J. Brunner (Hrsg.): Mütterliche Macht und väterliche Autorität

Cover
Titel
Mütterliche Macht und väterliche Autorität. Elternbilder im deutschen Diskurs


Herausgeber
Brunner, Jose
Reihe
Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXVI/2008
Erschienen
Göttingen 2008: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
395 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Serpil Hengeöz, Universität zu Köln

„Nicht alles hat in der Familie seinen Ort, aber die Familie findet sich an vielen Orten und Plätzen“, urteilte vor kurzem der amerikanische Historiker Robert G. Moeller.[1] Tatsächlich ist die Familie nicht nur eine Form des privaten Zusammenlebens, sondern zugleich ein Gegenstand sozialwissenschaftlichen Interesses, ein Thema literarischer und literaturwissenschaftlicher Texte sowie medial umgesetzter Bilder. Ihre Bedeutung als Vermittlerin von Werten und kulturellen Verhaltensmustern ließ sie seit jeher zu einem zentralen Objekt für gesellschaftliche Leitbilder und Normen des gemeinsamen Lebens und sozialen Verhaltens werden. Insbesondere diesen „vielfältigen soziologischen, medialen und literarischen Bilder[n] von Vätern und Müttern im deutschen Diskurs“ sowie ihrer „Entstehung, Bedeutung und Tradierung“ widmet sich der 36. Band des „Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte“ (S.9).

Unter dem Titel „Mütterliche Macht und väterliche Autorität“ umfasst er insgesamt 17 Beiträge zu diesem Themenkomplex. Dementsprechend geht es in den Aufsätzen „auf die eine oder andere Weise auch um Vorstellungen und Konzepte mütterlicher Macht einerseits und um Begriffe und Phantasmen väterlicher Autorität andererseits“ (S. 9). Grundlegend sind dabei – wie der Herausgeber José Brunner im Editorial hervorhebt – die kanonischen Definitionen von Max Weber. Denn Müttern wird „üblicherweise jene Art der Einflussnahme zugeschrieben, die bei Weber Macht heißt, während Väter den Gehorsam von Familienmitgliedern als öffentlich sichtbare Autorität erreichen können, mithin Herrschaft innehaben“ (S. 10). Dass Brunner im Titel dennoch auf den Begriff der Herrschaft verzichtet, soll nicht zuletzt darauf hinweisen, dass die „bis vor nicht allzu langer Zeit durch Gesetz und Tradition legitimierte Vorrangstellung des Vaters sich nicht unbedingt in seiner tatsächlichen Herrschaft innerhalb der Familie niederschlägt, sondern oft nur leere Fassade ist“ (S.11).

Die fünf Bereiche „Biologisierung der Mutterschaft“, „Mütter und Väter als Opfer und Täter im Holocaust“, „Absente Väter der Nachkriegszeit“, „Mutter-Inszenierungen“ und „Neue Väter und Mütter – Medienkreationen, Leitbilder und Alltag“ umfassen die Themen, denen die Autoren des Bandes im Einzelnen nachgehen.

Einen Schwerpunkt des Bandes bilden verschiedene Mutterideale des 19. und 20. Jahrhunderts. Karsten Uhl untersucht Mutterliebe als zentrales Konzept der Kriminologie, um Frauenkriminalität seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre zu erklären. In diesem Kontext begründete die „natürliche“ Veranlagung der Frau zu Mutterschaft und Mutterliebe zum einen, warum weniger Frauen als Männer Verbrechen begingen und erklärte zum anderen jene strafrechtlichen Abweichungen, die dennoch auf Frauen zurückgingen. Denn als Ursache weiblicher Straftaten galt insbesondere die „Rachsucht“, die ebenfalls aus der Mutterrolle und fehlendem „Mutterinstinkt“ abgeleitet wurde. Allerdings wies der Mangel an Mutterliebe seit den 1960er-Jahren nicht mehr in erster Linie auf die Kriminalität der Frau hin, sondern vielmehr auf ein gesteigertes Risiko ihres Kindes, delinquent zu werden.

Insbesondere diesen Zusammenhang von Verbrechen und liebloser Erziehung thematisiert auch Gudrun Brockhaus, die sich mit aktuellen Interpretationen von Johanna Haarers Pflege- und Erziehungsratgebern aus den 1930er-Jahren befasst. Haarers Ratgeber propagierten eine Kindererziehung im nationalsozialistischen Sinne und wurden daher vom NS-Staat besonders gefördert. Brockhaus kritisiert jene Deutungen dieser Texte, die davon ausgehen, dass die mütterliche Erziehungspraxis im Nationalsozialismus tatsächlich den Vorgaben der Ratgeber entsprach und damit die Treue der Bevölkerung dem NS-Regime gegenüber sowie den abwehrenden Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1945 begründete. Diese etwas reduzierende sowie moralisierende Lesart jedoch übersehe insbesondere die latenten Botschaften, die zentral für den Erfolg dieser Ratgeber gewesen seien. So zeigt Brockhaus auf, dass Haarer die NS-Rhetorik des Sich-Opferns für die Volksgemeinschaft als Machtchancen der Mutter umdeutete und die totale Machtausübung als pädagogische Notwendigkeit legitimierte.

