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Titel
Unterschicht. Kulturwissenschaftliche Erkundungen der »Armen« in Geschichte und Gegenwart


Herausgeber
Lindner, Rolf; Lutz Musner
Erschienen
Freiburg, Berlin, Wien 2008: Rombach
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Jens Wietschorke, Humboldt-Universität zu Berlin

Ein Anlass und Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes aus der vom Wiener IFK herausgegebenen „Edition Parabasen“ waren die im Oktober 2006 veröffentlichten Stellungnahmen des damaligen Arbeits- und Sozialministers Franz Müntefering zum Begriff „Unterschicht“. Das Wort sei eine „Füllung, die vielleicht lebensfremde Soziologen so gebrauchen können“, er selbst lehne diese Terminologie ab: „Ich teile die Gesellschaft nicht in Schichten“. [1] Was zur Beschreibung sozialer Ungleichheit übrig blieb, war eine so ungenaue wie beschönigende Rede von „Menschen, die es schwer haben, die schwächer sind“. Der von Rolf Lindner und Lutz Musner herausgegebene Sammelband liefert einen engagierten Beitrag zu der damals angestoßenen Debatte über Unterschichten in Deutschland. In sieben Stellungnahmen und Fallstudien befasst er sich mit historischen wie gegenwärtigen Diskursfeldern von Armut und sozialer Ausgrenzung. Dabei wird ein kulturwissenschaftlicher Ansatz verfolgt, durch den „jene Formen von von Macht, Herrschaft und struktureller Ungleichheit in ihren diskursiven und symbolischen Artikulationen sichtbar gemacht werden, die es […] ermöglichen, gesellschaftliche Unterschichten sozial und kulturell zu klassifizieren, zu marginalisieren und staatlich zu verwalten“ (S. 8).

In seinem einführenden Beitrag über die aktuelle Unterschichtsdiskussion als „Gespensterdebatte“ zeigt Rolf Lindner, dass mit der derzeit zu beobachtenden „Vermischung von sozialen und moralischen Kriterien“ ein Wahrnehmungsmuster des 19. Jahrhunderts wieder auflebt: nämlich die Grenzziehung zwischen den „deserving“ und den „undeserving poor“, zwischen einer nach Respektabilität strebenden Arbeiterschaft und dem Lumpenproletariat als dem „Bodensatz“ der Gesellschaft. Dass „Unterschicht“ anscheinend zu einem „schmutzigen Wort“ geworden ist (so Lindner und Musner in ihrem Vorwort, S. 7), macht die aktuelle Debatte um soziale Schichtung, soziale Exklusion und Prekarisierung in gewisser Hinsicht als eine „Gespensterdebatte“ kenntlich – eben als ein Wiedergänger aus dem 19. Jahrhundert. Dieser Hinweis liefert eine ideale Vorlage für die folgenden sechs Aufsätze, die historische und gegenwartsanalytische Ansätze nebeneinanderstellen und miteinander verbinden.

Hervorzuheben ist zunächst der instruktive Beitrag des Wiener Soziologen Sighard Neckel, der den „Wandel der sozialen Selbsteinschätzung“ durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hindurch verfolgt. Neckel zeichnet anhand verschiedener Umfragedaten nach, wie das dichotome Gesellschaftsbild der 1950er-Jahre im Sog des „Wirtschaftswunders“ schrittweise zurückgedrängt und durch ein „Gradationsschema“ sozialer Schichtung ersetzt wurde: Bis zu Beginn der 1990er-Jahre rechneten sich zeitweise über 60 Prozent der westdeutschen Bevölkerung zur „Mittelschicht“; die soziale Selbsteinschätzung entsprach weitgehend der „Zwiebel“ der Schichtungssoziologen. Im Verlauf der 1990er-Jahre aber hat die Identifikation mit der „Mittelschicht“ abgenommen; das ältere Gesellschaftsbild von „oben“ versus „unten“ ist zurückgekehrt. Neckel erklärt die Renaissance der „gefühlten Unterschicht“ aus einem schwindenden Glauben an die soziale Mobilität heraus: Die gegenwärtige Situation verbinde „eine allgegenwärtige Abstiegsgefahr mit faktischen Aufstiegsblockaden“ (S. 37). Das „abgehängte Prekariat“ sei dabei weniger durch kollektives Bewusstsein gesellschaftlicher Benachteiligung als vielmehr von einer „gefühlten Abwertung“ (S. 40) geprägt. Neckels unaufgeregter Blick zurück in die Geschichte der sozialen Selbstwahrnehmung in der Bundesrepublik macht diesen Wandel nachvollziehbar und bettet die Ergebnisse der 2007 von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Milieustudie in einen breiteren gesellschaftsgeschichtlichen Kontext ein.

