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Titel
Preachers by Night. The Waldensian Barbes (15th-16th Centuries)


Autor(en)
Audisio, Gabriel
Reihe
Studies in Medieval and Reformation Traditions 118
Erschienen
Anzahl Seiten
262 S.
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lothar Vogel, Cattedra, Storia del Cristianesimo, Facoltà valdese di teologia, Roma

Gabriel Audisio, Emeritus für frühmoderne Geschichte an der Universität der Provence und einer der wichtigsten Waldenserforscher der Gegenwart, hat nach seiner im Jahr 1999 erschienen Gesamtdarstellung „The Waldensian Dissent“ nun eine weitere Monographie vorgelegt, welche sich den waldensischen Predigern widmet.[1] Entstanden ist auf diese Weise eine zugleich quellengesättigte und angenehm lesbare Präsentation der gesamten waldensischen Geschichte von den Aktivitäten Waldes’ im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts in Lyon über die Ausbreitung als apostolische Predigtbewegung bis hin zur Umwandlung in ein religiöses Untergrundphänomen, das sich durch nächtliche Versammlungen auszeichnete und in der die umherziehenden Wanderprediger (im Piemont „Barben“, das heißt „Onkel“, genannt) die Ihren aufsuchten, sie unterwiesen und ihnen die Beichte abnahmen. Das Charakteristikum dieser Darstellung besteht darin, dass die Schwerpunktsetzung auf die Prediger gleichsam das organisatorische Rückgrat des in den Quellen in sehr vielfältiger Gestalt aufscheinenden Waldensertums herausstellt und damit dessen innere Kohärenzen betont. Auf diese Weise setzt Audisio ein Gegenwicht zu der von Grado G. Merlo vertretenen Forschungsmeinung, dass man im 14. und 15. Jahrhundert eigentlich nicht mehr vom Waldensertum („valdismo“) im Singular sprechen, sondern verschiedene „valdismi“ konstatieren könne.[2]

Einige interpretative Kernaussagen Audisios sind besonders zu erwähnen. Was die ursprüngliche Inspiration von Waldes betrifft, so er identifiziert sie als das Bestreben, zum einfachen und wörtlichen Sinn der biblischen Botschaft zurückzukehren (S. 6). Dies ist zugleich seine Antwort auf die seit etwa 40 Jahren diskutierte Frage, ob die Grundmotivation von Waldes in der apostolischen (Laien-)Predigt oder im Armutsmotiv zu suchen sei und in welche Beziehung diese beiden Aspekte bei ihm zu setzen seien.[3] Sicher ist diese Motivation auf jeden Fall nicht im Sinne einer bewussten Hermeneutik zu verstehen, sondern im Sinne des sehr praktischen Bestrebens, das eigene Leben direkt an den Maßgaben der Heiligen Schrift zu orientieren.

Die Hauptzäsur in der Geschichte des mittelalterlichen Waldensertums ist Audisio zufolge die Verwandlung der Predigtbewegung in eine im Verdeckten agierende Untergrundbewegung im Laufe des 13. Jahrhunderts. Geschuldet ist sie der immer intensiveren inquisitorischen Verfolgung; die Folgen dieser Transformation betreffen nach Audisio aber auch Kernbereiche der waldensischen Identität. So hatte der Ausgangsimpuls einer wörtlichen Orientierung an der Schrift seiner Auffassung nach einen egalitären Charakter, der sich auch in der anfangs klar belegten Predigttätigkeit von Frauen niederschlug. In der Folgezeit aber habe dieser egalitäre Impuls den Erfordernissen der Umstände geopfert werden müssen und habe zur Unterscheidung zwischen den wandernden und nun durchgehend männlichen Predigern und ihren sesshaften Anhängern geführt (S. 19ff.).

Auf dieser zweiten Phase liegt der Schwerpunkt der Darstellung. Besonders interessant sind hier die Passagen über die Ausbildung, die Weihe und den von Armut, Keuschheit und Gehorsam geprägten Lebensstil der stets zu zweit umherziehenden Prediger. Dem Autor gelingt es dabei, die Inquisitionsprotokolle des 14.-16. Jahrhunderts von unterschiedlicher geographischer Herkunft auf sehr eindrückliche Weise miteinander zu korrelieren (S. 95-133). Wenn sich auch eine geschlossene überregionale Organisationsform nicht belegen lässt, zeigen sich hier doch beachtliche Übereinstimmungen. Die waldensischen Prediger zeichneten sich dadurch aus, Teile der Bibel auswendig zu beherrschen und ein Buch mit sich zu führen, aus dem sie ihren Zuhörern erbauliche Texte vortrugen. In diesem Sinne erweist sich das Waldensertum als Bildungsphänomen von europäischem Ausmaß, das nicht zuletzt auch Impulse des Hussitismus integrierte, wie sie in den erhaltenen okzitanischen Barbenhandschriften des frühen 16. Jahrhunderts dokumentiert sind.

