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Titel
Deutschlandbilder. Historische Schulatlanten zwischen 1871 und 1990. Ein Handbuch


Autor(en)
Lehn, Patrick
Erschienen
Köln 2008: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
596 S.
Preis
€ 99,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Bode und Mathias Renz, Justus-Liebig-Universität Gießen

Patrick Lehn hat mit seiner umfassenden Dissertation zur Geschichte der Geschichtsschulatlanten in Deutschland ein dringendes Desiderat aufgegriffen. Zum einen stellen Geschichtskarten angesichts der Hinwendung zu Fragen von Raum und Geschichte, dem so genannten „Spatial turn“, ein bisher viel zu wenig beachtetes Medium dar, während zu Historischen Karten als Quellen eine reiche Zahl an Neuerscheinungen zu verzeichnen ist. Zum anderen gab es bisher nur einzelne Beiträge etwa von Irmgard Hantsche, Armin Wolf und Detlef Mittag, die in den letzten Jahren Geschichtsatlanten in den Blick nahmen. Nun ist mit Lehns diachron angelegter Monographie gleich ein äußerst umfassendes und detailliertes Werk erschienen, das mit seinen 596 Seiten eindeutig Handbuchcharakter besitzt und aufgrund seiner großen archivalischen und kompilatorischen Leistung zukünftig ein unverzichtbares Hilfsmittel darstellt.

Patrick Lehn schreibt eine Geschichte der deutschen Geschichtsatlanten, recherchiert ein wahres Kaleidoskop an Hintergrundinformationen und Details rund um Auflagen, Richtlinien, Vorgaben, Konzeptionen und Intentionen. Der Autor untersucht zudem unternehmerische Überlegungen seitens der Verlage und gibt Einblicke in Themengebiete und Inhalte der Geschichtsatlanten. Schließlich zeigt er die Wirkung zeitgenössischer Geschichtsbilder auf die Kartengestaltung, wobei der Schwerpunkt der Analysen auf den Atlaskarten zur Neuesten deutschen Geschichte liegt. Lehns Dissertation ist mit einem Untersuchungskorpus von 58 Atlanten einzigartig in ihrer systematischen Erschließung der reichen und lange führenden deutschen Geschichtskartentradition von ihren Anfängen im Kaiserreich bis 1990. Seine Gliederung folgt der klassischen Einteilung in politische Epochen über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die beiden deutschen Staaten bis zur Wiedervereinigung.

Dabei erfasst Lehn nicht nur den lange marktführenden Putzger (1877 erstmalig erschienen), sondern alle Atlanten – auch wesentlich kleinere und weniger traditionsreiche Produktionen, wie „Senckpiehl – Kleiner Geschichtsatlas“ oder „Schillmann – Kleiner Historischer Schulatlas“, die in der Forschung kaum noch rezipiert werden. Ferner wird der Handbuchcharakter durch die Epochenkapitel und die umfassenden und deshalb sehr hilfreichen tabellarischen Übersichten unterstützt.

Einleitend legt Patrick Lehn überzeugend den Forschungsbedarf zu Karten zur Geschichte (Geschichtskarten) dar und erläutert politische und kulturelle Auswirkungen auf die visuelle Darstellung von Geschichte. In Lehns breit angelegter Erschließung der Geschichte dieses wichtigen Bildungsmediums stellt er fest, dass „in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zunehmend historische Schulatlanten publiziert [wurden]“, wobei die Gründe im Ausbau des Schul- und Bildungswesens, im Aufschwung der Geschichtswissenschaft und im wachsenden allgemeinen Interesse an der deutschen Vergangenheit zu suchen sind (S. 15). Die „sprunghaft zunehmende Publikationstätigkeit“ und die Anpassung der Geschichtsatlanten an unterschiedliche Bildungsniveaus in Gestalt von „Volksschul-, Realschul- und Gymnasialatlanten“ (S. 18) markiert einen wesentlichen Schritt in dieser Entwicklung.

Die Dissertation stellt klar heraus, welche wichtigen Einflussfaktoren die einzelnen Phasen der Geschichtskartenproduktion bestimmt haben: Zum einen sind es die inhaltlichen Akzentsetzungen, die sich in den einzelnen Phasen des historischen Umbruchs stark veränderten und besonders nach politischen Umbrüchen ideologisch-politische Neuausrichtungen erfahren haben. Andererseits bestimmen aber auch bildungspolitische Rahmenvorgaben wie Lehrpläne und Erlasse die Geschichtskartenproduktion ebenso wie das Marktinteresse und Strategien der herausgebenden Verlage.

Besonders eindrücklich ist in diesem Fragekomplex das Kapitel, das aufzeigt, wie ausgehend von der nationalsozialistischen Weltanschauung das „deutsche Geschichtsbild“ visuell beeinflusst wurde. Dabei wird deutlich, dass sich das Verhältnis von politisch-ideologischen Zielen und der Verbreitung bestimmter Kartentypen äußerst komplex gestaltete. Einerseits wird beschrieben , wie Überblicksdarstellungen zum „deutschen Volksboden“ 1938 verboten wurden, andererseits wird erklärt, wie NS-Ideologen Kulturbodenkarten tolerierten, solange sie „dazu dienen konnten, Gebietsansprüche zu rechtfertigen“ (S. 237). Der Nachweis von Beharrungskräften in Form von kartographischen Verweisen auf „deutsche Kulturleistungen und eigene ethnische Majorität im Osten“ (S. 565) wird von Patrick Lehn an Hand der Analyse der westdeutschen Geschichtsatlanten der Nachkriegszeit herausgearbeitet. Besonders am Beispiel des „Atlas zur Geschichte der deutschen Ostsiedlung“[1] gelingt es dem Autor festzustellen, dass Geschichtsatlanten selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geopolitische Tendenzen der 1920er- und 1930er-Jahre[2] enthalten. Bemerkenswert ist der Befund, dass in der Ausgabe des Putzger-Atlasses von 1990 noch viele „Kartenstammbäume“ bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen (S. 574). Die hier gefundenen visuellen Lösungen von Beharrungskräften in Geschichtsatlanten (Persistenz von Geschichtsbildern), scheinen somit markant zu sein und über sehr lange Zeiträume konstant zu bleiben.

