M. W. Johnson: Training Socialist Citizens

Cover
Titel
Training Socialist Citizens. Sports and the State in East Germany


Herausgeber
Johnson, Molly Wilkinson
Reihe
Studies in Central European Histories
Erschienen
Anzahl Seiten
xiv, 234 S.
Preis
€ 119,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uta Andrea Balbier, German Historical Institute, Washington D.C.

„Jedermann an jedem Ort, jede Woche einmal Sport“, so hatte es der Generalsekretär der SED, Walter Ulbricht, höchstpersönlich seinen sozialistischen Bürgern und Bürgerinnen in den 1950er-Jahren verordnet und den Breitensport – nach sozialistischer Terminologie Massensport – zum Politikum erhoben. Die Partei investierte in Sportplätze, Schwimmhallen und Sportschulen, initiierte Waldläufe und Massenschauen und bildete Spitzensportler aus, die den Massen als Vorbild dienen sollten. Die Staatsführung versuchte so, ihre Bürger und Bürgerinnen zu Wehrertüchtigung, gesunder Lebensweise, zu Patriotismus und sozialistischem Gemeinschaftsgeist zu erziehen. Dies ist jedoch nur eine Seite der Geschichte des DDR-Massensports. Auf der anderen Seite stehen die ganz unterschiedlichen Motive, aufgrund derer Menschen in der DDR Sport trieben, Massenschauen besuchten, mit eigenen Händen Stadien bauten und bei dem Radrennen Internationale Friedensfahrt zu Tausenden die Straßen säumten. Molly Wilkinson Johnson, Historikerin an der University of Alabama in Huntsville, setzt in ihrer Studie den Schwerpunkt auf die Hoffnungen und Motive ihrer Akteure und kontrastiert sie mit den Zielen der Staatsführung, die sich um die Vereinnahmung, Kontrolle und Umdeutung von Bewegungsdrang, Teamgeist und bürgerschaftlichem Engagement bemühte. Auf diese Art und Weise gelingt es ihr am Beispiel des Massensports ein faszinierendes Bild von Partizipation und Rückzug, von politischer Durchherrschung und eigensinnigem Gestaltungswillen in der zweiten deutschen Diktatur zu zeichnen. Damit leistet Wilkinson Johnson einen Beitrag zur Erforschung der DDR-Geschichte, der weit über den Bereich des Massensports hinausgeht.

Auf die Einleitung folgen fünf Kapitel, die in sich geschlossene Einzelstudien darstellen und von einem Epilog abgerundet werden. Eingangs verortet die Autorin ihre Studie in der DDR-Forschung und definiert ihr Verständnis von dem Funktionieren und den Grenzen politischer Macht. Die Macht der Partei begründet sich für sie darin, Kontrolle über alle Gesellschaftsbereiche, also auch den Sport, zu erlangen. Dahinter steht die Annahme, dass sich in vermeintlich politikfernen Bereichen wie dem Sport der staatliche Anspruch den Alltag der Bürger und Bürgerinnen zu reglementieren, manifestiert. Wilkinson Johnson argumentiert, dass die DDR-Bürger und -Bürgerinnen zwar an staatlich initiierten Programmen und Kampagnen partizipieren, dabei jedoch ganz individuellen und ideologiefreien Motiven folgen und so Zielsetzung und Deutungsmonopol der Staatsführung unterlaufen.

Im zweiten Teil der Einleitung positioniert die Autorin den DDR-Sport im Kontext der deutschen Sportgeschichte. Hier deutet sich bereits die große Stärke der Studie an: Für sie ist der DDR-Sport kein abgeschlossenes, künstliches System. Vielmehr bilden sich in ihm deutsche Traditionslinien des 19. Jahrhunderts ebenso wie internationale Sportentwicklungen ab. Daher zieht Wilkinson Johnson zum Vergleich immer wieder Studien zum Massensport in der Sowjetunion und in China, aber auch provokant zum Betriebssport in der Bundesrepublik und den USA heran.

Das erste Kapitel analysiert die Aufbauphase des DDR-Massensports und zeigt, wie in der DDR-Propaganda und während der ostdeutschen Sportfeste die deutsche Arbeitersporttradition beschworen und inszeniert, jedoch sukzessive das sowjetische – auf Betriebssportgemeinschaften aufbauende – Sportsystem eingeführt wurde. Im zweiten Kapitel untersucht sie, wie die Partei das neue Sportsystem durch Sportabzeichen und Massensportkampagnen mit Leben zu füllen versuchte, um gleichzeitig ein sportliches, wehrtüchtiges Kollektiv zu formen. Die Sportler und Sportlerinnen nahmen tatsächlich an den Programmen teil, folgten dabei jedoch vor allem dem Bedürfnis nach Bewegungsfreude und Gemeinschaftssinn. Die von Wilkinson Johnsons interviewten Zeitzeugen wurden auch nicht über Massenmobilisierung zum Sport gebracht. Sie eiferten ganz traditionell Familienmitgliedern und Freunden nach.

