an Material, untergräbt ihr Vetorecht und die Anerkennung von Überlieferungslücken. Die Sorge, dass sich so durch die Hintertür revisionistische Kräfte einschleichen, erscheint nachvollziehbar. Doch im besten Fall kann das Schreiben einer fiktiven Quelle selbst als Erkenntnisprozess genutzt werden, um sich der Vergangenheit anzunähern. Vielleicht braucht es mehr Mut zum Fiktionalen. Im Kleinen steckt dies bereits in jeder geschichtswissenschaftlichen Arbeit.

Anmerkungen:
[1] Neue Erkenntnisse zur Fälschung von Hitler-Dokumenten. Eberhard Jäckel / Axel Kuhn und Hermann Weiß, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 32 (1984), S. 163–169, hier S. 164, https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1984_1_6_notizen.pdf (02.09.2022).
[2] Thomas Etzemüller, Biographien. Lesen – Erforschen – Erzählen, Frankfurt am Main 2012.
[3] Ders., Auf der Suche nach dem Nordischen Menschen. Die deutsche Rassenanthropologie in der modernen Welt, Bielefeld 2015.
[4] L.P. Hartley, The Go-Between [1953], London 2004, S. 1.
[5] Weitere theoretische Überlegungen zum Genre finden sich bei Thomas Etzemüller, Die Realität ist fast schon der Roman ... Aber warum dichten Wissenschaftler dann nicht selber? Das Beispiel einer Doku-Fiktion, in: WerkstattGeschichte 86 (2022), S. 103–114.