T. Kaizer (Hrsg.): The Variety of Local Religious Life in the Near East

Cover
Titel
The Variety of Local Religious Life in the Near East in the Hellenistic and Roman Periods.


Herausgeber
Kaizer, Ted
Reihe
Religions in the Graeco-Roman World 164
Erschienen
Anzahl Seiten
XX, 329 S., 76 Taf.
Preis
€ 114,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Daubner, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Der Nahe Osten war in hellenistischer und römischer Zeit ein Raum zahlreichster Kulturbegegnungen. Sprachen- und Völkervielfalt prägten ihn damals wie heute. So scheint diese Kontaktzone prädestiniert zu sein für die Untersuchung der verschiedenartigsten Akkulturationsprozesse im weitesten Sinne des Wortes. Dem steht nun unser eklatanter Mangel an Quellen entgegen, der hier aufgrund der kleinräumigen Verhältnisse besonders ins Auge fällt, aber letztendlich nur noch stärker hervorkehrt, wie wenig wir überhaupt über das Römische Reich der Kaiserzeit wissen. Man kann es durchaus als Vorteil sehen, dass man, da literarische Quellen äußerst rar sind, auf die Untersuchung unmittelbarer Zeugnisse wie Inschriften, Münzen, Plastik oder Stadtanlagen angewiesen ist. Die klassisch scheinende Einteilung der Altertumswissenschaftler in Historiker, Archäologen, Philologen, Religionswissenschaftler, Judaisten, Orientalisten, Semitisten, Epigraphiker und Numismatiker kann angesichts einer dergestalt beschaffenen Quellenlage nur willkürlich anmuten und weicht daher zwangsläufig einer kaum als Interdisziplinarität zu bezeichnenden Zusammenarbeit und Überschreitung der disziplinären Grenzen. Somit ist die Erforschung des antiken Nahen Ostens derzeit einer der regsamsten und fesselndsten Bereiche der Altertumswissenschaften.

Der vorzustellende Band besteht zum Großteil aus den Beiträgen eines Kolloquiums, das 2004 in Oxford stattgefunden hat. Sie beschäftigen sich mit dem lokalen religiösen Leben, dessen Vielfältigkeit anhand von Einzelstudien vor Augen geführt werden soll, wie es bereits der programmatische Buchtitel besagt. Die Einleitung von Ted Kaizer (S. 1-36) beschreibt die Schwierigkeiten der Forschung, neben der „griechischen“ und der „römischen“ Religion eine spezifische „nahöstliche“ zu definieren. Viele der Städte, Dörfer und Regionen der antiken Levante teilten Götter, Rituale und Formen religiöser Architektur, ebenso sind aber auch große Unterschiede zu konstatieren. Einige religiöse Kulturen sind griechischer, andere indigener geprägt, dazu kommen bewusste Importe. Selbst hinter der sehr griechisch anmutenden Fassade der Tetrapolis oder der Dekapolis verbirgt sich eine Vielzahl von Einflüssen. Ausführlich und für jede weitere Beschäftigung höchst nutzbringend ist dieser Forschungsüberblick Kaizers, der bei Franz Cumonts Etablierung des Begriffs „orientalische Kulte“ ansetzt und bis zum aktuell höchst kontrovers diskutierten Kernproblem führt, ob der Orient unter der Herrschaft des Römer traditionsbewusst (laut Maurice Sartre) oder geschichtsvergessen (laut Fergus Millar) war.