Die persönlichen Motive überwogen auch bei den Freiwilligen, die zwischen 1955 und 1956 am Leipziger Zentralstadion mit bauten, wie im dritten Kapitel gezeigt wird. Der Aufruf zu freiwilliger Arbeit fügte sich lückenlos in die übrigen staatlichen Mobilisierungskampagnen im Sport ein. Die Mitarbeit an dem Stadion begeisterte die Bürger und Bürgerinnen zwar, sie entwickelten dabei jedoch vor allem lokalen Stolz und brachten keine neue sozialistische Identität hervor. Dies lag insbesondere daran, dass die stolzen Arbeiter sehr wohl durchschauten, dass ihre Arbeit auch ausgenutzt wurde, um staatliche Ressourcenknappheit zu kaschieren.

Das vierte Kapitel behandelt die Leipziger Deutschen Turn- und Sportfeste der 1950er-Jahre, deren beeindruckende Choreographie und Inszenierung eine der Erfolgsgeschichten des DDR-Sports ist. Wilkinson Johnson analysiert die Feste als Staatsrituale, liest sie jedoch auch aus alltagsgeschichtlicher Perspektive, wenn sie beispielsweise auf die Festivalverpflegung im Kontext der Mangelgesellschaft eingeht. Das fünfte Kapitel schlägt schließlich den Bogen zur Frühphase des DDR-Spitzensports. Im Zentrum steht die Friedensfahrt und der Versuch der Partei, den Radsportler Täve Schur zum sozialistischen Rollenvorbild aufzubauen. Für das begeisterte Publikum blieb er jedoch einfach ein Sportheld, dessen Fangemeinde Wilkinson Johnson einer genauen Analyse unterzieht, welche die Auswertung von Fanpost mit einschließt. Es folgt ein Epilog, der einen Ausblick auf die Zeit nach 1960 gibt, als der Leistungssport den Massensport sukzessive aus dem politischen Fokus verdrängte.

Wilkinson Johnson wertet für ihre Studie nicht nur die staatlichen Archivalien zum DDR-Sport aus, sondern ergänzt diese durch Zeitzeugeninterviews, Propagandamaterialien und die Bestände diverser Regionalarchive und Sportmuseen. Dadurch gelingt es ihr, ein vielschichtiges und in sich immer wieder ambivalentes Bild des DDR-Massensports in den 1950er-Jahren zu zeichnen. Das Bild der DDR der 1950er-Jahre, das sie entwirft, steht im scharfen Kontrast zu dem unbeweglichen und grauen Image des Arbeiter- und Bauernstaates in seiner Endphase. In den Erzählungen ihrer Akteure brechen sich der Glaube an den Aufbau einer neuen Gesellschaft und der eigensinnige Widerstand gegen eine Diktatur in ihrer Aufbauphase.

Wilkinson Johnsons Studie liegt im Trend der anglo-amerikanischen DDR-Forschung, die stärker anthropologisch und kulturwissenschaftlich inspirierte Zugänge zur DDR-Geschichte wählt, um so die Dynamik politischer Macht in der Diktatur in ihrer Alltagsdimension zu fassen.[1] Sie liegt aber auch im Trend der internationalen Sportgeschichtsschreibung, die längst nicht mehr nur auf den sportlichen Wettkampf an sich schaut, sondern auch nach der politischen Inszenierung von Sportveranstaltungen, nach Stadionarchitektur und Fankultur fragt. Hier bieten sich viele Ansätze für eine zukünftige Kulturgeschichte des DDR-Sports, die stärker nach Performanzen, Ritualen und der biopolitischen Dimension des staatlichen Zugriffs auf den Sportlerkörper fragt. Wilkinson Johnsons Buch inspiriert solche Fragen, ohne diese jedoch explizit theoretisch einzufordern. Das muss sie aber auch gar nicht. Es ist ihr das hohe Verdienst anzurechnen, eine stringente, kreative und sprachlich klar präsentierte Studie vorzulegen, die die Anfangsphase des real existierenden Sozialismus als Spielwiese skizziert, auf der staatliche Machtansprüche, ideologischer Gestaltungswille und persönliche Eigeninteressen im ständigen Wettstreit miteinander standen. Damit erzählt sie eine spannende, wichtige und ganz eigene Geschichte des Satzes: Jedermann an jedem Ort, jede Woche einmal Sport.

Anmerkung:
[1] Dies thematisierte im Dezember 2008 eine Konferenz an der University of Michigan, Ann Arbor, siehe den Konferenzreport: <http://www.ghi-dc.org/files/publications/bulletin/bu044/bu44_137.pdf> (19.08.2009).

Redaktion
Veröffentlicht am
20.08.2009
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag