S. Breuer: Die Völkischen in Deutschland

Cover
Titel
Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik


Autor(en)
Breuer, Stefan
Erschienen
Anzahl Seiten
294 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Riccardo Bavaj, School of History, University of St Andrews / Saint Louis University

Wer die Lektüre dieses Buches mit der Einleitung beginnt, hat verloren. Denn: Das Buch selbst beginnt streng genommen auch nicht dort. Es beginnt mit theoretischen Vorannahmen, soziologischen Konzeptualisierungen und historischen Typologisierungen, die ihm zugrunde liegen, sich in gedruckter Form aber in der Regel an anderer Stelle finden. Dieses Buch ist kein Solitär, es ist Teil eines Gesamtkunstwerks – emphatisch gesprochen.

Stefan Breuer, Soziologe und Autor dieses Buches, ist Historikern vor allem durch seine ideengeschichtlichen Studien zur deutschen Rechten bekannt, vielleicht auch durch seine Reflexionen über Max Weber oder seine Abhandlungen über die Institution des Staates. Über die historischen Kontextualisierungsleistungen seiner ideengeschichtlichen Methode mag man geteilter Meinung sein – eine Sozialgeschichte der Ideen liefert sie nur bedingt. Unbestritten aber dürften ihre analytischen Differenzierungsleistungen sein, die viel Licht in den Dschungel rechter Ideen gebracht und das Gestrüpp ihrer zahllosen Verästelungen erheblich entwirrt haben. Breuer schafft Ordnung. Er ist der große Systematisierer, der noch den verworrensten Gedankensträngen – von der Zeit des Kaiserreichs bis zum Untergang des Nationalsozialismus – ihren Platz zuweist. Neo-aristokratisch oder planetarisch-imperialistisch, alt-national oder neu-national, ästhetisch-fundamentalistisch oder nationalreligiös-fundamentalistisch – mit sicherer Hand und großem Überblick scheidet er progressive Ideen von regressiven, exkludierende von inkludierenden und verortet sie in seiner Matrix rechten Denkens. Man sollte die Koordinaten dieser Matrix im Kopf haben, möchte man Breuers Studien zur deutschen Rechten verstehen. Die Matrix existiert sogar in visualisierter Form, abgedruckt in der instruktiven Einleitung zu seinem Standardwerk „Ordnungen der Ungleichheit“.[1]

Die Kenntnis von Breuers Matrix hilft sicherlich, den Gedankengängen des hier zu besprechenden Buches zu folgen. Sie reicht aber nicht aus. Breuer legt seiner Analyse eine spezifische Definition von „Weltanschauung“ zugrunde, die sich von seinem Verständnis verwandter Begriffe – vor allem „Ideologie“ und „Gesinnung“ – unterscheidet. Liest man vorliegendes Buch, ahnt man, dass Breuer zwischen diesen Begriffen offensichtlich gewichtige Differenzierungen vornimmt. Auch hofft man, diesen Differenzierungen auf die Spur zu kommen, wenn der Autor in Fußnote 4 auf Seite 236 den Kritikern seines Vorgängerbuches „Nationalismus und Faschismus“[2] zugesteht, dass „eine Differenzierung zwischen Gesinnung einerseits, Ideologie und Weltanschauung andererseits“ darin fehle, und anschließend auf die Einleitung des vorliegenden Buches verweist, die diese Differenzierung vornehme – ja vielleicht sogar erläutere, so hofft man. Doch dieser Hinweis entpuppt sich gleich in doppelter Hinsicht als irreführend. Zum einen macht Breuer, anders als die Fußnote suggeriert, den entscheidenden analytischen Unterschied nicht zwischen Ideologie und Weltanschauung auf der einen Seite und Gesinnung auf der anderen, sondern zwischen Weltanschauung „einerseits“, Gesinnung und Ideologie „andererseits“. Zum anderen enthält die Einleitung zwar verstreute Indizien in Form von Dilthey-Zitaten und Lexikon-Exzerpten – zu einer Erläuterung des analytischen Instrumentariums fügen sie sich aber nicht zusammen. Tatsächlich muss man einem anderen Hinweis folgen, den Breuer in derselben Fußnote liefert, und einen Aufsatz konsultieren, den er 2006 als Teil seiner Essaysammlung „Max Webers tragische Soziologie“ über die „Soziologie des Vereins- und Parteiwesens“ veröffentlicht hat.[3] Daraus geht hervor – klar dargelegt und gut nachvollziehbar –, dass Breuer unter Weltanschauungen „Denkgebilde“ versteht, die über eine Formulierung der gesellschaftspolitischen Interessen ihrer Träger hinaus weitgehende kosmologische, theologische, anthropologische oder geschichtsphilosophische Behauptungen enthalten. Ideologien, so Breuer, kämen dagegen ohne solche Behauptungen aus. Ihnen fehlten ein festes „Weltbild“ und der Anspruch auf objektive Geltung. Zu denken wäre etwa an die von Emil Lederer analysierten „Verbandsideologien“ und die von Weber so genannten „Interessentenideologien“. Wie Ideologien entbehrten auch Gesinnungen der weit reichenden Postulate von Weltanschauungen. Sie beschränkten sich auf Stimmungen und Intuitionen sowie auf ideelle und materielle Interessen. Sie manifestierten sich zum Beispiel in wertrational begründeten Gesinnungsvereinen, die noch unterhalb der Ebene von Ideologien agierten, also nicht die ideenpolitische Reichweite von Konservatismus oder Liberalismus erreichten.

