P. Feldbauer u.a. (Hrsg.): Die Welt im 16. Jahrhundert

Cover
Titel
Die Welt im 16. Jahrhundert.


Herausgeber
Feldbauer, Peter; Lehners, Jean-Paul
Reihe
Globalgeschichte: Die Welt 1000 - 2000 3
Erschienen
Anzahl Seiten
383 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Martin C. Wald, Studienseminar Braunschweig

Eine Empfehlung: Die Kontaktaufnahme mit dem Sammelband, dem ersten einer neuen achtbändigen Reihe zur Globalgeschichte, sollte über den farbigen Bildteil in Buchmitte erfolgen. Hier wird bereits einiges erahnbar von der Weltläufigkeit des Ansatzes der Herausgeber, der neugierig zu machen und zu faszinieren weiß: Ein wimmelndes Dorffest in Flandern, gemalt vom Holländer Hans Bol. Der florentinische Reisende Kristoforo Buondelmonti skizziert das christliche Konstantinopel kurz vor seiner Eroberung. Der fotografierte afrikanische Kupferschmuck aus Zentralafrika, „manilla“ genannt, wurde auch als Zahlungsmittel im Fernhandel genutzt. Ein chinesischer Künstler stellt einen Piratenüberfall an der Südküste Chinas dar. Der dreisprachige Codex Florentinus (Nahuatl, Latein, Spanisch), der unter franziskanischer Aufsicht in Mexiko entstand, zeigt kampfgerüstete, federgeschmückte aztekische Krieger.

Das führt uns nicht nur in die Ferne, sondern auch in die Tiefe und an die Anfänge der Globalisierungsgeschichte unseres Planeten. Vielleicht faszinierendstes Dokument dieser schillernden Reihe von Zeugnissen des „langen 16. Jahrhunderts“ ist eine Seekarte, welche der osmanische Seefahrer und Kartograph Piri Re’is 1517 in seine Sammlung für den Sultan Selim I. aufnahm: Sie zeigt, nur 17 Jahre nach der Entdeckung dieser Küsten durch Cabral, detailgetreu Teile des Atlantik und Südamerikas. Die Karte symbolisiert, wie eng die maritimen und gelehrten Netzwerke zwischen Okzident und Orient zu jener Zeit geknüpft gewesen sein müssen: Das Wissen der Europäer um 1500 war bald auch das Wissen der ganzen Welt.

Das Bild der europäischen Expansion „als erste Etappe eines irreversiblen globalen Kolonialisierungs- und Unterwerfungsprozesses“ (S. 17), so die Herausgeber in Vorwort und Einführungsartikel, müsse für das 16. Jahrhundert durch ein Bild subtiler und diffiziler „Interaktion“ zwischen den Weltkulturen, Großreichen, Kommunikationsnetzwerken oder (wie der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze schreibt) „Weltwirtschaften“ ersetzt werden. Weder Eurozentrismus noch Kulturrelativismus böten einen vielversprechenden Ansatz; wer später „Sieger“, wer „Verlierer“ im Weltmaßstab sein würde, habe aber noch auf dem Höhepunkt iberischer Expansion keineswegs festgestanden.

Die einzelnen Beiträge lassen den Leser quasi im Kielwasser der großen Handelsschiffe von West nach Ost mitschwimmen: von den Vereinigten Niederlanden über das Oberdeutschland der Fugger, die baltische Handelswelt und die Méditerrané in die islamischen „Schießpulverreiche“ der Türkei, Persiens und Nordindiens, hinüber nach Schwarzafrika und zurück in die arabisch-indisch-chinesisch-portugiesische Austauschzone in Südindien und Indonesien, in die Reiche Südostasiens und bis nach China, Japan und hinüber nach Spanisch-Amerika. Dieser erstaunliche Reigen sorgt dafür, dass sich einem der anfangs ausgebreitete Glanz Brügges, Antwerpens und Amsterdams im 16. Jahrhundert verglichen mit internationalen Knotenpunkten wie Calicut, Malakka oder Makassar am Ende außerordentlich randständig und matt ausnimmt.

