J. Brokoff u.a. (Hrsg.): Die Kommunikation der Gerüchte

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Titel
Die Kommunikation der Gerüchte.


Herausgeber
Brokoff, Jürgen u.a.
Erschienen
Göttingen 2008: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
382 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Felix Kellerhoff, Ressort Zeit- und Kulturgeschichte, Die WELT / Berliner Morgenpost, Berlin

„Der Historiker betrachtet den Irrtum auch als Untersuchungsgegenstand, mit dem er sich beschäftigen muss, wenn er eine Verkettung menschlicher Handlungen verstehen will. Falsche Nachrichten haben schon Massen bewegt. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Falschmeldungen in der ganzen Vielfalt ihrer Formen: gewöhnlicher Klatsch, Lügen und Legenden.“ Das schrieb der hellsichtige Marc Bloch schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Seiner Analyse ließ Bloch klare Fragen folgen: „Wie entstehen sie? Woher beziehen sie ihre Substanz? Wie breiten sie sich aus? Das wird jeden interessieren müssen, der sich mit Geschichte beschäftigt.“[1] Viele Anregungen Blochs sind in den vergangenen Jahrzehnten von der Wissenschaft aufgegriffen worden; seinem methodisches Interesse an Gerüchten, Falschmeldungen und ähnlichem hat jedoch bisher kaum jemand Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar gibt es zwei größere und durchaus lesenswerte Abhandlungen zum Thema von Jean-Noël Kapferer [2] und von Hans-Joachim Neubauer [3], beide sind aber eher assoziativ und populärwissenschaftlich. Der Kulturhistoriker und heutige Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Ulrich Raulff, rezipierte zwar den Aufsatz von Bloch, aber dieses Interesse führte nicht zu einer eigenständigen Studie über die Wirkung von Gerüchten in der Historie. Eine Sammlung von elf Fallstudien unter dem Titel „Gerüchte machen Geschichte“ konnte methodisch ebenfalls nur auf die Bedeutung dieser Kommunikationsform verweisen.[4] Das Desiderat einer seriösen Gerüchteforschung hat der Bonner Literaturwissenschaftler Jürgen Fohrmann erkannt und im Oktober 2006 eine Tagung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn organisiert, deren Vorträge jetzt als Sammelband erschienen sind.

Wie für die meisten Sammelbände gilt auch für diesen: Die Qualität der einzelnen Beiträge unterscheidet sich stark voneinander. Vom Standpunkt des Zeithistorikers aus ist es natürlich bedauerlich, dass ein wesentlicher Teil des Bandes literaturwissenschaftlichen Themen gewidmet ist. So interessant etwa Dorothee Galls Ausführungen über die Rolle von „fama“ in der griechischen und römischen Literatur zu lesen sind (S. 23–43) oder auch Natalie Binczeks Überlegungen über Gerüchte bei Thomas Bernhard (S. 79–99) – zu der von Marc Bloch angeregten Frage nach der Bedeutung, die Nachrichten „vom Hörensagen“ für die Geschichte entfalten können, tragen solche Beiträge wenig bei. Das gilt auch für den Aufsatz von Daniela Gretz, die Adornos sehr zugespitzte Formulierung, der Antisemitismus sei „das Gerücht über die Juden“, auf Will Eisners Comic über die „Protokolle der Weisen von Zion“ anwendet (S. 100–128). Auf die gleiche Idee waren allerdings schon die Feuilletons großer deutscher Zeitungen vor mehr als drei Jahren gekommen; Gretzs Beitrag kann dem intellektuell nichts Wesentliches hinzufügen.

Im zweiten Teil des Bandes geht es um die zentrale Beziehung jeder Auseinandersetzung mit Gerüchten: um das Verhältnis zu Nachrichten. Allerdings können auch die Beiträge dieses Teils das Problem nicht wirklich fassen, was nicht zuletzt daran liegt, dass es keine Arbeitsdefinition von „Gerücht“ gibt. Im Gegenteil legt fast jeder der Autoren ein eigenes Verständnis zugrunde: Zeichnen sich Gerüchte vor allem durch die mündliche Form der Kommunikation aus? Sind sie vor allem „falsche“ inoffizielle Nachrichten, im Anschluss an das Projekt der „rumor clinics“ im Boston des Zweiten Weltkrieges? Natürlich hängt der mögliche Erkenntnisgewinn von der zugrunde gelegten Definition ab, doch aufgrund der vielfältigen im Band zu findenden Verständnisse von „Gerücht“ sind die Ansätze vielfach inkompatibel.