Man mag die Plausibilität dieses auf Weber, Dilthey, Alexander von Schelting und Panajotis Kondylis fußenden Analyserasters unterschiedlich beurteilen – für das Verständnis des vorliegenden Buches ist es unabdingbar. Ebenso unabdingbar ist eine Auseinandersetzung mit Breuers historischer Rahmung der Analyse. Wie in seinen früheren Studien zur deutschen Rechten unterscheidet er zwischen einer ersten und einer zweiten Moderne. Letztere nennt er auch Postmoderne. Jene, die mit Breuers Werk nicht so vertraut sind, mögen hier vielleicht an den „Strukturbruch“ der 1970er-Jahre denken, zumal Ulrich Becks Begriff der reflexiven Modernisierung mehrmals auftaucht. Durch einen Kunstgriff aber amalgamiert Breuer den Beckschen Begriff aus der „Risikogesellschaft“ (1986) virtuos mit Kondylis’ Unterscheidung zwischen einer liberalen Moderne, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts auslaufe, und einer „massendemokratischen Postmoderne“, die dann anhebe. Man sollte in Breuers Buch „Anatomie der Konservativen Revolution“[4] nachschlagen, um sich das genauer erklären zu lassen. Dort erfährt man, dass in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine „Rationalisierung zweiter Stufe“ (Beck) eingesetzt und die Vernunft „entzaubert“ habe – und mit ihr das „gesamte Institutionsgefüge der bürgerlichen Gesellschaft“, die in eine „Welt der Krisen und Zusammenbrüche“ gestürzt worden sei (S. 16). Vor allem der Mittelstand, so erklärt Breuer an anderer Stelle[5], sei dadurch stark verunsichert worden und habe um die Wiederherstellung einer „synthetisch-harmonisierenden Ordnung“ (Kondylis) gekämpft. Dieser Kampf habe aber nur selten eine antimoderne Stoßrichtung besessen, da er meist mit der Anerkennung funktionaler Differenzierung und formaler Rationalität einhergegangen sei.

