: Ghettostadt. Łodź and the Making of a Nazi City. London  2008. ISBN 978-0-674-02799-2

: Die »Gettoverwaltung Litzmannstadt« 1940-1944. Eine Dienststelle im Spannungsfeld von Kommunalbürokratie und staatlicher Verfolgungspolitik. Hamburg  2009. ISBN 978-3-86854-203-5

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jost Dülffer, Historisches Seminar I, Universität zu Köln

Die neue Täterforschung und generell die Forschung über die deutsche Besatzungsherrschaft im Osten steht gegenwärtig im Mittelpunkt des geschichtswissenschaftlichen Interesses. Das gilt zumal für den ins Reich eingliederten Reichsgau Wartheland, gab es doch hier neben Polen eine große Zahl Juden. Gerade in den letzten drei Jahren sind grundsätzliche und zugleich umfangreiche Studien erschienen. Andrea Löw schrieb 583 Seiten über das Getto Litzmannstadt, Michael Alberti legte eine Gesamtdarstellung des Warthegaus auf 574 Seiten vor, während aus der Gießener Arbeitsstelle für Holocaustliteratur, an der auch Löw arbeitete, eine gründliche Edition der einzigartigen Chronik des Gettos Litzmannstadt in einer fünfbändigen, über 3000seitigen Fassung hervor ging.[1]

Was bringen zwei weitere Monographien an Neuem? Gordon J. Horwitz, der unter anderem mit einer Studie über das KZ Mauthausen hervorgetreten ist, nimmt sich in seiner neuesten Studie der Stadt insgesamt an. Nach der Volkszählung für die ehemals zu Russisch-Polen gehörenden Stadt lebten dort 1931 604.000 Einwohner; nach sprachlichen Kriterien waren davon 357.000 Polen, 192.000 Juden und 54.000 Deutsche; die Zahl der Juden wuchs bis Kriegsbeginn weiter an. Nach dem deutschen Einmarsch am 8. September 1939 wurde Lodsch, wie es zunächst auf Deutsch hieß, zur sechstgrößten Stadt des Reiches. Das hatte zur Folge, dass andere Volksdeutsche zu Zehntausenden hierher umgesiedelt wurden und nach diversen Ausgrenzungsmaßnahmen Anfang 1940 ein Getto errichtet wurde. Horwitz geht durchweg antithetisch vor, wenn er die aufstrebende „deutsche“ Stadt der immer katastrophaleren Lage im Getto im Zeitablauf gegenüber stellt. Die Deutschen richteten sich in den vormals jüdischen Wohnungen ein, ließen großzügig neu bauen, ja Litzmannstadt, wie der Ort bald nach einem verdienten General des Ersten Weltkrieges und alten Parteigenossen hieß, wurde Ende 1941 in den herausgehobenen Kreis der Neugestaltungsstädte des Reichs aufgenommen (Posen gehörte schon früher dazu). So kam etwa der Zirkus Althoff im Jahr 1940 vorbei, bekannte Schauspieler besuchten die Stadt und gaben Interviews in der Litzmannstadter Zeitung. Man feierte die christlichen Feste – „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck wurde gespielt etc. Die Geselligkeit gerade in der gehobenen deutschen Funktionärsschicht lief fast friedensmäßig. Propagandafilme wurden gedreht, welche die Eindeutschung der Gegenwart und die noch viel weiter reichenden Planungen der Zukunft zeigten.

Damit kontrastierend wird die Ausgrenzung geschildert. Der erste, unter Chaim Rumkowski gebildete Judenrat wurde noch 1939 umgebracht, und der umstrittene „Judenälteste“ musste sich Personen für einen neuen aussuchen. Die Abgrenzung und dann Verdichtung des Gettos warf schwierige Probleme der wechselseitigen Umsiedlung auf, auch der Versorgung. Gerade Rumkowski - für dessen Verständnis bisher am nachdrücklichsten Isaiah Trunk plädiert hat[2] - wird ambivalent beschrieben: er setzte sich nachdrücklich für Verbesserungen des Gettolebens gegenüber den Deutschen ein, herrschte aber auch recht eigenwillig und überzogen und führte die härtesten Maßnahmen bis zur tödlichen Deportation durch. Deutlich wird der – an sich bekannte – Funktionswandel des Gettos als Ort zur temporären Abschiebung bis zur Produktion als Übergang, dann zum Überleben, schließlich als Ausgangsort für den Tod in Kulmhof oder zum Schluss, 1944, in Auschwitz.