Im Anschluss daran befasst sich Martin Kronauer mit dem Problem sozialer Exklusion „aus der Stadt/Gesellschaft“ bzw. „in der Stadt/Gesellschaft“. Diese Unterscheidung steht im Mittelpunkt seiner Argumentation: Während in Mittelalter und früher Neuzeit Exklusion im Status der Rechtlosigkeit bis hin zur Vertreibung aus der Stadt bestand, findet sie seit der Urbanisierung zunehmend als Ausgrenzung innerhalb der Gesellschaft, „unter den Bedingungen umfassender institutioneller Einbindung, geradezu Einschließung statt – und zwar trotz oder gerade wegen dieser Einschließung“ (S. 54). Kronauers mit historischer Tiefenschärfe vorgetragene Diagnose wird ergänzt durch einen 12 Jahre alten, für diesen Band neu übersetzten Beitrag Loïc Wacquants über „die städtische underclass im sozialen und wissenschaftlichen imaginären Amerikas“. Wacquant rekapituliert die Konjunkturen des Begriffs in Medien, Wissenschaft und Politik und kennzeichnet die „underclass“ als ein „wildes Konglomerat“ (S. 60) und schwer greifbares „Ensemble antisozialer Verhaltensweisen“ (S. 66). Als ein notwendig unscharfer, vom sozialen Imaginären gespeister Begriff, der nicht zuletzt „das Produkt der gerade gängigen soziopolitischen Vorurteile“ ist, werde „underclass“ – ebenso wie der Begriff des „Ausschlusses“ – leicht zu einem „soziologischen Hindernis“. Wacquants Plädoyer gilt an dieser Stelle der Konzentration auf die „institutionellen Mechanismen, die die soziale Ordnung hervorbringen“ (S. 76-77).

Der Wiener Kulturwissenschaftler Lutz Musner lässt in seinem Aufsatz einmal mehr die großen Zeitdiagnosen von „Postmoderne“ und „Risikogesellschaft“ kritisch Revue passieren und fragt nach deren Beitrag zur Krise der Arbeitsgesellschaft, zur Dominanz eines neuen Individualismus und der unumschränkten Herrschaft des Marktes, die mit neuen Formen sozialer Exklusion einhergeht. Die Entstehung einer prekarisierten „digitalen Bohème“ wird insgesamt zutreffend als Effekt der „neoliberalen Neuformatierung der Gesellschaft“ (S. 94) beschrieben; die Diagnosen einer „Kulturalisierung und Virtualisierung der Lebenswelten“ (S. 82) erscheinen in diesem Zusammenhang als eine theoretische Sanktionierung der Anforderungen, welche die neue Ökonomie an die Individuen stellt. Die hier festgeschriebene Ablösung der sozialstaatlichen Sicherungssysteme durch „hoch individualisierte Mechaniken von Risiko-Chancen“ kommt aber – so Musner – nur denen zugute, die gut ausgebildet und bereits ausreichend sozial abgesichert sind. Kurz: „Die Postmoderne muss man/frau sich buchstäblich leisten können“. (S. 86)

