A. Senarclens de Grancy: Keine Würfelwelt

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Titel
Keine Würfelwelt. Architekturpositionen einer "bodenständigen" Moderne Graz 1918-1938


Autor(en)
Senarclens de Grancy, Antje
Erschienen
Anzahl Seiten
254 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Nierhaus, Wien Museum

Die Auseinandersetzung mit der Architektur des 20. Jahrhunderts in Graz wird heute von jener „Grazer Schule“ dominiert, die seit den 1960er-Jahren eine international beachtete architektonische Avantgarde hervorgebracht hat. Was in den Jahrzehnten davor in der steiermärkischen Landeshauptstadt geplant und gebaut wurde, ist hingegen weitgehend in Vergessenheit geraten. Mit ihrer Studie über die Grazer Architektur der Zwischenkriegszeit schließt Antje Senarclens de Grancy nun aber nicht nur eine Lücke in der lokalen Architekturgeschichte, sondern eröffnet darüber hinaus auch Perspektiven auf die Komplexität und Diversität der „Moderne“ im Rahmen der Bedingungen und Möglichkeiten einer mitteleuropäischen Großstadt.

Nachdem Senarclens de Grancy in einer früheren Publikation bereits die Grazer Architektur der Zeit um 1900 analysiert hat[1], liegt mit „Keine Würfelwelt“ nun gewissermaßen die Fortsetzung vor. Das Interesse der Forschung für die Architektur der Zwischenkriegszeit in Österreich wurde lange Zeit hindurch von der Metropole Wien absorbiert, wo mit dem ebenso bezwingenden wie zwiespältigen „roten“ Wohnbauprogramm, den Ausläufern einer bereits vor 1918 formulierten „Wiener Moderne“, dem elitären kunsthandwerklichen Geist der Wiener Werkstätte um Josef Hoffmann und der Funktionalismuskritik eines Josef Frank vielgestaltige und spannungsgeladene Architekturdiskurse zur Verfügung standen. Die österreichische „Provinz“ lag – sieht man von der Pionierleistung Friedrich Achleitners ab[2] – meist außerhalb dieses Blickwinkels. Damit war und ist an eine differenzierte Gesamtanalyse des österreichischen Beitrags zur Architektur der „Moderne“ nach 1918 vorerst nicht zu denken.

Senarclens de Grancy hat nun einen bedeutenden Teilbereich des vielfältigen und qualitätvollen architektonischen Schaffens der Zwischenkriegszeit in Österreich in einer Form analysiert, die kaum zu wünschen übrig lässt. Sowohl mit der kulturwissenschaftlich orientierten, allzu stringenten entwicklungsgeschichtlichen Mustern konsequent misstrauenden Methodik, als auch in der Wahl der Schwerpunkte entspricht die Arbeit ganz den Erfordernissen und Problemen ihres Gegenstandes – des Planens und Bauens in Graz zwischen 1918 und 1938.

Bereits in der Einleitung stellt Senarclens de Grancy klar, dass sie sich für die Vielfalt der Diskurse um 1930 interessiert und damit eine formale und inhaltliche Ambivalenz untersucht, die sich quer durch die Biographien der einzelnen Protagonisten – Frauen waren in Graz offenbar nicht beteiligt – zieht. Senarclens de Grancy versteht „Architektur als kulturelle[n] Prozess“ und „gesellschaftliches Handeln“, rückt dezidiert „das Prozesshafte und Performative, das nicht Abgeschlossene der Architektur“ (S. 12) in den Mittelpunkt und gründet ihre Untersuchung auf zwei Thesen: 1.) Die starke Bindung der Grazer Architektur an „Heimat“ und Tradition liege nicht an der Provinzialität der Stadt, sondern sei ein bewusster, erst durch die intensive Rezeption der internationalen Avantgarde vollzogener Akt. 2.) Das Muster vom „linken“ Modernismus und den „rechten“ Traditionalisten habe keine Gültigkeit (mehr), sondern sei „das Produkt einer auf Durchsetzungskraft und Stringenz ausgerichteten Geschichtsschreibung“ (S. 15). Senarclens de Grancy kritisiert damit also einmal mehr das lange vorherrschende und mittlerweile vielfach dekonstruierte (Selbst-)Bild einer politisch korrekt beständig vorwärts stürmenden „Moderne“, vor allem aber dessen unreflektierte Übernahme durch eine ebenso an den vermeintlichen „Fortschritt“ einer „Entwicklung“ gebundene Kunstgeschichtsschreibung.[3] Die vom konsequenten Beharren auf einen diffusen Traditionsbegriff durchzogene Grazer Architekturszene der Zwischenkriegszeit setzt Senarclens de Grancy in Beziehung zu der bei aller „Modernität“ ebenfalls stets an die Tradition gebundenen bzw. diese respektierenden Wiener Architektur. Wenn sich auch die Grazer Baukultur damit auf den ersten Blick nahtlos in das bekannte Interpretationsmuster der österreichischen Architektur jener Zeit fügt, so zeigt Senarclens de Grancy in den folgenden sechs großen Kapiteln dennoch eindringlich, dass die Situation in Graz von jener in Wien grundverschieden war.