Die „Einsiedlungen“ aus anderen Gettos, aus dem restlichen Warthegau, dann aus dem Reich kommen ebenso vor, wie die täglichen Mordaktionen, die hohe Todesquote und dann die Verbringung in das neu geschaffene Vernichtungslager Chelmno/Kulmhof. Der Autor ist immer bemüht, erlebnisnah zu schildern, die Erwartungen, Befürchtungen und Ängste der Bewohner dem Leser vor Augen zu führen. So verbreiteten die Deutschen etwa 1942 im Getto gezielt das Gerücht, die Ausgesiedelten würden in einem neuen Großgetto bei Warthkirchen (also bei Kulmhof) leben. Horwitz muss aber offen lassen, wie lange der Judenrat oder Rumkowski selbst an eine solche Möglichkeit noch glauben konnten. Er vermutet einen Zeitpunkt im Frühjahr 1942.

Gerade die lebensnahe Schilderung dieser Wege zum Tode macht den Wert der aus guten Quellen gearbeiteten Darstellung aus. Sie versucht immer wieder nüchtern an das eigentlich Unsagbare heranzukommen, die Banalität des Alltags mit der noch nie gekannten Mordqualität zu verbinden. Vieles davon über die Gettoseite findet sich auch bei Andrea Löw, hier jedoch noch weit ausführlicher dargelegt. Nicht zufällig bilden bei Horwitz die Getto-Chronik (in einer älteren englischen Ausgabe) sowie Zeitungen wichtige Quellen. Diese Annäherung an das in vielem singuläre Leben im Getto Litzmannstadt zeichnet die Arbeit insgesamt aus, die nicht sehr analytisch an die Streitfragen und Debatten zur Judenpolitik herangeht – etwa über die Genesis der „Endlösung“. Wohl aber berichtet der Autor auch über das Schicksal der wichtigsten deutschen Verfolger, von denen nur wenige – wie der Gettochef Hans Biebow – 1947 in Polen, eben in Łodź, verurteilt und hingerichtet wurden. Die meisten deutschen Funktionäre aus Litzmannstadt lebten mehr oder weniger unbehelligt. Walter Genewein, der Chef der Gettofinanzverwaltung, starb 1987 bei Salzburg. Aus seinem Nachlass vermag Horwitz eindrucksvolle farbige Amateurfotos von beiden Seiten des Gettos zu reproduzieren.

Das Buch ist für einen weiteren Leserkreis geeignet und stellt die alte Frage „Wie war dies möglich?“ aus der Situation der Deutschen wie Juden gleichermaßen und eindringlich. Nur: über das Leben der Polen in Litzmannstadt findet sich hier (wie auch sonst) insgesamt wenig.

Peter Klein nimmt sich in seiner umfänglichen Studie ganz der Gettoverwaltung Litzmannstadt an, also im Vergleich zu Horwitz oder Löw der „Täterseite“, im Verhältnis zu Alberti eher der lokalen Seite. Der Untertitel umschreibt den Ansatzpunkt klar. Aber auch bei Klein wie bei Alberti wird das Spannungsfeld der Aktionen in einem Mehrebenensystem deutlich, das besonders den Reichsstatthalter Arthur Greiser und seine „Statthalterei“ in Posen ebenso wie die Berliner NS-Größen und -Behörden aller Art zum Thema macht. Hier wird ganz aus der Sicht der „Täter“ gehandelt, und die bürokratische Detailgenauigkeit des Autors macht das Lesen oft zu einer schwer erträglichen, ja quälenden Prozedur – und zwar aus inhaltlichen Gründen.

