H. Volger: Geschichte der Vereinten Nationen

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Titel
Geschichte der Vereinten Nationen.


Autor(en)
Volger, Helmut
Erschienen
München 2008: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
511 S.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Klaas Dykmann, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig

Die Geschichte der Vereinten Nationen verdient große Aufmerksamkeit, nicht zuletzt, da die in die Jahre gekommene UNO sich fortlaufend mit Forderungen nach notwendigen Reformen ihres institutionellen Gefüges sowie ihrer politischen Ausrichtung konfrontiert sieht und daher für eine Standortbestimmung einer historischen Analyse ihrer Ursprünge und ihres Werdeganges bedarf. Der Politologe Helmut Volger ist als ausgewiesener Kenner der Vereinten Nationen anerkannt und weiß auch in dieser Monographie durchaus mit seiner Fachexpertise zu beeindrucken. Er entscheidet sich in der zweiten Auflage seiner 1995 erstmals erschienenen „Geschichte der Vereinten Nationen“ für eine Chronik der UNO anhand der wichtigsten Institutionen, Konferenzen, Berichte, Ereignisse und Reformen. Wenngleich er somit einen Überblick zur UN-Geschichte liefert, geschieht dies leider nicht selten ohne Einbettung in die jeweils globalen, ideen- oder institutionengeschichtlichen Zusammenhänge. Nicht nur aufgrund des Fehlens vergleichbarer historischer Überblickswerke zu den Vereinten Nationen im deutschsprachigen Raum weist Volgers Band dennoch Vorzüge auf, die ihn als klassisches Nachschlagewerk auszeichnen dürften.

Die „Geschichte der Vereinten Nationen“ gliedert sich in acht Kapitel, wobei auf eine überblicksartige, ein Narrativ vermittelnde oder den welthistorischen Kontext eingehender erläuternde Einleitung überraschenderweise verzichtet wurde. Kapitel 1 befasst sich mit der Gründung der UN, das zweite Kapitel mit „ersten Bewährungsproben“ der neuen Organisation zwischen 1945 und 1954. Im dritten Teil behandelt Volger den „Wechsel zwischen Konflikt und Kooperation der Großmächte USA und UdSSR“ in der UNO zwischen 1955 und 1963. Im vierten Kapitel stehen „Universalität und der Nord-Süd-Konflikt“ (1964-1973) im Vordergrund; Kapitel 5 nimmt ebenso die „Dominanz des Nord-Süd-Konfliktes“ zwischen 1974-1986 in den Fokus. Das sechste Kapitel wendet sich „neuen Chancen für die Weltorganisation“ (1987-1995) zu, bevor ein außergewöhnlich langes siebtes Kapitel „neue Herausforderungen und Reformen“ seit 1997 folgt und ein Resümee im achten Kapitel das Buch abschließt. Die historische Entwicklung bis Mitte der 1990er Jahre kann im Angesicht der Kapitelgewichtung nur als Vorspiel zu dem, was seit 1997 folgt, erscheinen. Obwohl das in der zweiten Auflage hinzugekommene siebte Kapitel aus historischer Perspektive nur einen Bruchteil der UN-Geschichte behandelt, macht es dennoch etwa ein Drittel des Buches aus und zergliedert sich in kleinste Unterkapitel wie „Die Reforminitiative der Schweiz-Gruppe“ (Kap. 7, Punkt 1.3.5.3.1.2.). Im Vergleich dazu handeln die Kapitel 4 und 5 völlig unzureichend die ereignisreiche Zeit zwischen 1964 und 1986 auf knapp dreißig Seiten ab. Das sechste Kapitel umfasst dann schon 120 Seiten, bevor das voluminöse, 147 Seiten starke siebte Kapitel Zweifel nährt, dass es hier mehr um die Gegenwart und nicht die Geschichte der Vereinten Nationen geht.

Im Vorwort zur zweiten Auflage macht Volger deutlich, dass es zum Verständnis der „Situation der Vereinten Nationen“ sowie zur „realistischen Einschätzung“ ihrer Handlungsfähigkeit „hilfreich“ ist, „einen Blick in ihre Geschichte zu werfen“ (S. XVII). Hier deutet sich ein politikwissenschaftlicher Zugang zu Geschichte an, der meist eine kurze, mit „wichtigen Fakten“ angereicherte Einleitung bereithält, um dann zur „eigentlichen“ politologischen Analyse vorzudringen. Auf dem Umschlag wird auf den Adressatenkreis des Buches hingewiesen: „Das Buch richtet sich an Politikwissenschaftler, Politiker und Interessierte.“ Sind Historiker nun Interessierte? Oder gelten sie – weithin leider zu recht – als uninteressiert an internationalen Organisationen und somit auch der UNO? Es ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass sich eine „Geschichte der Vereinten Nationen“ nicht ausdrücklich auch an Historiker wendet.