Der ausgezeichnete Aufsatz von Rebekka Habermas behandelt eine Unterschichtdebatte, die weit über 100 Jahre zurückliegt. Auf dem Gothaer Parteitag der SPD 1896 wurde über das Problem des Naturalismus und sozialen Realismus in der Literatur diskutiert: Während die einen für die unbedingte Wahrheit der Darstellung plädierten, lehnten die anderen die ungeschminkte „Elendsperspektive“ und die Vorführung des Brutalen, Rohen, Sexuellen ab. So forderte Wilhelm Liebknecht in Gotha: „Cacatum non est pictum“ – ein Verdikt, das aber nur für fiktionale Texte galt. Habermas zeichnet diese Debatte sorgfältig nach und verweist auf die entscheidende Differenz zwischen dem „othering“ sozialdokumentarischer Texte und den Elendsschilderungen des naturalistischen Romans: Die Sozialreportage schafft durch ihre ethnographische Perspektive eine Distanz, die im Roman nicht angelegt ist. Die ästhetische Verwandlung pauperisierter Arbeiter „zu Ausgeburten des Schmutzes, des Sexuellen und Animalischen“ (S. 117) musste in einer Partei Anstoß erregen, die darum bemüht war, der Arbeiterschaft „einen Platz jenseits des Schmutzes“ (S. 121) zu erkämpfen.

Wolfgang Maderthaner stützt sich in seinem abschließenden, spannend zu lesenden Beitrag über die „Wiener Unterschicht um 1900“ auf eine Reihe von Schriftstellern und Sozialreportern, die das „Vorstadtelend“ als das Andere der Zivilisation, als Komplement des glänzenden „Ringstraßen-Wien“ in Szene gesetzt haben. Ausführlich werden Reportagen über Säufer, Dirnen und arme Poeten, galizische Juden, Heimarbeiter und Bohemiens am Praterstern und im Neulerchenfeld vorgestellt, wobei der Leser allerdings wenig über die Hintergründe der charakteristischen Kombination aus Faszination und Abscheu seitens der bürgerlichen Beobachter im Hinblick auf genau diese Milieus erfährt. Maderthaner interessiert sich dagegen mehr für die symbolische Ökonomie dieser „urbanen Gegenwelt“, in der „materielle Kargheit, soziale Widersetzlichkeit und lustbetonte Lebensfreude eine […] eigenwillige Mixtur eingegangen waren“ (S. 141). Wenn Maderthaner zum Schluss die Neulerchenfelder Teuerungstumulte des Jahres 1911 als „Angriff auf die symbolische Ordnung der Moderne“ (S. 140) deutet, drängt sich die Frage auf, ob dabei nicht ein Stück weit der binnenexotische Blick seiner Gewährsleute reproduziert wird. Denn die „Normalbiographien“ der respektablen Arbeiterschaft passen nicht in das Bild vom „widerständigen“ Potential der Vorstadt; dass die Geschichte des Neulerchenfelds nicht in der Geschichte seiner „outcasts“ und Revolten aufgeht, muss um der Pointe dieser Erzählung willen ausgeblendet bleiben.[2]

Die sieben Beiträge dieses schmalen, aber pointierten Sammelbandes bieten solide Überblicksdarstellungen und interessante Fallstudien. Was ihn konzeptionell auszeichnet, ist – neben dem Mut, das „schmutzige Wort“ auf den Titel zu setzen – die gelungene Verknüpfung historischer und gegenwartsbezogener Analysen, gleichzeitig aber auch seine engagierte Aktualität: Binnen einer verhältnismäßig kurzen Reaktionszeit von circa einem Jahr ist ein fundierter, historisch-kulturwissenschaftlicher Kommentar zur „Unterschichtsdebatte“ entstanden, von dem man sich wünscht, dass ihn vielleicht auch Franz Müntefering einmal zur Hand nimmt. Zumindest sein Diktum von den „lebensfremden Soziologen“ würde er nach der Lektüre wohl zurücknehmen müssen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. das Interview mit Franz Müntefering in den „Tagesthemen“ vom 16. Oktober 2006, online verfügbar unter: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video67916_bcId-_ply-internal_res-ms256_vChoice-video67916.html (Zugriff am 19. September 2008).
[2] Vgl. dazu auch die kritischen Bemerkungen von Kaspar Maase in: Rezension zu: Wolfgang Maderthaner / Lutz Musner, Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Frankfurt am Main 1999. In: H-Soz-u-Kult, 04.09.2000, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=499>.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.11.2008
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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