Dieser historische Rahmen, der hier nur in groben Strichen gezeichnet werden konnte, wäre eine eingehende Diskussion wert. Die geschichtswissenschaftliche Breuer-Rezeption hat ihn meist ignoriert.[6] Um diese Besprechung nicht ausufern zu lassen, komme ich jetzt aber zum Anlass dieser Ausführungen: dem Buch selbst. Es ist vor kurzem in zweiter, unveränderter Auflage erschienen. Wie der Titel verrät, handelt es von der so genannten völkischen Bewegung und führt vom Kaiserreich in die Weimarer Republik. Wie die einleitenden Bemerkungen dieser Besprechung verraten, hat das Buch vor allem ein Problem: das der Wissensvermittlung. „It’s a communication problem“ – würde man in der Politik sagen. Dass die Lektüre von Breuers Büchern im Allgemeinen ein hohes Maß an Konzentration erfordert, ist damit nicht gemeint. Nicht alle Wissenschaft muss B.A.-tauglich sein. Allerdings machen die ersten dreißig Seiten des vorliegenden Buches nicht gerade Lust auf mehr. Während man den auf der ersten Seite auftauchenden „Rattenkönig von Schwierigkeiten“ noch amüsiert zur Kenntnis nimmt, möchte man das Buch nur wenige Seiten später am liebsten entnervt aus der Hand legen. Das liegt nicht nur an schiefen Formulierungen und einer „Plethora“ (S. 10) sprachlicher Idiosynkrasien wie „Rhizom“, „Remedium“ und „Retotalisierung“, sondern vor allem an der mangelnden Klarheit der Argumentationsführung und der fehlenden Erklärung zentraler Begrifflichkeiten. Das gilt für die oben genannten Konzeptualisierungen ebenso wie für den aus der Medizin stammenden Begriff der „Differentialdiagnostik“, mit dem Breuer sein methodisches Vorgehen umschreibt. Die Vermutung liegt nahe, dass dem Autor das Denken in bestimmten analytischen Kategorien so selbstverständlich geworden ist, dass es ihm nicht mehr in den Sinn kommt, diese Kategorien den noch Uneingeweihten zu erläutern. Man kann Breuers Buch sicherlich auch lesen, ohne sein Kategoriensystem verstanden zu haben, doch würde das seine Studie zur bloßen Quelle griffiger Zitate und enzyklopädischer Informationen über das völkische Vereins- und Parteiwesen degradieren. – Sein Buch hat mehr zu bieten.

Wenn man auch kritisieren könnte, dass Breuers Studie von einer begriffsgeschichtlichen Exploration des 1875 kreierten, aber erst von der Jahrhundertwende an sich verbreitenden Neologismus des „Völkischen“ absieht und die umstrittenen Ursprünge der „völkischen Bewegung“ nicht eingehender diskutiert, ist seine analytische Bestimmung des Völkischen sicher bedenkenswert. Breuers Definition völkischer „Gesinnung“ als ein Konglomerat aus Mittelstandsideologie, Radikalnationalismus und ambivalenter Haltung zur Moderne wirkt überzeugender als Uwe Puschners Versuch, das Völkische als eine „Weltanschauung“ zu profilieren, die sich aus mitunter diametral entgegen gesetzten Ansichten über Rasse, Volk, Religion, Sprache, Technik, Urbanität etc. gespeist habe. Puschners „enger“ Begriff des Völkischen[7] erscheint nach der Lektüre von Breuers Buch als zu weit gefasst. Besonders anregend ist Breuers trennscharfe Unterscheidung zwischen Nationalismus und Rassismus. In der Mitte seiner ideengeschichtlichen Matrix angesiedelt, verortet Breuer die völkische Bewegung im Spektrum nationalistischen Denkens und betont die das Völkische und Nationale transzendierende Qualität rassistischer Normierungen und Grenzziehungen. Letztere sieht er vor allem in Hans F. K. Günthers rasse-aristokratischen Vorstellungen exemplifiziert sowie in der Nordischen Bewegung verkörpert.[8] Breuers Analyse zeitgenössischer Bemühungen, zwischen „Volk“ und „Rasse“ zu differenzieren, ist äußerst erhellend. Dass er den von ihm als Maßstab angelegten analytischen Rassismusbegriff nicht deutlicher von weiter gefassten Konzeptualisierungen[9] abgrenzt, ist allerdings schade. Das hätte zur Schärfung seiner Definition des völkischen Antisemitismus[10] beigetragen und den Differenzierungsgewinn seines Analyserasters stärker hervortreten lassen. Auch wäre es vermutlich sinnvoll gewesen, die Rolle des Ersten Weltkriegs im völkischen Denken der Weimarer Republik sowie die Kriegserfahrung von manchen seiner Anhänger stärker zu beleuchten, zumal Breuer die These aufstellt, dass ohne den Weltkrieg die völkische Bewegung wahrscheinlich „in der Marginalität verschwunden“ (S. 144) wäre.