Allerdings stellt Patrick Lehn im Hinblick auf die durchgehende Thematik seiner Analysen auch fest, dass sich unter dem „Eindruck eines sich wandelnden Zeitgeistes […] im Putzger-Atlas und in anderen Werken die Darstellung der neuesten deutschen Geschichte [verändert]“ (S. 572). Darstellungsschwerpunkte für die Kaiserzeit, so Lehn, lagen auf der Geschichte der nationalen Einheit, dem Kolonialismus, dem Kriegsverlauf seit 1914 und der preußischen Territorialgeschichte. In der Weimarer Zeit dominierten vor allem nationale und geopolitische Schwerpunkte das Kartenbild und wurden später von der nationalsozialistischen Weltanschauung mit ihrem rassischen Imperialismus und deren Lebensraumideologie ergänzt.

Während diese Befunde vorhandene Erkenntnisse bestätigen[3], sind Lehns Ergebnisse zum Vergleich von Geschichtsatlanten der Nachkriegszeit bis 1990 noch weitaus ergiebiger, nicht zuletzt da Kartenbilder beider deutscher Staaten mit in die Betrachtung einfließen. Lehn zeigt sehr deutlich, wie sich Farben im Laufe der Zeit in Kartenbildern wandeln oder ihre Funktionen ändern (beispielsweise wird „preußisches Blau“ zum „deutschen Blau“) und somit Ausdruck von Kontinuitäten und Darstellungstradition sind. Der Autor arbeitet verschiedene Gestaltungsgrundsätze heraus, an denen sich die kartographische Visualisierung selbst in der Nachkriegszeit noch orientiert.

Anhand westdeutscher Kartenbilder nach 1945 beschreibt Lehn, wie „die Bestimmungen des Potsdamer Abkommens bildlich in Frage [gestellt werden]“ und zeigt so eine eindeutige Übertragung kartographischer und inhaltlicher Persistenzen (S. 576).

So ergibt sich für Lehn das Bild des deutschen Volkes als „Leidens- und Opfergemeinschaft“, wobei auch die inhaltliche Auswahl eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt (etwa Bombenschäden und Vertreibung).

Patrick Lehn zeichnet mit seiner Dissertation ein umfassendes Bild der Geschichte der deutschen Geschichtsatlanten von der Reichsgründung bis zur Wiedervereinigung nach und stützt sich dabei auf ein reichhaltiges Quellenmaterial mit einer umfangreichen Recherche zu vielschichtigen Hintergrundinformationen. Allerdings scheinen noch immer Unsicherheiten bezüglich der Nomenklatur des Untersuchungsgegenstandes zu bestehen, zumal in der Geschichtsdidaktik bereits seit einigen Jahren die Unterscheidung zwischen Geschichtsatlas (als Darstellung zur Geschichte) und Historischem Atlas (als Darstellung aus der Geschichte) etabliert ist , so dass es wünschenswert wäre, wenn sich die Bezeichnung Geschichtsschulatlas in den Historischen Wissenschaften insgesamt durchsetzen würde. Auch wenn das Durchzählen der etwa 2000 Fußnoten für den Leser etwas mühsam ist, wartet das wohl umfangreichste und detaillierteste Handbuch zur Thematik mit einer einmaligen Bibliographie auf. Gekrönt hätte dieses gelungene Werk ein Kartenanhang in größerem Format, da die Abbildung von teilweise zwei Karten auf einer Buchseite leider die Details der Analysebeispiele nicht erkennen lässt.

Wie bei anderen Arbeiten, die eine wichtige Schneise legen, schließen sich weitere Desiderata an: Der Betrachtung der einzelnen Phasen deutscher Geschichte unter bestimmten kartographischen Aspekten und ihrer Klassifizierung nach Präferenzen könnten detaillierte Kartenanalysen zu konkreten Themenaspekten folgen, die jedoch Rahmen und Zielsetzung der vorliegenden Arbeit gesprengt hätten. Hier bleibt noch viel Raum für Feinanalysen, die sich verstärkt kartenspezifischen Fragen widmen und sich beispielsweise Aspekten der Darstellungsmethoden, Fragen der Generalisierung und Synthetisierung bzw. der Auswahl kartographischer Gestaltungmittel detaillierter zuwenden. Da es im Hinblick auf Bildungsmedien an historischen Längsschnittuntersuchungen generell fehlt, stellt Patrick Lehns Arbeit einen wichtigen Anfang dar, dem hoffentlich weitere Werke zu anderen Mediengattungen folgen.

Anmerkungen:
[1] Wilfried Krallert, Atlas zur Geschichte der deutschen Ostsiedlung. Bielefeld 1958.
[2] Vgl. Max Georg Schmidt / Hermann Haack, Geopolitischer Typenatlas: Zur Einführung in die Grundbegriffe der Geopolitik, Gotha 1929.
[3] Vgl. Guntram Herb, Under the map of Germany, London 1997.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.12.2009
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