T. Völkering: Flucht und Vertreibung im Museum

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Titel
Flucht und Vertreibung im Museum. Zwei aktuelle Ausstellungen und ihre geschichtskulturellen Hintergründe im Vergleich


Autor(en)
Völkering, Tim
Reihe
Zeitgeschichte - Zeitverständnis 17
Erschienen
Münster 2008: LIT Verlag
Anzahl Seiten
166 S.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Finster, Würzburg

„Ich will keine Rache. Ich will nur nicht, dass sich die Deutschen nun als Opfer darstellen. Denn dann müsste ich mich als Täter verstehen: Doch es ist umgekehrt – die Deutschen waren die Henker.“[1] Dieses Zitat des letzten Überlebenden des Warschauer Ghetto-Aufstandes, Marek Edelman, steht exemplarisch für viele Stellungnahmen der letzten Jahre aus den Diskussionen um Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Edelmans Aussage verdeutlicht das gesamte Konfliktpotenzial dieses Diskurses.

Etwa ab dem Jahr 2000 hat das Thema Vertreibung eine neue, unerwartet breite Beachtung gefunden. Günter Grass hat durch sein Buch „Im Krebsgang“ (Göttingen 2002) über den Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ für ein großes Medienecho gesorgt, Guido Knopp als Verantwortlicher der Redaktion Zeitgeschichte des ZDF durch seine fünfteilige TV-Dokumentation „Die große Flucht“ aus dem Jahr 2001, welche zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde. Auch wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Bücher zum Thema stoßen auf ein ungeheures Interesse. So stand Andreas Kosserts neues Buch „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ (München 2008) etliche Wochen in der „Spiegel“-Bestsellerliste. Die Vertreibung der Deutschen wurde sozusagen aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart geholt – ein Prozess, der nicht ohne Kontroversen möglich war und ist.

Tim Völkering hat in seiner Staatsexamensarbeit „Flucht und Vertreibung im Museum. Zwei aktuelle Ausstellungen und ihre geschichtskulturellen Hintergründe im Vergleich“, welche er am Institut für Didaktik der Geschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster erarbeitet hat, einen gelungenen Überblick zu dieser Debatte zusammengestellt. Völkering vergleicht die beiden wichtigsten musealen Darstellungen zum Thema Flucht und Vertreibung, die in den letzten Jahren in Deutschland gezeigt wurden: die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ des Hauses der Geschichte (HdG) in Bonn und die Ausstellung „Erzwungene Wege“ der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV). Diese Stiftung, welche vom Bund der Vertriebenen (BdV) unter seiner Präsidentin Erika Steinbach initiiert wurde, war der Hauptauslöser der Kontroverse, was Völkering deutlich ausführt.

Die Arbeit, welche aus 12 Kapiteln besteht, lässt sich in vier Abschnitte untergliedern. Im ersten Teil (Kapitel 1-4) erklärt Völkering die theoretischen Grundlagen seiner Ausführungen und die Herangehensweise. Hierbei gibt er eine verständliche Einführung in die Themenfelder „Geschichtskultur“ und „Gedächtnistheorie“ und erklärt, inwiefern sie für seine weiteren Ausführungen von Bedeutung sind. Sinnvoll ist es auch, dass Völkering den Stellenwert und die bisherige Wahrnehmung von Flucht und Vertreibung sowohl in Polen als auch in Deutschland skizziert. Dieser Überblick ist für das weitere Verständnis sehr wichtig. Ein wenig ungenau wird der Autor allerdings, wenn er schreibt, dass die Vertriebenen „durch alle Bundesregierungen wirtschaftlich unterstützt“ worden seien (S. 26). Dabei wäre zwischen den CDU- und den SPD-geführten Regierungen deutlicher zu unterscheiden. Bereits seit Willy Brandt wurde die diesbezügliche Kulturförderung stetig gekürzt.[2] Unter Helmut Schmidt gingen die Sparmaßnahmen weiter. Am Ende von dessen Kanzlerschaft lagen die finanziellen Mittel für die Kulturarbeit der Vertriebenen 1982 bei 4,2 Millionen DM, nach 15 Jahren der Kanzlerschaft Helmut Kohls dagegen bei 52 Millionen DM – was auch bei Berücksichtigung der Inflationsrate eine beachtliche Steigerung markiert.[3]