Der Beitrag von Milette Gaifman (The aniconic image of the Roman Near East, S. 37-72) kritisiert, dass die allfällige Verwendung des Begriffs Baitylos die Vielzahl der nicht-figürlichen Darstellungsweisen verunklärt und vereinheitlicht. So werde in einem Zirkelschluss der Eindruck eines für den ganzen Nahen Osten typischen Phänomens geschaffen, was letztendlich auf bereits in der Antike greifbare Stereotypen über die Steinverehrung der Araber zurückgehe. Julien Aliquot (Sanctuaries and villages on Mt Hermon during the Roman period, S. 73-96) betrachtet den Hermon als einmalige Kultlandschaft. Auf engem Raum und in großer Höhe finden sich mindestens 25 Kultplätze, die meist von Gräbern umgeben und je an eine Siedlung angebunden sind. Einige bauliche Besonderheiten unterscheiden die Tempel von denen der Bekaa-Ebene und des Libanon-Gebirges und verbinden sie mit denen des Hauran. Leider sind die Bauten kaum datierbar; auch die dort verehrten Götter bleiben, wie fast überall in Syrien, anonym. Dennoch lassen sich einige Aussagen zur sozialen Organisation der Heiligtümer und der Dörfer machen, deren distinktives Merkmal darauf beruht, dass sie – im Gegensatz zu den phänotypisch vergleichbaren Südsyriens – immer zum Territorium einer der Städte Sidon, Damaskus oder Paneas gehört haben.

Die originellen Tempelbauten der Trachonitis und der Hauranitis stellt Arthur Segal vor (Religious architecture in the Roman Near East: temples of the basalt lands, S. 97-132). Er unterteilt den Bestand in „vitruvische“ und in „nicht-vitruvische“ Bauten. Letztere, die Kalyben, dienten wohl immer dem Kaiserkult und sind ein auch zeitlich eng begrenztes Spezifikum dieser Gegend. Jedoch ist bei allen Tempeln im Basaltland der Innenraum, anders als bei „klassischen“ antiken Tempeln, nicht der Gottheit vorbehalten, sondern dient den verschiedensten Zwecken der Gemeinschaft. Achim Lichtenberger (Artemis and Zeus Olympios in Roman Gerasa and Seleucid religious policy, S. 133-153) untersucht das Verhältnis der beiden bedeutendsten Kulte Gerasas und kommt zu auch bevölkerungsgeschichtlich bedeutsamen Ergebnissen. Der Gott Zeus darf nicht, wie oft geschehen, als interpretatio Graeca eines altorientalischen Himmels- und Wettergottes angesehen werden; er ist nicht das Ergebnis einer Verschmelzung, sondern der von Antiochos IV. wohl reichsweit eingeführte rein griechisch-makedonische Zeus Olympios. Die Artemis Gerasas führt jedoch Epitheta, die typisch für den semitischen Raum sind. Seit dem späten 1. Jahrhundert n.Chr. dominiert Artemis die numismatischen und epigraphischen Zeugnisse. Sollte man die Konkurrenz der beiden Gottheiten als Konkurrenz der griechischen und der einheimischen Bevölkerungsgruppe in der Stadt Antiocheia-Gerasa verstehen?

Die Frage, was denn eigentlich ein Samariter sei, versucht Jonathan Kirkpatrick zu beantworten (How to be a bad Samaritan: the local cult of Mt Gerizim, S. 155-178). Ist die Bezeichnung ethnisch, religiös oder geographisch zu verstehen? Die Dichotomie pagan-jüdisch jedenfalls könne kein Erklärungsmodell abgeben, da sie erst mit dem Sieg des Christentums zum Tragen gekommen sei. So untersucht Kirkpatrick die archäologischen Überreste auf dem Gerizim, dem heiligen Berg der Samariter, und in Neapolis, ihrer größte Stadt, dem heutigen Nablus, auf die Kontinuität der Siedler hin. Auch aus dem Namenmaterial Neapolis’ lässt sich schließen, dass es sich bei der Bevölkerung auch nach der Erhebung zur colonia durch Philippus Arabs zum größten Teil um Einheimische handelte. Ted Kaizer (Man and god at Palmyra: sacrifice, lectisternia and banquets, S. 179-191) untersucht insbesondere anhand der palmyrenischen Darstellungen opfernder Götter die Bedeutung der Arten der Opfer für das Verhältnis der Menschen zu den Göttern, das in Palmyra recht eng gewesen zu sein scheint. Insbesondere nimmt er die soziale Funktion des Opfermahls in den Blick.

