Q. E. Wang u.a. (Hrsg.): The Many Faces of Clio

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Titel
The Many Faces of Clio. Cross-cultural Approaches to Historiography. Essays in Honor of Georg G. Iggers


Herausgeber
Wang, Q. Edward
Erschienen
New York 2007: Berghahn Books
Anzahl Seiten
484 S.
Preis
$ 95.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Trüper, Universität Zürich

Die hier zu rezensierende Festschrift erschien 2007 zu Georg Iggers’ 80. Geburtstag. Der eine Herausgeber, Q. Edward Wang, erläutert eingangs luzide die kaum zu überschätzende Rolle des Jubilars für die Entwicklung der Historiographiegeschichte seit den 1960er Jahren. Der andere Herausgeber, Franz L. Fillafer, steuert zum Schluss des Bandes noch eine Kurzbiographie mit Auswahlbibliographie des Geehrten bei. Zwischen den zwei Hälften dieser verdienstvollen Präsentation von Iggers’ (bisheriger) wissenschaftlicher Lebensleistung finden sich 25 Aufsätze, gruppiert in drei Sektionen. Im ersten Teil sind Beiträge zu verschiedenen geschichtstheoretischen Problemen versammelt. Im zweiten geht es um transkulturelle Perspektiven auf die Geschichte der Geschichtswissenschaft – von Iggers als dringliches Desiderat benannt und in Zusammenarbeit mit Wang bereits in Angriff genommen.[1] Im dritten Teil schließlich folgt eine Reihe von Fallstudien, überwiegend zu Problemen der deutschsprachigen Historiographie.

Selbstverständlich sind Festschriften unter den Sammelbänden die unrezensierbarsten. Das Genre erfordert geradezu eine festliche Heterogenität, die sich einem Gesamturteil entziehen muss. Die vorliegende Rezension nimmt sich daher die Freiheit, nur auf eine kleine Minderheit der Beiträge einzugehen, und zwar auf solche, mit deren Hilfe sich einige größere, auch kritische Linien durch das Forschungsfeld der Geschichte der Geschichtswissenschaften, wie es sich in der vorliegenden Festschrift darstellt, ziehen lassen.

Die programmatische Absicht der Herausgeber, die „vielen Gesichter der Klio“ von einem transkulturellen Standpunkt aus zu porträtieren, betrifft vor allem die Beiträge des zweiten Teils. So scheint es angemessen, die Würdigung hier zu beginnen. Q. Edward Wang skizziert in seinem synthetischen Aufsatz zu den interkulturellen Entwicklungen neuzeitlicher Historiographie die historiographischen Diskurse großformatiger asiatischer Kulturkreise: Chinas, des Nahen Ostens und Indiens. Er zeichnet die Linien der jeweiligen Traditionen von Geschichtsschreibung nach und betont Analogien zu europäischen Entwicklungen, zum Beispiel in Form einer quellenkritisch verfahrenden Historie. Zugleich hebt er – am Beispiel der postkolonialen Theorie – die zentrale Rolle hervor, die bis in die jüngste Zeit innerasiatische Transferprozesse von Mustern der Geschichtsschreibung gespielt hätten. Eine solche Darstellung hilft zweifelsohne dabei, eurozentrische Vorstellungen einer einseitigen Diffusion westlicher Modelle in andere Weltgegenden zu verabschieden, und ist insofern höchst verdienstvoll. Auch Gi-Bong Kims Aufsatz zum Gründervater der koreanischen Nationalgeschichtsschreibung, Shin Ch’aeho, illustriert diese Perspektive, wenn er auf Shins Orientierung an chinesischen oder japanischen Vorbildern verweist. In diesem koreanischen Fall ist der räumliche und nationale und damit zugleich politische und ideologische Kontext vorgegeben. Die Historiographiegeschichte verschmilzt in diesem Beitrag (wie so oft) mit der Geschichte der Nationalismen. Doch wo dieser vertraute Rahmen fehlt, läuft die global gedachte Historiographie Gefahr, mit allzu groben räumlichen Allgemeinbegriffen zu operieren. Die jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen spezifischer Geschichtsschreibungen treten dagegen in den Hintergrund. Wang beispielsweise geht kaum darauf ein, in welchen sozialen und politischen Kontexten und nach Maßgabe welcher Interessen und Traditionen Geschichtsschreibung je entstand; noch diskutiert er die mögliche Gleichzeitigkeit diverser Historien innerhalb derselben Kulturen; noch verdeutlicht er hinreichend die Transformationen, die mit den Transferprozessen – als Anverwandlungen fremder Historie – einhergegangen sein mögen. Bei der Lektüre dieser und anderer Beiträge gewinnt man den Eindruck, dass sich die Autoren nicht ausreichend um Klärung bemühen, was denn im Rahmen der „cross-cultural approaches“ mit dem Begriff des „Kulturellen“ jeweils eigentlich gemeint sei.