Der nächste Abschnitt (Kapitel 5) gibt sehr sorgfältig recherchiert die Debatten um das ZgV bis zum Jahr 2006 wieder. Hier hat Völkering die wichtigsten deutschen Tages- und Wochenzeitungen ausgewertet. Im dritten Abschnitt (Kapitel 6-9) werden die beiden genannten Ausstellungen beschrieben und miteinander verglichen. Dabei untersucht Völkering den jeweiligen Kontext, in dem die Ausstellungen entstanden sind, und die Konzeptionen. Auf der einen Seite stand die vom Bund mitgetragene, des Revisionismus unverdächtige Aufarbeitung durch das HdG, auf der anderen Seite die schon wegen ihrer Initiatoren von vielen Beobachtern angefeindete Ausstellung des BdV. Auch die Zielsetzung der Ausstellungen ging in Teilen auseinander. Während beide den Besuchern historische Fakten zu Flucht und Vertreibung näherbringen wollten, war „Erzwungene Wege“ auch als ein Probelauf für ein eigenständiges „Zentrum gegen Vertreibungen“ zu sehen. Zudem sollte den Kritikern der Wind aus den Segeln genommen werden – was nicht völlig gelang.

Die letzten Kapitel (10-12) bilden eine überzeugende Abrundung. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die beiden Ausstellungen wird nachgezeichnet, ergänzt durch weitere Aspekte der Kontroverse um Flucht und Vertreibung wie beispielsweise die Reaktion der polnischen Öffentlichkeit.

Als Redaktionsschluss seiner Untersuchung hat Völkering den 10. Oktober 2006 gewählt, ohne dass diesem arbeitspragmatisch gewählten Datum eine inhaltliche Bedeutung beizumessen wäre. Dass die Auseinandersetzungen um das Thema Flucht und Vertreibung der Deutschen nach 1945 sowie speziell um ein mögliches ZgV zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Ende waren, betont Völkering in seinem Vorwort und kündigt bereits ein Dissertationsprojekt zur Vertiefung an.

Ende 2007 fasste der Bundestag einen Beschluss über das im Koalitionsvertrag festgelegte „sichtbare Zeichen“. Im Rahmen einer unselbstständigen Stiftung unter der Schirmherrschaft des Deutschen Historischen Museums in Berlin soll ein Dokumentationszentrum entstehen. Grundlagen sollen sowohl die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ des Hauses der Geschichte in Bonn als auch die Ausstellung „Erzwungene Wege“ sein. Was genau dies bedeutet und wie der weitere Verlauf des Vorhabens aussehen wird, bleibt abzuwarten. Nach anfänglichem Zögern lässt Polen unter dem neuen Ministerpräsidenten Donald Tusk eine flexiblere Haltung erkennen. Nach Gesprächen zwischen dem deutschen Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann, und dem polnischen Staatssekretär Władysław Bartoszewski gab letzterer Anfang 2008 bekannt, dieses Projekt der Bundesregierung nicht mehr als Affront gegen die polnischen Gefühle zu betrachten. Die weitere Konkretisierung wird wohl auch stark vom Ausgang der Bundestagswahl 2009 abhängen.

Völkerings Arbeit bietet eine treffende, klar gegliederte und gut verständliche Wiedergabe des Dauerkonflikts um die Form der Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen. Auf die angekündigte Dissertation darf man ebenso gespannt sein wie auf die geplante Ausstellung.

Anmerkungen:
[1] Zit. nach Thomas Roser, Vermutungen über Deutschland. Polen versteht die Debatte über ein Zentrum gegen Vertreibungen zumeist als Versuch der Geschichtsklitterung, in: Frankfurter Rundschau, 17.11.2003, S. 3.
[2] Vgl. Manfred Kittel, Vertreibung der Vertriebenen. Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961–1982), München 2007, S. 170f.
[3] Vgl. Wolfgang Bergsdorf, Ostdeutsche Kulturpflege in der Ära Kohl, in: Jörg-Dieter Gauger/Manfred Kittel (Hrsg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten in der Erinnerungskultur. Kolloquium der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Instituts für Zeitgeschichte am 25. November 2004 in Berlin, Sankt Augustin 2005, S. 53-67, hier S. 66.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.10.2008
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