H. Vollrath (Hrsg.): Der Weg in eine weitere Welt

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Titel
Der Weg in eine weitere Welt. Kommunikation und "Außenpolitik" im 12. Jahrhundert


Herausgeber
Vollrath, Hanna
Reihe
Neue Aspekte der europäischen Mittelalterforschung 2
Erschienen
Berlin 2008: LIT Verlag
Anzahl Seiten
114 S.
Preis
€ 10,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wetzstein, Historisches Seminar, Ruprecht Karls-Universität Heidelberg

Der vorzustellende Sammelband fasst die Vorträge einer Sektion des 44. Deutschen Historikertags zusammen, der 2002 in Halle unter dem Leitthema "Traditionen-Visionen" stattfand. Der Sektionstitel wurde für die Veröffentlichung weitgehend übernommen – einzig „politisches Handeln“ wurde zu „Außenpolitik“.[1] Damit wurde ein Terminus gefunden, der die vier Beiträge auf den ersten Blick treffend umschreibt, tatsächlich aber gerade für das hohe Mittelalter – wie der Band offen bekennt – nicht ohne Vorbehalte verwendet werden kann (S. 9, S. 35, S. 40). Dass die Außenbeziehungen der mittelalterlichen Reiche jedoch eng mit Kommunikation verknüpft waren, daran wird kaum gezweifelt. Das 12. Jahrhundert stellt dabei eine äußerst dynamische Phase der mittelalterlichen Kommunikationsgeschichte dar. Dies betont die Herausgeberin in ihrer Einleitung gleich zu Beginn des Bandes und unterstreicht die Bedeutung der gewachsenen horizontalen Mobilität als Voraussetzung für die Herausbildung kommunikativer, weiträumig wirksamer Netzstrukturen. „Außenpolitik“ erscheint aus dieser Perspektive als Versuch, „Distanz und Fremdheit zu überwinden und Formen der Kommunikation zu finden, die auch außerhalb des je eigenen Lebenskreises verstanden wurden“ (S. 5). Der Sammelband hat sich daher das Ziel gesetzt, die zu diesem Zweck eingesetzten Instrumente im „persönlichen Tun von Herrschenden“ (S. 9) zu thematisieren, da Herrschaft während des 12. Jahrhunderts mit einem solchen akteurszentrierten Ansatz am besten zu fassen sei.

Klaus van Eickels greift ein Thema seiner 2002 publizierten Habilitationsschrift auf und widmet sich mit einem besonderen Fokus auf die Berichte zur Leistung des homagium durch den englischen Monarchen erneut der Frage nach dem Verhältnis zwischen dem englischen und dem französischen König mit Bezug auf den englischen Festlandbesitz.[2] Seiner Ansicht nach schuf die in ihren Anfängen nicht sicher datierbare englische Lehnshuldigung keineswegs ein Unterwerfungsverhältnis sondern stellte zunächst „eine von Rangfragen unbelastete Kommunikation in der Freundschaft“ (S. 32-33) sicher. Es wäre der Mühe wert, diesen Gedanken der Freundschaft zwischen dem französischen und dem englischen König, wie er in den lehnsrechtlichen Quellen des 12. Jahrhunderts zur Sprache kommt, nicht nur im Spiegel der höfischen Literatur sondern auch vor dem Hintergrund des wesentlich breiteren und gut erforschten gelehrten Freundschaftsdiskurses und seiner außenpolitischen Implikationen zu betrachten.[3] Auf diese Art und Weise Außenpolitik zu treiben blieb jedoch nach Ansicht van Eickels eine Vision des 12. Jahrhunderts – wenig später sollte der französische König Philipp II. sich bei Juristen Rat holen, die das breite Spektrum an Interpretationen auf die ihnen einzig denkbare Dimension der Herrschaft einengten und damit eine Deutungstradition der Lehnshuldigung des englischen Königs schufen, die bis ins 20. Jahrhundert fortwirkte.

Knut Görich bewegt sich mit der Zeit Barbarossas auf ihm vertrauten Terrain und untersucht anhand der Gesandtschaftsbeziehungen des deutschen Kaisers die „demonstrativen Verhaltensweisen“ der Gesandten (S. 35-57).[4] Er fragt, ob auch im hohen Mittelalter bereits eine mangelhafte interkulturelle Kompetenz in Etikette, Titulatur oder Sprachbeherrschung – hier darf der Hoftag von Besançon 1157 nicht fehlen, den Görich als „echtes Missverständnis“ (S. 56) interpretiert – zu unerwünschten Effekten führten. Görich erarbeitet zu diesem Zweck vorwiegend auf der Grundlage der einschlägigen erzählenden Quellen zur Barbarossazeit ein Schema des Gesandtenempfangs und kommt mit dem Verweis auf Personen wie Wibald von Stablo zum Schluss, landeskundige Fachleute für einzelne Regionen wie Byzanz hätten auch während des 12. Jahrhunderts bereits für ein weitgehend problemloses Funktionieren der Gesandtenkontakte gesorgt.