Die Unterschiede, die sich auf religiösem Gebiet in drei nahe beieinanderliegenden mesopotamischen Städten ausmachen lassen, sind das Thema des Beitrags von Peter W. Haider (Tradition and change in the beliefs at Assur, Niniveh and Nisibis between 300 BC and AD 300, S. 193-207). Ninive und Nisibis, beide römische Kolonien und letzteres zeitweise Provinzhauptstadt, zeichnen sich durch die nahezu ausschließliche Verwendung der griechischen Sprache aus. Einige Divergenzen sollen wohl nicht überbewertet werden, da die Überlieferungssituation zu beiden Städten sehr unterschiedlich ist. Zum bisher nicht ausgegrabenen Nisibis stellen Münzen unsere nahezu einzige Quelle dar, während wir über Ninive durch Baubefunde und Inschriften deutlich besser informiert sind. In Assur hingegen sieht dies anders aus: Alle Inschriften sind aramäisch; in der Zeit der parthischen Herrschaft werden alte Kulte wiederbelebt, daneben neue Götter in Heiligtümern parthischen Typs verehrt. Die Differenzen zwischen den Städten sind eindrucksvoll, wenngleich die Definition eines parthischen Typs von Heiligtümern überrascht.

Lucinda Dirven (Aspects of Hatrene religion: a note on the statues of kings and nobles from Hatra, S. 209-246), die an einem Gesamtkatalog der hatrenischen Statuen und Reliefs arbeitet, von denen es aus der Zeit von etwa 150 bis 240 n.Chr. ungefähr 300 Exemplare gibt, untersucht hier den religiösen Charakter der Menschendarstellungen, die etwa die Hälfte des Bestandes ausmachen. Da Hatra um 240 von den Sasaniden erobert und danach plötzlich verlassen wurde, blieben Statuen und zum Teil auch die zugehörigen Inschriften im jeweiligen Aufstellungskontext erhalten. Außer sechs Stücken von den Stadttoren stammen alle Götter- und Menschenstatuen aus den Heiligtümern. Die Ehrenstatuen, die einen bestimmten Menschen, einen Herrscher oder Würdenträger zeigen, sind gleichzeitig Weihgeschenke für die Götter. Das Phänomen erklärt sich zwar im weiteren Kontext der Religionen des antiken Nahen Ostens, stellt aber durchaus einen Unterschied zur Aufstellung der palmyrenischen Ehrenstatuen dar. Einen Ausblick in die christliche Zeit bietet Jürgen Tubach (Ephraem Syrus and the solar cult, S. 247-262). Dargestellt wird die Bedeutung der Sonne bei dem Theologen und großen Dichter Ephraim dem Syrer, der versuchte, mit seinen Sonnenmetaphern älteres religiöses Gedankengut aufzugreifen und mit christlichem zu verbinden. Dabei ist keine Vermischung intendiert, sondern eine Usurpation der heidnischen Metaphern und religiösen Vorstellungen durch den Christen.

Abgerundet wird der sehr sorgfältig produzierte Band durch eine Gesamtbibliographie und umfangreiche Register. Die neun Einzeluntersuchungen stellen insgesamt einen weiteren wichtigen Beitrag zur Erforschung der vielgestaltigen religiösen Welt des antiken Nahen Ostens dar. Zwar wird es aufgrund der in weiten Bereichen noch recht mangelhaften Forschungslage weiterhin unumgänglich sein, kumulativ zu arbeiten und Phänomene allererst zu erkennen und zu benennen, und eine Synthese steht noch längst nicht in greifbarer Nähe, jedoch zeigt der wertvolle Forschungsüberblick in Kaizers Einleitung, dass auch im Großen durchaus Fortschritte namhaft gemacht und Zwischenresumés gezogen werden können.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.02.2009
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