J. Darwin: The Global History of Empire

Cover
Titel
After Tamerlane. The Global History of Empire since 1405


Autor(en)
Darwin, John
Erschienen
London 2007: Allen Lane
Anzahl Seiten
592 S.
Preis
£ 25.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Jürgen Osterhammel, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz

Dies ist ein neues Meisterwerk der britischen Makrohistorie und abermals das Ergebnis einer gelungenen Selbstverwandlung eines „imperial historian“ in einen Virtuosen der Globalgeschichte. John Darwins Buch leistet den seit langem wichtigsten Beitrag zur wieder in Schwung gekommenen Empire-Diskussion. Darwin erzählt eine durchgehende Geschichte der Imperien seit dem Tode des Welteneroberers Tamerlan (Timur). Er tut dies ohne vollmundige theoretische Verlautbarungen, aber alles andere als begriffslos oder naiv. Das Buch ist anschaulich geschrieben und dennoch streng argumentativ gehalten. Der Gegenwartsbezug ist deutlich: Geschichte sei dazu da, die heutige Zeit verständlich zu machen. Die 1990er-Jahre waren eine Epochenschwelle, gekennzeichnet durch den Zusammenbruch des Sozialismus, die ökonomische Kraftentfaltung Chinas und die digitale Kommunikationsrevolution. Geschichtsschreibung müsse sich diesen Herausforderungen stellen. Darwin tut dies mit Mut, Eleganz und einer Gelehrsamkeit, die jeden Rezensenten zu Bescheidenheit verpflichtet.

Ein erstes Kapitel „Orientations“ exponiert drei Leitthemen: (1) globale Verbindungen und Globalisierung, (2) die welthistorische Rolle Europas und später des „Westens“, (3) die Resistenz zahlreicher eurasischer Staaten und Kulturen gegen die europäische Expansion. Vor 1800 findet Darwin weniger Kontraste als vielmehr erstaunliche Ähnlichkeiten innerhalb Eurasiens. Im 19. Jahrhundert, nicht früher, schert Europa seinen Sonderweg aus. Aus eurasischer „connectedness“ wurde auf verschlungenen Pfaden, gegen großen Widerstand und mit viel Kontingenz „a global-imperial world“. Diese Entwicklung verlief nicht säuberlich linear oder zyklisch. Sie fand weniger in maritimen Räumen als kontinental und eurasisch statt. Auch heute sollte man sich von der Dominanz der USA auf vielen Gebieten nicht zu sehr blenden lassen: „The center of gravity in modern world history lies in Eurasia.“ Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde Amerika, vor allem sein Nordteil, zum gleichberechtigten Bestandteil eines neu entstehenden „Westens“. Mindestens ebenso wichtig war die territoriale Expansion des Zarenreiches. Nur deshalb kam es, einmalig in der Geschichte, zur (unvollständigen) Einkreisung Asiens durch Europa, der geopolitischen Grundtatsache des 19. Jahrhunderts. Mit Europas Waffen und Waren strömten Informationen und Ideen in andere Teile der Welt, also die stets verunsichernde Moderne. Aber anderswo gab es auch Ansätze zu eigener Modernität. Die meisten wurden unterdrückt. “Perhaps it was not Europe’s modernity that triumphed, but its superior capacity for organized violence.“

Darwin beginnt seine Erzählung mit einem langen Panorama des mittelalterlichen Eurasien. Das Zeitalter der Entdeckungen sieht er als okzidentalen „breakout“ zwischen ca. 1480 und 1620 ohne Pläne für Weltherrschaft und Reichsbildung. Die Europäer nutzten Zufallschancen und lokale Umständen; technologische Überlegenheit spielte außerhalb des Schiffbaus noch keine Rolle. Gleichzeitig formierten sich neue Imperien in Asien, für die uns das Klischee von den „gunpowder empires“ erspart bleibt. Die größte imperiale Leistung der Frühen Neuzeit war das Mogul-Reich seit Akbar. Neben diesem Koloss fiel Europas nach innen gewandte „destruktive Instabilität“ umso deutlicher auf. Auch außereuropäische Ressourcen wie das amerikanische Silber wurden weniger zu weiterer Expansion als zur Finanzierung innereuropäischer Konflikte genutzt. Zwischen 1620 und 1750 verlangsamte sich das europäische Expansionstempo weiter. Die islamische Welt und China waren damals expansiver als Europa. Asiatische Exportoffensiven erreichten europäische Märkte. Von Wallersteins Weltsystem keine Spur! Asiatische Imperien waren noch immun gegenüber europäischen Kriegsmarinen, und europäische Politik blieb introvertiert.

Wann nun kommt Dramatik in dieses Narrativ? Um 1750, als jener Prozess begann, den Darwin mit der größtmöglichen Emphase versieht: die „eurasische Revolution“. Zwischen 1750 und 1830 wurde das Gleichgewicht der Kulturen und Kontinente zerstört. Am Ende dieser Periode, die ein Brite nicht als „Sattelzeit“ identifiziert, war eine weltweite europäische Dominanz entscheidend vorbereitet worden. Sie war kein Ergebnis von Industrialisierung, die vor 1800 kaum erst begonnen hatte. Auch beruhte sie nicht auf wissenschaftlichen und technologischen Vorsprüngen. Die Hauptursachen sind Darwin zufolge „geopolitisch“. Genügt aber der metaphorische Hinweis auf „geopolitical earthquakes“ schon als Erklärung? Auch „the quickening pace of the commercial economy” bleibt zu vage, und das bewährte Interpretament der Verbesserung von Steuererträgen durch den „fiscal-military state“ hätte zum Kern einer (noch) raffinierteren Deutung werden können.