Eindrücklich ist auch die statistische Auswertung theologischer Aussagen von Häresieverdächtigen in provenzalischen Inquisitionsprotokollen des späten 15. Jahrhunderts, an denen sich gleichsam der Erfolg der Barbenpredigt messen lässt. Als Kernbestandteile waldensischer Identität treten dabei die Ablehnung des Fegefeuerglaubens und der Heiligenverehrung hervor. Zudem fällt auf, dass trotz der Drohung von Folter und Todesstrafe unter den Hunderten von Befragten kein einziger versuchte, die Verantwortung für den vertretenen religiösen Dissens auf die Prediger abzuschieben. Alle Befragten beschreiben ihre Meister hingegen als religiös vorbildliche Personen, deren Autorität in ihrer moralischen Untadeligkeit begründet sei (S. 186-200). Erwähnenswert sind auch die Überlegungen Audisios zu dem in den Befragungen wiederkehrenden Vorwurf, dass die nächtlichen Versammlungen zu sexuellen Grenzüberschreitungen führten. Hier folgt die Monographie einem im Jahre 1992 veröffentlichten Aufsatz, der diese Möglichkeit nicht völlig ausschließt, zugleich aber die Prediger davon ausnimmt (S. 169-186).[4] Sehr prononciert charakterisiert Audisio schließlich den in der Mitte des 16. Jahrhunderts vollzogenen Anschluss des Waldensertums des westlichen Alpenbogens, Süditaliens und der Provence an die Schweizer Reformation als dessen „Ende“.[5] Aus der Sicht dieser Monographie hat besonders die Beobachtung Gewicht, dass nur ein einziger Barbe in der Folgezeit als reformierter Pfarrer nachweisbar ist (S. 236-239).

Audisios Veröffentlichung bietet ein gereiftes und fundiert aus den Quellen erarbeitetes Gesamtbild. Es gibt jedoch einige Stellen, an denen sich der Rezensent zu kritischen Anfragen veranlasst sieht. So bezeichnet es Audisio als absolute Ausnahme, dass Vater und Sohn, wie in einem Verhör von 1492 belegt, gemeinsam als apostolische Prediger unterwegs waren (S. 99). An dieser Stelle besteht jedoch eine Parallele in dem im Jahr 1451 in Straßburg auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Friedrich Reiser, dessen Vater ebenfalls Prediger war und der seinen Sohn gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen weihte.[6] Da die Predigttätigkeit verwitweten Männern grundsätzlich offen stand, kann ein solcher Fall auch nicht als normwidrig betrachtet werden. Ein weiterer Punkt betrifft die volkssprachliche Übersetzung von Bibelausschnitten, die bereits Waldes in Lyon vornehmen ließ; sie sind nach Audisio als Übertragung in die langue d'oeuil zu betrachten (S. 6, 52). Vor einigen Jahren hat aber Carlo Papini – dessen wichtiges Buch über Waldes und die Anfänge des Waldensertums in der Bibliographie leider fehlt – mit beachtenswerten Argumenten vorgeschlagen, hier eine Übertragung in die langue d’œuil, das heißt ins Französische, anzunehmen.[7] Was Audisios Erörterung des Vorwurfs nächtlicher Ausschweifungen betrifft, so ist die Herausnahme der Barben aus diesem Themenkomplex auf keinen Fall schlüssig, da diese – den Vorwürfen zufolge – die Orgie mit einem Qui habet, teneat (theologisch als Rückgriff auf Offbg 3,14 deutbar) einleiteten. Ein schwieriges Problem bleibt hier wohl die angemessene Definition von „Waldensertum“. Einerseits ist damit zu rechnen, dass aus Sicht der Inquisition Phänomene unter diesem Begriff subsummiert wurden, die mit der von Waldes ausgegangenen Bewegung wenig zu tun hatten; andererseits ist es aber auch nicht sinnvoll, abstrakt ein „authentisches“ Waldensertum zu definieren und querstehende Phänomene damit a priori auszuschließen.

