P. Büttgen u.a. (Hrsg.): Michel de Certeau lesen

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Titel
Lire Michel de Certeau - Michel de Certeau lesen. la formalité des pratiques - Die Förmlichkeit der Praktiken


Herausgeber
Büttgen, Philippe; Jouhaud, Christian
Reihe
Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 12/2008
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Vittorio Klostermann
Anzahl Seiten
IV, 270 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Pohlig, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Was ist Religion? Etwas, an das man glaubt – oder etwas, das man tut? Wie hängen Glaubenspraktiken und Glaubenslehren miteinander zusammen? Und wie verändert sich Religion, wie entsteht Säkularisierung? Aus sich heraus – oder durch externe Faktoren? Diesen Fragen geht der anzuzeigende Sammelband nach – naturgemäß ohne endgültige Antworten geben zu können, doch in der kritischen Auseinandersetzung mit einem stimulierenden Einzeltext. „Lire Michel de Certeau“ bedeutet keine Zuwendung zum Gesamtwerk Certeaus, sondern eine wohltuend kleinteilige Auseinandersetzung mit dem klassischen, aber relativ unbekannten Aufsatz „La formalité des pratiques“ von 1973. Inhaltlich geht es Certeau und seinen Interpreten vor allem um frühneuzeitliche Säkularisierung, methodologisch um den Status von „Praktiken“ in den Geisteswissenschaften.

Der Band ist insofern ein kleines Experiment, als sich hier französische und deutsche Historiker/innen, Theologen/innen und Literaturwissenschaftler/innen zusammengefunden haben, um über Interpretationen eines einzigen Aufsatzes ins Gespräch sowohl inhaltlicher als auch methodologischer Art zu kommen. Er enthält die deutsche Erstübersetzung von Certeaus Aufsatz „La formalité des pratiques“ (von Xenia von Tippelskirch in flüssiges Deutsch übertragen, eine wegen der Dunkelheiten von Certeaus Stil schwierige Aufgabe) und eine Reihe von Beiträgen, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit diesem Aufsatz befassen. Certeau, der in Deutschland eher berühmte als gelesene Jesuit, Psychoanalytiker, Foucault-Freund und Historiker der frühneuzeitlichen Religion, soll damit – so lese ich den Titel des Bandes – ins Bewusstsein gerückt und ein wenig auch beworben werden.

Es ist nicht einfach, Certeaus „long et étrange article“ (Alain Boureau, S. 114) zusammenzufassen. Auf seine historische These gebracht, postuliert Certeau eine Veränderung der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion vom 17. zum 18. Jahrhundert – der Untertitel des Textes lautet „Vom religiösen System zur Aufklärungsethik (17.-18. Jahrhundert)“. Er beschreibt einen Säkularisierungsprozess, der am katholischen Frankreich exemplifiziert wird. Dieser besteht nicht so sehr in einer Veränderung religiöser Lehren oder Frömmigkeitspraktiken (z.B. Andacht, fromme Stiftungen etc.); was sich ändert, ist ihre „formalité“, ihr Bezugsrahmen. Während bis ins 16. Jahrhundert Religion und Theologie der universelle Bezugsrahmen alles sozialen Handelns gewesen sei, setze sich durch die religiöse Verunsicherung der Kirchenspaltung und den Aufstieg des absolutistischen Staates eine neue „formalité“ religiöser Praktiken durch: Certeau beschreibt die Verschiebung von „einer religiösen Ordnung“ zu „einer politischen und ökonomischen Ethik“ (S. 7). Mit der neuen Orientierung der Religion an Staatsräson, (aufgeklärtem) Nützlichkeitsdenken und Gemeinwohl ergäben sich zwei Veränderungen: Religion werde politisiert und zu Folklore/Volkskultur gemacht. Häresien seien ab jetzt primär politische Oppositionen. In gewisser Weise finde die christliche Evangelisierung ihren Nachfolger in der pädagogischen Mission der Aufklärung. Certeau nennt dies nicht Säkularisierung, sondern – eher en passant – Entchristianisierung oder auch die „Auflösung des religiösen Universums“ (S. 53) bei gleichzeitigem Fortbestehen des christlichen Glaubens.

