M. Overesch: Bosch in Hildesheim 1937-1945

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Titel
Bosch in Hildesheim 1937-1945. Freies Unternehmertum und nationalsozialistische Rüstungspolitik


Autor(en)
Overesch, Manfred
Erschienen
Göttingen 2008: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
315 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Banken, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Ausgangspunkt des vorliegenden Buches ist die die Frage nach dem Spannungsverhältnis zwischen der Robert Bosch GmbH als privatem Unternehmen und den verschiedenen staatlichen Stellen der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Dieser in der Diskussion um das Verhalten der deutschen Unternehmen im "Dritten Reich" immer wieder gestellten, bislang aber weiter umstrittenen Frage geht Overesch anhand der Entstehung und Entwicklung des heutigen Bosch-Zweigwerks in Hildesheim nach, das aufgrund einer Einigung zwischen Bosch und dem Oberkommando des Heeres (OKH) 1937 als Produktionsanlage für elektrotechnische Kfz-Zulieferungen errichtet wurde und nach vollständiger Fertigstellung ab 1943 für die alleinige Fertigung von Lichtmaschinen, Anlassern und Magnetzündern für Panzer und schwere LKW im gesamten Deutschen Reich verantwortlich war.

Aufgrund einer äußerst günstigen Quellenbasis beschreibt Overesch nicht nur ausführlich den Entscheidungsprozess für den Standort Hildesheim sowie die Planungs- und Bauphase, sondern auch Fertigungstechnik und Fertigungsprogramme sowie die Rekrutierung und Ausbildung der Arbeiterschaft. Abschließend behandelt er neben der Zwangsarbeiterbeschäftigung auch die unmittelbare Nachkriegsentwicklung des unzerstörten Werks bis in die fünfziger Jahre, wobei neben der Ansiedlung von Blaupunkt vor allem die schnelle Wiederaufnahme der Produktion für die Autoindustrie in Norddeutschland sowie der Wechsel in der Unternehmensleitung im Vordergrund stehen.

Sieht man von einigen Redundanzen und der zu detaillierten technischen Beschreibung der elektrotechnischen Produkte ab, vermag es Overesch anschaulich, die Handlungsspielräume der Bosch-Konzernleitung in den immer wieder stattfindenden Verhandlungen mit dem OKH, aber auch die betriebswirtschaftlichen Unternehmensinteressen deutlich herauszuarbeiten. So setzte sich einerseits das Militär mit seinen Forderungen nach einem vor Fliegerangriffen geschützten Standort im Wald oder nach der Doppelung der Werksinfrastruktur durch, während Bosch seine Standards für die Werksbauten verteidigte. Auch wenn das Werk nicht nur auf Drängen der Wehrmacht errichtet, sondern auch vollständig durch die staatliche Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie finanziert wurde und das finanzielle Risiko für Bosch gering war, stellten sich dem Unternehmen durch die immer größer werdenden Produktionsforderungen des Heeres erhebliche Probleme, da man für die Fertigung der komplizierten elektrotechnischen Teile eigentlich ausgebildete Feinmechaniker brauchte. Den auch durch die Einberufungen zunehmenden Mangel an Fachkräften glich Bosch durch eine Standardisierung der Arbeitsabläufe, die Konzentration auf wenige Produkte sowie die Einführung einer "fließorientierten" Fertigung aus, was der Verfasser detailliert nachweisen kann.

Deutlich werden auf diese Weise aber nicht nur die Eigeninteressen und Problemlagen der von Bosch eingesetzten Werksleitung, sondern auch die enge Zusammenarbeit des Unternehmens mit der Heeresleitung, nachdem die Entscheidung für den Standort des Zweigwerks erst einmal gefallen war. Da Overeschs Ausführungen leider erst mit den Verhandlungen zwischen dem Stuttgarter Konzern und dem OKH über den genauen Standort, also nach der eigentlichen Entscheidung für ein Zweigwerk einsetzen, kann seine Frage nach der Zwangslage Boschs trotz der zahlreich dokumentierten staatlichen Forderungen nicht abschließend beantwortet werden. Es bleibt unklar, ob und wie Bosch durch staatliche Stellen zur Errichtung des Hildesheimer Werks gedrängt wurde. Ähnlich zweifelnd lassen den Rezensenten auch die Charakterisierung des leitenden Personals sowie die Darstellung der Zwangsarbeiterbehandlung zurück, die doch zu wenig die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen berücksichtigen und zu sehr auf den vorhandenen beschönigenden Quellen basieren, auf deren Problematik Overesch selbst immer wieder verweist.

Trotz dieser kritischen Bemerkungen liegt mit Overeschs Geschichte des Hildesheimer Bosch-Werks ein Fallbeispiel einer Werksneugründung im "Dritten Reich" vor, das sowohl den staatlichen Druck und die Kooperation des Unternehmens als auch die kriegswirtschaftlichen Probleme beim Aufbau eines Rüstungsbetriebs detailreich und überzeugend aufschlüsselt. Indem Overesch in den letzten Kapiteln auch auf die Bedeutung der Werksneugründung für die Stadt Hildesheim nach 1945 eingeht, zeigt er schließlich auch die langfristige Wirkung der nationalsozialistischen Rüstungspolitik, die im östlichen Niedersachen durch zahlreiche neue Industriebetriebe – neben Bosch sind Volkswagen und Salzgitter als wichtigste Großbetriebe zu nennen – einen langfristig positiven ökonomischen Strukturwandel herbeiführte; das Buch liefert damit auch einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über die Bedeutung der nationalsozialistischen Rüstungspolitik für das bundesrepublikanische Wirtschaftswunder.[1]

Anmerkung:
[1] Vgl. Werner Abelshauser, Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder. Deutschlands wirtschaftliche Mobilisierung für den Zweiten Weltkrieg und die Folgen für die Nachkriegszeit, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47 (1999), S. 503-538; Christoph Buchheim, Die Wirtschaftsentwicklung im Dritten Reich – Mehr Desaster als Wunder, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 653-664.

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Veröffentlicht am
14.10.2009
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