Grundsätzlicheren Charakter haben zwei weitere kritische Bemerkungen. Die erste betrifft das Kriterium des Egalitarismus, das Audisio für die Anfänge postuliert und das sich auch darin spiegelt, dass er den Wanderpredigern nicht nur für die Anfänge, sondern auch für die Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert dezidiert ein Selbstverständnis als Laien zuschreibt (S. 64, 200). An dieser Stelle ist darauf zu verweisen, dass in den Barbenhandschriften die Einsetzung in die Predigtfunktion durchaus als „ordination“, das heißt als Weiheakt, bezeichnet wird.[8] Hinzu kommt, dass den Inquisitionsprotokollen zufolge aus Sicht der Anhänger die apostolischen Prediger die Vollmacht zur Erteilung von Sakramenten besaßen. Nicht nur aufgrund der Verpflichtung auf Armut, Keuschheit und Gehorsam, sondern auch angesichts dieser Funktionen kam den Predigern ein durchaus klerikaler Charakter zu. Dem entspricht, dass die Inquisitionsprotokolle zahlreiche Aussagen enthalten, die den verfallenen römisch-katholischen Klerus den moralisch einwandfreien Predigern gegenüberstellen (vgl. auch S. 193-195).

Was schließlich die Begegnung von Waldensertum und Reformation betrifft, so konstruiert Audisio im Bereich der biblischen Hermeneutik einen Gegensatz zwischen der von ihm betonten waldensischen Konzentration auf den Literalsinn und Luthers Anwendung „of various levels of interpretation“ (S. 203) – gemeint offenbar im Sinne eines mehrfachen Schriftsinnes. Dies ist aber das genaue Gegenteil der von Luther vertretenen Position. Die Forderung, dem Literalsinn der Schrift zu folgen, ist die hermeneutische Grundlage seiner Theologie. Ferner interpretiert Audisio Luthers Brief an den Herzog von Savoyen von 1523 in dem Sinne, dass sich Luther für den Schutz jener Waldenser einsetzte, die in dessen Herrschaftsgebiet wohnten. Auch dies trifft wohl nicht zu: Es ging Luther darum, den Herzog zum Anschluss an die Reformation und zum Schutz evangelischer Prediger zu ermuntern.[9] Nichts spricht aber dafür, diese mit den Barben zu identifizieren. Wenn Luther von „Waldensern“ spricht, bezieht er sich regelmäßig auf die Böhmischen Brüder und nicht auf Glaubensgenossen im westlichen Alpenbogen.

Anmerkungen:
[1] The Waldensian Dissent, Persecution and Survival, c. 1170-1570, Cambridge 1999.
[2] Grado G. Merlo, Valdesi e valdismi medievali [Bd. I-II], Turin 1984/1991.
[3] Vgl. Kurt-Victor Selge, Die Erforschung der mittelalterlichen Waldensergeschichte, in: Theologische Rundschau 33 (1968), S. 281-343.
[4] Gabriel Audisio, Famille, religion, sexualité dans une secte: les Pauvres de Lyon (XVe-XVIe siècles), in, Revue de l’histoire des religions 209 (1992), S. 427-457.
[5] Auch hier folgt er einer seit längerem vertretenen Linie; vgl. z.B.: „Les Vaudois“: Naissance, vie et mort d‘une dissidence (XIIe-XVI siècles), Turin 1989 (dt.: Die Waldenser, Geschichte einer religiösen Bewegung, München 1996).
[6] Zu Reiser zuletzt: Albert de Lange, Friedrich Reiser und die „waldensisch-hussitische Internationale“. Quellen und Literatur zu Person und Werk, in: Ders./Kathrin Utz Tremp (Hrsg.), Friedrich Reiser und die „waldensisch-hussitische Internationale“, Akten der Tagung Ötisheim-Schönenberg, 2. bis 4. Oktober 2003, Heidelberg 2006, S. 29-59.
[7] Carlo Papini, Valdo di Lione e i „poveri nello spirito“. Il primo secolo del movimento valdese 1170-1270, Turin 2001, S. 107-110.
[8] Vgl. Romolo Cegna, Il „Libro espositivo“e il „Tesoro e luce della fede“, Bd. I. Fede ed etica valdese nel Quattrocento, Turin 1982, S. 161f. (italienische Übertragung des okzitanischen Textes).
[9] Martin Luther, Werke. Kritische Gesamtausgabe. Briefwechsel, Bd. 3, Weimar 1933, Nr. 657, S. 148-154.

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Veröffentlicht am
05.03.2009
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