Certeaus methodischer Vorschlag besteht darin, die beschriebene Transformation weder idealistisch (aus einer Veränderung religiöser Lehren) noch materialistisch (von äußeren Faktoren her) noch auch durch mehr oder weniger unbewusste Mentalitätsverschiebungen zu erklären; daraus resultiert eine generelle Zurückhaltung gegenüber Kausalmodellen. Certeau geht es eher darum, die religiösen Lehren und die Frömmigkeitsformen für sich ernst zu nehmen und nach ihren spezifischen Beziehungen und Beeinflussungen, aber auch nach dem Abstand zwischen ihnen zu fragen.

Beide Aspekte – der inhaltliche wie der methodische – werden im vorliegenden Sammelband ausführlich diskutiert. Natürlich können nicht alle Beiträge besprochen werden. [1] Doch möchte ich darauf hinweisen, dass die Beiträge durchweg interessant und durchdacht sind, und dass verschiedene Zugänge zu Certeaus Text ausprobiert werden – einerseits eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Text oder einzelnen seiner Argumente; andererseits eine Verbindung von Certeaus Analyse mit eigenen religionsgeschichtlichen Forschungen der Autoren zur Frühen Neuzeit. Ist im zweiten Fall wegen des eher eklektischen Umgangs mit Certeau dessen Anregungspotential unbezweifelbar, werden bei einer umfassenderen Auseinandersetzung mit dem Aufsatz dessen Schwächen schnell deutlich.

Ist der von Certeau beschriebene Säkularisierungsprozess plausibel? Jean-Pierre Cavaillé kritisiert, wie andere auch, den letztlich makrohistorischen Ansatz Certeaus und hält anstatt eines grundsätzlichen Bruchs doch eher ein Bündel kleinerer Veränderungen für ausschlaggebend (S. 112). Auch Rebekka von Mallinckrodt kommt insgesamt zu einem negativen Ergebnis: Sie betont wie viele Autoren, dass Certeaus Vorstellung vom Mittelalter und der früheren Frühneuzeit (eine Gesellschaft, die einem universellen religiösen Bezugsrahmen gehorcht) mindestens unscharf und romantisch, wenn nicht falsch sei. Auch werde die komplexe Situation des konfessionellen Zeitalters mit ihrem Ineinander von Konfessionalisierung und Säkularisierung von Certeau ignoriert (S. 261). Christophe Duhamelle weist darauf hin, dass Certeau die diagnostizierte Verschiebung wie einen Selbstläufer beschreibt, für den kaum Ursachen angegeben werden (S. 179); am ehesten wäre wohl, und das zeigt die Großflächigkeit des Certeauschen Ansatzes, die Konfessionsspaltung und die mit ihr in irgendeinem Konnex stehende absolute Monarchie als „Gründe“ für Säkularisierung auszumachen. Duhamelle plädiert zu Recht für eine Ausweitung des sozialen Spektrums der Säkularisierungsdiskussion – Certeaus Text ist eben doch, trotz anderslautender Etikettierungen, weitgehend ideengeschichtlich und handelt eher von Texten als von Praktiken – und für einen Blick über Frankreich hinaus. Sicher sind die Einordnung von Religion in einen politischen Bezugsrahmen, ihre Folklorisierung und ihre Objektivierung zum wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand zentrale säkularisierende Bewegungen der späteren Frühneuzeit. Aber die Verbindung von Holzschnittartigkeit mit Allgemeinheitspathos, die Certeaus Text kennzeichnet, überzeugt heute nicht mehr. Insofern bin ich nicht sicher, ob die Autoren einer jüngst erschienenen Monographie zur frühneuzeitlichen Säkularisierung (darunter auch der Rezensent) unrecht hatten, wenn sie Certeau nicht zu einem ihrer Referenztheoretiker erklärt haben. [2]

