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Titel
Der verwaltete Raub. Die "Arisierung" der Wirtschaft in Frankreich in den Jahren 1940-1944


Autor(en)
Jungius, Martin
Reihe
Beihefte der Francia 67
Erschienen
Ostfildern 2008: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
422 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrike Breitsprecher, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig

Die Dissertationsschrift „Der verwaltete Raub“ von Martin Jungius arbeitet die zentrale Rolle der französischen Behörden und Institutionen bei der „Arisierung“ des jüdischen Eigentums in Frankreich heraus. Die Mitschuld der französischen Regierung wurde in der historischen Forschung lange nicht thematisiert, da der Fokus vorrangig auf den Aktivitäten der nationalsozialistischen Militärverwaltung lag. Vereinzelt gab es immer wieder Forschungsarbeiten, die die Rolle Frankreichs bei der Verfolgung und Ausgrenzung der französischen Juden untersuchten, jedoch ist die Arbeit von Martin Jungius zum Thema „Arisierung“ und die Mithilfe durch die französischen Behörden einmalig und schließt gleich zwei Forschungslücken.

Bisher gab es in der historischen Forschung zum Thema Arisierung in Frankreich nur Studien und Untersuchungen, die entweder spezielle Branchen oder nur einzelne Regionen bearbeitet haben. Gerade die unbesetzte Zone in Frankreich wurde bislang als Forschungsgegenstand vernachlässigt. Darüber hinaus rückt Martin Jungius in das Zentrum seiner Arbeit die beteiligten Institutionen und Dienststellen. Die wichtigsten Institutionen mit ihren Unterorganisationen sind die „Service du contrôle des administrateurs provisoires“ (SCAP) und die „Direction (générale) de l’aryanisation économique“ (DAE). Jungius beschreibt erstens ihre Aufgaben und Funktionsweisen sowie die Entscheidungsträger, zweitens ihre Arbeitsprozesse und drittens ihre Position im Verfolgungsnetzwerk.

Die zweite Forschungslücke in Bezug auf die Mitarbeit am „Arisierungsprozess“, die der Verfasser schließt, ist die Frage nach dem Verhältnis der Strukturmerkmale des Verfolgungsapparates zum Verfolgungsprozess. Darüber hinaus fragt der Autor nach den Handlungsmotiven der französischen Institutionen und stellt hier zwei mögliche Kategorien (Helfer und Verfolger) für eine Bewertung zur Debatte. Bei dem Buch handelt es sich also um eine klassische institutionsgeschichtliche Untersuchung in deren Zentrum die Arbeitsteilung, die Verantwortung der Behörde und ihrer Mitarbeiter sowie die Kompetenzverteilung stehen.
Der Schwerpunkt liegt auf der „Arisierung“ jüdischer Unternehmen. Wie schon erwähnt, stützt sich Martin Jungius auf bereits existierende Studien, aber auch auf viele jetzt erst zugängliche französische und deutsche Quellen. Der Autor geht von drei Phasen der „Arisierung“ in Frankreich aus. In diesen Phasen radikalisiert sich der Prozess der Arisierung und damit auch das Handeln der einzelnen französischen Institutionen. Die erste Phase (August 1940 – Juni 1941) umfasst die Schaffung der Grundlagen für die „Arisierung“ wie das Erlassen der passenden Verordnungen und die Kompetenzverteilung der Institutionen in der besetzten Zone. Die zweite Phase (Juni 1941 – Sommer 1943) ist mit einer Intensivierung und Stabilisierung der Verfolgung verbunden sowie die Ausdehnung auf die unbesetzte Zone. Die dritte Phase (Herbst 1943 – August 1944) beinhaltet große Veränderungen in der Administration (S. 20). Diese Phasen übernimmt der Autor als Gliederung für sein Buch.