Einsichtig wird, dass alle Ebenen grundsätzlich die Ausgrenzung von Juden billigten oder voran treiben wollten; Differenzen entstanden dabei über unterschiedliche Perspektiven ihrer Binnenrationalität. So ausführlich habe ich über Besteuerungsmöglichkeiten für die Gettoproduktion, über die Kosten der Regieverwaltung für das Reich durch die Stadt, über Kontenführung unterschiedlicher Zuordnungen, über verwaltungsrechtliche Unterstellungen und Machtaspirationen noch nicht gelesen. Doch gerade hier wird die von vornherein gewaltförmige, auch mörderische deutsche Politik besser oder zumindest anders als bisher erklärt. Das gilt für die Probleme mit der „Einsiedlung“ von Reichsdeutschen im Herbst 1941, mit der von Sinti und Roma aus dem Burgenland, die auch im Einvernehmen mit dem Judenältesten in einem separaten Teilgetto schnell in den Tod deportiert wurden und vor allem für die Einrichtung des Vernichtungslagers Kulmhof und dessen Betrieb 1942/43.

Methodisch werden somit in einer Mikrostudie akteurszentriertes Handeln und polykratische Organisationsstrukturen zusammengebracht, genauer: Akribisch wird eine horizontale wie vertikale Netzwerkanalyse vorgeführt. Einige bisher kaum beachtete Personen treten in den Vordergrund. Vor allem der längst bekannte Hans Biebow, Kaffeegroßhändler aus Bremen und Leiter der Ernährungs- und Wirtschaftsstelle für das Getto, wird in seiner ökonomischen Umtriebigkeit plastischer als je, verstand er es doch seit 1940, durch eine umfangreiche Akquisetätigkeit nicht nur beim Reichsstatthalter, sondern auch reichsweit und dann vor allem bei der Wehrmacht, die Voraussetzungen für den Erhalt des Gettos mit kriegswichtiger Produktion ab 1942/43 zu schaffen. Fälschlich wurde ihm wiederholt von seinen Konkurrenten pro-jüdische Politik unterstellt, „ohne verstehen zu wollen, dass seine Ausbeutungsstrategie gegen die Juden und zugunsten des Deutschen Reichs wirkte“ (S. 260).

Dabei löst Klein auch die schon oft im Vordergrund stehenden Organisationsstränge, etwa Reichsstatthalter, SS-Führung, Wirtschaftsorganisation(en), Polizei auf und arbeitet die personenbezogenen Interaktionen heraus. Gerade die Informationsdefizite und Erwartungshorizonte waren auf verschiedenen Ebenen der deutschen Verwaltung und Verfolgung recht unterschiedlich. So findet er, dass auf der städtisch-regionalen Ebene alle Behörden vergleichsweise gut zusammen arbeiteten, dass aber etwa ein auf Augenhöhe mit Greiser arbeitender Regierungspräsident wie Friedrich Uebelhoer gerade wegen dieses Anspruchs in Posen zunehmend in Ungnade fiel und aufgrund eines bürokratischen Ränkespiels aus Posen und Berlin abgelöst wurde. Biebows Schlüsselstellung beruhte nicht auf einer herausragenden bürokratischen Stellung, sondern auf informeller Tüchtigkeit und ebenso informellen geselligen Kontakten, in denen er dennoch nur bedingt mit Gratifikationen aufwarten konnte.

Eine Scharnierfunktion zum Rück- und Vorblick bildet der Prüfungsbericht des Reichsrechnungshofes für die Zeit bis Ende 1940. Er wurde bereits unter anderem von Christopher Browning erwähnt und 1991 von Götz Aly und Susanne Heim ediert. Gegen deren Interpretation als Strategie der Wirtschaftsfachleute zur rentablen Ausbeutung in einem ökonomisch profitablen Getto wendet sich Klein mit Vehemenz und guten Gründen. Für ihn gab es keine Interessenidentität zwischen Reichsfinanzministerium und Kommunalbehörden – das sei ein „Konstrukt“ (S. 263). Auch sonst und weiterhin habe das Getto nicht buchmäßig profitabel gearbeitet (S. 625 u.ö.).