An diese Beobachtungen anknüpfend wäre zu fragen, ob nicht eine globale Perspektive auf Historiographiegeschichte generell jenseits (oder vielmehr: diesseits) großformatiger, geographisch bestimmter Kulturkreise ansetzen sollte. Matthias Middell und Frank Hadler, die eine programmatische Skizze ihres Projekts zu einer globalen Historiographiegeschichte zur Festschrift beigesteuert haben, setzen sich mit diesem Problem in aufschlussreicher Weise auseinander. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass eine Globalgeschichte keineswegs mit der Vorstellung eines räumlich klar segmentierten Globus operieren sollte. In der Tat liegt der Sinn einer transnationalen Geschichte kultureller Verflechtungen gerade darin, mit räumlichen Kategorien anders umzugehen, sie in ihren kulturellen Überprägungen begreifen zu können und sie nicht einfach als gegebene Vorbedingungen jeder Geschichtsschreibung hinzunehmen. Freilich, was das für die Geschichte der Geschichtswissenschaft konkret bedeuten kann, wird noch nur in Umrissen deutlich. Middell und Hadler verweisen vor allem auf soziale Phänomene wie Institutionalisierung, Gelehrtendiasporas oder Vernetzungen unter Historikern, die für das 20. Jahrhundert aus globaler Perspektive betrachtet werden könnten. Es scheint für das Feld insgesamt noch eine Schwierigkeit darin zu liegen, zugleich mit der räumlichen Makroperspektive einer kontinental strukturierten Globalgeschichte auch deren Allgemeinheitsebene hinter sich zu lassen. Oder vielmehr: die Funktion dieser Ebene neu zu bestimmen, nämlich nicht als das Ziel einer strikt vom einzelnen verallgemeinernden Darstellung, sondern eher als Folie für eine weitgespannte Kasuistik, die nicht Gefahr läuft, relevante Unterschiede vorschnell einzuebnen.

Eine weitere Schwierigkeit, die sich aus dieser Problemlage ergibt, zeichnet sich exemplarisch im Beitrag von Roger V. Des Forges ab, in dem es um die zeitlichen und vor allem die räumlichen Eigenbezeichnungen früher chinesischer Reichsbildungen geht. Des Forges untersucht in nüchtern-philologischer – und entsprechend impliziter – Manier die Übersetzungsprobleme bei einer Wiedergabe der antiken chinesischen Bezeichnungen im Englischen. Diese Probleme sind offenbar enorm, weil die konzeptuellen Ressourcen für die Beschreibung räumlicher Einheiten im antiken China äußerst andersartig waren. Der Schluss liegt nahe, dass eine transkulturelle, global ausgerichtete Historiographiegeschichte zumindest noch erhebliche Vorarbeiten auf der Ebene der basalen Begrifflichkeiten erfordert, auf denen Geschichtsschreibung jeweils fußte. Die „régimes d’historicité“, von denen François Hartog spricht [2], könnten hier einen Anknüpfungspunkt bieten. Freilich würde ein solcher Ansatz eine Art Globalgeschichte der Details erfordern, eine Perspektive, die den meisten von den hier angedeuteten Problemlagen betroffenen Beiträgen des Bandes allerdings eher fernzuliegen scheint.