Zunächst (S. 22-37) werden die historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhänge und Voraussetzungen sowie die „Entwicklungslinien“ der Architektur in einer Stadt beschrieben, die bereits seit dem späten 19. Jahrhundert von einer starken deutschnationalen Gesinnung geprägt gewesen war. Dieser Umstand lenkte früh den Blick an Wien vorbei, etwa nach München, und ermöglichte damit eine von der Hauptstadt unabhängig auftretende Architektur. Im Graz der Zwischenkriegszeit, so Senarclens de Grancy, „wurden […] intensiv Ideen und Formen aus Städten wie Wien, München, Berlin oder Paris importiert, verarbeitet, umgeformt, angepasst und variiert.“ (S. 30) Man wollte zwar „keine Würfelwelt“ erschaffen, aber dennoch den Anforderungen des „modernen Lebens“ entsprechen. In Graz konnte von einem Konflikt, wie er in Deutschland zwischen den Vertretern des Neuen Bauens und den Traditionalisten ab den späten 1920er-Jahren immer schärfer geführt wurde, nicht die Rede sein. Dagegen konstatiert Senarclens de Grancy für Graz ein „relativ unkompliziertes Nebeneinanderbestehen“ (S. 31) unterschiedlicher Strömungen, das erst in den 1930er-Jahren problematischer wurde, als sich unter dem autoritären Regime des „Ständestaates“ die Lager immer schärfer abzeichneten. Bis 1938 aber agierten Progressive und Konservative nebeneinander und nicht selten gemeinsam.

Einen Schwerpunkt (S. 40-81) legt Senarclens de Grancy auf die Darstellung jener Netzwerke, die die Architekturszene formierten, zusammenhielten und gegenüber der Öffentlichkeit vertraten. Neben dem völkisch-national orientierten und dem Heimatschutz verpflichteten Steiermärkischen Werkbund war die Sezession Graz die zweite große Vereinigung, die im Gegensatz zum Werkbund „Offenheit als Programm“ (S. 54) vertrat, den Anschluss an internationale Tendenzen forderte und in Ausstellungen die internationale moderne Architektur dem Grazer Publikum präsentierte. Zeitschriften wie die „Bau-, Wohn- und Kunstberatung“ waren wichtige Kommunikationsmittel mit der Öffentlichkeit.

Der „Anschluss an (inter-)nationale Entwicklungen“, der im nächsten Abschnitt thematisiert wird (84-107), geschah vorwiegend über Ausbildungswege der Architekten, Vorträge und Ausstellungen; so wurde etwa 1930 die vom Deutschen Werkbund organisierte Wanderausstellung „Internationales Neues Bauen“ bei ihrer Station in Graz eingehend diskutiert. Nach dem politischen Umschwung von 1933/34 entsprachen die Ausstellungsthemen immer mehr den konservativen kulturpolitischen Zielsetzungen der Austrofaschisten.