Selten greift die „Geschichte der Vereinten Nationen“ auf unveröffentlichte Primärquellen aus den Archivbeständen in Genf, New York oder anderen UNO-Standorten zurück, sondern beschränkt sich meist auf die offiziellen Reden und publizierten Schriften der Organisation. Es überrascht zudem, dass sich Volger, erwiesenermaßen ein exzellenter Kenner der UNO, kaum auf die Erkenntnisse des lobenswerten (wenngleich nicht von Historikern betriebenen) United Nations Intellectual History Project beruft. Wörtlichen Übersetzungen folgt oft überflüssigerweise der englische Originaltext. Zudem stören recht viele kleine Fehler, die durch ein Lektorat hätten vermieden werden können. Auch sprachlich und stilistisch überzeugt die „Geschichte der Vereinten Nationen“ nicht immer. Dies ist besonders bedauerlich bei einer Publikation, die zum Standardwerk taugt und somit einer gründlicheren Redaktion des Verlages bedurft hätte.

Das Buch beginnt nach einer kurzen Erwähnung der Atlantik-Charta von 1941 fast unmittelbar mit den Verhandlungen zu einer internationalen Organisation während des Zweiten Weltkriegs unter Verweis auf das Schicksal des Völkerbundes. Der Autor bietet im Abschnitt zur Gründungsphase der UNO das eine oder andere Detail auf, sieht aber größtenteils davon ab, die Geschehnisse vor dem historischen Hintergrund zu interpretieren. Die Literaturauswahl für die Gründungszeit der UNO kann z.B. nicht überzeugen; Evan Luards Standardwerke [1] werden über Gebühr herangezogen. Weder Paul Kennedys bereits 2006 erschienenes Buch zur UN-Geschichte [2], Akira Iriyes „Global Community“[3] noch Stephen Schlesingers Arbeit zur Entstehung der UN [4] werden vom Verfasser berücksichtigt.
Das Kapitel zur Zeit zwischen 1964 und 1973 („Universalität und Nord-Süd-Konflikt“), fällt recht deskriptiv aus, umfasst lediglich zwölf Seiten und erscheint dementsprechend etwas schwach. Die Abhandlung der wichtigen Menschenrechtsfrage (Universelle Menschenrechtserklärung und die Menschenrechtspakte von 1966, S. 139/140) gestaltet sich als unzureichend; es findet keine Hintergrundanalyse statt.[5] Zum Eintritt der Volksrepublik China und dem Ausscheiden Taiwans (der Republik China) wird in knapp dreizehn Zeilen nur festgehalten, dass dies „den Realitäten der Weltpolitik Rechnung trug“ – keine historische Einordnung findet statt, nur ein kurzer Verweis auf die Entspannung zwischen den USA und China (S. 140).
Das fünfte Kapitel (1974-1986) behandelt u.a. den Falklandkrieg von 1982, die Zeit unter Generalsekretär Kurt Waldheim sowie den Zahlungsboykott der USA und erweist sich wie das vorangegangene als zu knapp (17 Seiten) und daher vergleichsweise schwach.
Das sechste Kapitel (1987-1995) weiß mit einer ordentlichen Analyse des Ruanda-Falles zu gefallen, bietet aber eine weniger gelungene Analyse des Themenkomplexes Bürgerkriege in Jugoslawien. Des Weiteren bezeichnet der Verfasser die Rio-Konferenz von 1992 wohl zu recht als den Durchbruch des Politikfeldes Umweltschutz in der UNO (S. 210), wobei die Entwicklung seit der Umweltkonferenz von Stockholm 1972 leider vernachlässigt wird (S. 212/213).[6]
Bei der Reform des Sicherheitsrates wird jeder Vorschlag mitsamt der entsprechenden Reaktion der Ständigen Ratsmitglieder erläutert (S. 253-261) – ein völkerrechtlich außerordentlich beachtenswerter Vorgang, bleibt jedoch unerwähnt: die Einnahme des Ständigen Sitzes plus Vetorecht durch Russland, als „Rechtsnachfolger“ der UdSSR.[7]
Im siebten Kapitel (die UNO seit 1997) werden die Reformen unter Annan unter die Lupe genommen. Von gesonderterem Interesse ist hierbei die Sekretariatsreform, die Volger sehr gut beschreibt (S. 295). Im längsten Kapitel werden alle wichtigen Dokumente einzeln durchgesprochen und bewertet. Angesichts des ungemein komplex erscheinenden Forschungsgegenstands wäre es aus geschichtswissenschaftlicher Warte empfehlenswert gewesen, generelle Tendenzen zu erläutern und, soweit praktikabel und zutreffend, die erwähnten Konferenzen, Erklärungen und Berichte als Indikator für die identifizierten Strömungen im Bedarfsfall als Belege zu Rate zu ziehen.
Das Buch reüssiert mit zahlreichen Informationen zu den Verfahrensneuerungen über Abstimmungsmodi und Informationspolitik im Sicherheitsrat unter Berücksichtung von Nichtmitgliedstaaten. Volger urteilt, dass dieses bedeutende Organ auch Dank des Engagements von NGOs transparenter geworden ist und seit den Reformschüben in den 1990er Jahren verbesserte Informations- und Mitwirkungsmöglichkeiten für Nicht-Mitglieder des Sicherheitsrates aufweist (S. 359, 360). Dies ist ein weiteres Verdienst des Buches, einem breiteren Publikum jenseits von informierten Völkerrechtlern und UN-Experten den erleichterten Zugang und Teilnahme von Außenstehenden im Sicherheitsrat bekannt zu machen (S. 362).
Vermutlich aus Platzgründen werden die UN-Sonderorganisationen, die nicht nur historische Bedeutung, sondern auch heute noch beträchtlichen Einfluss besitzen, z.B. die Internationale Arbeitsorganisation oder die Weltgesundheitsorganisation, kaum beachtet.[8]
In Kreisen der Diplomatie und der UNO-Wissenschaftgemeinde ist es nicht einfach, Menschen anzutreffen, die sich nicht an Preisungen des letzten Generalsekretärs Kofi Annan beteiligen – m.E. nur allzu verständlich. So lässt sich auch Volger auf sympathische Weise zu einer Lobrede auf Kofi Annans Initiativen hinreißen, den der Verfasser recht treffend als „pragmatischen Visionär“ bezeichnet (S. 426-431). Die Zeit seit 1997 fasst Volger mit einem nicht überraschenden und etwas nichtssagend wirkenden Fazit zusammen: „Viele Fortschritte, aber die Probleme bleiben“ (S. 431).
Im abschließenden Resümee verliert sich das Buch leider etwas im Pathetischen, wenn es die UN beschreibt als „...Geschichte der Kraft einer Idee, einer wichtigen ethischen Norm, nämlich der menschlichen Solidarität.“ (S. 433).