Salz aus Venezuela, Getreide aus dem Baltikum, Teer aus Westrussland, Kürschnerwaren aus Augsburg, Sklaven aus dem Kongo, Gold von Borneo, Sandelholz von Timor, Edelsteine aus Birma, Seide aus Japan, Zimt von Ceylon, Silber aus Potosi… Die Globalisierung des 16. Jahrhunderts wird in dem Band als fast rein wirtschaftsgeschichtlicher Prozess begriffen. Dies ist nicht nur sachlich begründbar, sondern hat auch für die Handhabbarkeit des Buches Vorteile. Auch wenn nicht alle Beiträge eine These formulieren und prüfen, sondern zum Teil handbuchartiges Wissen referieren, greifen die Beiträge recht gut ineinander und ergeben ein facettenreiches und dennoch problembewusstes Gesamtbild.

In einem der gehaltvollsten Beiträge werfen Bernhard Dahm, Peter Feldbauer und Dietmar Rothermund einen spannenden Blick auf die Durchmischungszone arabischen, persischen, indischen, malaiischen, chinesischen – und allmählich portugiesischen – Handels in Südindien und der indonesischen Inselwelt. [1] Noch bis weit ins 16. Jahrhundert hinein blieb der Anteil der nach Europa verschifften Güter marginal. Indien und China zum Beispiel dürften jeder für sich weit mehr Gewürze – speziell Pfeffer – konsumiert haben als Europa. Die Portugiesen errangen derweil eine einträgliche, aber nicht beherrschende Stellung. Die Rahmenbedingungen waren für sie günstig: An den persischen und indischen Küsten kamen sie sich nicht mit den Großreichen dieser Weltgegend ins Gehege, die an den Waren, aber nicht an einer maritimen Politik interessiert waren. Die portugiesischen Galeonen führten anders als die Großraumschiffe der Konkurrenten bereits eine regelrechte Schiffsartillerie mit sich, wodurch sie dem Handel in Indischem Ozean und Javasee einen eher kriegerischen statt zuvor friedlichen Anstrich gaben. Dennoch konnte das Königreich Portugal seinen Anspruch auf ein effizientes Monopol im indischen Gewürzhandel niemals durchsetzen. Eher ist um die Jahrhundertmitte ein Wiederaufstieg der traditionellen örtlichen Kaufmannschaften festzustellen. Islamische Händler aus der indischen Gujarat-Region, welche kurz vor der Ankunft der Portugiesen die beherrschende Position im Fernhandel von den Arabern und Persern erobert hatten, waren ohnehin nie auf die Rolle als Zaungäste zurückgedrängt worden. Auch neue Handelsplätze – wie das sumatrische Aceh – erblühten. Auf portugiesischer Seite ist zudem zu beobachten, dass Privatpersonen und Beamte Verbote des Mutterlandes zu unterlaufen, sich politischem Einfluss zu entziehen und bewährte lokale Praktiken nachzuahmen begannen. Eurozentrismus ist auch auf diesem Schauplatz durchaus fehl am Platze – man darf überdies nicht vergessen, dass in die Zeit des Vordringens der Portugiesen in Südostasien auch die religiöse Expansion des Islam dort fiel, was Tilman Frasch, in einem ergänzenden, eher die Politik der südostasiatischen Landmächte skizzierenden Artikel, als „Akt der politischen Vernunft“ (S. 271) dortiger Machthaber in Reaktion auf die portugiesischen Führungsansprüche deutet.