In Unterschied dazu beschäftigt sich Martin Zwilling mit der Biologisierung des genealogischen Denkens im 20. Jahrhundert, das auf die Bedeutung von Mutterschaft eine ambivalente Wirkung entfaltete. Die genealogische Rolle der Mutter wurde in diesem Zusammenhang zwar entscheidend aufgewertet, zugleich aber den Ansprüchen der Nation als „Blutsgemeinschaft“ untergeordnet. Laut Zwilling verhinderte gerade diese antiindividualistische und nationalistische Ausrichtung des genealogischen Denkens eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, die im Rahmen der Aufwertung von Mutterschaft durchaus möglich gewesen sei.

Allerdings kann insbesondere Mütterlichkeit auch jenseits biologischer Mutterschaft gedacht werden bzw. diese sogar ausschließen. In diesem Kontext geht Rajah Scheepers am Beispiel der protestantischen Diakonisse den Konzepten von Mütterlichkeit in der weiblichen Diakonie seit 1945 nach. So sollten Frauen, die sich für ein Leben im Dienst der Diakonie entschieden, zwar ein mütterliches Wesen haben, mussten gleichwohl darauf verzichten, im biologisch-sozialen Sinn Mutter zu werden. „Entweder Mutterschaft oder Mütterlichkeit“ lautete sodann das Prinzip, der jene Protestantinnen sich zu beugen hatten, die eine Rolle in der evangelischen Kirche spielen wollten. Damit gibt Scheepers zugleich einen Einblick in die kirchliche Rhetorik, in der das Mutterhaus als Familie konstruiert wurde.

Inwieweit die Mutter das Bild von Familie insgesamt prägt, zeigt auch Miriam Dreysse am Beispiel von Wahlkampfplakaten für die visuelle politische Kommunikation in Deutschland. Zudem fällt auf, dass die Väter nicht nur auf Wahlkampfplakaten, sondern auch in diesem Band wenig präsent sind. Der Abschnitt „Absente Väter der Nachkriegszeit“ widmet sich vor allem den Erinnerungen deutscher Kinder an ihre Väter. Während Lu Seegers die Erinnerungen von Söhnen und Töchtern thematisiert, die nach 1945 vaterlos als Halbwaisen aufwuchsen, beschäftigt sich Tobias Freimüller mit Alexander Mitscherlich und seiner These von der „vaterlosen Gesellschaft“ der Bundesrepublik. Das Wort „Vaterlosigkeit“ meinte dabei jedoch nicht die persönlichen Erlebnisse der Kriegskinder und der Nachkriegsgeneration, sondern bildete vielmehr eine Metapher für die erodierenden paternalistischen Gesellschaftsstrukturen.

Mit den gegenwärtigen Muttter- und Vatermodellen sowie ihrer Umsetzung in die Praxis befassen sich dagegen die Aufsätze des Abschnittes „Neue Väter und Mütter – Medienkreationen, Leitbilder und Alltag“. Die Beiträge von Barbara Thiessen und Paula-Irene Villa sowie Mariam Tazi-Preve weisen darauf hin, dass der „neue familienfreundliche Vater“ lediglich eine Medienkreation darstelle und damit die alltägliche Familienarbeit nach wie vor insbesondere von der Mutter zu leisten sei. Dagegen differenzieren Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger fünf verschiedene Vatertypen. So bildet der „neue“ engagierte Vater durchaus ein Ideal, an dem sich Männer orientieren. Nichtsdestotrotz bleibt jedoch die alltägliche Praxis der Vaterschaft davon unberührt.

Wie fragil allerdings sowohl das Ideal von Mutter- und Vaterschaft als auch ihre konkrete Umsetzung im Alltag sein können, zeigen die Beiträge des Abschnittes „Mütter und Väter als Opfer und Täter im Holocaust“. Jeanette Toussaint berichtet von Töchtern ehemaliger SS-Aufseherinnen, die sich mit der Beteiligung ihrer Mütter am Nationalsozialismus auseinandersetzten. Während Irith Dublon-Knebel Eltern-Kinder Verhältnissen im Holocaust nachgeht, beschäftigt sich Na’ama Shik insbesondere mit Mutter-Tochter-Beziehungen in Auschwitz-Birkenau. Dublon-Knebel beschreibt die kontinuierliche Destruktion der Elternrolle, die häufig in eine Umkehrung von Vater- und Mutterrollen mündete, in der Kinder sowohl zu Eltern ihrer jüngeren Geschwister als auch Eltern ihrer eigenen Eltern wurden. Zu einem ähnlichen Befund kommt Shik, welche die Umkehrung der Familienrollen vor allem auf das junge Alter der Töchter zurückführt, das ihnen ermöglichte, sich schneller in der Lagerroutine zurechtzufinden.

Die Vielfalt der unterschiedlichen Ansätze und Themenschwerpunkte macht vor allem den Reiz des vorliegenden Bandes aus. Die Beiträge konzentrieren sich nicht nur auf die sozialen Beziehungen und Machtverhältnisse innerhalb der Familie, sondern vielmehr auf ihre Bedeutung für politische, religiöse, literarische und andere Kontexte. Daher zeigen gerade diese verschiedenen Untersuchungsansätze die Grenzen des Deutungsmusters von „Mütterlicher Macht und väterlicher Autorität“ auf, das letztendlich nur eine mögliche Perspektive auf die Familie unter vielen anderen darstellt.

Anmerkung:
[1] Robert G. Moeller, Unbenannt und allgegenwärtig. Die Familie in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: Karen Hagemann / Jean H. Quataert (Hrsg.), Geschichte und Geschlechter. Revisionen der neueren deutschen Geschichte, Frankfurt/Main 2008, S. 317-346, hier: S. 342.