Trotz der hier erwähnten Kritikpunkte bietet die „Geschichte der UNO“ nicht nur für Sozialwissenschaftler, sondern auch für Historiker den Vorteil, recht rasch über bestimmte Themenfelder zu informieren, wenngleich die oft fehlende historische Einordnung sicherlich ein Manko darstellt.

Anmerkungen:
[1] Evan Luard, A History of the United Nations: The Years of Western Domination 1945-1955, Houndsmills 1982; ders., A History of the United Nations: The Age of Decolonization, 1955-1965: 2, Houndsmills 1989.
[2] Paul Kennedy, Parlament der Menschheit. Die Vereinten Nationen und der Weg zur Weltregierung, München 2007 (Originalfassung 2006 erschienen).
[3] Akira Iriye, Global Community. The role of international organizations in the making of the contemporary world, Berkeley 2004 (Erstauflage 2002).
[4] Stephen Schlesinger, Act of Creation. The Founding of the United Nations. The Untold Story of the Founding of the United Nations, Boulder 2003.
[5] Siehe Roger Normand; Sarah Zaidi, Human Rights at the UN. The Political History of Universal Justice (= United Nations Intellectual History Project Series), Bloomington 2008.
[6] Siehe Michael G. Schlechter, United Nations Global Conferences, in: Global Institutions, hrsg. von Thomas G. Weiss, Oxon 2003, S. 27-40.
[7] Siehe Dimitris Bourantonis, The History and Politics of UN Security Council Reform, Abingdon 2005, S. 38-43.
[8] Auf knapp acht Seiten befasst sich Volger mit dem 1999 ins Leben gerufenen Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) (S. 407-414) – sicher ein löbliches Thema, das Aufmerksamkeit verdient, allerdings stellt der Gerichtshof kein Organ der UNO dar. Hingegen wird der Internationale Gerichtshof, immerhin im Gegensatz zum IStGH ein UN-Hauptorgan, nur auf knapp zwei Seiten behandelt.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.03.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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