Der US-amerikanische Historiker Joseph P. Huffman beleuchtet auf der Grundlage seiner umfassenden Kenntnisse die englisch-deutschen Beziehungen des ausgehenden 12. Jahrhunderts im Licht der Wahl Ottos IV. und richtet sein besonderes Augenmerk dabei auf das mit England zu jener Zeit wirtschaftlich eng verflochtene Köln und seinen Erzbischof Adolf von Altena.[5] In den diplomatischen Verwicklungen jener turbulenten Jahre zeigt sich in den Augen Huffmans nicht nur „das hohe Niveau des europäischen diplomatischen Diskurses“, sondern auch das Zusammenwachsen vormals isolierter politischer Gemeinwesen (S. 73, S. 83).

Als einzige Beiträgerin thematisiert Hanna Vollrath ausdrücklich das Problem der räumlichen Entfernung zwischen den Akteuren als bestimmenden Faktor außenpolitischer Kommunikation und richtet ihren Blick aus dieser Perspektive auf die Auseinandersetzung zwischen dem englischen König und Erzbischof Thomas Becket. Gerade die Informationsgewinnung wird so in Verbindung mit dem Faktor Zeit zu einer über Erfolg oder Misserfolg entscheidenden Komponente politischen Handelns, der damit in hohem Maße von den Herrschaftsorganisation und Herrschaftstechniken abhing (S. 85). Schon Timothy Reuter hatte in seiner brillanten Dissertation zum alexandrinischen Schisma[6] – die aufgrund ihrer inhaltlichen, zeitlichen und methodischen Nähe eine Nennung verdient hätte – auf Briefe als wertvolle Quelle verwiesen, die nicht nur mit Auskünften über mittelalterliche Diplomatiegeschichte, sondern auch über die mit ihr eng verwobene Kommunikationsgeschichte aufwarten können. Auch im Becket-Streit geben viele hundert Briefe bereitwillig Informationen preis über die weit gespannten Netze des aufs Festland geflohenen englischen Prälaten und seiner Widersacher, über die Schwierigkeit, Nachrichten aus der Ferne auf ihre Verlässlichkeit hin zu prüfen und über das hochmittelalterliche Botenwesen mit seinen hohen Kosten, die für eine Gruppe exilierter Kleriker besonders drückend waren.

Der schmale Band spricht sehr unterschiedliche Aspekte in der Schnittmenge zwischen Kommunikations- und Diplomatiegeschichte an. Die Bandbreite reicht von der raumübergreifenden Wirksamkeit gemeinsamer Konzepte über die symbolische Kommunikation auf der Ebene der unmittelbaren persönlichen Begegnung und die Darstellung sozialer Netze als hinter den Kulissen wirksamen Faktoren der „Außenpolitik“ bis hin zu Fragen der praktisch-technischen Bedingungen hochmittelalterlicher Fernkommunikation. Auch wenn sich nicht alle Autoren der Mühe unterziehen konnten, ihre Beiträge bibliographisch zu aktualisieren und die Behandlung der einzelnen Themen stärker auf die gemeinsame Fragestellung hin hätte fokussiert werden können, macht der Band dennoch deutlich, welche Impulse künftig von einer stärkeren Berücksichtigung der Kommunikationsgeschichte für die Betrachtung mittelalterlicher Herrschaft zu erwarten sind.

Anmerkungen:
[1] Abstracts und Titel der Sektion („Der Weg in eine weitere Welt: Kommunikation und 'politisches' Handeln im 12. Jahrhundert“) sind nachzulesen unter< http://www.historikertag2002.uni-halle.de/programm/3_05.shtml>, (24.02.2009).
[2] Klaus van Eickels, Vom inszenierten Konsens zum systematisierten Konflikt. Die englisch-französischen Beziehungen und ihre Wahrnehmung an der Wende vom Hoch- zum Spätmittelalter, Stuttgart 2002.
[3] Um nur die explizit im politischen Bereich angesiedelten jüngeren Publikationen zum Thema zu nennen: Verena Epp, Amicitia. Zur Geschichte personaler, sozialer, politischer und geistlicher Beziehungen im frühen Mittelalter, Stuttgart 1999; Claudia Garnier, Amicus amicis, inimicus inimicis. Politische Freundschaft und fürstliche Netzwerke im 13. Jahrhundert, Stuttgart 2000; Klaus Oschema, Freundschaft und Nähe im spätmittelalterlichen Burgund. Studien zum Spannungsfeld von Emotion und Institution, Köln 2006.
[4] Vgl. Knut Görich, Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im 12. Jahrhundert (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne), Darmstadt 2001.
[5] Vgl. Joseph Huffman, The social politics of medieval diplomacy: Anglo-German relations (1066-1307), Ann Arbor 2000.
[6] Timothy Reuter, The Papal Schism, the Empire and the West, 1159-1169. Thesis Submitted for the Degree of Doctor of Philosophy, Merton College 1976.

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16.03.2009
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