Weiterführend sind darüber hinaus Breuers Betrachtungen über ideen- und biographiegeschichtliche „Interferenzen“ zwischen der völkischen Bewegung auf der einen Seite und benachbarten Bewegungen auf der anderen Seite. So nimmt seine Studie vielfältige Verflechtungen mit Alldeutschen, Kolonialpolitikern, Lebensreformern und Rassehygienikern in den Blick. Außerdem entwickelt Breuer plausible Überlegungen zur „gescheiterten Milieubildung“ der Völkischen im Kaiserreich[11] sowie zum Sozialprofil völkischer Ideenproduzenten, die er mit Weber als „proletaroide Intellektuelle“ charakterisiert. Schließlich ist seine fundierte Analyse der feministisch-antifeministischen Gemengelage hervorzuheben, die von männlichen wie weiblichen Repräsentanten der völkischen Bewegung konstituiert wurde, sowie seine überzeugende Darstellung der Beziehungsgeschichte, die Völkische mit DNVP und NSDAP verband.[12]

Sicher: Bei der Vielzahl von Personen, Gruppen und Kleinstgruppen könnte selbst gewogenen Leserinnen und Lesern schwindlig werden – eine thesenartige Schlussbetrachtung wäre vermutlich hilfreich gewesen. Insgesamt aber bietet Breuers Studie – mal argumentativ, mal stärker deskriptiv – eine alles in allem überzeugend strukturierte, auf breiter Quellenbasis und einschlägiger Forschungsliteratur basierende Gesamtschau, die regionalgeschichtlich differenziert Aufstieg und Verfall der zahlreichen Bünde, Vereine und Parteien der völkischen Bewegung beschreibt und deren vielgestaltige Vergemeinschaftungs- und Vergesellschaftungsprozesse nachzeichnet. Leserinnen und Lesern sei freilich empfohlen, zunächst die eingangs erwähnten Studien des Autors durchzuarbeiten, deren Lektüre nicht nur ausgesprochen lohnenswert ist, sondern auch den Zugang zu diesem Buch erheblich erleichtert.

Anmerkungen:
[1] Stefan Breuer, Ordnungen der Ungleichheit. Die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, Darmstadt 2001, S. 16.
[2] Stefan Breuer, Nationalismus und Faschismus. Frankreich, Italien und Deutschland im Vergleich, Darmstadt 2005.
[3] Stefan Breuer, Soziologie des Vereins- und Parteiwesens, in: ders., Max Webers tragische Soziologie, Tübingen 2006, S. 92-111.
[4] Stefan Breuer, Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1993, 2. Aufl. 1995.
[5] Breuer, Nationalismus und Faschismus, S. 148f.
[6] Vgl. unlängst jedoch den bedenkenswerten Kommentar von Geoff Eley, Origins, Post-Conservatism, and the History of the Right, in: Central European History 43 (2010), S. 327-339, hier S. 336-338.
[7] Uwe Puschner, Völkisch. Plädoyer für einen „engen“ Begriff, in: Paul Ciupke u.a. (Hrsg.), „Die Erziehung zum deutschen Menschen“. Völkische und nationalkonservative Erwachsenenbildung in der Weimarer Republik, Essen 2007, S. 53-66; vgl. auch ders., Weltanschauung und Religion – Religion und Weltanschauung. Ideologie und Formen völkischer Religion, in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1, <http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Puschner> (31.10.2010); ders., Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache, Rasse, Religion, Darmstadt 2001.
[8] Vgl. dazu auch Stefan Breuer, Die „Nordische Bewegung“ in der Weimarer Republik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 57 (2009), S. 485-509.
[9] Vgl. beispielsweise Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, München 2007.
[10] Vgl. dazu auch Stefan Breuer, Von der antisemitischen zur völkischen Bewegung, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15 (2005), S. 499-534.
[11] Vgl. dazu auch Stefan Breuer, Gescheiterte Milieubildung. Die Völkischen im deutschen Kaiserreich, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52 (2004), S. 995-1016.
[12] Vgl. dazu unlängst auch Maurizio Bach / Stefan Breuer, Faschismus als Bewegung und Regime. Italien und Deutschland im Vergleich, Wiesbaden 2010.