Wesentliche „Leitbilder“ (S. 110-149) der Architekturdebatte jener Jahre fixiert Senarclens de Grancy dann in der Polarisierung von „Wohnmaschine“ und „Heim“. Hier nun werden wichtige Grazer Protagonisten des „Neuen Bauens“ vorgestellt: der weitgehend vergessene, 1935 nach Palästina emigrierte Eugen Székely sowie der als kommunistischer Widerstandskämpfer 1943 hingerichtete Herbert Eichholzer. Letzterer wird durch seine persönlichen Kontakte zu so unterschiedlichen Gestalten wie Le Corbusier und Clemens Holzmeister als eine Figur skizziert, die bei aller Modernität beinahe ebenso vielseitig und ambivalent ist, wie die gesamte Grazer Szene. Gegen die Kälte des maschinellen Wohnens postulierte man hier eine im Bodenständigen wurzelnde „Gemütlichkeit“, die oft mit intensiver Deutschtümelei verbunden wurde. Nach 1933 wurde vor allem das „Steirische“ und „Heimatliche“ betont und selbst Eichholzer fügte sich bei manchen Interieurs ins Rustikale. Das 1928 als Ausstellungs- und Musterbau errichtete „Werkbundhaus“ begreift Senarclens de Grancy dann als Manifest einer Moderne, die „mit der bodenständigen, handwerklichen Tradition versöhnt und durch diese ‚beseelt’ werden“ sollte“ (S. 129). Gegen die im Vergleich mit dem zeitgenössischen „Neuen Bauen“ mehr als moderate architektonische Sprache wurde in der Lokalpresse mitunter heftig polemisiert, der Bau fand jedoch kaum überregionale Resonanz.

Das letzte Kapitel (S. 152-227) trägt die unglückliche Überschrift „Bauen zwischen Tradition und Moderne“; unglücklich deshalb, weil in der altbekannten Polarisierung von „Tradition“ und „Moderne“ die zuvor vermittelte Differenzierung des Moderne-Begriffes, der eben auch und in besonderem Maß traditionelle Elemente integriert, erfreulicherweise nur im Titel relativiert wird. Senarclens de Grancy überblickt hier die wichtigsten Bauten, Projekte und Bauaufgaben. Stilistisch reicht der Bogen vom späten Einfluss Otto Wagners über die „bodenständige“ Moderne bis hin zum „Neuen Bauen“. Die Vielfalt der zuvor erläuterten Strömungen und die Diskrepanz der Positionen werden nun anhand konkreter Objekte greifbar, darunter die bedeutendsten Grazer Beispiele des internationalen „Neuen Bauens“, die Wohnhäuser Eichholzers und das in Graz solitäre Verwaltungsgebäude der städtischen Gas- und Elektrizitätswerke von Rambald von Steinbüchel-Rheinwall. Die um 1930 für den Jakominiplatz entwickelten, zum Teil an Berliner Großstadtvisionen erinnernden Bauprojekte gipfelten in Überlegungen zu einem ersten Grazer „Wolkenkratzer“, die freilich Papier geblieben sind.

Senarclens de Grancy kommt zu dem Schluss, dass die österreichische Moderne der Zwischenkriegszeit „weder im Hinblick auf ihre Themen noch in Bezug auf die ästhetischen Ausbildungen ein homogenes Gebilde“ war (S. 230). Im Vergleich zu Wien spielten in Graz zudem nationalistische und „völkische“ Aspekte sowie ein Berufen auf das Bodenständige eine weitaus größere Rolle. „Die Vorstellung einer ‚bodenständigen’ Moderne ist einem selektiven Vorgang entsprungen, bei dem bewusst aus dem verfügbaren Repertoire ausgewählt und ausverhandelt wurde, was in dieses Konzept integriert und was abgelehnt werden sollte. Sie erweist sich somit als eine gesellschaftliche Konstruktion.“ (S. 231)

Mit „Keine Würfelwelt“ liegt eine exemplarische, quellenreiche und zudem ansprechend gestaltete Studie vor, die die ganze Bandbreite der Architektur und ihrer Diskurse im Österreich der Zwischenkriegszeit in einer weiteren Facette und unter neuen, in der derzeitigen Forschung aktuellen Gesichtpunkten analysiert und präsentiert. Über den engeren fachlichen Rahmen hinaus wurde hier am Beispiel der Architektur ein wichtiger Beitrag zur Grazer und österreichischen Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert geleistet. Erst wenn vergleichbare Untersuchungen zu anderen größeren und kleineren kulturellen Zentren vorliegen werden, kann in einer breiteren Analyse die vielgestaltige Architektur der „Moderne“ – in Österreich und darüber hinaus – abseits etablierter Deutungsmuster umfassend und neu beleuchtet werden.

Anmerkungen
[1] Antje Senarclens de Grancy, „Moderner Stil“ und „Heimisches Bauen“. Architekturreform in Graz um 1900, Wien 2001.
[2] Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in drei Bänden, Salzburg 1980ff.
[3] Vgl. Katja Bernhardt / Christian Welzbacher, Historismen? Modernismen! Editorial, in: kritische berichte Heft 1.2007, S. 3-10.

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Veröffentlicht am
10.02.2009
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