Das Buch ist dicht an Fakten, Daten und Namen. Martin Jungius beschreibt die Entwicklung der „Arisierung“ in Frankreich sehr detailreich. Dabei wird zum einen eine sehr gute Übersicht über die einzelnen Institutionen und ihre Tätigkeiten geschaffen, aber es wird auch das Verhältnis zwischen den französischen und den deutschen Behörden deutlich. Martin Jungius widerlegt die Annahme, dass die Kontrolle der deutschen Militärverwaltung die französischen Behörden quasi zur Mithilfe zwang. Gegen diese These spricht, so Jungius, dass bereits vor der Besetzung durch die Nationalsozialisten die ersten antisemitischen Gesetzte erlassen wurden. Zudem macht er deutlich, dass die französische Regierung durchaus eigeninitiativ die Ausgrenzung und die Diskriminierung der Juden beförderte. In Bezug auf die SCAP zeigt er auf, dass diese eine recht große Autonomie genossen, da die deutsche Militärverwaltung nicht gewillt war die französischen Behörden völlig zu kontrollieren und dies auch organisatorisch nicht hätte durchsetzten können. Dies war auch nicht nötig, weil die französische Regierung zum Beispiel in Bezug auf die „Arisierung“ selbstständig aktiv war, um das jüdische Eigentum vor einer drohenden „Germanisierung“ zu bewahren. Die Motivation dafür resultierte jedoch auch aus dem Wunsch, das Geld, die Immobilien und die Unternehmen für die Bereicherung der französischen Regierung zu gewinnen und die französische Autonomie zu bewahren. Damit will Martin Jungius nicht sagen, dass der Antisemitismus der französischen Behörden wie bei den Nationalsozialisten im Vernichtungswillen endet, jedoch bleibt die Bereicherung auf Kosten der französischen Juden und Jüdinnen. Jungius zeigt auf, dass auch in der unbesetzten Zone, wo der Einfluss der deutschen Militärverwaltung deutlich geringer war, eine Arisierung durch die französischen Behörden vorangetrieben wurde und Handlungsspielräume für deren Vermeidung nicht genutzt wurden.

Als Ergebnis der Arbeit hält der Autor fest, dass die Arisierung in Frankreich nicht vollständig abgeschlossen werden konnte. Trotz regionaler Unterschiede in der Umsetzung war der Schaden für die französischen Juden und Jüdinnen dennoch enorm. Den Juden Frankreichs wurde fast jede wirtschaftliche Grundlage genommen und dies machte eine soziale Ausgrenzung noch einfacher. Dies alles geschah unter Mithilfe der französischen Behörden. Das zentrale Motiv war „eine deutsche Einflussnahme auf die französische Wirtschaft abzuwehren und die französische Souveränität zu untermauern“ (S. 369). Bei der Beantwortung der Frage nach „Helfer oder Verfolger“ differenziert Martin Jungius sehr stark. Die „Arisierung“ in den unbesetzten Gebieten oder auch die Erlasse vieler antisemitischer Gesetze zählt er ganz klar zur antisemitischen Verfolgung. Die Bewertung vieler Einzelpersonen sei dagegen von Fall zu Fall abhängig, weil die Hauptaufgabe nicht in der „Arisierung“ lag, sondern in der Rekonstruktion der französischen Wirtschaft.

Neben den Kategorien Helfer und Verfolger standen für Jungius die hemmenden oder radikalisierenden Effekte der Polykratie im Vordergrund. Er konstatiert anhand der Arbeitsteilung und der Machtdifferenzierung der Verfolgungsinstitutionen eher eine hemmende Wirkung für die „Arisierung“. Der Koordinierungsaufwand und die ständigen Umstrukturierungen schafften eben auch Mehrarbeit und verlangsamten den Prozess. Auf der anderen Seite kam es, wie gesagt, zu einer phasenweisen Radikalisierung in der Verfolgung der Juden Frankreichs. Dies ist ein Resultat aus den effizienter und größer werdenden Institutionen. Gerade der relativ große Handlungsspielraum schaffte einen Anreiz für die französische Regierung, die eigene Autonomie immer mehr auszubauen, indem sie sich am „Arisierungsprozess“ beteiligte.

Die Dissertationsschrift ist eine detailreiche Beschreibung der an der „Arisierung“ beteiligten französischen Behörden. Martin Jungius gelingt es, die Verknüpfungen der Institutionen in Bezug auf die Aufgaben- und Kompetenzverteilungen zu beschreiben und damit auch analytisch zu entzerren. Trotz ständiger Veränderungen und Umstrukturierungen der vielen Institutionen kann über den gesamten Beschreibungszeitraum der Faden verfolgt werden. Gerade der große Dokumentenapparat am Ende des Buches und die guten Überleitungen zwischen den einzelnen Kapiteln tragen zu Übersichtlichkeit bei. Im Gegensatz zu Belgien oder den Niederlanden hatten die französischen Behörden mehr Autonomie und Handlungsspielräume und somit ist die Frage nach einer Mitverantwortung an der Vernichtung der französischen Juden neu zu stellen. Da es sich um eine institutionshistorische Arbeit handelt, fallen die individuellen Schicksale der Juden und Jüdinnen leider oft heraus. Zwar versucht der Verfasser immer wieder Beispiele zur Illustration heranzuführen, jedoch wird das Ausmaß der „Arisierung“ und die gesellschaftliche Ausgrenzung der französischen Juden dem Leser anhand von Statistiken eher deutlich vor Augen geführt.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.02.2009
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