Ähnlich interessante Perspektiven eröffnet Angela Schottenhammer in einem Beitrag über den ostasiatischen und speziell chinesischen Wirtschaftsraum. [2] Ihre konfuzianische Prägung ließ die chinesischen Ming-Kaiser und -Beamten übergroßem Profitstreben einen Riegel vorschieben, indem sie eine „Seeverbotspolitik“ betrieben. Chinesische Händler – die es natürlich trotzdem gab – konnten also in keinem Fall mit einer Unterstützung durch die Reichsführung rechnen. Sie emigrierten geradezu – lebten zum Beispiel im philippinischen Manila um 1570 vielleicht 40 Chinesen, waren es um 1603 bereits 30.000. Dennoch begann auch die chinesische Reichsführung den Überseehandel in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts erneut als Reichtumsquelle zu betrachten. Die Aufgabe des Papiergeld-Systems zugunsten von Silbermünzen in China hatte einen hohen Silberbedarf zur Folge, der vor allem von den Spaniern befriedigt wurde. Auch für diese war der Handel extrem lukrativ: In Europa tauschte man Silber zu Gold im Verhältnis 12:1, in China von mindestens 5:1. Mit einigen „Mythen“, die sich im Zuge des Aufstiegs der chinesischen Weltmacht im 21. Jahrhundert herausgebildet haben, räumt Schottenhammer auf. Die Vorstellung von kapitalistischen Anfangskeimen in China sei wissenschaftlich nicht haltbar, weil der chinesische Staat die Geschäftswelt immer auch als Konkurrenz und mögliche Gefahr für sein Herrschaftsmonopol sah und auch deshalb der Übergang zu einer Ökonomie des industriellen Kapitals nicht vollzogen wurde. Auch die mittlerweile fast schon „aus Funk und Fernsehen“ bekannte chinesische Flottenpolitik, die 1433 aus geheimnisvollen Gründen abrupt begraben wurde, und zu Spekulationen der Marke „Was wäre gewesen wenn“ anregte, stelle „kein allzu großes Rätsel“ (S. 291) dar. Jedenfalls fanden die Expeditionen des Admirals und Eunuchen Zheng He nicht wie die europäischen unter kolonialen oder gar imperialistischen Vorzeichen statt, sondern waren Ausfluss des traditionellen chinesischen Einfluss- und Tributsystems in Südostasien.

Aus dem Rahmen der soliden und ertragreichen Artikel des Bandes fällt leider der suggestive Beitrag von Gottfried Liedl über die Méditerranée. [3] Der Autor plädiert für das Konzept eines „überlangen 15. Jahrhunderts“ von 1350 und 1650, ohne dafür ausreichende Belege oder gar nur Ideen zu liefern. Sicher: Dass bereits vor 1400 so etwas wie eine „Enthegung des Krieges“ mit der „Enthegung der Religion“ korrespondierte, scheint diskussionswürdig, doch der Beitrag berauscht sich derart über alle Maßen an der Ästhetik der Analogie und der Magie der Koinzidenz, dass das Vertrauen in den Autor Seite für Seite schwindet. Als Liedl schließlich kurz vor Schluss halluziniert, ‚der Türke’ sei noch gegen Ende der Epoche „seiner historischen Sendung kraftvoll gerecht“ (S. 146) geworden, hatte man schon mehrfach der Versuchung widerstehen müssen, im Buch entnervt zum nächsten Beitrag vorzublättern.