Wird die geopolitische „Revolution“ auch nicht ganz zufriedenstellend erklärt, so werden doch ihre Konsequenzen gut beschrieben. Dazu gehörte das Ende der merkantilistischen Parzellierung der Weltwirtschaft in einer Epoche britischer Suprematie zur See. Dieser beginnende Freihandel, so spekuliert Darwin, hätte eigentlich auch von den Asiaten genutzt werden können, um die Märkte Europas noch mehr mit eigenen Produkten zu überschwemmen. Warum geschah das nicht? Hier kommt nun doch der technologische Innovationsschub des frühen 19. Jahrhunderts ins Spiel, der durch sinkende Produktionskosten den alten Qualitätsvorteil asiatischer Konkurrenten des Westens annullierte. Die geopolitische Revolution blieb also ohne die industrielle unvollständig. Zudem waren neue Technologien nötig, um die militärische Vorherrschaft der Europäer, die während der „eurasischen Revolution“ mit antiquierten Methoden gesichert worden war, zu festigen. Erst Dampfschiff und Eisenbahn machten eine Machtprojektion in Landräumen möglich.

Eine dritte Revolution fand gleichzeitig, vielleicht sogar etwas früher, auf dem Gebiet der Kultur statt: Die “intellektuelle Annexion” Asiens sei der militärischen vorausgegangen. Dieser Schritt fehlt oft in wirtschaftgeschichtlichen Erörterungen der “Great Divergence”. Aber Darwin hätte auch den Spieß umdrehen und mehr dazu sagen sollen, warum sich die Nicht-Europäer so wenig für Europa interessierten und daher leicht überrumpelt werden konnten. Einheimische Gelehrtenklassen hätten ihre Deutungsmonopole verteidigt: Reicht das als Erklärung?

Mit der durch Technologie und neue Machteffektivierung abermals belebten Expansion Europas endete die globale Frühe Neuzeit. Hier bietet Darwin, eher versteckt, ein originelles kontrafaktisches Argument an: Die neue europäische Expansionswelle hätte womöglich gebrochen werden können, wäre die innere Entzweiung Europas nach 1815 weitergegangen. Europa pazifizierte sich aber seit dem Wiener Kongress selbst. Und es erfand den „Westen“, ermöglichte es also, die gigantischen Ressourcen der Neuen Welt für eine einheitliche „liberale“ Zivilisation zu nutzen, zu der Darwin seltsamerweise auch das imperiale Russland zählt. Die westlichen Ökonomien wurden nun auf beispiellose Weise integriert – der Kern der „Globalisierung“ in dieser Zeit. Entscheidend war, dass der ökonomische Aufstieg der USA nicht auf Kosten Europas ging, sondern es stärkte. Darwin geht so weit (hier unterschätzt er die politische Divergenzen zwischen den USA und Europa), für die Zeit nach 1830 von „greater Europe“ als einem „grand expansionist conglomerate“ zu sprechen. Damit wurden die Grundlagen für die neuen (und letzten) Eroberungen der Jahrzehnte zwischen 1880 und 1910 gelegt.

Diese Periode, die man früher die des „Hochimperialismus“ nannte, behandelt Darwin unter der Überschrift „The Limits of Empire“. Dazu sagt er seltener Neues als zu anderen Themen, gibt aber eine lehrbuchreife Epochensynthese, die beste in der Literatur. Dem ungewöhnlich erfolgreichen „empire-building“ der Zaren weist er seinen gebührenden Platz zu. 1913 war Russland ein vollwertiger Bestandteil von „global colonialism“. Wo „the limits“ lagen, wird nicht ganz klar. Wurden sie nicht erst in den 1920er Jahren sichtbar und trendbestimmend? Auch die Zeit nach 1914 schildert John Darwin mit immenser Kenntnis und Kunst: Pflichtlektüre für jede Lehrveranstaltung zur Einführung ins 20. Jahrhundert. Aber es fehlt eine neue große These vom Kaliber der „eurasischen Revolution“.

Welches Gesamtbild erkennt man am Ende des Buches? Darwin verweigert sich allzu simplen Erzählschemata. „Modernisierung“, „Ausbeutung der Dritten Welt“ oder Zyklenmodelle imperialen Aufstiegs und Falls sind ihm zu grob. Auch ist keine klare Unterscheidung zwischen europäischen und asiatischen Methoden von „empire-building“ zu erkennen. Japan macht es zwischen 1895 und 1945 weithin wie zuvor der Westen. Wann begann der Wiederaufstieg Asiens? Sieht man von Japan nach der Meiji-Renovation von 1868 ab, dann fing er mit dem osmanischen Sultan Abdülhamid II. an, der sein Reich retten wollte, tatsächlich aber einem türkischen Nationalstaat vorarbeitete. Eine ungewöhnliche, bedenkenswerte Antwort. Daneben gab es in Asien mehrere halbwegs erfolgreiche Selbststärkungsbewegungen. Ihre Ziele waren stets kulturelle Autonomie und politische Freiheit. Doch die Erfolge der Dekolonisation blieben partiell, solange sie nicht ökonomisch untermauert wurden. Die Illusion von Prosperität durch nationale Abkoppelung von der Weltwirtschaft beherrschte die frühe nachkoloniale Ära. Spiegelbildlich scheiterten in der Phase danach die Rezepte des weltwirtschaftlichen Liberalismus. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts hellte sich „Tamerlane’s shadow“ auf. Asiatische Gesellschaften schufen aus eigener Kraft die Voraussetzungen für eine „große Konvergenz“ innerhalb Eurasiens und des atlantischen Raumes.

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Veröffentlicht am
22.01.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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