In methodischer Hinsicht zeigt Philippe Büttgen auf, dass Certeau – anders als Teile der heutigen Kulturgeschichte mit ihrem wild wuchernden Leitbegriff der „Praktiken“ – den Praxisbegriff in Bezug zum Gegenbegriff der „Doktrin“ setzt, ohne dieses Verhältnis reduktionistisch zu verkürzen. Trotz der antireduktionistischen Intention Certeaus hat sein monistischer Ansatz, der makrohistorische Referenzrahmen bemüht, um die „Förmlichkeit“ von Praktiken zu beschreiben, eine starke – zu starke – Homogenisierungstendenz (Cavaillé). Und doch: Der in der heutigen Diskussion oft hochgradig individualistisch verstandene Begriff der Praxis (oder auch der agency, des Eigensinns etc.) wird durch Certeaus Postulat einer „Geformtheit“ der Praktiken – also einer Einordnung in einen gesellschaftlichen Referenzrahmen – zurückgebunden an überindividuelle Phänomene. Erst die Verbindung der „formalité“ der Praktiken mit der Möglichkeit auch widerständiger Aneignung (die Marian Füssel theoriegeschichtlich situiert) beschreibt die Geprägtheit von Praktiken ebenso wie ihre Kontingenz. So interessant mir also die Idee eines historisch spezifischen Referenzrahmens erscheint, dem alle, auch gegensätzliche, Praktiken einer Epoche zugeordnet sind, so wenig verstehe ich letztlich, warum Certeau die Bezugnahme auf diesen Referenzrahmen als „formalité“ (Förmlichkeit – oder auch Geformtheit, Funktion, oder: Form?) bezeichnet. Auch einigen der Beiträger scheint nicht ganz klar geworden zu sein, was eigentlich die „formalité“ einer Handlung von ihrem Inhalt unterscheidet.

Methodisch ist Certeaus Text also anregend: Seine Idee einer Geformtheit der (religiösen) Praktiken und ihr Bezug auf religiöse Doktrinen scheint mir ein wichtiges Korrektiv zu einem unspezifischen Begriff der Praktiken und auch zu stark individualisierenden agency-Konzepten in der gegenwärtigen Forschung darzustellen. Fragwürdiger bleibt Certeaus historische Beschreibung. Ob erst das 18. Jahrhundert und nicht die ständische Gesellschaft insgesamt eine Ethik kannte, „die auf der Grundlage von sozialen Gesichtspunkten und ökonomischen Verhältnissen formuliert wird“ (S. 31), erscheint mir zweifelhaft. Certeaus These von der Moralisierung und Politisierung der Religion ist alles andere als originell; dazu kommt von heute aus gesehen eine maßlose Überschätzung des „Absolutismus“. Als Text, der die frühneuzeitliche Veränderung der Bedeutung von Religion diagnostizieren will, scheint mir der Aufsatz wenn nicht obsolet, dann doch ergänzungsbedürftig zu sein.

Eine letzte, persönlichere Anmerkung sei gestattet: Die Strahlkraft der „french theory“ beginnt zu verblassen, und das, was sie einmal in besonderem Maße auratisch hat werden lassen, produziert jetzt leicht Gereiztheit: Certeaus Stil, wie in mancher Hinsicht auch derjenige Foucaults und anderer, verbindet passagenweise gezielte Unklarheiten bis hin zu mutmaßlichem Nonsens mit dem Anschein und Anspruch höchstmöglicher Präzision. Man muss das wohl mögen, um es zu goutieren.

Anmerkungen:
[1] Ein Inhaltsverzeichnis findet sich unter <http://www.klostermann.de/zeitsch/zspr_121.htm>.
[2] Vgl. Matthias Pohlig u.a., Säkularisierungen im frühneuzeitlichen Europa. Methodische Probleme und empirische Fallstudien (Zeitschrift für historische Forschung Beiheft 41), Berlin 2008.

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28.01.2009
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