Weitere wichtige Ergebnisse Kleins erhärten die Auffassung, dass es nicht 1940 die Umsiedlung von Reichsdeutschen aus den baltischen Staaten und anders woher nach Litzmannstadt war, welche der Gettoisierungspolitik zugrunde lag (so unter anderem auch bei Horwitz). Das berüchtigte Schreiben Hermann Görings an Reinhard Heydrich vom 31. Juli 1941 erscheint bei Klein als taktisch motiviertes Machtspiel. Nach diesem Autor begann der Massenmord an ehemals Reichsdeutschen in Litzmannstadt nicht erst im April 1942, sondern war bei anderen Aussiedlungen ins Baltikum schon länger im Gange. Im Warthegau arbeiteten Greiser und Heinrich Himmler relativ gut zusammen, aber Heydrich hatte hier lange wenige Zugriffsmöglichkeiten. Diese zumeist einleuchtenden Korrekturen an gängigen Forschungsmeinungen bilden eines der bemerkenswertesten Züge von Kleins Darstellung.

Ohne in den Datierungsfragen zur Endlösung neue Schlüsseldokumente vorzulegen, macht Klein dennoch plausibel, dass es eine rational von oben gesteuerte Entschlussbildung mit anschließender Umsetzung wohl nicht gegeben habe, sondern eine permanente „Durchsetzung“ (S. 639) allgemeiner Befehle in jeweils informellen Entscheidungsnetzen, wodurch unter anderem Erklärungsansätze für das Aussetzen des Massenmordes zwischen 1943 und 1944 gegeben werden. Eher fragend trägt Klein in diesem Sinne vor, dass es zum Mord an Juden nicht unbedingt neuer Befehlslagen bedurft habe, sondern dass „ein Befehl an verschiedenen Tatorten chronologisch immer wieder auf verschiedene Gruppen angewandt wurde“ (S. 640). Dafür spricht in der Tat manches.

Kleins Mikrostudie, in welcher die deutsche Verwaltung des Gettos Litzmannstadt auf allen höheren Ebenen kontextualisiert wird, vermag so auch gegenüber Albertis grundlegender Studie zum Warthegau einige Akzente anders zu setzen. Fruchtbar ist ein solches Vorgehen allemal. Der Rezensent gesteht, dass er die ersten ca. 470 Seiten mit Faszination gelesen hat, in denen es im Kern um die Jahre 1940 bis 1942 ging. Dann droht die Studie jedoch in Einzelbeobachtungen etwa über die aus Kontoauszügen zu gewinnenden Informationen zu zerfasern, eine Tendenz, die auch zuvor schon zu verzeichnen war. Gewiss ist angesichts unvollständiger Überlieferung z.B. gerade für Kulmhof jedes Detail an Aktenerkenntnissen willkommen. Aber für gedruckte Bücher sollte doch gelegentlich der Blick auf größere Zusammenhänge auch kondensiertere Darstellungsweisen möglich machen.

Zumal im Vergleich des amerikanischen wie des deutschen Buches (und seiner zitierten Vorgänger) fällt das auf und ließe sich leicht generalisieren. Es kann kein Zweifel sein, dass Peter Klein ein fundamentales, an sehr vielen kleinen, aber auch einigen großen Erkenntnissen reiches Buch vorlegt, dem jahrzehntelange Forschung zugrunde liegt. Aber wenn man einem Buch nicht nur einen Stammplatz in einschlägigen Bibliotheken, sondern auch Leser wünscht, dann greift man doch eher zu Horwitz, so unterschiedlich die Ansätze beider Autoren auch sind.

Anmerkungen:
[1]Vgl. Johannes Vossen: Rezension zu: Löw, Andrea, Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Göttingen 2006. In: H-Soz-u-Kult, 19.06.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-170> (29.05.2009); Jost Dülffer: Rezension zu: Alberti, Michael, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939-1945. Wiesbaden 2006. In: H-Soz-u-Kult, 20.09.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-218> (29.05.2009); Jost Dülffer: Rezension zu: Feuchert, Sascha; Leibfried, Erwin; Riecke, Jörg (Hrsg.), Die Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt 1941. Göttingen 2007. In: H-Soz-u-Kult, 14.03.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-207> (29.05.2009).
[2] Isaiah Trunk, Lodz Ghetto. A History, Bloomington, IN 2006 (ursprünglich in Jiddisch: New York 1962).

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05.06.2009
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