Es ist die Kehrseite von Blochs Anregung, das Verhältnis von „Nachricht“ und „Gerücht“ klären zu wollen und zu müssen. Für die Literaturwissenschaftlerin Hedwig Pompe steht fest: „Im Unterschied zum Gerücht lebt die Kultur der Nachrichten von dem Wunsch, Ambiguitäten zu vermeiden, ohne auf die Überraschung durch das Neue zu verzichten.“ (S. 133) Dagegen stellen der Politologe Claus Leggewie und der Medienwissenschaftler Matthias Mertens die gewagte These auf: „Und es bedeutet auch, dass Nachrichten immer zunächst den Status eines Gerüchtes besitzen, ihre Glaubwürdigkeit also nur durch das proklamierte Vertrauen der Journalisten in ihre Quellen und Informationskanäle gesichert sind.“ (S. 196) Doch dieses Diktum wird jeden Tag durch die Medienwirklichkeit widerlegt, bestehen doch wahrscheinlich neun von zehn Nachrichten aus der Mitteilung, dass jemand über einen bestimmten Gegenstand etwas gesagt hat. Die Nachricht ist in diesem Fall nicht der Inhalt der Aussage, sondern die Aussage selbst – eine Pressekonferenz oder eine Pressemitteilung in eine Verbindung mit dem analytischen Begriff „Gerücht“ zu bringen, ist schlicht nicht sinnvoll.

Zur dringend nötigen Begründung einer „Wissenschaft vom Gerücht“ (S. 136) in historischer Hinsicht kann der Band wenig beitragen. Dennoch eröffnet er Perspektiven. Birger P. Priddats in Form von 91 Thesen formulierte Übersicht über „Märkte und Gerüchte“ begründet eine wichtige Ergänzung bisheriger Ansätze, weil Gerüchte an der Börse im weiteren Sinne eine völlig andere Funktion haben als in der Politik, nämlich als „frische Informationen, die noch kein anderer zu haben scheint: also Objekte höchsten möglichen Wertes“. (S. 218) Erkennbar in die Sackgasse führt dagegen der schon methodisch höchst fragwürdige Vergleich von zwei – von Männern moderierten – Boulevard-Talkshows mit zwei – von Frauen moderierten – Polittalkshows auf dem Stand des Jahres 2006. Spätestens der Sendestart von Frank Plasbergs „Hart aber fair“, aber auch der breitere Vergleich über die von Birgit Althans gewählten Sendungen hinaus zeigt, dass mit diesem Ansatz kein Erkenntnisgewinn zu machen ist.

Ohnehin demonstriert der Band, zum Beispiel in dem wissenschaftlich gewiss präzisen Forschungsbericht von Irmela Schneider über die Theorie des Nachrichtenwertes (S. 166–190), dass eine ernsthafte Gerüchteforschung nicht zu belastbaren Ergebnissen führen wird, solange die gängigen kommunikationstheoretischen Ansätze weiterverfolgt werden. Schneider trifft zwar den Punkt, wenn sie formuliert: „Die Nachricht nährt das Gerücht und das Gerücht nährt die Nachricht“ und diese Feststellung als „reziproke Parasitierung von Nachricht und Gerücht“ bewertet (S. 167). Doch solange die weltfremden Nachrichtenwerttheorien vorherrschend bleiben, die von „zählbaren Nachrichtenfaktoren“ und einem „errechenbaren Nachrichtenwert“ (S. 184) ausgehen, was mit der Realität des Nachrichtengeschäftes in den Medien nun gar nichts gemein hat, solange ist es besser, die Kommunikationstheorie aus der Beschäftigung mit Gerüchten völlig auszuschließen. Auch das wusste übrigens schon Marc Bloch, als er 1921 schrieb: „Es wäre extrem hilfreich, wenn ein Journalist uns eine gute, also begründete und lautere Studie über die Entstehung von Zeitungsberichten schreiben würde; nichts wäre nützlicher für die Quellenkritik, wie sie für die Zeitgeschichte so notwendig ist.“[5]

Der von Fohrmann und seinen Bonner Mitarbeitern herausgegebene Sammelband ist eine durchaus anregende und lohnende Lektüre, doch mehr als Anregungen für die Erforschung von Gerüchten in historischer Perspektive kann er nicht leisten. Immerhin: Das Desiderat als solches ist erkannt. Das allein ist ein Fortschritt.

Anmerkungen:
[1] Marc Bloch, Réflexions d’un historien sur les fausses nouvelles de la guerre, in: ders.: Mélanges historiques. Bd. 1, Paris 1963, S. 41–57, hier S. 43.
[2] Jean-Noël Kapferer, Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt, Leipzig 1996.
[3] Hans-Joachim Neubauer, Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Berlin 1998. Siehe dazu die Rezension von Gerhard Sälter in: H-Soz-u-Kult, 18.02.2000, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/buecher/2000/sage0200.htm>; eine Aktualisierte Neuausgabe des Buches ist angekündigt.
[4] Lars-Broder Keil / Sven Felix Kellerhoff, Gerüchte machen Geschichte. Berlin 2006. Siehe dazu die Rezension von Sven Schultze in: H-Soz-u-Kult, 20.07.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-046>.
[5] Bloch, Réflexions d’un historien, S. 47, Fortsetzung von Anm. 4 auf S. 46.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.02.2009
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