Artikelübergreifend und unterstützt durch gute, sehr übersichtliche Kartenskizzen und eine nützliche „Ausgewählte Chronologie“ schält sich tatsächlich so etwas wie ein globalgeschichtliches Bild des 16. Jahrhunderts heraus. Dies ist eine Leistung des Bandes, die kaum hoch genug gewürdigt werden kann. Bestimmte Etappen sind dabei zu beachten: Im Jahr 1511, als die Portugiesen die Metropole Malakka an der gleichnamigen Meerenge in Schutt und Asche legten, endete nicht nur eine klassische Epoche der südostasiatischen Geschichte, sondern es hatte erstmals ein europäisches Land den Anspruch gewalttätig zum Ausdruck gebracht, den Fernhandel als Ganzes nach seinem Gusto umzuformen. Daraus ging jedoch erst „eine wahrhaft globale Dimension des internationalen Handels“ (S. 259) hervor, als die Spanier in den 1570er Jahren die Silbertransporte von Südamerika über die Philippinen nach Ost- und Südasien institutionalisierten und so „die hemisphärische Lücke der alten Fernhandelsrouten“ (S. 342) schlossen. Verantwortlich für diesen Fortschritt war wohlgemerkt der asiatische Bedarf. Eine neue, in diesem Band nicht mehr berücksichtigte Epoche kündigt sich durch die Gründung der Vereinigten Ostindischen Compagnie der Holländer im Jahr 1602 an. [4] Unterschiedliche Weltgegenden – dieselben Begründungen für einen Wandel, der den nordwesteuropäischen Mitspielern im Welthandel in die Hände spielte: So wie die Spanier letztlich aus religiösem Fanatismus den erfolgreichen – und eigenen! – Handelsplatz Antwerpen durch ihre Seeblockade im Niederländischen Unabhängigkeitskrieg nach 1585 aus dem Spiel nahmen, was England und die Vereinigten Niederlände zum Ausbau eines eigenen Handelsnetzwerkes um die Stadt Amsterdam übergehen ließ, so scheiterten die iberischen Mächte darin, eigene Handelsstützpunkte in Japan zu gründen, weil sie auf die Verbindung von Handel und Mission nicht verzichten mochten. Hingegen hatten die Niederländer explizit erklärt, sich nur um den Handel und nicht um die christliche Mission kümmern zu wollen. Die Stunde der Eroberer war vorbei, es schlug die Stunde der Händler.

Letztlich lassen sich dann aber doch durch die Brille des letzten Beitrages von Bernd Hausberger über „die iberische Welt“ die vorherigen Beiträge, die sich den Nachvollzug einer gleichgewichtigen „Interaktion“ auf die Fahnen geschrieben haben, durchaus in einem anderen und wenn man so will „eurozentrischen“ Licht lesen. In Südamerika konnten anders in Asien die einheimischen Netzwerke den Spaniern nichts auch nur ansatzweise Gleichrangiges entgegensetzen. Auch Konkurrenten aus anderen Weltgegenden blieben aus, „der Islam als weltpolitischer Hauptkonkurrent und das einschüchternd große China wurden proportional zurückgedrängt“ (S. 346). Auch wenn der Vertrag von Tordesillas 1494, in welchem der Papst den Erdball zwischen Spaniern und Portugiesen aufteilte, von anderen Nationen nie anerkannt wurde – „el nuevo mondo“ „gehörte“ offensichtlich den Spaniern.

Für die eingangs gewürdigte Karte des Piri Re’is eröffnet dies auch andere, wenn man so will „tragische“ Deutungshorizonte: Selim I. mag das Geschenk des Kartographen als Zeugnis islamischer Gelehrsamkeit und erfolgreicher Netzwerkbildung mit dem Okzident entgegengenommen haben – und doch könnte in ihm mit Blick auf die Küstenlinie Südamerikas das Bewusstsein gewachsen sein, aus der macht- und wirtschaftspolitischen Aufteilung einer neuen Welt unwiderruflich ausgeschlossen zu sein.

Anmerkungen:
[1] Dahm, Bernhard; Feldbauer, Peter; Rothermund, Dietmar, Agrarzivilisationen, Hafenfürstentümer, Kolonialsiedlungen – Indischer, Ozean, Süd- und Südostasien, S. 210–264.
[2] Schottenhammer, Angela, Eine chinesische Weltordnung – Ostasien, S. 290–334.
[3] Liedl, Gottfried, Vernunft und Utopie – Die Méditerranée (1350–1650), S. 116–151.
[4] Mittlerweile ist erschienen: Hausberger, Bernd (Hrsg.), Die Welt im 17. Jahrhundert (Globalgeschichte: Die Welt 1000–2000; 4). Wien: Mandelbaum Verlag, 2008. 352 Seiten, ISBN 978-3-85476-267-4, € 28,00.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.10.2009
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