Auch in anderen Beziehungen entstehen Probleme der Perspektive. So wäre für viele Aufsätze in der Festschrift darauf hinzuweisen, dass Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur mit dem Wissen über die Vergangenheit zu tun haben. Es ist bezeichnend, dass kaum ein Beitrag des Bandes anschlussfähig wäre an die höchst differenzierten Debatten der heutigen, großenteils an Mikroperspektiven entwickelten Wissenschaftsgeschichte; und noch bezeichnender, dass ein solcher Anschluss anscheinend auch nicht gesucht wird. Letztlich liegt aber darin das primäre Desiderat der Historiographiegeschichte, wie sie sich – mit Ausnahmen – in dieser Festschrift präsentiert: ihr Gegenstand kommt ihr abhanden, wenn ihr das Wissen von der Geschichte als unproblematisch gilt.

Neben wissenschaftshistorischen Aspekten vermisst man speziell im zweiten Teil ferner eine tiefergehende Auseinandersetzung mit postkolonialen Debatten. Ähnliches gilt insgesamt für das üblicherweise als „postmodern“ bezeichnete lose Konglomerat begrifflicher Überlegungen. Diese weitläufige, mal mehr, mal weniger zugängliche Provinz des Denkens wird von den meisten Beiträgen ganz gemieden, von anderen dagegen allzu sehr als einheitlich aufgefasst. Es wäre generell wünschenswert, wenn zukünftig genauere Positionen zu derartigen Debatten bezogen würden, auch um aus den eingefahrenen Kreisspuren mancher Theoriedebatten und ideologischen Auseinandersetzungen auszuscheren. Hayden White geht hier mit gutem Beispiel voran und entwickelt einige Gedankengänge über Fiktion und Historie – in eher essayistischer Form – anhand von Tolstois bekannter Skepsis gegenüber der Historie in „Krieg und Frieden“. Diese Allianz von Romanliteratur des 19. Jahrhunderts und „postmoderner“ Theorie zeugt, gleich ob man der Argumentation folgen will oder nicht, von einer intellektuellen Offenheit und Wendigkeit, die man dem Feld insgesamt wünschen würde.

Allerdings: mag der Band insgesamt auch einige Schattenseiten gegenwärtiger Diskussionen zur Geschichte der Geschichtsschreibung aufzeigen, so bestehen daneben doch etliche sonnige Bereiche. Einige Beispiele: Edoardo Tortarolo ist vertreten mit einer geschliffenen Studie über den Einfluss des Exils auf die epistemischen Standpunkte emigrierter deutscher Historiker, der sich in ihrem einhelligen Beharren auf der Rettung der „historischen Wahrheit“ aus den ideologischen Trümmerfeldern des Jahrhunderts zeige. Und einer der wichtigsten Beiträge des Bandes ist zweifellos Chris Lorenz’ Untersuchung der Verkettung der Sozialhistorie Bielefelder Provenienz mit der soziologischen Modernisierungstheorie. Die dichte Analyse, die eine Art dialektischer Selbstaufhebung der Gesellschaftsgeschichte diagnostiziert, eröffnet überraschende ideenhistorische Perspektiven. Auch die genau argumentierenden Studien von Stefan Berger (über Grenzregionen, vergleichend an Elsass und Masuren untersucht), Pavel Kolář (über Verfassungs- und Wirtschaftshistoriker an der Berliner Universität 1890-1933) oder Axel Fair-Schulz (zur DDR-Geschichtswissenschaft und Jürgen Kuczynski) im dritten Teil sind überzeugende und weiterführende Arbeiten.

Insgesamt bleibt also trotz der Kritik an manchen programmatischen Grundlinien des Bandes ebenso wie des Feldes insgesamt ein kontrastreiches Bild. So lässt sich abschließend festhalten, dass auch diese Festschrift den Anforderungen ihres Genres genügt und festlich allen kritischen Verallgemeinerungen und damit der Rezensierbarkeit entgeht.

Anmerkungen:
[1] Georg G. Iggers, Q. Edward Wang, unter Mitarbeit von Supriya Mukherjee, A Global History of Modern Historiography, London 2008.
[2] François Hartog, Régimes d’historicité, Paris 2003.

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22.01.2010
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